16.06.1986

„Dort schluchzen jetzt die Zigeunergeigen“

SPIEGEL-Redakteur Arnd Schirmer über bundesdeutsche TV-Kommentare zur Fußball-Weltmeisterschaft *
Gerade die Kleinen", teilte Moderator Karl Senne aus dem ZDF-Studio in Mexiko seinen Zuschauern in Deutschland mit, seien "das Salz in der Suppe" dieser Fußball-Weltmeisterschaft.
Nur: "Es gibt eigentlich diese Kleinen, diese unbekannten Wesen aus Afrika, diese Exoten nicht mehr", meinte der ZDF-Kollege und verkappte Ethnologe Günter-Peter Ploog, als er aus Puebla das Vorrundenspiel der Italiener gegen Südkorea kommentierte.
Aber einen Atemzug später hatte Ploog seine überraschende Erkenntnis schon revidiert. Im Handumdrehen zauberte er die unbekannten Wesen wieder hervor und bemerkte mit der väterlichen Güte des Europäers: "Die Kleinen spielen schon ganz munter mit."
Als dann die Südkoreaner nach ihrer 3:2-Niederlage ausgepumpt den Kabinen entgegentaumelten, überwältigte den ZDF-Sprecher vollends die Gönnerlaune. Auf ihr günstiges Abschneiden bei der Meisterschaft, resümierte er, könnten sich die Kicker aus Fernost "wahrhaftig etwas einbilden".
So hatte sich also doch noch, trotz frühem Abschied aus dem Turnier der Großen, für die Fußballer aus Asien die ganze Plackerei gelohnt, ihr Pfützen-Marathon im Gewitter-und-Wolkenbruch-Spiel gegen Bulgarien und die Rennerei im Hitzekessel von Puebla. Aus dem Munde eines deutschen Fernseh-Mannes konnten sie die Bescheinigung auf die Heimreise mitnehmen, sie seien zwar "Lehrlinge", dafür aber "gute Azubis, wenn man das mal so flapsig sagen darf".
Fast durchweg erfüllten die bundesdeutschen Fußballreporter in Mexiko ihren Auftrag mit dem Ernst und der profunden Sachkenntnis, die ihr Aufgabengebiet nun einmal erfordert. (Rolf Kramer: "Der schottische Flachpaß, oft beschrieben, hier sehen Sie ihn.") Um so erfrischender war es, wenn dann auf dem Bildschirm immer auch mal ein ausgewogener Humor zum Vorschein kam. Und welche besseren Anlässe hätte es da geben können als die Wunderlichkeiten der Balltreter aus Busch und Wüste?
So vermutete Wilfried Luchtenberg von der ARD, als die Elf des Irak die Vorrunde nicht überstand, aus den in der Heimat zur Belohnung verheißenen Häusern werde es nun wohl nichts: Mehr als etwas größere "Zelte" würde für die Araber als Geschenk wohl nicht mehr herausspringen. Was für Naturvölker, wie man weiß, ja nicht so tragisch ist. Da wird den Marokkanern, die im deutschen Fernsehen natürlich auch den "Exoten"-Stempel bekamen, bei ihrer Heimkehr doch Glücklicheres widerfahren. Nachdem sie sich mit Aplomb an die Tabellenspitze ihrer Gruppe gespielt hatten, wagte ARD-Moderator und Marocko-Kenner Fritz Klein die Prognose, diese famosen maghrebinischen Spieler würden nun gewiß von ihrem König in den Adelsstand erhoben.
Sein Gesprächspartner im Studio, der frühere deutsche Nationaltorwart Hans Tilkowski, schien ebenfalls vertraut mit den marokkanischen Landessitten. Er hielt es für sicher, jedem der Fußballhelden werde nach diesem Triumph auch noch ein eigener Harem überlassen. Und als der Hanseat Klein dieses schöne Wort hörte, wich für Sekunden das Phlegma aus seinem schicken bayrischen Trachten-Jackett, und ein wissendes Schmunzeln überzog seine Fußball-Backen.
Nicht nur in diesem Fall bewiesen die Damen und Herren vom deutschen Fernsehen ein sicheres Gespür für den Umgang mit fremden Völkern, die für sie oft schon unmittelbar jenseits der Grenzen hausen. Im ARD-"Heimatstudio" (und nicht nur dort) zurückgeblieben, oblag vor allem dem Metaphernschmied Hans-Joachim Rauschenbach die Aufgabe, den Zuschauern Unterschiede zwischen den Nationen am Beispiel von Speisen und Getränken zu verdeutlichen.
Rauschenbachs Arbeitsfeld war das sogenannte "Frühstücksfernsehen" der ARD, und wer diesem Mann mit dem Charme eines Eintänzers schon in aller Herrgottsfrühe zusah, den konnte der Tag nicht mehr bange machen.
Als Rauschenbach zum Beispiel einen Rückblick auf das Spiel Marokkos gegen Polen "anmoderierte", sah er "auf der einen Seite süße Datteln, auf der anderen Seite Krakauer Wurst, was Herzhaftes". Der Unterschied? "Die Wurst hat einen Zipfel, die Datteln haben einen Kern." Aber was hatte Rauschenbach?
Er hatte einen veritablen poetischen Anfall, als die UdSSR gegen Ungarn loslegte: "Da der ungarische Csardas, verspielter, verträumter, da der russische Kasatschok, kraftvoller, wuchtiger, eindrucksvoller." Bevor noch der Abpfiff die Niederlage der Ungarn endgültig machte, hatte Rauschenbach seine Ohren längst in Richtung Budapest gestellt, denn dort "schluchzen natürlich jetzt die Zigeunergeigen". Zum Heulen.
Von Arnd Schirmer

DER SPIEGEL 25/1986
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