16.06.1986

GESTORBENElisabeth Selbert

*
Elisabeth Selbert, 89. Der resoluten Zähigkeit der Kasseler Rechtsanwältin verdanken die westdeutschen Frauen den wohl revolutionärsten Satz im Grundgesetz: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Als Mitglied der verfassunggebenden Versammlung, des Parlamentarischen Rates (1948/49, mit 65 stimmberechtigten Abgeordneten, davon vier Frauen), hatte die Sozialdemokratin diesen späteren Absatz 2 des Artikels 3 des Grundgesetzes formuliert und gegen den Widerstand aller Fraktionen, auch ihrer SPD-Parteifreunde, durchgesetzt. Ob sie die Versammlung überzeugen konnte, ist zweifelhaft, die "Väter der Verfassung" beugten sich jedenfalls dem landesweiten Frauenprotest, den Elisabeth Selbert per Unterschriftenaktionen angekurbelt hatte. Sie selbst führte damals bereits seit dreißig Jahren ein gleichberechtigtes Leben, selbstdiszipliniert, zielgerichtet, streng und klaglos. Kaum verheiratet, 1920, machte sie als externe Schülerin das Abitur. Die Geburt zweier Söhne hinderte sie nicht am Uni-Besuch und einem Jura-Studium, das sie 1930 mit der Promotion abschloß. Ihre Zulassung zur Anwaltschaft öffnete, während der Nazi-Herrschaft, die einzige Einkommensquelle der Familie; der Ehemann war als Kommunalbeamter aus politischen Gründen entlassen und für kurze Zeit ins KZ verschleppt worden. Den Blick fest "auf die Stunde Null" (Selbert) gerichtet, überlebte die Familie das Tausendjährige Reich. Später konnte sich die sozialdemokratische Abgeordnete im Hessischen Landtag (1946 bis 1958) nicht erklären, warum sie in den Parlamentarischen Rat berufen worden war. Doch was sie mit Art. 3, Abs. 2 bezweckte, war ihr stets klar: "Mir ging es um die Gleichstellung der Frau auf allen Lebens- und Rechtsgebieten." Dieser Kampf für die Rechte der Frauen wurde in der männerdominierten Politik der jungen Republik nicht honoriert. Ein Bundestagsmandat etwa trugen ihr die sozialdemokratischen Parteifreunde gar nicht erst an, ebensowenig einen Sitz im Bundesverfassungsgericht, was sie als Krönung ihrer politischen Laufbahn betrachtet hätte. Elisabeth Selbert starb letzten Montag in Kassel.

DER SPIEGEL 25/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GESTORBEN:
Elisabeth Selbert

  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze