24.02.1986

GESTORBENRolf Bossert

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Rolf Bossert, 33. Die erste größere Reise seines Lebens machte der Lyriker im Dezember vergangenen Jahres. Es war seine Ausreise aus einem Land, das die Schreibmaschinen seiner Künstler und Intellektuellen registriert und halbjährlich kontrolliert: Rumänien. Die sieben Wochen Westdeutschland erlebte der deutschsprachige Dichter zumeist zurückgezogen im Aussiedlerheim Frankfurt-Griesheim. Gerade erst stellte sich Bossert, dessen Vorfahren vor 200 Jahren aus der Steiermark ins Banat übergesiedelt waren dem deutschen Publikum vor mit Gedichten wie zersplitterndes Glas. Auf deutsch war 1979 in Bukarest sein Gedichtband "siebensachen" erschienen, 1984 sein letzter unter dem Titel "neuntöter". Dazwischen, 1980, veröffentlichte er ein ironisches Kinder/ Erwachsenenbuch "Mi und Mo und Balthasar". Seinen Job als Verlagslektor in Bukarest hatte er unterdessen verloren. Auch sonst erlitt er polizeistaatliche Unbill. Nach einer Dichterlesung war er nächtens niedergeschlagen worden, die Täter brachen ihm den Kiefer. Rumänische Miliz entschuldigte sich bei Bossert. Ein identifizierter Schläger aber wurde trotz Anzeige nie angeklagt. Den Dichter inspirierte der Überfall zu einem Gedicht. Vor seiner Ausreise durchsuchten Sicherheitsbeamte Bosserts Wohnung und beschlagnahmten sämtliche Manuskripte und Arbeitsunterlagen. Bossert stürzte sich letzten Montag aus einem Fenster des Frankfurter Aussiedlerheims.

DER SPIEGEL 9/1986
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