21.07.1986

BANKENIn letzter Minute

Spektakuläres Börsenmanöver in London: Drei Milliardäre verhinderten die Entstehung der größten britischen Bank. *
Als es ernst wurde, tat Sir Yue-Kong Pao, was Milliardäre so gern im Kino tun: Er spielte eine Runde Golf.
Die sportliche Betätigung sollte weniger der körperlichen Ertüchtigung dienen: Pao, ein 68jähriger Reeder-Mogul aus Hongkong, wollte für Besucher und Telephonanrufe unerreichbar sein.
Als der Chinese seinen Ball auf dem letzten Grün eingelocht hatte, hatte er auch ein geschäftliches Ziel erreicht: Ein gigantischer Milliardenhandel in der Londoner City war geplatzt.
Für Sir Jeremy Morse hingegen, den Chef der britischen Lloyds Bank, endete mit der Golfrunde auch ein Traum. Der Brite hatte seinem Kreditinstitut die Standard Chartered Bank einverleiben und damit die größte englische Bank zusammenbauen wollen. Doch dafür hatte er Pao gebraucht.
Bis zum vorvergangenen Samstagmittag war Morse eine Frist gesetzt, sich die Mehrheit der Standard-Aktien zu sichern. Das hätte Morse nur schaffen können, wenn er Paos 15-Prozent-Paket erhalten hätte. Doch der Chinese hatte die Aktien in einer Blitzaktion für fast 600 Millionen Mark nur zu dem Zweck gekauft, die Banken-Hochzeit zu unterbinden. Also verschwand er auf dem Golfplatz, um Morses Überredungsversuchen in letzter Minute zu entgehen.
Pao hatte bei seinem Kampf gegen die Riesenfusion zwei ebenfalls außerordentlich wohlhabende Verbündete. Unmittelbar vor Ablauf der Zwei-Monats-Frist, in der die Standard-Aktionäre das Kaufangebot von Lloyds annehmen konnten, hatten auch der australische Konzernbesitzer Robert Holmes a Court und der malaiische Hotel-, Banken- und Immobilien-Tycoon Tan Sri Khoo Teck Puat aus Singapur so viele Aktien des umworbenen Bankhauses aufgekauft, daß sie gemeinsam mit Pao und einigen kleineren Partnern die Lloyds-Offerte blockieren konnten.
Durch die Fusion, für die Lloyds über vier Milliarden Mark aufwenden wollte, wäre ein bemerkenswerter Geld-Multi entstanden. Nach Zahl und globaler Streuung der Auslandsvertretungen wäre die neuformierte Briten-Bank neben der amerikanischen Citibank zum international bedeutendsten Kreditinstitut der Welt aufgestiegen.
Doch das unter der Führung des ehemaligen Schatzkanzlers Lord Barber um seine Selbständigkeit kämpfende Standard-Management riet den Aktionären von Anfang an, das Lloyds-Angebot abzulehnen. Die Bank sei viel mehr wert, behauptete der Standard-Vorstand, als Lloyds dafür zahlen wolle. Auch seien Standard und Lloyds, so argumentierte Lord Barber, "völlig verschiedene Arten von Banken", die "strukturell nicht zueinander passen".
Durch die von Lloyds geplante Fusion wären in der Tat zwei Banken miteinander verschmolzen worden, die weit mehr trennt, als der vierte und fünfte Platz auf Englands Banken-Rangliste vermuten lassen. Die Lloyds-Bank ist die kleinste der vier britischen Großbanken, die mit einem großen Netz von Inlandsfilialen vor allem das heimische Einlagen- und Kreditgeschäft betreiben.
Standard Chartered hingegen ist Großbritanniens letzte große Übersee-Bank. Als Institut, das in den Glanzzeiten des britischen Empire groß geworden ist, hat die Bank fast 2000 Filialen in Afrika, Asien und Australien, und zwar meist dort, wo einst britische Kolonialoffiziere den Union Jack hissen ließen.
In 20 Staaten der Dritten Welt ist Standard noch immer die größte Bank im Land, und das Management dort hat bei seinen Entscheidungen ziemlich freie Hand. Die Heimat-Basis von Standard hingegen ist mit rund zwei Dutzend Inlandsfilialen ziemlich schwach.
Wäre diese Banken-"Föderation", so nennen Standard-Manager gern ihre Gruppe, in die Hände des sehr viel straffer geführten Lloyds-Konzerns gefallen, hätten die Standard-Banker in Hongkong, Singapur oder Sydney wohl rasch ihre Eigenständigkeit verloren.
Das aber konnte auch langjährigen Großkunden Standards nicht recht sein. Diese mußten fürchten, von Lloyds nicht mehr so gut wie von Standard bedient zu werden. Der Australier Holmes a Court etwa hatte von Standard eine Kreditzusage über zwei Milliarden australische Dollar (2,8 Milliarden Mark) erhalten, um Australiens größtes Unternehmen, den Energie- und Rohstoff-Riesen Broken Hill Proprietary (BHP), erwerben zu können. Eine Lloyds-Standard-Ehe hatte die geplante BHP-Übernahme womöglich gefährdet.
Knapp eine Woche vor Ablauf der Angebotsfrist von Lloyds - alles sah danach aus, als werde die Großbank Standard schlucken können - flog Holmes nach London. Auch ein anderer wichtiger Geschäftsfreund Standards der Malaie Tan Sri Khoo, fand sich in London ein, um höchstpersönlich in den Endkampf um die Überseebank eingreifen zu können.
Beide Standard-Kunden begannen, Aktien ihrer Hausbank en gros zu kaufen. Gegen Ende der Woche besaß Holmes a Court einen Anteil von über sieben Prozent und Tan Sri Khoo ein Sechs-Prozent-Paket. 40 kleinere Kunden aus Hongkong brachten es zusammen auf etwa zehn Prozent.
Das aber hätte noch nicht gereicht, den Lloyds-Angriff abzuwehren, wäre nicht auch Hongkong-Milliardär Pao dem Standard-Vorstand zu Hilfe gekommen. Der Großreeder, der ebenfalls aus Fernost einflog, kaufte innerhalb von vier Tagen 15 Prozent der Standard-Aktien. Im Wettlauf mit diesen Großeinkäufern konnte sich Lloyds nur 44,4 Prozent der Standard-Papiere sichern.
Vergangene Woche sah es noch so aus, als hätten die Retter ein schlechtes Geschäft gemacht: Der Standard-Aktienkurs sackte nach dem Scheitern der Fusion drastisch ab.
Aber Lord Barber wird sich den fernöstlichen Helfern erkenntlich zeigen müssen: Die werden fordern, daß Standard ein paar Besitzungen verkauft, in denen stille Reserven stecken. Das soll den Börsenkurs wieder beflügeln.

DER SPIEGEL 30/1986
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