28.04.1986

MORDESchnee auf dem Strich

Mord im Auftrag: Eine von der Hamburger Polizei aufgeklärte Serie von Gewaltverbrechen zeigt, daß westdeutsche Zuhälter mit allen Mitteln um den wachsenden Kokain-Markt kämpfen. *
Zunächst fuhr er als Seemann in die weite Welt. Dann ging der langhaarige Josef Nusser aus Kärnten in seinen Kreisen "Wiener-Peter" genannt, auf St. Pauli in Hamburgs schillernder Halbwelt vor Anker." Österreich wurde zu eng für mich", erzählte der Mann vom Kiez, "hier, der Hafen, der tut mir gut."
Nun wird es wieder eng für ihn: Bordellbesitzer Nusser, 36, der große Wagen wie willige Mädchen schätzt und seine Finger im Kokain gehabt haben soll, sitzt seit vorletzter Woche in einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses. Der "Wiener-Peter" hat, so der Polizei-Verdacht, bezahlten Killern Spezialaufträge erteilt: Mord im Milieu.
Am selben Tag wie Nusser ging auch einer seiner mutmaßlichen "Vollstrecker" (Polizeibericht) in den Bau. Der schnauzbärtige Bordellwirtschafter Werner Pinzner, 39, genannt "Mucki", wurde nackt von Beamten in seiner Wohnung überwältigt - fünf Morde gab er bis zum Wochenende zu. Ein dritter Komplice, der blonde Zuhälter Armin Hockauf, 26, konnte entkommen.
Mit dem Schlag gegen das Killerkommando vom Kiez, den eine seit vier Jahren verdeckt arbeitende Polizei-Sonderkommission zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität austeilte, scheint eine beispiellose Mordserie geklärt - und noch einiges mehr.
Wahrscheinlich acht Tote, kaltblütig hingerichtet zwischen Kiel und München, gehen nach den Ermittlungen und Teilgeständnissen auf das Konto der Killer. Zugleich liefert der Fall den Fahndern Indizien, daß die Zuhälter-Szene verstärkt ins Rauschgiftgeschäft eingestiegen ist und nun mit Kokain einen wachsenden Markt bestellt.
Das weiße Pulver, früher fast ausschließlich in Schickeria-Kreisen geschnupft, kommt in jüngster Zeit in immer größeren Portionen und auf verschlungenen Schmuggelwegen in die Bundesrepublik und törnt nun eine ganz andere Kundschaft an. Wurden vor zehn Jahren gerade 2,4 Kilogramm "Schnee von westdeutschen Rauschgiftfahndern abgefangen, so waren es letztes Jahr schon 165 Kilogramm. In Cafes, Nachtbars, Discos und Rotlichtkneipen wird der Modestoff gehandelt, der nun etwa an Verkäufer oder Schülerinnen geht, aber auch so manche Dame auf dem Strich fit hält.
Daß die Zuhälter den aufblühenden Koksmarkt unter ihre Kontrolle bringen wollen, hängt mit dem darniederliegenden Hauptgewerbe zusammen: Seit die Profite aus der Prostitution in demselben Maße zurückgehen, wie die Furcht vor Aids-Ansteckung wächst, nutzen die Mädchenhändler neue Einnahmequellen im Dope-Deal.
Die Verschmelzung der Sparten Drogen, Peep-Show und Puff aber hat zur Folge, daß sich die zwielichtigen Geschäftspartner immer häufiger ins Gehege kommen. In dem heruntergekommenen Amüsierviertel St. Pauli, wo sich nur noch Deppen neppen lassen, haben strafforganisierte Banden mit internationalen Kontakten die Kontrolle über die mehr als 3000 Prostituierten der Schmuddelmeile und das Koksgeschäft übernommen - und konkurrieren miteinander.
Die Zentrale einer Hamburger Kokain-Bande machte die Polizei im "MB-Club" ("Eintritt nur für Mitglieder' ) nahe dem Kiez aus. Der Klub firmierte als "Verein für Billardfreunde", aber Kiez-Kenner wußten, daß dort um hohe Einsätze gewürfelt, Kokain mit silbernen Röhrchen reingezogen und Drogen-Geschäfte abgeschlossen wurden.
Nach Polizeieinsätzen im Februar und Anfang April flog die Bande auf, die Täter, vom Importeur bis zum Endverbraucher, wurden identifiziert, neun Personen in Haft genommen und der Klub geschlossen. Zu den Stammgästen gehörte "Mucki" Werner Pinzner, der übrigens auch den Klubbesitzer umgelegt haben soll, auftragsgemäß.
Zwar wurden auf St. Pauli schon immer Verträge mit Handkantenschlag geschlossen; auch Mord und Totschlag gehörten gelegentlich zum Geschäft, wenn anders Spielschulden nicht einzutreiben oder Reviere gegen Konkurrenten nicht abzugrenzen waren. Doch eine Mordserie, wie sie jetzt dem Trio Nusser/ Pinzner/Hockauf angelastet wird, zeigt eine neue Qualität. "So was", sagt ein Kiez-Kenner von der Polizei, "hat es in der Kriminalgeschichte von St. Pauli noch nicht gegeben."
Opfer des bösen Trios sind nach amtlichen Erkenntnissen mindestens *___der israelische Staatsbürger Jehoda Arzi alias Hans ____Jenö Müller, 65, der in Süddeutschland mehrere Bordelle ____betrieb und am 7. Juli 1984 in seiner Kieler Wohnung ____durch Kopfschuß getötet wurde - womöglich, weil er ____Nusser erpreßt hatte; *___der Bordellier ("Bayern-Peter") Pfeilmaier, 32, der am ____13. September 1984 im Auto vor seiner Garage im ____Hamburger Stadtteil Bramfeld mit einem Schuß in den ____Hinterkopf getö tet wurde - vermutlich, weil er ____Mitwisser/Beteiligter eines Raub überfalls (Beute: ____71000 Mark) auf einen Geldboten gewesen und bei der ____Polizei in Verdacht geraten war; *___der Bordellbesitzer Dietmar ("Lack schuh") Traub, 37, ____ein auf dem Kiez gefürchteter Karate-Kämpfer, der am ____14. November 1984 in einem Wäldchen in ____München-Ottobrunn mit Schüssen in Kopf und Körper ____getötet wurde - wahrscheinlich Aus schaltung eines ____Konkurrenten (Traub soll zuvor eine große Summe Geld ____aus dem Kokain-Handel nach Öster reich gebracht haben); *___der Bordellbesitzer Waldemar ("Waldi") Dammer, 30, und ____dessen Wirtschafter Ralf Kühne, 27, die am Ostermontag ____1985 in Dammers Haus in Hamburg-Schnelsen durch Schüsse ____in Kopf und Körper erledigt wurden; Dammer und Kühne ____hatten angeb lich gerade einen größeren Kokain Deal ____eingefädelt.
Etliche andere Taten "Muckis" sind gerichtsnotorisch. Mit zwei Komplicen hatte er bereits 1975 in Hamburg einen Pro-Markt überfallen (Beute: 24000 Mark); der Filialleiter des Supermarkts wurde dabei erschossen. Pinzner wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, die er größtenteils in der Anstalt Hamburg-Fuhlsbüttel ("Santa Fu") absaß.
Im Knast kam er ans Kokain, als Verbraucher wie Dealer, und erhielt wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz prompt noch siebzehn Monate zusätzlich. Er nutzte den offenen Vollzug auf seine Weise: Während seiner Freigängerzeit brachte er den Ermittlungen zufolge den Israeli Arzi um.
Ob weitere Morde auf sein Konto gehen, ist Gegenstand der Ermittlungen. Daß "Mucki" selber drogensüchtig und damit erpreßbar war für Killer Aufträge, gibt seinen im Kiez als großspurig eingestuften Sprüchen im nachhinein eine makabre Bedeutung. "Meinst du wirklich", fragte er schon mal, wie "Bild" kolportierte, einen Kumpel, wenn er mit dem Revolver herumfuchtelte, "daß du schneller als 'ne Kugel laufen kannst?"
Gelegentlich soll Pinzner auch geprahlt haben, den bislang unbekannten Mörder der St.-Pauli-Größe Fritz ("Chinesen-Fritz") Schroer in Österreich erledigt zu haben. Zuhälter Schroer war 1981 in der Reeperbahn-Bar "Zur Ritze", deren Flügeltüren zwei gespreizte Frauenbeine zieren, mit mehreren Schüssen niedergestreckt worden.
Als die Schüsse in der "Ritze" fielen, stand Schroer gerade mit "Wiener-Peter Nusser zusammen, der nebenan im "Palais d'Amour" ein einschlägiges Etablissement betreibt. Nusser blieb unverletzt, eine Beteiligung an dem Mord konnte ihm nicht nachgewiesen werden.
Schroers Auto, ein schwarzer Pontiac mit 180 PS, blieb in der Szene - es ist derselbe Wagen, in dem später "Bayern-Peter" Pfeilmaier starb. Ein anderes Fahrzeug eines ebenfalls durch Kugeln früh Verstorbenen, der goldmetallic-farbene Mercedes 450 SE des Zuhälters Dietmar ("Lackschuh") Traub tauchte auf der Mittelmeerinsel Ibiza wieder auf - daneben angeblich der jetzt wegen Mordes gesuchte Zuhälter Armin Hockauf.
Mögliches Motiv für den Mord an Traub: Der Kokain-Kompagnon hinderte ihn daran, den Drogen-Profit allein einzustreichen. Die Verbindung zwischen Traub, seinem Killer und anderen Morden war leicht zu finden - Pinzner hat, so die Ermittlungen, bei mehreren Morden dieselbe Waffe benutzt. Killerlohn pro Kopf: 20000 bis 40000 Mark.
Die Kripo prüft überdies, ob Pinzner und Hockauf auch den Mord an dem Bordell- und Discobesitzer "Charly" Lienau, 43, aus Pinneberg begangen haben. Lienau war im November 1984 mit drei Schüssen getötet und, wie bei der Mafia, in ein Ölfaß einbetoniert worden. Das volle Faß wurde im Hamburger Osterbekkanal gefunden.
Im Laufe der Ermittlungen, so die Kripo, "konkretisierte sich der Tatverdacht" gegen Nusser. Pinzner und Hockauf auch in Sachen Geldboten-Überfall. Die Kripo fand heraus, daß die Täter auf Pfeilmaiers Motorrad gefahren waren. Zuhälter Pfeilmaier starb an einem Kopfschuß; Nusser war einen Konkurrenten, Pinzner einen Mitwisser los.
Womöglich werden jetzt auch schon geschlossene Akten bei der Staatsanwaltschaft wieder aufgeschlagen. Bereits zu Beginn der achtziger Jahre war der Verdacht aufgekommen, daß Zugereiste mit gestandenen St.-Paulianern ins Glücksspiel-, Prostitutions- und Drogengeschäft eingestiegen waren. Hamburgs Polizei freilich blieb gelassen: Nichts Neues im Milieu. Auch als sich Rauschgiftfunde, Schießereien und Zuhälterkriege häuften, wiegelte sie ab.
Selbst als binnen kurzem vier Polizeispitzel und -informanten aus dem Milieu auf seltsame Weise zu Tode kamen - zwei an Tablettenmißbrauch im Zusammenwirken mit Alkohol, einer in selbstgelegtem Feuer und der letzte durch einen Sturz vor eine U-Bahn -, fand die Polizei für alles eine noch beruhigende Erklärung: Selbstmord oder Unfall.
Dann aber nahm insgeheim eine Spezialgruppe der Hamburger Polizei, abgeschottet auch gegen die Kollegen, intensive verdeckte Ermittlungen auf- "täterorientiert" und "deliktübergreifend". Grundlage waren geheime "Richtlinien" für den V-Mann-Einsatz, die Hamburg als erstes Bundesland erließ: Kripoleute wurden "an die kriminelle Szene herangeführt" und "technische Mittel" zur Überwachung der Konfidenten vom Kiez eingesetzt.
"Seither hat", sagt Innenstaatsrat Peter Rabels, "der immer wieder leicht bespöttelte Kampf gegen die Ansätze der organisierten Kriminalität bei uns höchste Priorität." Und Erfolge der Undercover-Arbeit zeigten sich alsbald: Die Motorrad-Gang "Hell's Angels", die im Zuhälter-Milieu mitmischte und "Schutzgebühren" von Kneipenwirten kassierte, flog auf. Zuhälter-Banden wie die "GMBH" und "Nutella" wurden zerschlagen.
Auch die Mordserie im Milieu, die dem Hamburger Oberstaatsanwalt Reiner Lilie einen "verschärften Konkurrenzkampf von Zuhältern" anzeigt, "die zunehmend in den Rauschgiftmarkt drängen", wurde im Kern von den Spezialbeamten aufgeklärt. Geholfen haben jetzt erstmals auch Prostituierte, die "umfangreiche Aussagen" machten, die in das "unmittelbare Umfeld" (Polizei) von Nusser führten. "Aber ohne verdeckte Ermittlungen", so Rabels, "hätte es diesen Coup nicht gegeben."
Der vermutliche Killer Pinzner, das Ende seiner Karriere vor Augen, packt nun vor den Ermittlern aus. Damit er nicht selber Opfer eines gedungenen Kollegen wird, ordnete die Staatsanwaltschaft Isolierhaft und Bewachung an. Denn im Milieu gilt: Wer singt, der stirbt.

DER SPIEGEL 18/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MORDE:
Schnee auf dem Strich

  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"