28.04.1986

ÖSTERREICHLächerlich wendig

Kurt Waldheim fühlt sich durch Präsident Kirchschläger reingewaschen. Doch neue Dokumente belegen, daß seine Abteilung entgegen seinen Erklärungen direkt mit Kriegsgefangenen befaßt war. *
Rudolf Kirchschläger, Österreichs noch amtierender Bundespräsident, hatte seine Fernsehansprache über Kurt Waldheims Kriegsakten kaum beendet, da gab sein mutmaßlicher Nachfolger wieder ein Beispiel seiner unnachahmlichen Verdrehungskunst: "Alle Vorwürfe sind endgültig zusammengebrochen." Kirchschläger habe in seinen Ausführungen "nichts offengelassen".
Zu diesem eiligen Freispruch in eigener Sache gehörte schon eine Menge Chuzpe. Denn Kirchschläger hatte zwar erklärt, daß er es "nicht wagen würde, eine Anklage vor einem ordentlichen Gericht zu erheben", wenn er "in die Funktion eines Staatsanwaltes versetzt wäre". Doch der Jurist und ehemalige Richter Kirchschläger war ja nicht um sein rechtliches, sondern um sein moralisches Urteil gebeten worden.
Längst geht es nicht mehr allein um die Frage, was der ehemalige Oberleutnant Waldheim während seiner Dienstzeit bei der deutschen Wehrmacht auf dem Balkan wirklich getan und gewußt hat, sondern um Verhalten und Charakter des heutigen Präsidentschaftskandidaten. Der spielte den Ahnungslosen - und forderte so die Suche nach Beweisen erst heraus. Der beklagte sich über Lügen - und verbreitete selbst Unwahrheiten, solange es ging. Und der mimte den charaktervollen Staatsmann, obwohl er sich als unaufrichtiger Anpassungskünstler entlarvte.
Zu alledem mochte Kirchschläger keine offene Wertung abgeben. Hätte er es getan, es wäre für den Kandidaten wohl das Ende gewesen. So aber darf Waldheim hoffen, am kommenden Sonntag gleich im ersten Wahlgang zum Bundespräsidenten gewählt zu werden.
Dabei hat der Kandidat in den letzten Wochen deutlich genug vorgeführt, daß ihm die Kompetenz und vor allem das Format zum höchsten Staatsamt fehlen. Wendig bis zur Lächerlichkeit versteht er es, seine Aussagen dem jeweiligen Gesprächspartner - und der jeweiligen Beweislage - anzupassen. Am Mittwoch vorvergangener Woche erklärte er etwa einem Reporter der "New York Times" seine "Bewunderung" für die Rede von Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands. Weizsäcker hatte gesagt: "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart."
Waldheim dazu: "Das wäre die Haltung, die ich als Präsident einnehmen
würde. Einen Tag später, auf Wahlreise durchs Burgenland, klang es anders: "Können wir nicht endlich aufhören in der Vergangenheit herumzuwühlen und Menschen schlecht zu machen"?
In einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CBS entschuldigte sich Waldheim bei "allen Freunden in den USA" für das Verschweigen seiner Kriegsjahre auf dem Balkan: "Wenn ich Sie in die Irre geführt habe, tut es mir leid. Wenige Stunden danach rief er seinen Wählern auf einer Kundgebung empört zu: "was mir vorgeworfen wurde in den letzten Wochen, war, daß ich ein anständiger Soldat war."
Eine Abteilung des US-Justizministeriums empfahl gar, Waldheim wegen seiner Weltkriegsaktivitäten künftig die Einreise zu verweigern. Zuvor hatte dieser in einem Memorandum an das Ministerium beteuert, "daß keine Kriegsgefangenen- oder Partisanenverhöre im Hauptquartier der Heeresgruppe E in Arsakli (bei Saloniki) durchgeführt wurden". Dort war Waldheim im Stab General Alexander Löhrs, Abteilung Ic/ AO, tätig gewesen.
Neue Dokumente, die im US-Nationalarchiv in Washington aufgefunden wurden, widersprechen Waldheim. Im "Tätigkeitsbericht für Monat Juli 1944" der "Gruppe Ic/AO" heißt es wörtlich: "Vernehmungen von Gefangenen der Anglo-amerikanischen Militärmission in Griechenland". Das brisante Papier trägt auch das Namenszeichen "W". Ein "W", wie es für Waldheim aus den Akten dieser Zeit charakteristisch ist.
Aus anderen Dokumenten geht hervor, womit sich Waldheims Abteilung im Detail beschäftigte. Seit September 1943 kämpften Engländer und Deutsche um die Vorherrschaft auf den Sporaden, einer strategisch bedeutsamen Inselgruppe zwischen Rhodos und Samos.
Ende Juni 1944 war ein englischer Kommandotrupp mit einem Schnellboot auf der Sporadeninsel Kalimnos gelandet. Nach einem Gefecht um den Stützpunkt "Morgenrot" mußten sich die englischen Soldaten zurückziehen. Drei Mitglieder des Kommandounternehmens wurden von den Deutschen gefangengenommen. Über ihr Schicksal gibt ein Bericht Auskunft, der am 18. Juli 1944 in Saloniki (Gruppe Ic/AO) verfaßt und ausschließlich mit dem Kürzel "W" abgezeichnet worden war. Demnach ist der englische Gefreite Fishwick "nach Athen überflogen" worden und "dort im Kriegslazarett verstorben".
Über James Doughty, den zweiten Gefangenen, einen Sanitäter aus Ipswich im US-Bundesstaat Massachusetts, wurde notiert: "Vernehmungen auf Calino (Kalimnos) und Leros am 2. 7. und durch Heeresgruppe E am 17. 7. in Saloniki. Der Großteil des Berichtes von "W" gibt denn auch Doughtys Aussagen wieder.
James Doughty wurde "am 17. 7. dem Durchgangslager Saloniki überstellt zwecks Weiterleitung nach Deutschland in ein Kriegsgefangenenlager, da am Kampf nicht beteiligt und ohne Waffen".
Dieses Glück hatte der dritte Gefangene, der englische Sergeant John Dryden, nicht. Er wurde, so ist es in dem Dokument festgehalten, "am 5. 7. nach Athen überflogen" und "dem SD (Sicherheitsdienst) übergeben. Was das bedeutete, schildert der deutsche Zeitgeschichtler Hagen Fleischer, Professor an der Universität auf Kreta: "Wie die Partisanen wurden auch gefangene Kommandos aufgrund eines Befehls von Hitler nicht als Kriegsgefangene angesehen, sondern einer 'Sonderbehandlung' unterzogen. Viele wurden exekutiert, andere landeten in Konzentrationslagern."
Ob John Dryden, am 25, Oktober 1919 in Newcastle geboren, das Hitler-Regime überlebt hat, ist unbekannt. Gesichert ist hingegen, daß die Gruppe Ic/AO in Saloniki öfter mit englischen Kriegsgefangenen direkt zu tun hatte.
Nachdem bei Alimnia ein anderer englischer Kommandotrupp aufgegriffen worden war, berichtete am 16. April Waldheims Vorgesetzter, Herbert Warnstorff, deutschen Kommandoeinheiten über die Festnahmen und übersandte die erbeuteten Papiere. Elf Tage später traf in der Abteilung Ic/AO folgendes Fernschreiben ("Geheime Kommandosache!") vom Oberbefehlshaber Südost ein: "Englischer Funker und griechischer Matrose sind für etwaige Zeugenaufträge dort unter schärfster Bewachung zu halten. Übrige Gefangene sind Sicherheitsdienst für etwa noch diesen interessierende Vernehmungen und anschließende Sonderbehandlung zu überstellen."
Damit wurde Warnstorffs und Waldheims Abteilung zur Drehscheibe beim Umgang mit den Gefangenen. Am 5. Juni 1944 erhielt Gruppe Ic/AO die Anweisung: "Die bei Alimnia gefangenen engl. Funker Carpenter und griech. Matrose Lisgaris werden nicht mehr benötigt und für Sonderbehandlung laut Führerbefehl freigegeben."
Gegenüber dem SPIEGEL erklärte Herbert Warnstorff: "Die Berichte hat grundsätzlich Waldheim unterschrieben." Und Waldheims Pressesprecher Gerold Christian ergänzt: "Es ist durchaus möglich, daß seine Paraphe da drunter steht. Grundsätzlich hat die Heeresgruppe E nie vernommen. Wenn es das gegeben hat, war das der Ausnahmefall."

DER SPIEGEL 18/1986
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