08.09.1986

SPDHeidi for Öhi

Vom Juso-Schreck zur Präsidiums-Kandidatin - Heidi Wieczorek-Zeul will in die SPD-Spitze. *
Heidi, ich muß dir eine gute und eine schlechte Nachricht übermitteln", begrüßte am vorigen Dienstag der Vorsitzende der Sozialistischen Fraktion im Europa-Parlament, der frühere Frankfurter SPD-Oberbürgermeister Rudi Arndt, in der Main-Metropole die Europa-Abgeordnete Heidemarie Wieczorek-Zeul. Die schlechte: Bei der Veranstaltung müsse sie leider ganz außen Platz nehmen. Die gute: "Du sitzt ganz dicht am Rednerpult."
Arndt hat recht. Immer so nahe wie irgend möglich am Geschehen zu sein, dort zu sein, wohin Kameras und Mikrophone zielen, entspricht seit jeher einem dringenden Bedürfnis der SPD-Linken. Schon vor acht Jahren ermittelten sie die Allensbacher Demoskopen als bekannteste Nachwuchspolitikerin der Republik, vor Klaus von Dohnanyi (SPD), heute Bürgermeister in Hamburg, und dem FDP-Vorsitzenden und Wirtschaftsminister Martin Bangemann. Mit roter Mähne und kurzem Rock begeisterte die "rote Heidi", Juso-Vorsitzende von 1974 bis 1977, auf Parteitagen und Konferenzen ihre Anhänger und verschreckte zugleich die Bürger, darunter auch Sozis, als sie an die tausend Unternehmen vergesellschaften und keinem Bundesbürger mehr als fünftausend Mark Einkommen zugestehen wollte. Kein SPD-Würden- oder -Amtsträger, mochte er Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Hans-Jochen Vogel heißen, war in den Siebzigern vor dem Schandmaul der red beauty aus Rüsselsheim sicher. "Zoff" - das war ihr Lieblingswort.
Diese Frau, inzwischen fast 44 Jahre alt, noch immer vorn mit Hirn. Charme und Poleme, drängt weiter nach oben: Sie ist auf dem Weg, als Sozialdemokrat aus der Generation der aufsässigen 68er in den obersten Führungszirkel der ältesten deutschen Partei vorzustoßen, ins elfköpfige Präsidium der SPD. Wenn der auf dem Nürnberger Parteitag neu gewählte Vorstand den nächsten roten Elferrat kürt, ist an der Kandidatur von Heidi Wieczorek-Zeul nicht mehr zu zweifeln: "Interesse, das zu machen habe ich schon."
Noch vor zwei Jahren hatte sie einen Vorschlag von Oskar Lafontaine als "idiotisch" zurückgewiesen, sie möge sich als Signal für den Vormarsch der jungen Linken fürs Präsidium bewerben.
Unterstützung findet sie heute bei Frauen und bei jüngeren Genossen aus der linken Mitte der Partei - eine besonders erfolgreiche Gruppe auf dem Nürnberger Jubelfest für den Kanzlerkandidaten Johannes Rau. Die engagierte Arbeit der Abgeordneten Wieczorek-Zeul im Straßburger Europa-Parlament - auf Brandts Betreiben kandidierte sie 1979 erfolgreich und kümmert sich dort vorrangig um Außenwirtschafts-, Dritte-Welt- und Frauenfragen - brachte ihr inzwischen auch Anerkennung bei der SPD-Prominenz ein.
Öhi Willy Brandt hat der "Enkelin Heidi längst verziehen, daß sie ihn noch vor seinem Kanzlersturz im Jahre 1974 wegen seines Maßhalteappells an die Arbeitnehmer angerempelt hatte. Auch Hans-Jochen Vogel hat inzwischen "keine Probleme" mehr mit der Dame, der er als jusofressender Bundesminister unterstellt hatte, sie laufe "Amok". Sie selber erinnert sich noch gut daran, daß in den Jahren ihres Juso-Vorsitzes keine Woche vorübergegangen sei, "in der ich nicht nach München gereist bin, um irgendein Parteiordnungsverfahren auszutreten, das der Vogel gegen uns Jusos inszeniert hatte.
Daß der Fraktionsvorsitzende das Kriegsbeil inzwischen wirklich begraben hat, mag sie freilich erst seit einem Jahr glauben. Damals war sie erstmals unter vier Augen bei Vogel in dessen Bonner Bundestagsbüro. Dort unterlief ihr ein folgenschwerer Patzer: Sie setzte sich auf jenen Stuhl, den normalerweise der pedantisch auf Ordnung pochende Gastgeber zu besetzen pflegt. Am Schluß des Gesprächs bedankte sich Vogel für die Kooperation: "Deswegen sehe ich es dir auch nach, daß du auf meinem Stuhl gesessen hast." Für Heidi war's der "Abschluß eines langen Zwists".
Auch Johannes Rau hat seinen Frieden mit der Linken gemacht, obwohl die Südhessin noch zum Jahresbeginn Wortführerin einer Bonner Klüngelrunde sozialdemokratischer Europa-Abgeordneter war, denen die "Versöhnen statt spalten"-Tour des Bruder Johannes gehörig gegen den Strich ging. Inzwischen berief der Kanzlerkandidat seine einstige Kritikerin sogar in jenes Zehnerteam, das über sein Regierungsprogramm nachdenken soll. Rau müßte sich erst dann wieder auf Krach mit dem flotten Hessenmädchen gefaßt machen, wenn er sich nach der Bundestagswahl weigern sollte, mit grüner Hilfe die Konservativen in Bonn aus der Macht zu hebeln.
Ihre Chancen, ins SPD-Präsidium gewählt zu werden, stehen nicht schlecht.
Der gelernten Lehrerin wird in der Partei zugute gehalten, daß sie sich nicht nur um ihr Europa-Mandat gekümmert, sondern sich auch in die Arbeit am neuen Grundsatzprogramm gekniet habe. Fraktionsvize Volker Hauff: "Mein Urteil über sie ist rundum positiv."
Bei den Parteirechten, auch in ihrem eigenen hessischen Landesverband gibt es nach wie vor Widersacher. Die einen kritisieren, daß sie selten zur Integration bereit sei. In Nürnberg habe sie sich als europapolitische Sprecherin aufgespielt und die zuständigen Euro-Genossen Gerd Walter und Rudi Arndt an die Wand gedrückt.
Andere in der Umgebung des hessischen Ministerpräsidenten Holger Borner werfen ihr Opportunismus in Frauensachen vor. Die ehedem rote Heidi habe sich erst auf die Zusammenarbeit mit SPD-Frauen besonnen, als sie gemerkt habe, daß ihre alte Juso-Masche bei ihren Geschlechtgenossinnen nicht mehr zog. Damals hatte sie sich immer gegen eine besondere Frauenpolitik gewehrt und zum geschlechterübergreifenden Kampf für "politische Emanzipation" aufgerufen. Sie hielt Anfang der 70er Jahre nichts von Ideen des SPD-Establishments, eine Quotenregelung einzuführen - heute eine Kernforderung sozialdemokratischer Frauen.
Ihre jetzige Kandidatur wird vom Trend begünstigt. Bislang ist im SPD-Präsidium nur die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Herta Däubler-Gmelin vertreten, eine zur Parteilinken zählende Juristin. Aufgrund ihres schlechten Abschneidens bei den Vorstandswahlen in Nürnberg werden Hans Apel (Hamburg) und Hans Koschnick (Bremen) kaum wieder kandidieren.
Sollten beide Männer nicht ins Präsidium zurückkehren, könnten theoretisch, und darauf spekuliert die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), sogar zwei Frauen nachrücken: neben Wieczorek-Zeul auch die Sozialexpertin der Bundestagsfraktion, die frühere Ministerin Anke Fuchs. Die gebürtige Hamburgerin hat bereits Interesse angemeldet und dürfte - sollten die Hanseaten Apel und Koschnick ausscheiden - vor allem von nordischen Sozis unterstützt werden.
Es kann eng werden. Wenn beispielsweise Oskar Lafontaine, Wortführer der SPD-Linken und Hoffnung vieler Sozis für die Zeit nach Johannes Rau, seinen Anhängern nachgibt und kandidiert, müßte wohl eine der beiden Frauen auf der Strecke bleiben. Heidi Wieczorek-Zeul würde in diesem Fall dennoch antreten. Sie verstünde dann ihre Kandidatur nicht als Duell mit Anke Fuchs, sondern als Kampf gegen männliche Konkurrenten: "Die Wahl ist geheim, auf die Spekulation Frau gegen Frau lass' ich mich nicht ein."
So einfach ist das für Heidi Wieczorek-Zeul. Ihre Ziele sind weit gesteckt. In Hessen-Süd ist die derzeitige stellvertretende
Bezirksvorsitzende bereits im Gespräch, demnächst den glücklosen Bezirkschef und Börner-Minister Willi Görlach zu beerben und damit ihre Machtposition in der SPD gehörig zu untermauern. Auf Platz vier der hessischen Landesliste abgesichert, wird sie nach dem 25. Januar 1987 als Europa-Spezialistin in den Bundestag einziehen. Ihr Straßburger Mandat will sie niederlegen.
Es war der Hannoveraner Altlinke Peter von Oertzen, der einmal sagte: "Wenn diese Partei in absehbarer Zeit mal einen weiblichen Vorsitzenden haben sollte, käme nur Heidi in Frage."

DER SPIEGEL 37/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPD:
Heidi for Öhi

  • Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"