08.09.1986

„Das Herauslocken von Flüchtlingen“

Die letzte Fahrt der „Cap Anamur II“ - mit 357 Vietnamesen nach Hamburg *
Seine Brille fiel von Bord, als die "Cap Anamur II" im Indischen Ozean in einen Sturm geriet. So kann Tran Huu Luan nur verschwommen ausmachen, was am Freitag letzter Woche gegen fünf Uhr morgens aus dem grauen Morgendunst an Steuerbord auftaucht: Einige riesige Treibstofftanks, ein Hochhaus, das ist zunächst alles, was der 19jährige Schüler aus Saigon von der Nordseeküste bei Cuxhaven sehen kann.
Wie Luan stehen die meisten der 357 Boat people, die die Cap Anamur II bei ihrer letzten Fahrt aus dem Südchinesischen Meer gefischt hat, jetzt frierend an Deck. Sie sind glücklich, nach 18000 Kilometern auf See, nach sechs Wochen zusammengepfercht im Laderaum des Containerschiffs, endlich ihr Ziel Hamburg vor Augen zu haben.
Doch sie wissen auch: Dies ferne "Duc" (vietnamesisch für Deutschland) nimmt sie nicht mit offenen Armen auf. Die Flüchtlinge, das haben ihnen die Betreuer vom "Komitee Cap Anamur / Initiativen Deutscher Not-Ärzte" bei der allabendlichen "Deutschkunde" im Laderaum klargemacht, treffen auf ein innenpolitisches Klima, in dem das Wort Asylant zum Schimpfwort gerät.
Vor dem Ende der letzten Reise des Rettungsschiffes dämpft Rupert Neudeck, der Organisator der Boatpeople-Hilfe, die fröhliche Stimmung an Bord: "Das ist ein trügerisches Bild." Auch für ihn ist die letzte Reise des Schiffes eine Niederlage: Eigentlich hatte die Cap Anamur II noch auf einer vierten Tour vietnamesische Flüchtlinge auffischen sollen. Doch Politiker in Bund und Ländern machten ihm einen Strich durch die barmherzige Rechnung.
Während noch immer Menschen "in furchtbarer Seenot ersaufen" (Neudeck), Piraten die Hilflosen ausplündern, die Frauen vergewaltigen oder an Bordelle in Thailand verkaufen, zankten sich die bundesdeutschen Politiker um ein gemeinsames Aufnahmeverfahren.
Vor allem die christlich-soziale Staatsregierung in München zeigte Härte. Am 23. Juli etwa, zwei Tage bevor die Cap Anamur Singapur in Richtung Hamburg verließ, verdammte das Münchner Innenministerium in einer Presseerklärung die Aktion vor Vietnams Küste: "Das - sicherlich unbewußte - Herauslocken von Flüchtlingen aus Vietnam liefert viele dem Tod auf dem Meer aus."
So mochte das nur noch die DDR-Nachrichtenagentur ADN sehen, die klagte, daß "'Asylanten', die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus Vietnam herausgelockt wurden, an Bord genommen" worden seien.
In seltsamer Eintracht mit den ostdeutschen Regierenden stellten die Bayern klar, daß die Flüchtlinge "nicht aus Verzweiflung über ihr Lebensschicksal, sondern wegen der Aussicht auf eine Aufnahme in einem westlichen Industriestaat das Land verlassen". Im Klartext: Sie seien schlichte Wirtschaftsflüchtlinge.
Dabei waren gerade die am Freitag von der Cap Anamur Angelandeten so recht nach dem Geschmack der rechten Bayern. Luan etwa ist stolz auf seinen politischen Standort: "Wenn ich vor dem Kommunismus fliehe, werde ich in Gedanken frei."
Ähnlich denkt Nim Thu Le, der im selben Boot wie Luan auf die See flüchtete. Der 30jährige studierte Ingenieurwesen, bis er 1979, nach dem chinesisch-vietnamesischen Krieg, wegen seiner chinesischen Abstammung verfolgt wurde. Drei Fluchtversuche endeten im Gefängnis. Der Organisation, die jetzt seine geglückte Flucht arrangierte, mußten seine Eltern umgerechnet 200 Mark im voraus zahlen. Jetzt, wo er in Hamburg ist, werden weitere 700 Mark Erfolgsprämie fällig.
Und Bayerns strammem Innenminister Karl Hillermeier hätten die Sprechchöre sicher gefallen, mit denen Exil-Vietnamesen ihre Landsleute an den überfüllten Hamburger Landungsbrücken empfingen: "Nieder mit dem Kommunismus", und: "Es lebe Vietnam."
Schluß damit, Schluß mit humanitärem Getue. Beim Zwischenstopp in Cuxhaven erreicht die Schiffsbesatzung ein strenges Wort von Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble: "Die Bereitschaft von Bund und Ländern, in diesem Fall zu helfen, darf nicht als Aufforderung für weitere Aktionen der Cap Anamur mißverstanden werden."
Luan weiß bereits, wohin er will. In Dorsten wohnt sein älterer Bruder Cuong, der 1981 von der Cap Anamur I aus dem Südchinesischen Meer gefischt wurde, nicht weit entfernt von Dorsten seine 15jährige Schwester Quynh, die 1984 aus Vietnam floh.
Alle drei wollen jetzt Geld sparen, um anderen Verwandten die Flucht zu ermöglichen - vielleicht in einer Cap Anamur III.
Denn trotz aller Hindernisse wollen die deutschen Helfer im nächsten März wieder ein Rettungsschiff ins Südchinesische Meer schicken - nach den Wahlen in Bayern und im Bund.

DER SPIEGEL 37/1986
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