08.09.1986

KERNENERGIETschernobyl II

Was nützen die von Umweltminister Wallmann geforderten Not-Ventile für Reaktoren? *
Mitten im Wahlkampf, spätestens im November, will der Bonner Umweltminister Walter Wallmann das Atom-As aus dem Ärmel zaubern: Bundesdeutschen Reaktoren soll gleichsam ein Atom-Auspuff mit "Kat" verpaßt werden - noch in der Katastrophe, so die
Verheißung des Ministers, bleiben deutsche Meiler sauber.
Mächtige Überdruckventile, wünscht Wallmann, sollen nachträglich in die Stahl- und Betonhüllen der Kernkraftwerke eingepflanzt werden.
Zum einen würde durch das Ventil verhindert, daß bei einem Reaktorunfall allmählich sich aufstauender Dampfdruck zur Bildung von Rissen im stählernen Sicherheitsbehälter führen und auf diese Weise die Freisetzung großer Mengen von Radioaktivität bewirken könnte. Mit dem Ventil könnte Überdruck, bevor es zum Knall kommt, abgelassen werden - und noch dazu umweltschonend: Der (in Filtern vorgereinigte) Dampf aus dem Reaktor soll über das Notventil entlassen werden, wenn Wind und Wetter nicht gerade die nächstgelegene Großstadt anblasen.
Der Wallmann-Plan, seit zwei Wochen publik (SPIEGEL 35/1986), wurde sowohl bei der Kernkraftindustrie als auch bei den Atomkritikern reserviert aufgenommen. Die Reaktorbetreiber träfe der neue Sicherheitsvorschlag gleich zwiefach in Mark und Bein: *___Pro Kernkraftwerk, so schätzt ein Kraftwerksbauer, ____würde die Nachrü stung mit dem Sicherheitsventil rund ____100 Millionen Mark verschlingen. *___Kommt das Wallmann-Ventil, müß ten Verwaltungsgerichte ____künftig in Genehmigungsverfahren für Kern kraftwerke ____anders vorgehen als bis her - ein Super-GAU mit Kern ____schmelze, bislang für "hypothetisch" erklärt und in ____atomrechtlichen Ver fahren als "verbleibendes ____Restrisiko" ausgeklammert, wäre künftig Gegen stand des ____Verfahrens.
Bei allen Überlegungen im neugeschaffenen Bonner Umweltministerium geht es nun doch um den sogenannten Super-GAU - jenen schwersten atomaren Unglücksfall, der in den Sicherheitsberechnungen der Reaktorbauer bisher ausgeblendet worden war.
Schon in einem 1979 erschienenen Aufsatz hat der Atomphysiker und ehemalige Chef der Deutschen Forschungsgemeinschaft Heinz Maier-Leibnitz die "Erstarrung im Sicherheitsdenken" kritisiert, die für das Vogel-Strauß-Verhalten der Reaktortechniker bis zum Tschernobyl-Unglück typisch war. "Was geschehen soll, wenn der große Unfall doch passiert, darüber wird geschwiegen", so Maier-Leibnitz damals.
Ursache der Verdrängung seien berechtigte Ängste der Reaktorbetreiber: Jedes Eingehen auf den Super-GAU würde zu der Forderung führen, daß Schadensfolgen auch bei diesem schwersten aller denkbaren Unfälle verhindert werden müssen. Maier-Leibnitz: "Gegen diese Forderung glaubt man sich nur wehren zu können mit dem Argument: 'Es gibt ihn nicht. Schaut, wir denken nicht einmal an ihn.'"
Wie sich ein solcher Super-GAU in einem Druckwasserreaktor üblicher deutscher Bauart und Größe vermutlich abspielen würde, haben Wissenschaftler des Kernforschungszentrums Karlsruhe durchgerechnet.
Schmelzen die 99 Tonnen Uran und 68 Tonnen Metall-Innereien im Kern eines Reaktors, dann plumpst der 2400 Grad heiße Metallbrei in eine Betonwanne unter dem Reaktor-Druckbehälter, so das Karlsruher Szenario. Durch Verdampfen von "Sumpfwasser" steigt der Druck in der stählernen Sicherheitskuppel des Reaktors allmählich an.
Nach etwa dreieinhalb Tagen wird der "Auslegungsdruck" erreicht - bis zu dieser Druckbelastung ist die Sicherheitskuppel bei Fertigstellung geprüft. Erst fünf Tage nach dem Eintreten der Kernschmelze, glauben die Karlsruher, tritt der "Versagensdruck" ein - die Stahlhülle beginnt an vielen Stellen zu reißen wie ein überstrapazierter Dampfkessel.
Unter dieser Annahme gelangten die Karlsruher Sicherheitsforscher zu einer optimistischen Prognose, was die Gefährdung der Bevölkerung anlangt. Innerhalb von fünf Tagen, so die Botschaft aus Karlsruhe, schlagen sich die meisten radioaktiven Partikel, die zunächst als Schwebeteilchen im Dampf umherwirbeln, auf dem Boden, den Wänden und den Einrichtungen im Reaktorgebäude nieder.
Damit bliebe die Strahlenbelastung für die "nähere Umgebung" des Reaktors in engen Grenzen; sie liege, so das Fazit der Karlsruher, "auf jeden Fall unter fünf Rem" - das wäre gerade die Strahlenmenge, die bei normalem Reaktorbetrieb einem Kernkraftwerker pro Jahr zugemutet werden darf.
Kritiker der Kernkraft meldeten Bedenken an. Das Szenario sei "schlicht schöngerechnet" worden, meint etwa der Reaktorexperte Michael Sailer vom Darmstädter Öko-Institut.
Doch auch Minister Wallmann scheint der Fiktion vom milden Verlauf eines Super-GAU zu mißtrauen. Wäre es anders, hatte er das Ventil nicht vorzuschlagen brauchen - denn nach den Berechnungen der Karlsruher wäre nach der Fünf-Tage-Frist ohnehin kaum mehr radioaktiv bösartiger Dampf übrig, den man vor Austritt filtern und über ein Ventil kontrolliert ablassen müßte.
Beide Visionen, Wallmanns Ventil-Vorschlag wie das Karlsruher Laisserfaire-Konzept, sind geeignet, die bis Tschernobyl betriebene Augenwischerei in der Sicherheitsdebatte fortzusetzen.
Beide Konzepte gehen von einer Modellrechnung für den Super-GAU aus, die von Fachleuten als "Niederdruckpfad" bezeichnet wird; sie betrifft nur den Fall, daß durch Entweichen des Wassers aus dem Primärkreislauf der Druck im Reaktorkern rapide abfällt.
Überhaupt nicht durchgerechnet wurde bisher das mutmaßliche Unfallgeschehen auf dem sogenannten Hochdruckpfad - für den Fall also, daß bei einem kleineren Leck im Primärkreislauf der Druck im Reaktor noch über Stunden erhalten bliebe. Diesen Fall haben die Forscher ausgeklammert, weil sie schlechterdings keine Rechenmodelle für die physikalischen Prozesse besitzen, die dann im Reaktor ablaufen.
Haken bei der Sache: Nur etwa fünf Prozent der denkbaren Kernschmelz-Unfälle, so erklären Experten, wären vermutlich auf ein Niederdruck-Versagen zurückzuführen. In 95 Prozent der Fälle käme das unbeherrschbare Tschernobyl II auf dem Hochdruckpfad daher.

DER SPIEGEL 37/1986
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