08.09.1986

ÄRZTEZweiter Klasse

Gibt es in Zukunft neben dem ordentlichen Arzt noch „Medizin-Magister“ und „Diplom-Mediziner“? Bonn sorgte für Verwirrung. *
Der Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer ist, wie er sagt, "der letzte, der dieser Bundesregierung Steine in den Weg legen will". Jeder glaubt das dem ehemaligen Sanitätsoffizier Heinz-Peter Brauer, 62, der seit 21 Jahren der ärztlichen Standesführung dient.
Doch was die Bundesgesundheitsministerin "jetzt durch die Hintertür einführen will", das geht ihm "dann doch zu weit", da mußte er "sofort klarstellen", daß sich die deutsche Ärzteschaft dagegen "mit Händen und Füßen wehren wird".
Im sonnigen Meran, beim alljährlichen Fortbildungskongreß der Bundesärztekammer, war Brauer von einer beunruhigenden Nachricht überrascht worden. Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth, so hatte ein Vertrauter aus dem Ministerium ins Meraner "Hotel Palace" durchtelephoniert, plane ein Zwei-Klassen-System für die deutsche Ärzteschaft. Ein Gesetzentwurf sei bereits fertiggestellt, demzufolge es künftig zwei Sorten von Weißkitteln geben werde: *___den "Arzt" mit "Abschluß der Aus bildung" - das wäre ____der Doktor Er ster Klasse - und daneben *___den "Mediziner" mit "Abschluß des Medizinstudiums" - ____gleichsam einen Heilkundigen zweiter Wahl.
Brauer ("Das wäre das Ende des einheitlichen Ärztestandes") handelte unverzüglich. Er verdonnerte von Südtirol aus die ihm unterstellte "Pressestelle der Deutschen Ärzteschaft" in Köln, den Anschlag aus Bonn publik zu machen und eine Warnmeldung ("Ärzte wenden sich gegen Spaltung des Arztberufs") abzusetzen.
Die Bundesregierung, so erfuhren Zeitungsleser am Dienstag, beabsichtige, einen zusätzlichen "Medizinerberuf" zu schaffen und "neben dem 'Arzt', der zur eigenständigen Berufsausübung berechtigt ist, eine weitere Berufsbezeichnung - etwa Diplom-Mediziner oder Magister der Medizin-einzuführen". Dem Ärztestand verbundene Kommentatoren, wie Max Conradt vom "Hamburger Abendblatt, sorgten sich sogleich um die Gefahr eines "weiteren Niedergangs der Qualität in der deutschen Medizin."
Das Bundesgesundheitsministerium reagierte spitz. Die Mitteilung der Bundesärztekammer, gab Süssmuth-Sprecherin Karin Welkert-Schmidt bekannt, "wonach das Gesundheitsministerium durch eine Änderung der Bundesärzteordnung den Arztberuf spalten" wolle, entbehre jeder Grundlage. Die Verleihung von "Hochschulgraden" wie "Diplom-Mediziner" oder "Magister der Medizin sei schließlich keine Sache des Bundes-, sondern des Länder- und des Hochschulrechts.
Die Belehrung war formal korrekt. Allerdings: Den Mediziner, der nach sechs Studienjahren, davon 48 Wochen unbezahlte praktische Arbeit im Krankenhaus (sogenanntes Praktisches Jahr), sämtliche Examina bestanden hat und eine "Tätigkeit als Mediziner anstrebt", aber dennoch kein Arzt sein soll, will Rita Süssmuth tatsächlich erschaffen. Diesem Zweck dient die "Einfügung eines Klammerzusatzes" in den Paragraphen 3 Absatz 1 Nr. 4 der Bundesärzteordnung - so steht es im Süssmuth-Gesetzentwurf, der am letzten Mittwoch die Bundesärztekammer offiziell erreichte.
Mit diesem "Klammerzusatz" - er ist ganze drei Worte lang und lautet: "Abschluß des Medizinstudiums" - werden sich alle parlamentarischen Instanzen nun befassen müssen; es wäre die fünfte gesetzliche Änderung der Bundesärzteordnung in neuerer Zeit. Die vierte liegt erst knapp anderthalb Jahre zurück.
Damals, am 14. März letzten Jahres, beschloß der Gesetzgeber, vor der Bestallung als Arzt eine zusätzliche Hürde aufzubauen. Jedem Arztanwärter, der nicht bis 30. Juni nächsten Jahres sein sechsjähriges Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen hat, wurde auferlegt, "als weiteren Teil der Ausbildung" eine "zweijährige Tätigkeit als Arzt im Praktikum" ("AiP") abzuleisten.
"Arzt" darf sich der AiPler wohl schon nennen; schließlich verrichtet er in Krankenhäusern, bei niedergelassenen Ärzten, im öffentlichen Gesundheitsdienst, in "Sanitätszentren der Bundeswehr" oder auch im Gefängnis "ärztliche Tätigkeiten", damit er - Zweck der Übung - "ärztliche Erfahrungen sammeln kann". Aber der ärztliche Azubi hat nur eine "beschränkte Erlaubnis" zum Verarzten und darf nur "unter Aufsicht" eines Erfahrenen tätig sein.
Entsprechend mäßig wird die Bezahlung der Hiwis sein. Ausgehandelt zwischen den dafür zuständigen Tarifparteien ist sie zwar noch nicht, aber viel mehr als 1200 Mark brutto monatlich werden wohl nicht herauskommen.
Nicht nur die Medizinstudenten moserten gegen die gesetzliche Verlängerung ihrer Ausbildung. Auch manche Bundesländer legten sich gegen die Arzt-Neuheit AiP quer. Da alljährlich 12000 Medizinstudenten examiniert die Hochschulen verlassen, galt es, rund 24000 Praktikantenplätze, wo auch immer, zu schaffen - was nicht gelang.
So wurde eine weitere, die fünfte Änderung der Bundesärzteordnung fällig. Gesundheitsministerin Süssmuth sagte zu, per Gesetz den AiP-Start um ein Jahr zu verschieben, damit zuvor eine ausreichende
Zahl von Ausbildungsplätzen geschaffen würde.
Mit der bloßen Datumsverschiebung aber mochte sich die Professorin Süssmuth nicht begnügen. Sie wollte auch gleich auf eine "Klarstellung" hinaus - darüber, daß es sich bei der (laut Bundesärzteordnung als eine der Approbationsvoraussetzungen verlangten) bestandenen "ärztlichen Prüfung" um den, Klammer auf, "Abschluß des Medizinstudiums", Klammer zu, handelt.
Mit diesem Zusatz im Gesetzestext erhielte die "ärztliche Prüfung" den Rang eines "berufsqualifizierenden Abschlusses". Nach dem Hochschulrahmengesetz wären dann die Länderbehörden und die Hochschulen berechtigt, in eigener Regie Hochschulgrade zu verleihen, etwa den Rang eines "Dipl.-Med." oder eines "Magisters der Medizin".
Rita Süssmuth dachte dabei, so ihre amtliche Begründung, an das "weitere Fortkommen" jener Absolventen des Medizinstudiums, die zwar als Mediziner, nicht aber als praktizierende Ärzte tätig werden wollen, beispielsweise "im Bereich der theoretischen Medizin", bei der "keine heilkundlichen Tätigkeiten ausgeübt werden". Gedacht sei auch an Schmalspur-Laufbahnen wie die des Pharmaberaters oder an "Tätigkeiten in Forschung und Verwaltung". Wer irgend etwas in dieser Berufsrichtung anstrebe, brauche dann die Durststrecke als "Arzt im Praktikum" nicht abzuleisten.
Bleiben zwei andere mögliche Berufschancen für Ausbildungsabbrecher noch nachzutragen. Der "Dipl.-Med." der Zukunft könnte auch als Medizinjournalist anheuern, oder er wird Heilpraktiker mit Hochschulweihen.

DER SPIEGEL 37/1986
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