08.09.1986

LANDWIRTSCHAFTRobbi kaputt

Roboter sollen im Kuhstall arbeiten - doch macht das Rindvieh mit? *
Die Hand greift zum Euter, tastet sich vor zum kühlsten Punkt und packt schließlich zu: direkt an der Zitze. Der Becher sitzt, nach wenigen Minuten ist die Kuh "D 11" ausgemolken.
Die Hand ist aus Stahl. Sie gehört zu einem Roboter der Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel. Auf dem nahen Versuchsgut Schädtbek, einem großen Hof mit rund 300 numerierten Kühen, probt Projektleiter Dieter Ordolff das "vollautomatische Melken".
Wie hier bei Kiel experimentieren Wissenschaftler überall in der Welt mit sogenannten Handhabungsautomaten für die Landwirtschaft. Der technische Fortschritt soll an den Bauern nicht vorüberziehen. Mit Computern bereits vertraut, sollen die sich nun mit den Robotern im Kuhstall befreunden.
Prototypen der sogenannten Agrobots erfüllen bereits vielfältige Aufgaben. Einige der Land-Robbis pflücken Äpfel, schneiden Reben oder stechen Spargel, andere scheren Schafe oder melken Kühe. Bald sollen sie in Massen eingesetzt werden.
Bei seinen Ausflügen aufs Land wird sich der Fabrikarbeiter dann ganz wie zu Hause fühlen.
Die Roboter würden die Landwirtschaft bald ähnlich revolutionieren, verheißt der US Konzern John Deere, der größte Landmaschinenproduzent der Welt, wie einstmals die Traktoren. Gary Krutz, Agrar-Ingenieur von der Purdue-Universität in Indiana, sieht das genauso: "Die Revolution hat schon angefangen."
Die Bauern hätten gar keine andere Wahl, behaupten viele Experten, wenn sie im Wettbewerb überleben wollten. "Entweder sie greifen zum Roboter", sagt Spezialist Krutz, "oder sie fliegen aus dem verflixten Geschäft."
In Australien experimentieren Forscher aus Perth schon seit zehn Jahren mit einem Schafschur-Roboter. Wolle ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Land und Leute. Rund 140 Millionen Schafe nährt der karge Kontinent, fast achtmal mehr als Einwohner.
Das Problem der Schafzüchter: Die Löhne sind hoch, und die Arbeit ist hart. Die Scherer müßten Lärm, Hitze und Gestank ertragen, weiß Stewart Key an der Universität von Westaustralien. Außerdem schneiden die gestreßten Männer zu oft ins Fleisch, meint Key. "Unser Roboter macht das nie."
Das Hirn der Maschine ist ein Computer, in dem die Konturen eines ganz normalen Schafes wie auf einer dreidimensionalen Karte gespeichert sind. Da die Schafe nicht alle die gleiche Form und Größe haben, muß die elektronische Steuerung hundertmal komplexer sein als die eines automatisierten Montagebandes für Autos. Das machen feinfühlige Sensoren, sie führen den Scherkopf sanft über die Haut des Tieres.
Noch in diesem Jahrhundert soll der Scher-Roboter in Serie produziert werden. Sicherlich wird er die Arbeitsproduktivität erhöhen, doch einige tausend Wanderarbeiter werden ihre Jobs los. Dieses Los trifft vielleicht auch bald die Pflücker in den Orangen-Plantagen von Florida. Dort wird ein Ernte-Roboter getestet. "Wenn wir solche Maschinen nicht entwickeln müßten", meint David Shoup, Landmaschinen-Experte der Universität von Florida, "würden wir es nicht tun." So niedrig die Löhne in der amerikanischen Landwirtschaft auch sind, sagt Shoup, in Ländern wie Brasilien seien sie eben noch niedriger.
Deshalb arbeiten die Forscher aus Florida mit Hochdruck an ihrem vollautomatischen Orangen-Ernter. Der Roboter soll zwischen Ästen und Laub die Apfelsinen vom Baum klauben, möglichst reif sollen die Früchte auch noch sein.
Die ersten Roboter haben die Aufgabe schon gelöst. Eine computergelenkte Fernsehkamera, am Kopf der Maschine montiert, ortet die Orangen nach der Farbe. Dann pflückt ein langer Arm die reife Frucht. Alle zwei Sekunden kann der Robbi bereits eine Orange rupfen, loben die US-Techniker, doppelt so schnell wie ein fleißiger Pflücker und "sogar in der Nacht".
Auch Holländer und Franzosen arbeiten an Robotern fürs Land. Japaner haben eine fahrerlose Ernte-Maschine für Reis entwickelt.
Die neuen Helfer auf dem Bauernhof werden den Industriestaaten noch Kopfzerbrechen bereiten. Zum einen werden sie viele Arbeitskräfte überflüssig machen, zum anderen die landwirtschaftliche Überproduktion weiter vermehren.
In der Europäischen Gemeinschaft türmen sich bereits 16 Millionen Tonnen Getreide, 1,4 Millionen Tonnen Butter, knapp eine Million Tonnen Magermilchpulver. Hinzu kommen Berge von Fleisch, Seen von Wein und Olivenöl.
Bisher schon machten Automaten, Computer und Maschinen die Massentierhaltung und weiträumige Monokulturen möglich. "überfüllte Märkte, stagnierende Preise, steigende Kosten, so beschreibt die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) die Folgen.
So schließt sich der fehlerhafte Kreislauf ein weiteres Mal: Obwohl mit Hilfe der vielen Maschinen schon zuviel produziert wurde, sollen noch modernere Maschinen den Bauern wieder zu einem besseren Einkommen verhelfen.
Zwar erscheine eine weitere Automatisierung bei gesättigtem Markt zunächst "mehr als überflüssig", gibt Professor Hans Schön von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig zu. Aber das scheine nur so. Die Bauern litten unter "kaum mehr tragbaren Arbeitsbedingungen, zweimal täglich müßten sie zu unmöglichen Zeiten zum Melken in den Stall. Ernährung und Milchbildung der Kühe würden "völlig unnatürlich" durch den Arbeitsrhythmus des Menschen bestimmt.
Am Melk-Roboter hingegen können sich die Kühe, sooft sie wollen, quasi
selbst bedienen. Solch mehrmaliges Melken, lehrt Schön, verbessere die "Eutergesundheit" und bringt zudem "eine deutliche Leistungssteigerung". Soll heißen: Die Kühe geben noch mehr - längst überflüssige - Milch.
Wie bei den Robotern in den USA oder Japan sind die technischen Probleme auch in Deutschland weitgehend gelöst. Infrarotsensoren können die im Vergleich zum Euter etwas kühleren Zitzen erfassen. Ein Greifarm steuert dann die Zitzenbecher der Melkmaschine. Schon in zwei Jahren, so meinen Forscher, könnten die Melk-Roboter in Serie gehen.
Ob die Bauern die 100000 Mark teuren Maschinen dann auch haben wollen, ist ungewiß. Viele Betriebe leben, trotz hoher Subventionen, auf Pump.
Selbst fortschrittsgläubige Bauern sind skeptisch. Erich Beese aus dem niedersächsischen Dorf Abbenrode etwa unterhält einen der feinsten Kuhställe der Republik. Bald 80000 Mark hat er bereits in Computer, Futterautomaten und einen modernen "Fischgrät-Melkstand" gesteckt. Aber den Roboter unter der Kuh kann sich Bauer Beese "überhaupt nicht vorstellen".
Noch ist auch gar nicht ausgemacht, ob denn die Kühe sich das alles gefallen lassen. Einige würden beim Anblick des Roboters sehr störrisch, hat Dieter Ordolff von der Bundesforschungsanstalt erfahren. Hindernisse an den Hinterbeinen könnten sie "zur Weißglut" treiben.
"Und wenn die Kuh tritt", weiß der Wissenschaftler, "ist der Robbi kaputt."

DER SPIEGEL 37/1986
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