08.09.1986

BUTTEREchter Bedarf

Die Margarine-Industrie bietet für gesundheitsbewußte Verbraucher eine „Halbfettbutter“ an. *
Wer gesund leben wollte, so ließ der Lebensmittelkonzern Unilever jahrelang verbreiten, müßte Margarine essen: "Dem Herzen zuliebe weniger Butter". Die nämlich führe zum Herzinfarkt.
Unilever produziert Margarine, Marken wie "Rama" oder "Flora soft". "Bonella" oder "Sanella". Doch jetzt ist die Firma selbst auf den guten Geschmack gekommen. Ende August brachte die Hamburger Unilever-Firma Union Deutsche Lebensmittelwerke eine eigene Butter auf den Markt.
Zunächst in Nordrhein-Westfalen, dann bundesweit wird sie unter dem Sortennamen "Du darfst" in den Regalen der Supermärkte liegen: Der neue Brotaufstrich, so wirbt Unilever, sei unentbehrlich für eine "zeitgemäße Ernährung". Das jüngste Produkt des Hauses, das hätten Verbrauchertests gezeigt, stoße "auf echten Bedarf und hohe Akzeptanz".
Kein Wort mehr vom bösen Verdacht, die Butter treibe den menschlichen Blutfettspiegel in lebensgefährliche Höhen. "Die Konfrontation Margarine/ Butter", sagt Union-Sprecher Rüdiger Ziegler, "ist mehr ein Thema des Geschmacks und weniger der Gesundheit geworden."
Die Deutschen jedenfalls essen wieder mehr Butter. Da wollen auch die Margarinemacher von Unilever im Geschäft sein.
Zeitgemäß ist das Produkt in der Tat - viel Zeugs zusammengerührt und durch Werbung verklärt. Es besteht nur zur Hälfte aus reiner Markenbutter. Der Rest sind Füllmittel wie Wasser und Milcheiweiß, Gelatine und Farbstoff.
Auf diese Weise allerdings wird der Fettgehalt von 80 auf nur noch etwas über 40 Prozent reduziert. Der Geschmack ist von guter Markenbutter nicht allzuweit entfernt.
Die sogenannte Halbfettbutter paßt, so glauben die Unilever-Manager, gut ins Angebot kalorienreduzierter Ware. Solche Magerprodukte versprechen in der insgesamt stagnierenden Lebensmittelbranche noch gute Wachstumsraten.
Bereits Ende der siebziger Jahre brachte die Unilever-Tochter Union Deutsche Lebensmittelwerke Nahrung für Kalorienbewußte und Schlankheitsfanatiker auf den Markt. Lange war die Union allein auf Margarine spezialisiert. Mit dem aggressiv lockenden Markennamen "Du darfst" und viel Werbung wurde die fettarme Kost - von der Konfitüre bis zur Fertigmahlzeit - schnell zum Verkaufsschlager. Spruch: "Ich will so bleiben wie ich bin."
Allein in diesem Jahr wollen die Union-Manager für 160 bis 170 Millionen Mark "Du darfst"-Produkte verkaufen. Im Vorjahr lag der Umsatz noch bei 125 Millionen.
Die Forscher in den Unilever-Labors brauchten mehrere Jahre, um die richtige Mixtur für ihre Buttermischung zu entwickeln. Jetzt läuft in einem niederrheinischen Margarinewerk der Unilever die Massenproduktion an. Zum Braten und Backen allerdings ist das Zeug nicht zu gebrauchen - da machen die Füllstoffe nicht mit.
Viele Freunde hat Unilever zur Markteinführung offenbar noch nicht gefunden. Aus Frankfurt meldete sich die beleibte "FAZ" zu Wort: "Hier wird an den Grundfesten des guten Geschmacks gerüttelt." Die neue Mager-Butter sei "ein weiterer Schritt in die Geschmacklosigkeit". Es werde Zeit, daß "die Diktatur der Magersucht gebrochen wird".
Argwöhnisch beobachtet auch die Unilever-Konkurrenz in den Meiereizentralen den Vorstoß der Hamburger ins Buttergeschäft. Zwar bieten einige Genossenschaften schon seit einiger Zeit fettreduzierte Butter an. "Milchhalbfett" heißt das Gemenge offiziell. In den Regalen des Handels ist es nur selten zu finden, kaufen will es bislang kaum jemand.
Das ist offenbar nicht allein ein Geschmacksproblem. "Unserer Branche", weiß Rudolf Hilker von der Hamburger Meiereizentrale, "fehlt das Marketing, um den Verbraucher mit solchen Produkten richtig anzusprechen - da sind uns Konzerne wie Unilever voraus." Doch wenn die neue Art der Butter erst einmal akzeptiert sei, dann würden sicher auch viele Meiereien nachziehen.
Die Meiereien sind zumindest aus einem Grunde froh, daß der Margarine-Konzern nun auch ins Butter-Geschäft einsteigen will. "Die können", sagt Hilker. "jetzt ja wohl nicht mehr so rumtönen, daß Butter gesundheitsschädlich sei."

DER SPIEGEL 37/1986
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