08.09.1986

England: Ende des freien Einritts

London erschwert die Einreise für die Bürger aus fünf ehemaligen Kolonien *
Arglos trottete der Amerikaner im Gedränge des Londoner Flughafens Heathrow hinter einer Gruppe anderer Reisender her und bestieg einen Bus, der ihn, wie er glaubte, zur Maschine nach New York bringen sollte.
Doch der Geschäftsmann fand sich nicht am Fuß der Flugzeugtreppe wieder, sondern im Einwandererlager Harmondsworth außerhalb des Airports, wo vor allem Reisende aus Afrika und Asien so lange interniert werden, bis die britischen Behörden geklärt haben, ob sie ins Land dürfen oder in ihre Heimat zurückgeschickt werden.
Was für den rasch freigelassenen US-Bürger glimpflich endete, ist für die Betroffenen oft ein demütigendes Erlebnis. Denn die Beamten des britischen Innenministeriums versuchen durch Augenschein und Befragungen herauszufinden, ob die Reisenden tatsächlich, wie angegeben, zu einem Urlaub auf die Insel gekommen sind oder ob sie die Absicht haben, sich illegal auf Dauer niederzulassen.
Da Großbritannien kein Einwohnermeldesystem kennt und auch keine Personalausweise, können sich heimliche Immigranten in den Farbigen-Gettos der Großstädte leicht verstecken.
Allein in Heathrow, dem größten der vier Londoner Flughäfen, wurden vergangenes Jahr 22000 Besucher zurückgeschickt, weil sie die Gesichtskontrolle durch die Einwanderungsbehörden nicht bestanden.
In diesem Jahr wurden die Warteschlangen vor den Paßkontrollen im Terminal 3 noch länger, weil die Sparpolitik der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher die Zahl der Kontrollbeamten reduzierte, während zugleich der Andrang von Besuchern aus der Dritten Welt zunahm. Als die überlasteten Paßprüfer mit Streik drohten, beschloß die Regierung, unerwünschte Besucher schon vor Reiseantritt abzuschrecken:
Das Innenministerium kündigte vergangene Woche an, "in einigen Wochen" könnten Bürger von Indien, Pakistan, Bangladesch, Nigeria und Ghana nur noch mit gültigem Visum nach Großbritannien einreisen. Bis auf Pakistan sind sämtliche Staaten Mitglieder des Commonwealth, dem lockeren Bund ehemaliger britischer Kolonien, als dessen Vormacht sich London versteht.
Bislang hatte Großbritannien eine Politik des freien Eintritts praktiziert. Visa wurden nur von Besuchern aus kommunistischen Ländern und Libyen verlangt, seit einem Jahr wegen des Bürgerkriegs zwischen Tamilen und Singhalesen auch von Bewohnern Sri Lankas.
Damit die britischen Vertretungen in den fünf betroffenen Ländern die erwartete Mehrarbeit bewältigen können, sollen die Diplomaten um insgesamt etwa 250 Mann Personal verstärkt werden. Wahrscheinliche Gebühr für ein Visum: etwa 42 Mark.
Außenamt und Innenministerium streiten noch darüber, wer die neuen Maßnahmen bezahlen soll, die etwa 14 Millionen Pfund (etwa 42 Millionen Mark) jährlich kosten werden. Londons Chef-Diplomaten behaupten, dafür kein Geld zu haben.
Mit seinem Beschluß hatte sich das Londoner Kabinett über die Einwendungen von Außenminister Geoffrey Howe hinweggesetzt, der eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Großbritannien und den betroffenen Ländern befürchtet. Weil Frau Thatcher sich beharrlich weigert, Sanktionen gegen Südafrika zuzustimmen, ist die Harmonie im Commonwealth ohnehin gestört.
Die fünf diskriminierten Staaten wurden Opfer einer Auseinandersetzung, die in der britishen Innenpolitik eine bedeutende Rolle spielt. Schon immer hatte sich Frau Thatcher für strengere Einreisekontrollen eingesetzt und 1979 im Wahlkampf behauptet, Großbritannien drohe von Einwanderern "überschwemmt" zu werden.
Für den liberalen "Guardian" steht fest, daß die Premierministerin mit dem Beschluß vor dem herannahenden konservativen Parteitag Stimmung bei den Tories für sich machen will.
Vor Wochen schon hatte der konservative "Daily Express" mit einer zweiseitigen Reportage über den "Skandal der verschwindenden Einwanderer" Alarm geschlagen.
Das Blatt behauptete, "Hunderte von illegalen Einwanderern" schlichen ins Land, nachdem sie die Behörden als vermeintlich harmlose Touristen düpiert hätten.
Tatsächlich traten von den insgesamt 452000 Bürgern der fünf Staaten, die im vergangenen Jahr nach Großbritannien kamen, nur 222 die Rückreise nicht an und suchten Unterschlupf im Lande. 20 von ihnen wurden noch im selben Jahr wieder gefaßt und abgeschoben.
Gleichwohl verschärften die Einwanderungsbehörden schon in diesem Jahr ihre Zulassungspraxis drastisch. In den ersten sechs Monaten verweigerten sie 6403 Reisenden aus Indien, Pakistan, Bangladesch, Nigeria und Ghana die Einreise nach Großbritannien - im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur 3605 gewesen.
"Offenen Rassismus" entdeckte denn auch der Schatten-Innenminister der oppositionellen Labour-Partei, Gerald Kaufmann, im Beschluß der Regierung, der sich nur gegen Angehörige farbiger Völker richtet.
Bürger aus den USA, Neuseeland, Kanada und Australien brauchen - eben so wie Angehörige der EG-Mitgliedsländer - auch künftig kein Einreisevisum für die Insel. Selbst Südafrikaner sind jederzeit willkommen - ohne Sichtvermerk natürlich.

DER SPIEGEL 37/1986
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