08.09.1986

ENERGIEGeordneter Rückzug

Gas oder Öl? Der Wettbewerb der Anbieter verwirrt die Verbraucher. *
Im Gerichtssaal kam Heiterkeit auf. "Huhu" tönte eine schrille Stimme vom Tonbandgerät, "was ist denn bei euch da drüben los? Habt ihr einen Schatz gefunden?" - "Nee, aber so was Ähnliches - Erdgas!", lautete die Antwort im breiten norddeutschen Dialekt.
Es war ein Rundfunk-Werbespot der Hamburger Gaswerke, der die Besucher im Landgericht Hamburg so belustigte. Der Spot hatte einen Hamburger Mineralölhändler mächtig verärgert. Er beschwerte sich bei der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs: Durch diese Werbung werde die Ölheizung diffamiert und der Eindruck erweckt, Gasheizung sei sparsamer und umweltfreundlicher als Ölheizung.
Die Hüter des lauteren Wettbewerbs klagten und gewannen. Der Eindruck der Unterlegenheit von Ölheizungssystemen dürfe nicht suggeriert werden entschieden die Richter.
Prozesse dieser Art laufen mittlerweile zu Dutzenden in deutschen Landen. Der Kampf um Kunden zwischen Gaswerken und Mineralölfirmen ist härter geworden. Mit Anzeigenkampagnen und Gerichtsverfahren fallen Energieversorger übereinander her. Der Absatzmarkt für Brennstoffe ist, seit Energiesparen praktiziert wird immer kleiner geworden. "Der Raumwärmemarkt steht vor einem Überangebot an Energie", sagt Frank Schmidt Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV). "Das verursacht den harten Konkurrenzkampf und die aggressive Werbung."
"Weil einfach alles stimmt", heißt es in den Anzeigen des Ölhandels, könnten sich die Verbraucher doch nur für seine Produkte entscheiden. Preisvergleiche sollen dabei deutlich machen, daß Öl keineswegs wie das Vorurteil lautet, weitaus teurer ist als Gas. Auch sei Öl viel umweltfreundlicher als allgemein angenommen werde.
"Unlauter und unsachlich" seien diese Preisvergleiche meinen die Gaswerke und antworteten mit Zeitungsanzeigen, in denen von Spekulationen und Krisen die Rede ist. Erdgas hingegen sei "sparsam umweltfreundlich und zukunftssicher".
Viele Verbraucher wissen schon lange nicht mehr was nun richtig ist. Dabei sind zuverlässige Informationen wichtiger denn je: Weil gut die Hälfte aller vorhandenen Heizungsanlagen modernisierungsbedürftig ist, müssen Wohnungs- und Hauseigentümer in der nächsten Zeit entscheiden welchen neuen Brenner sie kaufen und auf welchen Brennstoff sie setzen wollen.
Im Kampf um die Verbraucher hat die Ölwirtschaft in den letzten zehn Jahren erhebliche Verluste hinnehmen müssen. Vor allem durch sparsameren Umgang mit dem Flüssigbrennstoff sank die Menge des an Privathaushalte verkauften Heizöls um ein Drittel. Nicht einmal mehr die Hälfte aller Haushalte heizt im Winter noch mit Öl: früher waren es über 55 Prozent.
Hauptkonkurrenten sind die Erdgaslieferanten. Sie versorgen zwar erst gut ein Viertel aller Haushalte mit Brennstoff, aber die Tendenz ist steigend. Von den Neubauten wird heute bereits mehr als die Hälfte an das Erdgasnetz angeschlossen. Über zehn Millionen Haushalte könnten auf Erdgas umsteigen, wenn sie nur wollten: Das Leitungsnetz ist vorhanden.
Der Erfolg des Erdgases schmerzt die Mineralölwirtschaft doppelt: Sie fühlt sich zu Unrecht schlecht bewertet, und sie hat technische Schwierigkeiten mit dem Absatzrückgang fertig zu werden. "Öl ist preiswerter als Gas, genauso sicher und zählt wie Gas zu den umweltfreundlichen Energien", meint MWV-Mann Schmidt. "Aber das Gas profitiert von der politischen Unterstützung durch Länder und Gemeinden.
Das Bundesbaugesetz gibt den Kommunen das Recht, Baugenehmigungen mit Heizauflagen zu erteilen. Um die Luftbelastung gering zu halten, darf in vielen Siedlungen keine Kohle und kein Öl mehr verfeuert werden.
"Mehr als tausend solcher Verbrennungsverbote sind uns bekannt", so Schmidt, "und es sind nicht immer die Umwelt-Bedenken, die dafür ausschlaggebend sind." Weil die Kommunen von den Konzessionsabgaben der kommunalen Gaswerke profitierten, argwöhnt Schmidt, würden alle Heizsysteme außer Gas bewußt diskriminiert.
Die Experten im Berliner Umweltbundesamt sehen das ganz anders. "Unter Emissions-Gesichtspunkten hat Erdgas deutliche Vorteile gegenüber Heizöl", urteilt Wolf-Dieter Glatzel von der Abteilung Energie und Umwelt. Ölheizung produziere zehn- bis zwanzigmal mehr Schwefeldioxid als Gas.
Daß die Mineralölwirtschaft hart um ihren Marktanteil kämpft ist begreiflich. Leichtes Heizöl fällt zwangsläufig an, wenn Rohöl in den Raffinerien zu Benzin verarbeitet wird. Irgendwie muß der Brennstoff verkauft werden.
Beim Versuch das "Rückzugsgefecht geordnet anzutreten" (Schmidt), haben die Ölfirmen die Nachteile des Konkurrenten gesucht, gefunden und verbreitet. Am unangenehmsten für die Gaswirtschaft war der Nachweis, daß schon seit Anfang der achtziger Jahre Gas teurer ist als Öl.
Im Bewußtsein der Bevölkerung ist Gas immer noch die billige Alternative zum teuren Öl. In der Theorie folgt der Gaspreis dem Ölpreis - mit zeitlicher Verzögerung. In der Praxis jedoch sind die Gaswerke bei sinkendem Ölpreis nicht voll mitgezogen. Das Statistische Bundesamt bestätigt die günstigere Preisentwicklung für Heizöl.
"Das sei das typische Verhalten eines Monopolbetriebes", meint Peter Schlüter _(In Beuel am Rhein. )
vom Mineralölwirtschaftsverband. Dagegen gebe es auf dem Heizölmarkt einen lupenreinen Wettbewerb der dem Kunden zugute kommt".
Die fehlende Konkurrenz innerhalb des Gasmarktes mag eine Rolle bei der Preisentwicklung spielen: ausschlaggebend ist jedoch, daß, entgegen der gängigen Annahme und der verkürzten Darstellungsweise der Gaslieferanten der Gaspreis sich nicht ausschließlich am Ölpreis orientiert. Bereits in den Gasabnahmeverträgen mit Lieferländern wie Norwegen oder der UdSSR werden auch die Inflationsrate oder die Preise von Investitionsgütern berücksichtigt.
Die Gaswerke bauen dann auch noch das Lohnniveau ihrer Beschäftigten in die Preisgestaltung für die Endabnehmer ein. Da diese Rechnungen auch von den Konkurrenten kaum nachzuvollziehen sind, bleibt offen ob von den Gaskunden zuviel kassiert wird.
Darüber hinaus sind die Gastarife wie die Stromtarife in einen Grundpreis und einen Arbeitspreis gesplittet. Sparsamer Umgang mit Gas zahlt sich finanziell weniger aus.
Ob sich der Konkurrenzkampf der Energieträger für den Verbraucher auszahlt wird sich am 1. Oktober zeigen. Dann müssen die Gaspreise angepaßt werden. Um wieviel sie gesenkt werden und wie das berechnet wird bleibt vorerst das Geheimnis der Gaswerke.
In Beuel am Rhein.

DER SPIEGEL 37/1986
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