08.09.1986

SALMONELLENIdeale Brutstätte

Eine hessische Molkerei produzierte massenweise salmonellenhaltiges Milchpulver - amtliche Kontrolle gab es nicht. *
Ende Mai, vier Wochen nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl kämpfte Hartmut Barth-Engelbart im Parlament des hessischen Main-Kinzig-Kreises um 50000 Mark. Der Vorsitzende der Grünen-Fraktion setzte sich durch: Um "vor allem Schwangere und Kleinkinder" vor strahlenbelasteter Milch zu schützen kaufte die Kreisverwaltung einen Posten Trockenmilch.
Ende August, drei Monate später, machte sich Barth-Engelbart "bittere Vorwürfe". Sein Sohn Thiemo, 18 Monate alt hatte nächtens mit 40,5 Grad Fieber vom Notarztwagen in die Klinik gebracht werden müssen. Die Ärzte stellten eine Salmonelleninfektion fest, und als Quelle kam nur ein Nahrungsmittel in Frage: das Milchpulver.
Vielen Eltern in Hessen erging es ebenso. In der guten Absicht, ihre Kinder vor vermeidbaren Strahlenbelastungen zu schützen, holten sie sich mit der Trockenmilch statt dessen die "Salmonella infantis" ins Haus - eine bakterielle Lebensmittelvergiftung. Schwere Erkrankungen bei 33 Kindern wurden seit Anfang August amtlich registriert: das Wiesbadener Sozialministerium rechnet zudem für die Zeit davor mit einer "hohen Dunkelziffer".
Für Erwachsene geht eine Salmonellen-Vergiftung in der Regel glimpflich und mit Durchfall ab. Anders wirken die Bakterien bei Kindern, denen nach Flüssigkeitsverlust und Immunschwäche Lebensgefahr drohen kann.
Weil besorgte Eltern nach dem Fallout von Tschernobyl vor allem die "Risiko-Gruppe Kinder mit der verseuchten Instant-Milch ernährten, spricht der Münchner Bakteriologe und Molkerei-Fachmann Martin Busse von einem "Riesenglück, daß es keine Toten gegeben hat".
Salmonellen-Vergiftungen deuten immer auf mangelhafte Hygiene bei der Herstellung oder Verarbeitung von Lebensmitteln hin. Sozialminister Armin Clauss, für die Lebensmittel-Überwachung zuständig, spricht denn auch von "bodenloser Schlamperei" beim Milchpulver-Hersteller, der Moha-Molkerei im hessischen Hungen, und beim Milchpulver-Vertreiber der Frankfurter Bundesanstalt für landwirtschaftliche Marktordnung.
Die Molkerei habe, so Ministeriumssprecher Jochen Eckertz, "immer weiter produziert, obwohl sie seit längerem von ihrem Salmonellen-Problem gewußt hat". Die Gießener Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen Verantwortliche von Molkerei und Bundesanstalt wegen Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz - Höchststrafe: zwei Jahre Haft.
Der Fall zeigt eine Lücke der Lebensmittel-Überwachung auf: Die Veterinär-Ämter untersuchen pflichtgemäß die Rohmilch die Lebensmittel-Überwacher ebenso pflichtgemäß die Lebensmittel, die unter Verwendung von Trockenmilch hergestellt worden sind. Für das Zwischenprodukt Milchpulver ist allein die Molkerei verantwortlich.
Auf die konzentriert sich jetzt die Kritik und Martin Busse. Direktor des Bakteriologischen Instituts der süddeutschen Versuchs- und Forschungsanstalt für Milchwirtschaft bei München, ist dabei entwaffnend offen. "Das ist richtig", antwortet er auf die Frage, ob die Moha-Molkerei von Salmonellen-Nestern in ihrem Betrieb gewußt habe.
Der Münchner Professor, ständiger Hygiene-Gutachter der hessischen Molkerei
und Kenner aller Details, berichtet unumwunden von Salmonellen-Ausbrüchen schon in den Jahren 1983 und 1985 "Wir haben gewußt, da muß etwas geschehen. Aber die Molkerei war nicht so konsequent wie ich es gefordert habe. Die haben die Fehlersuche nicht intensiv genug betrieben." Das hätte früher schon "bis zum totalen Abbau der Anlage" gehen müssen, "aber da wollten die nicht ran".
Busse räumt ein, er habe "selber mit versagt" ("Ich habe von Tschernobyl gelernt, daß wir Wissenschaftler uns nicht mehr drücken dürfen"), aber inzwischen ist wenigstens das Salmonellen-Nest in der demontierten Produktionsanlage gefunden worden. Ein defektes Heizgerät zur Lufttrocknung hatte warmes Wasser in die Produktionsstraße geblasen - "ideale Brutstätte für Bakterien"- (Busse).
Die gesamte Trockenmilchproduktion der Moha seit letztem November, Verkaufswert: 65 Millionen Mark ist inzwischen beschlagnahmt worden. Die Frankfurter Bundesanstalt für landwirtschaftliche Marktordnung die nicht nur für die Lagerhaltung von Milchpulver sondern auch für die westdeutschen Rindfleisch- und Butterberge zuständig ist, hat ihr Renommee zu verlieren.
Die Salmonellen im Milchpulverberg, meint Bakteriologe Busse, seien nur entdeckt worden, "weil das plötzlich als Babynahrung verwendet wurde". Der Professor nennt dies den "sekundären Tschernobyl-Effekt". Tatsächlich sei "offiziell und amtlich" für Milchpulver keine Salmonellen-Prüfung vorgesehen.
Busse geht davon aus, daß bei der Bundesanstalt "massenweise verseuchte Säcke" liegen, "das merkt kein Schwein".

DER SPIEGEL 37/1986
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