08.09.1986

UNTERNEHMENHart umkämpft

Das Geschäft mit Großrohren bringt nichts mehr ein, Mannesmann gerät in Schwierigkeiten. *
Die Manager der Mannesmannröhren-Werke wissen längst, wo die Probleme des Konzerns liegen. Mannesmann, so formulierten die Experten des Hauses, sei der einzige große Produzent der "aus eigenem Stahl nur Rohre herstellt".
Doch jetzt wird es ernst. In einem Papier, das mit Zahlen die schwierige Lage der Röhrenfirma belegt, kommt der Mannesmann-Vorstand zu einem klaren Schluß: "Die Existenz des Unternehmens ist bedroht."
Bei nahtlosen Rohren, dem mit Abstand größten Sektor, sackte der Auftragseingang im ersten Halbjahr 1986 um rund 40 Prozent. "Für 1986 und 1987" so die Analyse, "sind erneut hohe Verluste zu erwarten." Im laufenden Geschäftsjahr sollen es über eine halbe Milliarde Mark sein.
Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Weltweit werde der Markt weiter schrumpfen. Bei allen Rohrsorten "bestehen starke Überkapazitäten".
Durch eine "aggressive Absatzpolitik" - so steht es in dem 13-Seiten-Dokument - habe sich die japanische Konkurrenz "mit hochmodernen Rohrwerken" überall große Marktanteile gesichert. Mit ihren "integrierten Hüttenwerken" könnten sie auf andere Produkte ausweichen - Mannesmann könne das nicht.
Vorstandschef Werner H. Dieter möchte deshalb weg von der einseitigen Rohre-Produktion und Mannesmann mehr und mehr zu einem Technologie-Konzern ausbauen. Die Sparte Röhren, die 1970 noch die Hälfte des Geschäfts ausmachte, ist bereits auf ein Drittel geschrumpft. Maschinenbau und moderne Technologien sollen dagegen stärker gefördert werden.
Der neue Anfang ist nicht leicht. Jahrzehntelang hatte Mannesmann vor allem von Großaufträgen aus Moskau gut gelebt. Seit 1886 werden in dem rheinischen Konzern Röhren gezogen. Schon 1896 bauten die Russen ihre erste, 850 Kilometer lange Pipeline von Baku nach Batum - mit Mannesmann-Rohren.
In den siebziger Jahren waren die Düsseldorfer dann mit den Sowjets groß
ins Geschäft gekommen. Seit dem ersten Gas-Abkommen zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik lieferte Mannesmann über neun Millionen Tonnen Großrohre an die Sowjets.
Der Stammkunde aus dem Ostblock hat Mannesmann jahrelang vor harten Folgen der Stahlkrise bewahrt. Jetzt jedoch bringen die Geschäfte mit den Sowjets nichts mehr ein.
Die Wettbewerbsbedingungen im Ostblock seien extrem schwierig. Wegen "der konzentrierten Einkaufsmacht und der großen Mengen sind die Aufträge dort hart umkämpft und die Preise gedrückt", heißt es im Vorstandspapier.
Einige Konkurrenten im Ausland werden, anders als Mannesmann, mit Subventionen gestützt, weltweit sind die Kapazitäten nur zu 62 Prozent ausgelastet. Besonderes kann auch Mannesmann nicht bieten. Stahlrohre, räumen die Produzenten aus Düsseldorf ein, seien "weitgehend ausgereifte und genormte Massenprodukte". Rund 2,8 Milliarden Mark hat die Firma seit 1975 in die Modernisierung ihrer Röhrenproduktion gesteckt - bei stagnierendem Absatz. Noch 1977 setzte das Unternehmen 2,3 Millionen Tonnen um, 1986 werden es bestenfalls 2,2 Millionen Tonnen sein.
Der niedrige Ölpreis macht dem Konzern zusätzlich zu schaffen. Immerhin verkauft das Unternehmen 60 Prozent seiner Produktion an die Öl- und Gaswirtschaft, und mit "einer wieder verstärkten Investitionstätigkeit" sei hier vorerst nicht zu rechnen.
Die Mannesmann-Manager sind sich längst darüber im klaren, wie ihre Röhrenfirma (5,68 Milliarden Mark Umsatz, 32000 Beschäftigte) zu retten ist, nämlich nur durch "weitere Verminderung der Standorte und weitere Konzentration der Fertigung auf weniger Anlagen". Das trifft erneut die Belegschaft.
Seit 1970 ist bereits die Hälfte ausgeschieden, jetzt müssen noch mehr gehen. Mannesmann-Chef Dieter kündigte bereits einen Personalabbau bis Ende 1987 um weitere 6500 Stellen an.
Nach Schließung der Werke Hellenthal, Mündelheim und Solingen-Ohligs soll nun die Fabrik Düsseldorf Dierenfeld dichtmachen. Aber auch die Walzwerke in Rath und Bous sind bedroht. "Die Technik" dort, heißt es in der Analyse des Vorstands, "liefert keine befriedigende Qualität und verursacht hohe Kosten".
Die Gesamtkosten sollen um 500 Millionen Mark gedrückt werden. Weil auch das noch nicht ausreicht, hat Mannesmann "unternehmensübergreifende Maßnahmen" ins Auge gefaßt - das Unternehmen will mit anderen Stahl- und Röhrenherstellern kooperieren.
Gespräche werden bereits geführt. "Greifbare Aussichten", so die Manager, hätten sich allerdings "noch nicht ergeben", denn mögliche Partner seien "mit Problemen im eigenen Unternehmen befaßt."

DER SPIEGEL 37/1986
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