08.09.1986

KINDERMORDBizarres Komplott

Der Tod von zwei Geschwistern im Hessischen verwirrt Justiz und Einheimische. *
Zwei Kinder, Schwestern aus der nordhessischen Grenzgemeinde Philippsthal, wurden Anfang August tot in Gebüschen aufgefunden, wenige Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt. Carola Weimar, fünf, war erwürgt, Melanie Weimar, sieben, war erstickt worden.
Für die Polizei sah der Fall zunächst nach trauriger Routine aus. Eine Kripo-Sonderkommission verfolgte Hunderte von Spuren. "Bild" präsentierte nach zwei Tagen einen möglichen Täter. Der "gefährliche Trieb-Mörder Karl Wilhelm Dettmer", meldete das Blatt, sei vom Hafturlaub nicht zurückgekehrt und verdächtig, die Kinder umgebracht zu haben.
Es war offenbar ganz anders. Die Geschwister starben nicht im Freien, wie die Polizei herausfand, sondern in ihren Betten. Die Leichen, ergab die Spurenauswertung, wurden im Auto der Eltern, einem weißen Passat, zu den späteren Fundorten transportiert. In Verdacht gerieten Vater und Mutter. Sie müssen nach Vermutungen der Ermittler auf unerhörte Weise in die Kindestötung verstrickt gewesen sein. Das zerstrittene Paar soll aus unterschiedlichen Motiven gemeinsame Sache gemacht haben. Die Fahnder stehen, wie sich ein Kripo-Beamter ausdrückt, "einer der ungewöhnlichsten Konstellationen der Kriminalgeschichte" gegenüber.
Einmalig sind auch die Begleitumstände. Die Verdächtigen geben Statements zur Sache im Fernsehen ab, die Ermittler - Polizisten, Staatsanwälte, Richter - zanken sich öffentlich um die Bewertung ihrer Erkenntnisse.
Vorletzten Donnerstag wurde die Mutter, 28, als mutmaßliche Kindesmörderin festgenommen, doch Stunden danach wieder freigelassen. Einen Tag später führten Polizisten den Vater Reinhard Weimar, 34, in Handschellen ab, ebenfalls wegen Mordverdachts. Doch auch der Ehemann kam schnell wieder frei, ein von der Staatsanwaltschaft beantragter Haftbefehl wurde vom Richter abgelehnt.
Aus Verärgerung über den doppelten Fehlschlag verstieg sich der Fuldaer Oberstaatsanwalt Rudolf Ferdinand Matzke zu der Behauptung, der Fall sei "kriminalistisch gelaufen", es fehle nur noch der "justizförmliche Nachweis" - als käme es im Rechtsstaat nicht ausschließlich auf eben diesen Nachweis an.
An unwiderlegbaren Beweisen mangelt es jedoch. Die Eheleute, die sich bei
der Beerdigung gegenseitig stützten und sich nach der Tat mit den Spielzeugen ihrer getöteten Kinder gemeinsam photographieren ließen, belasten sich inzwischen gegenseitig.
Schlüssel zur Tat ist nach Überzeugung der Ermittlungsbehörden die zerrüttete Ehe der beiden Tatverdächtigen: Die Ehefrau hatte einen US-Soldaten zum Freund, wollte sich scheiden lassen und mit ihren Töchtern in die Staaten übersiedeln, der Ehemann mochte Frau und Kinder nicht ziehen lassen.
Monika Weimar hat ihren Mann beschuldigt, die Kinder getötet zu haben, "weil er nicht wollte, daß sie ihm weggenommen werden". Als sie eines Nachts spät nach Hause gekommen sei, hätten die Mädchen "leblos" in ihren Betten gelegen, seien kurz darauf abtransportiert worden.
Statt die Polizei zu informieren, gab die Mutter falschen Alarm. Sie erstattete Vermißtenanzeige, löste eine riesige Suchaktion aus - wie sie sagt, um vom Vater abzulenken. Sie habe sich moralisch mitschuldig gefühlt, weil sie ihren Mann "in letzter Zeit viel allein gelassen" habe.
Gegen das bizarre Komplott spricht freilich, daß die Mutter anonyme Briefe an sich selber schrieb, die sie der Polizei zuspielte und in denen der Verdacht auf den Vater gelenkt wurde. Auch daß fünf Nachbarn noch am Vormittag nach der behaupteten Tatnacht die Kinder auf dem Spielplatz beobachtet haben wollen, paßt nicht zur Version der Mutter.
Vater Reinhard Weimar weist jeden Vorwurf zurück ("Ich bin unschuldig"), will in der fraglichen Nacht fest geschlafen haben. Als er aufwachte, beteuerte er vor dem Haftrichter, "waren die Kinder weg". Sein Bad Hersfelder Anwalt Lothar Göb: "Er ist nicht der Täter."
Wer sonst? Die "Verwirrung im Fall Weimar" ("FAZ") provoziert immer neue Ungereimtheiten. Die Frage, ob Vater oder Mutter, beide zusammen, oder etwa ein geheimnisvoller Dritter tötete, hat die Einwohner des Zonenrand-Fleckens, wo noch jeder jeden kennt, in mehrere Lager gespalten. Jeder weiß etwas, jeder will etwas gehört oder gesehen haben. Verdächtigungen machen die Runde.
Das Verbrechen erinnert an einen Kriminalfall, der letztes Jahr in Frankreich Schlagzeilen machte. Der Tod des vierjährigen Gregory Villemin aus Lepanges, der ertrunken aus dem Vogesen-Flüßchen Vologne gezogen wurde, gefesselt und mit einer Wollmütze über dem Gesicht, geriet unter den Augen von Polizei und Justiz zu einem unentwirrbaren Sippendrama, das Kommentatoren an eine "antike Tragödie" erinnerte. Viele Franzosen, ergaben Umfragen, verfolgten den Fall "wie besessen".
In Lepanges, einem tristen Dutzenddorf in den Vogesen, wo die meisten miteinander verwandt oder verschwägert sind, lebten unter dem Eindruck des grausigen Kindestods jahrzehntealte Feindschaften und Rivalitäten neu auf, entstand - ähnlich wie in Philippsthal - ein Klima von Denunziation, Haß und gegenseitigem Mißtrauen. Mit bestürzenden Folgen. Zunächst wurde ein Vetter der Villemins als vermeintlicher Töter verhaftet, dann mangels Beweisen wieder freigelassen. Der Vater, von der Schuld des Verwandten überzeugt, erschoß den Vetter und mußte selbst ins Gefängnis.
Drei Monate später wurde auch die Mutter eingesperrt. Obwohl kein erkennbares Motiv vorlag, war sie in den Verdacht geraten, ihren kleinen Sohn ertränkt zu haben. Schriftgutachter behaupteten, sie habe höchstwahrscheinlich einen anonymen Brief, in dem sich ein ominöser "Rabe" zur Tat bekannte, selber geschrieben. Die Frau, im sechsten Monat schwanger, trat in einen Hungerstreik und kam wieder frei.
Die voreiligen Haftbefehle, die der junge Untersuchungsrichter Jean-Michel Lambert erlassen hatte, behinderten die Aufklärung des bis heute ungelösten Falles. Mit seiner konfusen Schnelljustiz hatte Lambert einen gigantischen juristischen Scherbenhaufen angerichtet.
Im Fall Weimar agierten auch die deutschen Ermittler übereifrig. Die Staatsanwaltschaft Fulda gab ein Bulletin nach dem anderen heraus und verwirrte mit immer neuen Verdächtigungen. Einen "Zickzackkurs in dieser Art", verteidigte sich Oberstaatsanwalt Matzke, könne man sich "natürlich leisten, das ist der Preis, den wir gerne für den Rechtsstaat zahlen".
Jüngste Version der Ermittler: Der Vater sei "in ungleich stärkerem Maße" verdächtig als die Mutter. Die Ablehnung des Haftbefehls durch den Amtsrichter sei "für den Normalverbraucher unverständlich". Gegen den Beschluß werde Beschwerde eingelegt.
Andere Staatsanwälte können "diese laute Art" nur schwer verstehen. Nach "so vielen Bauchlandungen", mahnte ein Oberstaatsanwalt aus Frankfurt, sollten die Kollegen doch "endlich stille Wege gehen".
Anfang dieser Woche will das Landgericht Fulda über die Beschwerde der Staatsanwaltschaft entscheiden. Sollte der Vater weiter auf freiem Fuß bleiben, der dringende Tatverdacht vom Gericht verneint werden, müßten die Ermittler nach neuen Beweisen suchen. _(Oben: Bei der Beisetzung ihrer Kinder am ) _(10. August in Röhrigshof/Philippstal; ) _(unten: Bergung der Leiche am 16. Oktober ) _(1984 bei Docelles/Frankreich. )
Oben: Bei der Beisetzung ihrer Kinder am 10. August in Röhrigshof/Philippstal; unten: Bergung der Leiche am 16. Oktober 1984 bei Docelles/Frankreich.

DER SPIEGEL 37/1986
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