08.09.1986

Gaddafi: Feuer unter den Füßen der Amerikaner

Die Amerikaner wähnten Gaddafi schon ganz am Ende. Doch mit ihrem Nervenkrieg reizten sie ihn wieder einmal zu einem spektakulären Auftritt: Auf der Konferenz der Blockfreien in Harare drohte er den USA mit neuem Terror. Anderntags schien es soweit: Ein arabisches Terror-Kommando stürmte einen Jumbo der Pan Am in Karatschi. Neuer Zündstoff zwischen den Vereinigten Staaten und Libyen? *
Über ihren Erzfeind und Lieblingsschurken redeten die Amerikaner nur noch wie von einem geprügelten Hund. Irgendwo in der Weite der Libyschen Wüste habe er sich verkrochen, aus Furcht vor den Bomben und Kanonen der Supermacht. Die Herrschaft über sein Land werde ihm entgleiten, ein Offiziersputsch sei jederzeit möglich. Er schminke sich; sein Gesicht sei aufgeschwemmt von Aufputschmitteln und Schlaftabletten .
CIA-Chef William Casey wähnte den libyschen Revolutionsführer schon so angeschlagen, daß es nur noch eines leichten Anstoßes bedürfe, ihn zu stürzen.
Doch da war wohl mehr Wunschdenken als professionelle Einschätzung im Spiel. Denn vergangene Woche meldete sich der Oberst wieder zurück - und wie.
Zur Überraschung auch der Gastgeber im afrikanischen Simbabwe flog Gaddafi als einziger Teilnehmer ohne Voranmeldung zum Gipfeltreffen der Blockfreien nach Harare. Kaum gelandet, ließ er die verdutzten Vertreter der Delegationen wissen, sein erklärtes Ziel sei es, die Blockfreien-Bewegung abzuschaffen. Die Welt lasse sich künftig nur noch in zwei Lager teilen - in ein "imperialistisches" und eines der "Befreiung".
Obwohl Gastgeber Robert Mugabe ihn an einer Brandrede zu hindern suchte, schaffte Gaddafi vorigen Donnerstag einen dramatischen Auftritt, den er als "Lebewohl an diese komische Bewegung" verstanden wissen wollte. Frenetisch von seinen weiblichen Leibwächtern beklatscht, drohte er an, sein Land werde die Blockfreien-Bewegung verlassen.
In seinem Kampf gegen die USA fühle er sich alleingelassen, aber nicht entmutigt. Er werde eine internationale Armee von "Zehntausenden von Kämpfern" entsenden, die mit Flugzeugträgern nicht zu fassen sei und den Amerikanern "Feuer unter den Füßen entfachen soll".
Es war die Gaddafi-typische Mischung aus Effekthascherei und Realitätsverlust: Wo, wenn nicht unter den Blockfreien der Dritten Welt, soll er noch Freunde und Partner finden? Das Schweigen, mit dem der Saal auf die Rede reagierte" zeigte, wie isoliert der Libyer inzwischen ist.
Schon sonntags davor, bei seiner ersten großen öffentlichen Rede seit dem amerikanischen Bombardement von Tripolis und Bengasi am 15. April 1986, hatte er die vertrauten maghrebinischen Töne angeschlagen. Ronald Reagan, auf den er offensichtlich ebenso fixiert ist wie der US-Präsident auf ihn, nannte er einen "Verrückten", der "körperlich und seelisch krank" sei und nach "Hollywood zurückgehen" solle.
5000 Zuhörer auf dem Grünen Platz im Zentrum der libyschen Hauptstadt reckten ihre Fäuste gen Himmel und skandierten: "Wenn du rufst, Führer, dann springen wir für dich ins Feuer."
Gaddafi, das größte Irrlicht der arabischen Welt, schien wieder ganz der alte. Mit seiner Blitzreise nach Harare, analysierte ein westeuropäischer Diplomat in Tripolis, habe er "auf seine Leute großen Eindruck gemacht". Denn daß er sich außer Landes traue, während vor der libyschen Küste wieder einmal die US-Kriegsflotte übte, sei eine Ohrfeige für die Amerikaner: "Die wollen ihn schön weichkochen, und der Oberst geht einfach auf Reisen."
Über vier Monate lang, seit dem nächtlichen Blitzangriff der amerikanischen F-111-Bomber, war Gaddafi fast völlig aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die Attacke, bei der unter anderem sein Schlafzimmer in der Bab-el-Asisija-Kaserne demoliert und, wie er beklagte, seine Ziehtochter getötet worden war, hatte ihn fraglos geschockt. Der Halbbeduine zog sich in die Wüste zurück.
Mitte Juni sollte Gaddafi auf dem ehemaligen amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Wheelus nahe der Hauptstadt eine Rede halten. Über 30 westliche Journalisten waren eingeflogen. Doch Gaddafi kam nicht, statt dessen wurde ein Videoband vorgespielt. Darauf sprach der Revolutionsheld mit kraftloser, schleppender Stimme, sein Gesicht sah aus wie das eines kranken Mannes.
Zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen er sich in der Folgezeit öffentlich zeigte, darunter Fernsehinterviews mit Reportern aus Brasilien, Japan, der Sowjet-Union und den USA, kam der Staatschef stets mit einer langen Wagenkarawane direkt aus einem seiner häufig wechselnden Wüstenverstecke angerollt. Auf Drängen seines DDR-Sicherheitsberaters tauschte er während der Fahrt wiederholt die Jeeps aus, nie schlief
er nacheinander zweimal am gleichen Platz.
Aber meistens ließ er Termine einfach platzen. So mußten im Juni vier SPD-Europaabgeordnete bei ihrem Besuch mit der Nummer Zwei des Regimes vorliebnehmen: mit Major Abd el-Salam Dschallud, einem engen Gaddafi-Freund aus den Tagen des Putsches gegen König Idris vor 17 Jahren.
Das wirre Verhalten ließ die Amerikaner triumphieren - schien es doch den nachhaltigen Erfolg ihres Schlags gegen den vermeintlichen Maulhelden Gaddafi zu bestätigen.
Schon plante CIA-Chef Casey in Auslandszeitungen Meldungen zu pflanzen, Gaddafi sei verrückt geworden. In der Regierung ließ er vergangenen Monat ein - unzutreffendes - Papier zirkulieren, wonach der libysche Staatschef bei einem Treffen mit nord- und südjemenitischen Politikern im Juli die Nerven verloren habe.
In ihrem Drang, den verhaßten Revolutionsführer loszuwerden, schreckten Mitglieder der Reagan-Regierung auch vor absurden Plänen nicht zurück: Vorübergehend wurde überlegt, ob nicht der Lärm einer Serie von Schallmauer-Durchbrüchen Chaos in Tripolis hervorrufen könnte.
Im Juli erließ Ronald Reagan, der seine Obsessionen nicht weniger beharrlich als sein Gegenspieler pflegt, Anweisungen für eine neue Eskalation des Konflikts. Er ordnete an, den seit Januar dieses Jahres gültigen Aktionsplan gegen Libyen zu aktualisieren. Mitte August billigte er einen Maßnahmen-Katalog, den die Planungsgruppe des Nationalen Sicherheitsrates ausgearbeitet hatte.
Vorletzte Woche lief der Nervenkrieg gegen Gaddafi dann auf vollen Touren: Nach dem amerikanisch-ägyptischen Flottenmanöver "Sea Wind" versammelten sich zeitweilig drei US-Flugzeugträger-Verbände im Mittelmeer und im spanischen Atlantikhafen Rota.
Reagans Krisen-Emissär, der Uno-Botschafter Vernon Walters, sollte derweil die Europäer abermals zu "wirksameren Maßnahmen gegen Libyen" bewegen.
Das Szenario war so, daß es die angesehene "New York Times"-Kolumnistin Flora Lewis an "die Fortsetzung eines Erfolgsfilmes mit den gleichen Darstellern und dem gleichen Inhalt" gemahnte - Rambo Zwo in der Großen Syrte. Die ganze Kampagne sei angelegt, aus "einer Mücke einen Elefanten" zu machen.
Vergangenes Wochenende, fast wie von Reagan bestellt, kam es doch noch zu einer dramatischen Zuspitzung: Auf dem Flughafen von Karatschi kaperten vier Araber einen Jumbo der US-Fluggesellschaft Pan Am und verlangten den Weiterflug nach Zypern. Gleich zwei Extremistengruppen übernahmen die Verantwortung. Radio Tripolis bestritt, daß Libyen darin verwickelt sei.
Bislang haben die Amerikaner bei all ihren Kriegsspielen gegen den Libyer immer die Frage ignoriert, ob denn nach einer Beseitigung des "tollwütigen Hundes" (Reagan über Gaddafi) mit einem dem Westen günstiger gesinnten Nachfolger zu rechnen sei.
Das ist zumindest fraglich. Denn der aussichtsreichste Kandidat wäre wohl Dschallud. Der aber hat sich bislang auch nicht als US-Freund hervorgetan. Vor den amerikanisch-ägyptischen Seemanövern forderte er die Bürger des Nachbarlandes auf, die amerikanischen Soldaten anzugreifen. Die sowjetische Führung, die Libyen massiv unterstützt, zieht Dschallud längst seinem Chef als Gesprächspartner vor. Die Kreml-Machthaber schätzen ihn wegen Eigenschaften, die Gaddafi abgehen: Berechenbarkeit, Pragmatismus und Vernunft.
Mit ihm würde sich jedenfalls nicht wiederholen, was bei einem Staatsbesuch im Oktober 1985 in Moskau passierte: Da versuchte Gaddafi allen Ernstes, perplexe Politbüro-Mitglieder zu den Lehren seines "Grünen Buches" zu bekehren. _(Mit Dolmetscher am 27. Mai. )
Mit Dolmetscher am 27. Mai.

DER SPIEGEL 37/1986
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