08.09.1986

TERRORKeine Strafe zu hart

Nach dem Ende der Flugzeug-Kaperung von Karatschi steht Reagan in der selbstauferlegten Pflicht, Vergeltung zu üben - doch gegen wen? *
Alle hatten es kommen sehen. Daß die amerikanischen Bomben, die am 15. April auf Tripolis und Bengasi fielen, dem internationalen Terrorismus einen tödlichen Schlag versetzt hatten, daran mochte trotz viermonatiger Ruhe niemand so recht glauben. Es war nur eine Frage der Zeit.
Auch die Amerikaner waren wieder nervös geworden. Sie hatten mit neuen Terrorattentaten im Polit-Dschungel des Nahen Ostens gerechnet, für gefährdet hielten sie auch Militär und Botschaftspersonal in Europa. Doch die Terroristen schlugen, völlig überraschend, im pakistanischen Karatschi zu.
Am Freitagmorgen, kurz vor fünf Uhr Ortszeit, sprangen vier als Sicherheitsbedienstete der Flughafenbehörde verkleidete Attentäter aus einem Lieferwagen und stürmten, mit Maschinenpistolen wild um sich schießend, die Gangway zu einem auf dem Flughafenvorfeld geparkten Jumbo-Jet der Pan Am empor. Erst drei Wochen zuvor hatte der Airport von Karatschi eine US-Sicherheitsinspektion mit Bestnoten bestanden.
Die Kaperung verlief blutig, von Anfang an. Schon bei der Erstürmung der Maschine, die über Frankfurt nach New York fliegen sollte, verletzten die Arabisch sprechenden Terroristen zwei Flughafenbedienstete. Wenig später fielen Schüsse in der Maschine, die Entführer warfen einen schwerverwundeten Amerikaner aufs Flugfeld hinunter, der kurz darauf verstarb. Der Mann, in Kenia geboren, war erst im Juli US-Bürger
geworden. Trotz der Brutalität verlief die Aktion nicht nach Plan: Pilot, Copilot und Bordingenieur der Boeing 747 hatten sich kurz nach Beginn des Überfalls an einem Seil aus dem Cockpit herab gelassen. Für die Passagiere sei es besser, so rechtfertigten sie hinterher ihre Flucht, wenn die Maschine erst mal am Boden bliebe.
Eine neue, arabischsprechende Crew war eine der Hauptforderungen der Entführer. Dafür wollten sie mehr als 380 Passagiere und Flugbegleiter freilassen. Zusammen mit der neuen Besatzung gedachten sie, den zyprischen Flughafen Larnaka anzufliegen, um dort inhaftierte palästinensische Freunde freizupressen.
Der Anschlag rief sofort weltweite Reaktionen hervor. In den USA übernahm Sicherheitsberater John Poindexter den Vorsitz des Krisenstabs und hielt telephonisch Präsident Reagan auf dem laufenden, der noch auf seiner Ranch in Kalifornien Urlaub machte. Aus dem Hafen von Neapel lief der US-Flugzeugträger "Forrestal" aus - seine Flugzeuge sollten womöglich den Pan-Am-Jumbo auf dem Weg nach Zypern abfangen. Doch die zyprischen Behörden trafen Vorsorge, den Flughafen zu sperren. In Teheran schlossen die Behörden den iranischen Luftraum für die Pan-Am-Maschine, und auch Griechenland verweigerte jede Landemöglichkeit.
Gaddafi versicherte in Gesprächen mit dem indischen Ministerpräsident Rajiv Gandhi und dem pakistanischen Staatschef Zia-ul Hak in Harare, daß er nichts mit der Sache zu tun habe.
Dafür übernahm eine bisher unbekannte Gruppe - mit dem amerikanische Rache geradezu herausfordernden Namen "libysche Revolutionäre Zellen" die Verantwortung für den Anschlag. Und in Beirut wurde Zeitungen das Bekennerschreiben einer winzigen, schiitischen Splittergruppe überbracht, die sich Dschund Allah nennt.
Allahs Name wurde in den vergangenen Jahren oft angerufen, wenn US-Bürger oder Einrichtungen Zielscheibe internationaler Terroristen wurden.
Die Besetzung der Teheraner US-Botschaft im Herbst 1979 durch Chomeinis Revolutionsgardisten entwickelte sich zu einem 444 Tage währenden Trauma für Amerika. Im April 1983 forderte ein Autobombenanschlag auf die US-Botschaft in Beirut 63 Tote. Ein halbes Jahr später raste ein arabischer Kamikaze-Fahrer mit einem Wagen voll Sprengstoff in das Beiruter Hauptquartier der Marineinfanterie - 241 GIs starben.
Dezember 1984: Bei der Entführung eines kuweitischen Airbus wurden zwei US-Bürger hingerichtet. Und im Juni 1985 bei der Entführung einer TWA-Maschine nach Beirut wurde ein US-Marinetaucher ermordet; von den 104 amerikanischen Passagieren kamen die 39 letzten erst nach 17 Tagen frei.
Als palästinensische Terroristen im Oktober 1985 das italienische Kreuzfahrtschiff "Achille Lauro" kaperten und den an den Rollstuhl gefesselten Amerikaner Leon Klinghoffer ermordeten, schlug Reagan erstmals zurück - US-Jäger fingen das ägyptische Flugzeug ab, das die Attentäter von Kairo nach Tunis bringen sollte.
Anfang April 1986 explodierte eine Bombe an Bord einer TWA-Maschine auf dem Flug von Rom nach Athen, vier US-Fluggäste kamen ums Leben. Zwei Wochen später ließ Reagan Tripolis und Bengasi bombardieren.
Doch gegen wen soll der US-Präsident diesmal zurückschlagen?
Die Dschund-Allah-Kämpfer kommen als Täter kaum in Frage, denn diese radikale Gruppe, die fast niemand kennt, würde sich wohl niemals für die Freilassung der auf Zypern gefangenen Palästinenser einsetzen. Zwischen libanesischen Schiiten und Palästinensern gibt es keine Spur Sympathie.
Gaddafi, der sich stets von Flugzeugentführungen distanzierte, scheidet als Anstifter auch aus. Der Libyer, der normalerweise zwischen Rhetorik und Aktion genau zu unterscheiden weiß, hätte irrwitzig sein müssen, die Amerikaner gerade jetzt anzugreifen.
Am wahrscheinlichsten ist deshalb, daß wieder einmal palästinensische Hitzköpfe zugange waren: ohne klare Organisation und Befehle, vielleicht eine jener obskuren Gruppierungen, die sich im arabischen Raum ständig neu bilden und wieder auflösen, so daß selbst Kenner der Terrorszene schnell den Überblick verlieren.
Das Ende in Karatschi kam, als es dunkel wurde. Sämtliche elektrischen Systeme des Großraumflugzeuges werden von einem Generator gespeist, der mit Kerosin betrieben wird. Aber nach 17 Stunden ging der Sprit zur Neige.
Als sich deshalb die Kabine verdunkelte, so die Darstellung geretteter Passagiere, glaubten die Entführer an einen Angriff und begannen, wild um sich zu schießen. Rauch kroch durch die Sitzreihen, Verletzte und Kinder schrien. Passagier Hussein Shaffi berichtete geschockt, im Flugzeug habe sich in diesen Minuten ein "Holocaust" abgespielt.
Einige Fluggäste nutzten das Chaos und flüchteten über Notrutschen ins Freie. Pakistanische Polizei- und Armee-Einheiten, die sich seit Beginn der Kaperung in sicherem Abstand zum geparkten Jumbo verschanzt hielten, stürmten das Flugzeug. Nach einem kurzen Feuergefecht erschossen sie zwei der vier Entführer. In der Nacht zum Samstag bezifferte Pan Am die Zahl der Todesopfer mit 16.
Jetzt steht Reagan wieder einmal in der Pflicht, Vergeltung zu üben - die nächste Eskalation scheint unausweichlich. Reagan-Sprecher Larry Speakes: "Wir können uns keine Bestrafung vorstellen, die hart genug ist."

DER SPIEGEL 37/1986
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