08.09.1986

AIDSGestaffelte Abwehr

Aids breitet sich auch im Ostblock aus. Die große Sowjet-Union reagiert tapsig, die kleine DDR preußischperfekt. *
Eigentlich waren die Wissenschaftler zu einem großen internationalen Krebs-Kongreß zusammengekommen. Doch dann gerieten sie sich, Ende letzten Monats in der ungarischen Hauptstadt Budapest, über das aufregendere Thema, über Aids, in die Haare: Kann die Seuche durch Insekten übertragen werden?
Französische Antwort: In Afrika möglich, in Europa nein. Amerikanische Meinung: Weder noch. Resümee der ungarischen Kongreßleitung: Wir wissen es nicht.
Dafür gelang es den versammelten Medizinern, durch Gespräche hinter den Kulissen Klarheit zu gewinnen über eine andere, seit langem ungeklärte Frage: Wie schnell breitet sich Aids in den Ländern des Ostblocks aus?
Offiziell gilt die Seuche den Ärzten des Ostblocks als "amerikanisches Syndrom (so die Zeitung "Sowjetskaja Rossija"), nur übertragbar durch "perverse Formen des Geschlechtsverkehrs". Aids sei, erläuterte noch vor einigen Wochen die "Literaturnaja Gaseta" das "Ergebnis von Experimenten des US-Verteidigungsministeriums mit chemischen Waffen. US-Botschafter Hartmann fand solche Behauptung "ebenso tadelnswert wie falsch und protestierte im Namen seiner Regierung.
Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Sowjet-Union bisher drei Aids-Fälle gemeldet (die USA meldeten 24011 Aids-Kranke, von denen bereits 13272 der Virus-Seuche erlegen sind). In Budapest, räumten russische Mediziner ein, leben "einige Dutzend" Test-Positive - doch ist auch diese Mitteilung wahrscheinlich stark untertrieben. "Aids gibt es in meinem Land mindestens seit 1974, hat im Juni der angesehene Moskauer Virologe Wiktor Schadanow bei einem Aufenthalt in Paris zugegeben. Damals wurde ein zweijähriges russisches Mädchen durch eine Bluttransfusion mit Aids infiziert. Spender war ein sowjetischer Soldat, der als Militärberater in Afrika gedient hatte.
Die "African connection" halten die sowjetischen Aids-Experten für den Nabelstrang der Seuche: In Moskau studieren, an der Lumumba-Universität, seit den 60er Jahren Tausende von Schwarzafrikanern. In der gleichen Zeit sind Zehntausende von Sowjet-Soldaten Geheimdienstlern, Wirtschaftsspezialisten und Diplomaten zu brüderlicher Hilfe in Länder des afrikanischen Kontinents abkommandiert worden.
Zwar werden sexuelle Kontakte zwischen Gästen und Gastgebern vom Sowjet-Staat (so gut das eben geht) verhindert. "Geschlechtliche Unmoral" auch die "widernatürliche" - vor der Vizegesundheitsminister Pjotr Burgassow seine Landsleute nachdrücklich gewarnt hat -, läßt sich an den Sowjet-Grenzen jedoch nicht aufhalten. Burgassow: "Wir leben nicht isoliert in der Welt."
Als Trost empfinden es die Moskauer Gesundheitswächter, daß sie zwei andere Aids-fördernde Risiken weitgehend unter Kontrolle haben: Es gibt keinen Markt für intravenös zu injizierende Drogen, weil der Rubel keine frei konvertierbare Währung ist und es an Spritzenbestecken mangelt. Auch konnte sich eine promiske homosexuelle Subkultur nicht entwickeln: Die Männerliebe zwischen Erwachsenen wird in der Sowjet-Union mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft.
Auch in anderen Ostblock-Staaten - vor allem Ungarn, Polen und der DDR - haben die Gesundheitsverwaltungen neuerdings wieder ein wachsames Auge auf die Homosexuellen. In Budapest und Warschau, wo bisher jeder nach seiner Facon selig werden durfte, stellen die homosexuellen Männer den Hauptteil der HIV-Test-"Positiven". _(HIV = Human Immunodefiency Virus, ) _(menschliches Immundefizit-Virus, Erreger ) _(der Aids-Krankheit; bisher ) _(LAV/HTLV-3-Virus genannt. Auf den neuen ) _(Namen einigten sich die Aids-Forscher ) _(während ihres internationalen Kongresses ) _(im Juni dieses Jahres in Paris. )
Bisher sei weder in Polen noch in Ungarn oder der DDR ein Aids-Patient gestorben, heißt es offiziell. Lediglich die Tschechoslowakei gibt zwei Tote zu, einen Schwarz Afrikaner und einen homosexuellen Tschechoslowaken.
Als besondere Herausforderung empfindet die zentralistische Gesundheitsverwaltung der DDR die von Westen und Süden heranrollende Seuche. In der ostdeutschen Republik hält man sich - völlig zu Recht - viel auf die Erfolge beim Kampf gegen ansteckende Krankheiten zugute. Durch Meldepflichten, lückenlose Reihenuntersuchungen und straffe Impfkampagnen sind die behandelbaren Infektionskrankheiten ausgerottet (Masern, Kinderlähmung) oder stark zurückgedrängt worden (Syphilis, Hepatitis, Gonorrhoe).
Auch gegen Aids wird in der DDR seit vier Jahren ein tiefgestaffeltes Abwehrsystem errichtet: *___Das DDR-Gesundheitsministerium installierte eine mit ____allen Kompetenzen ausgestattete Aids-Arbeitsgruppe, ____errichtete überall in der Provinz ____"Konsultations-Zentren" und stellte in Ost-Berlin ____vorsorglich Betten auf einer Isolierstation bereit. *___Wie in den anderen Ostblockstaaten (aber auch in ____Schweden, Österreich und zahlreichen Staaten der USA) ____wurde die namentliche Meldepflicht für alle Verdachts-, ____Erkrankungs- und Aids-Todesfälle eingeführt.
"Wir wollen", erläutert ein Ost-Berliner Seuchenbekämpfer, "nicht nur den Überblick behalten, sondern, wie bei Tripper und Syphilis ja auch, mit Hilfe der Meldepflicht die Erkrankten gründlich aufklären und ihre gefährdeten Partner rechtzeitig aufspüren, untersuchen, informieren, warnen."
Vorsorglich hat man die Zielgruppe der promisken Homosexuellen Anfang _(Vor dem Portal der Lumumba-Universität. )
1984 auf einfache, wenn auch nicht feine Weise reduziert: Jeder, der wollte, konnte mit der großen DDR-Ausreisewelle in den Westen emigrieren. Rund 10000 Männerfreunde machten von der Offerte Gebrauch. Den verbliebenen Homosexuellen, die meisten leben in Ost-Berlin, zeigt die Staatsmacht seither abwechselnd Zuckerbrot und Peitsche.
In den Homotreffpunkten - dem "Burgfrieden", der "Schoppenstube", dem "Opern-Cafe", der "Disco im Cafe Prenzlauer Berg" warnte der Staatssicherheitsdienst jeden verdächtigen Gast davor, sich von Westbesuchern mit Aids anstecken zu lassen. Quarantäne bis zum Lebensende sei den Infizierten sicher.
Die Strichjungen in den Parkanlagen des Friedrichshain und an den Toiletten am U-Bahnhof Dimitroff-Straße - für Westmark dankbar - wurden wiederholt zwecks Aids-Test und nachdrücklicher Belehrung aus dem Verkehr gezogen. An den Treffpunkten patrouillieren jetzt Doppelstreifen der "Hygiene-Inspektion" in Zivil und jedem liebevollen Tete-a-tete abhold.
Zugleich erlaubt und fördert die DDR Staatsmacht verständnisvoll eine Diskussion der homosexuellen Wünsche nach eigenen Kulturzentren und Begegnungsstätten. Zeitungen und Sexualwissenschaftler ermahnen die Bürger zu "mehr Toleranz". Als seuchenpolitisch erwünschter Nebeneffekt solcher staatlichen Zuwendung ergibt sich ein guter Überblick über Zahl und Verhalten der von Aids besonders bedrohten Mitbürger. "Homosexuelle werden bei uns nicht diskriminiert", erläutert der Aids-Bekämpfer Professor Erwin Günther von der Uni Jena, und "verbrecherischen Rauschgifthandel gebe es in der DDR ohnehin nicht. Also fehle der Krankheit "die soziale Basis".
Die Anti-Aids-Strategie der DDR scheint vergleichsweise effektiv. Bisher, verlautbaren die Ärzte, sei noch kein einziger Patient gestorben. Der Sowjet-Union, Ungarn und Polen, deren Gesundheitsbehörden nicht frei sind vom landesüblichen Schlendrian, werden von den Experten auf längere Sicht keine der DDR vergleichbaren Erfolge bei der Aids-Bekämpfung zugetraut.
Nur ganz allgemein hat der Chef der Abteilung für Klinische Immunologie des Moskauer Zentralinstituts für die Fortbildung von Ärzten, Professor Gordjanko, im Tschernobyl-Stil seinen Landsleuten versprochen: "Man kann nicht daran zweifeln, daß das sowjetische Gesundheitswesen, ausgestattet mit vaterländischen und internationalen Errungenschaften der medizinischen Wissenschaft, dem Virus eine zuverlässige Barriere in den Weg stellt."
Welche Barriere das sein könnte, hat der Gelehrte nicht verraten.
Sein Kollege Sergej Drosdow ermuntert die sowjetischen Ärzte zu einem ersten Abwehrschritt. Sie sollen Aids nicht länger tabuisieren, sollen nicht länger "schamhaft die Augen verschließen nach dem Motto: Wer sündigt, soll selbst darüber weinen". _(Am Nationalen Institut für Hämatologie ) _(in Budapest. )
HIV = Human Immunodefiency Virus, menschliches Immundefizit-Virus, Erreger der Aids-Krankheit; bisher LAV/HTLV-3-Virus genannt. Auf den neuen Namen einigten sich die Aids-Forscher während ihres internationalen Kongresses im Juni dieses Jahres in Paris. Vor dem Portal der Lumumba-Universität. Am Nationalen Institut für Hämatologie in Budapest.

DER SPIEGEL 37/1986
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