08.09.1986

SOWJET-UNIONAlles sackte weg

398 Sowjetbürger ertranken bei der Schiffskatastrophe im Schwarzen Meer. Moskau unterrichtete die Öffentlichkeit schnell - eine Lehre aus Tschernobyl. *
Über den Bordlautsprecher ertönte das Zeitzeichen aus dem Radio zum Beweis der Pünktlichkeit, dann erklang der Marsch der Sowjetmarine. Es war schon dunkel, als am vorletzten Sonntagabend um 22.30 Uhr das Passagierschiff "Admiral Nachimow" in Noworossijsk ("Neu-Rußland") ablegte, mit 888 Urlaubern an Bord, die über ihre Berufsorganisation beim "Republikrat für Tourismus und Exkursionen der Ukraine" eine Schwarzmeertour gebucht hatten.
Die meisten Passagiere legten sich in die Kojen, einige tanzten noch an Deck, als der weiße Dampfer langsam aus dem Hafen in Richtung Sotschi im Kaukasus schwamm. Tagsüber hatten sie daß mächtige Siegesdenkmal in der "Heldenstadt" Noworossijsk besichtigt, in der sich im Krieg der Polit-Oberst Leonid Breschnew, später Partei- und Staatschef, seine Front-Meriten gegen die deutschen Eindringlinge erworben hatte.
Auch die "Admiral Nachimow hatte ihre Kriegsgeschichte, als Opfer und als Beute. Das vormals deutsche Schiff, 1925 unter dem Namen "Berlin" auf der Werft "Bremer Vulkan" vom Stapel gelaufen, ging 1939 zweimal mit deutschen Bestarbeitern, die über die NS-Berufsorganisation ("Kraft durch Freude") gebucht hatten, auf Kreuzfahrt. Danach sollte es in Swinemünde von der Kriegsmarine übernommen werden. Das verhinderten zwei Kesselexplosionen (17 Tote).
Repariert und zum Lazarettschiff unter dem Roten Kreuz umgebaut, wurde es am 1. Februar 1945 beim Auslaufen zu einem Flüchtlingstransport aus Ostpreußen von einem sowjetischen Torpedo getroffen. Die Sieger hoben später das Wrack und ließen es auf der Warnemünder Warnow-Werft acht Jahre lang reparieren, auf DDR-Kosten. Ab 1957 kreuzte es im Schwarzen Meer, gelegentlich auch nach Kuba.
Schlechte Nachrichten begleiteten die letzte Ausfahrt der "Admiral Nachimow": Viele Passagiere stammten aus dem gar nicht weit entfernten Moldawien, dort hatte in der Nacht zuvor ein Erdbeben der Stärke 6,5 fast 5000 Mietskasernen und 45000 Bauernhäuser zerstört.
Kapitän Wadim Markow, der 27 Jahre lang auf der Brücke der "Admiral Nachimow" gestanden hatte, konnte im Regierungsorgan "Iswestija" vom Vortag lesen, was seinem Kollegen Wladislaw Worobjow widerfahren war:
Dessen Kreuzfahrtschiff "Michail Lermontow" war im Februar vor Neuseeland gesunken, wobei alle Passagiere gerettet wurden. Ein neuseeländisches Gericht hatte dem einheimischen Lotsen die Schuld gegeben und den Russen für seine Umsicht belobigt. Doch die "Iswestija" meldete nun, daß die Sowjetbehörden Worobjow seines Postens enthoben und an Land versetzt hätten: sein Navigationsoffizier Stepanischtschew sei, weil er dem Lotsen vertraut habe, zu vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von 20000 Rubel - etwa sieben Jahresgehälter - verurteilt worden.
Nach einer dreiviertel Stunde Fahrt war die "Admiral Nachimow" knapp 13 Kilometer von Noworossijsk entfernt. Mit zehn Knoten Geschwindigkeit (18,5 Stundenkilometer), hell beleuchtet und bei ruhiger See, lief sie 1500 Meter neben der Küstenlinie, als ihr Wachoffizier weit vorn den Frachter "Pjotr Wassew"
ausmachte, der - vorfahrtberechtigt - von Steuerbord kam.
"Wir peilten ihn an und stellten fest, daß das Schiff unsere Route kreuzte", berichtet "Nachimow"-Steuermann Smirnow. Funkkontakt wurde aufgenommen, nach einer Weile antwortete der Getreide-Frachter: "Nur keine Aufregung, wir kommen aneinander vorbei. Gleich unternehmen wir alles, was nötig ist." Allerdings: Nach internationalem Seerecht hätte die "Nachimow" ausweichen oder ihr Tempo drosseln müssen.
Der Frachter änderte seinen Kurs nicht. Nach einigen Minuten funkte die "Nachimow" noch einmal. Smirnow: "Dann sah ich, daß der Frachter uns an der Seite rammen würde. Er versuchte zu stoppen, aber es war zu spät."
Die "Prawda" konstatierte nachher, beide Kapitäne hätten die "Richtlinien für sichere Navigation" verletzt; die "Komsomolskaja prawda" notierte "elementare Schlamperei und Leichtsinn".
Der Aufprall riß mittschiffs zwischen Maschinen- und Kesselraum der "Nachimow" ein 90 Quadratmeter großes Loch. Kapitän Markow versuchte noch, sein Schiff auf Grund zu setzen, aber die Ruderanlage versagte. Die Elektrizität war sofort ausgefallen. Kein Rettungsboot kam mehr zu Wasser. Binnen sieben bis acht Minuten sank die "Nachimow".
Die Fahrgäste Aljona und Jurij Pawlikowski - auf Hochzeitsreise - erlebten den Zusammenstoß in ihrer Kabine. "Ich bin ein schrecklicher Feigling und habe geheult", berichtete Frau Pawlikowskaja, "Jurij behielt klaren Kopf. " Er fand die Schwimmwesten und half mir. In der Dunkelheit rannten wir hinaus an Deck. Es war ganz furchtbar. Alles sackte unter unseren Füßen weg. Wir rutschten regelrecht über Bord. Die Menschen schrien."
Die beiden trieben drei Stunden im Wasser, bis ein Schlepper sie aufnahm, zusammen mit einem Steward, der noch seine Smokingschleife umhatte.
Die überlebenden schwammen in einer riesigen Lache von ausgelaufenem Dieselöl. Die Wassertemperatur betrug um die 20 Grad. Wind kam auf und steigerte den Seegang. Ein Heizer wurde 15 Kilometer abgetrieben und erst nach 15 Stunden geborgen.
Ein Tragflügelboot eilte aus Noworossijsk an die Unfallstelle, die Schüler der Höheren Seeingenieurschule ruderten mit Rettungsbooten heran, angeblich schafften sie die 13 Kilometer in 40 Minuten. Schließlich suchte ein halbes Hundert Schiffe das Meer ab; auch die kaum beschädigte "Pjotr Wassew" nahm Opfer auf. Aus Sotschi flogen acht Hubschrauber herüber und beleuchteten den Ort der Katastrophe mit Scheinwerfern.
Von den 1234 Passagieren und Mannschaften der "Nachimow" wurden 836 gerettet. Nur 116 Leichen konnten geborgen werden, die meisten der insgesamt 398 Toten stecken im Schiff, das 47 Meter tief auf dem Meeresboden liegt.
Um Mitternacht, eine halbe Stunde nach dem Untergang der "Nachimow", trat in Noworossijsk ein Stab "zur Liquidierung der Havarie-Folgen" zusammen. Einwohner liefen mit Kleidung und Essen für die Geretteten zum Kai. In Moskau wurde eine weitere Katastrophen-Kommission eingesetzt - eine ist noch für Tschernobyl zuständig, eine zweite kümmert sich um die Erdbebenfolgen in Moldawien. An die Spitze der dritten trat das Politbüro-Mitglied Gejdar Alijew; der Kaukasier hatte schon vor drei Jahren so eine Kommission geleitet, als ein (nach dem Zarengeneral Suworow benannter) Wolga-Dampfer eine Eisenbahnbrücke rammte: 152 Tote.
Damals meldete die Sowjetpresse nur: "Es gab Tote" - gemäß dem Grundsatz, daß eine Hiobsbotschaft das strahlende Propaganda-Bild von der heilen Sowjetwelt nicht verdunkeln dürfe, wie denn auch nach Tschernobyl der Kreml erst einmal verharmloste und dem Westen Panikmache vorwarf.
Bilder vom Unglück gab es nicht, keine Photos von Geretteten, nur von den Rettern. "Tass" meldete die "Havarie" mit 17 Stunden Verspätung am Montagnachmittag. Am Dienstag räumten die Zeitungen ein: "Es gibt Opfer."
Da soll, so wird in Moskau erzählt, Michail Gorbatschow eingegriffen haben, aufgeschreckt durch die verheerenden Folgen der Tschernobyl-Desinformation auch im eigenen Land. Der Parteichef macht zur Zeit Urlaub, mutmaßlich in seiner Stawropoler Heimat, vier Autostunden von Noworossijsk entfernt.
Am Dienstagnachmittag stand der Vizeminister für die Hochseeschiffahrt, Leonid Nedjak, den Auslandskorrespondenten in Moskau Rede und Antwort - obwohl unter den Opfern kein Ausländer war. Die sowjetische TV-Nachrichtensendung "Wremja" (Die Zeit) übertrug die Pressekonferenz.
Solch offene Auskunft über ein nationales Unglück hat es in der Geschichte der Sowjet-Union noch nicht gegeben.
Nedjak hielt die "Admiral Nachimow" für "nicht neu, aber gut". Das Schiff war nach dem zaristischen Admiral Pawel Nachimow benannt, der 1855 in jenem unseligen Krim-Krieg fiel, in dem sich Rußlands Schwäche bestürzend offenbarte: Die rückständige Industrie konnte dem Heer keine Waffen und der Flotte keine Kohle liefern, Korruption lähmte die gesamte Versorgung.
Die Schmach der Niederlage bewirkte einen nationalen Aufschwung. Daran denkt jeder geschichtsbewußte Russe, wenn er den Namen des nahe der Krim versunkenen Schiffes hört.
[Grafiktext]
Hier sank die "Admiral Nachimow" Route der "Admiral Nachimow"
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 37/1986
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