28.07.1986

„Nur so eine Art Fremdenführer“

Die Geschäfte organisierter Schlepper mit Asylsuchenden aus der Dritten Welt *
Die Weisung war präzise, fast schon militärisch korrekt:, Immer geradeaus, ungefähr 2000 Meter auf den Turm zu, geduckte Haltung kein Laut. Kommen fremde Personen, runter. Nicht rühren, bis alle weg sind. Dann habt ihr es geschafft."
Geschafft ist gut. Die drei Männer und zwei Frauen aus Marokko, die an einem nebligen Novemberabend der Order folgten, wechselten nur von fremdem Territorium auf fremdes Territorium - von den Niederlanden nach Deutschland, über die grüne Grenze. Ihr Ziel: in der Bundesrepublik um Asyl nachzusuchen.
Ein dunkelhaariger Bursche, Mitte 20, ihrer Sprache mächtig, hatte sie in Maastricht aufgegabelt - ein professioneller Schlepper, der sein Geschäft mit Flüchtlingen macht. Mit seinem schweren Volvo fuhr er die Marokkaner bis auf zwei Kilometer an die Grenze heran, dort ließ er sie zurück, passierte selbst ordnungsgemäß die Kontrollen und nahm schließlich den kleinen Trupp Flüchtlinge im Schatten eines Gotteshauses wieder auf. Sein Honorar: pro Kopf 400 Mark.
Geredet wurde auf der weiteren Fahrt in die Nähe von Aachen kaum. Natürlich auch kein Wort darüber, was geschieht, wenn das Asylbegehren abgelehnt würde: Rückreise möglicherweise, das ganze Vermögen in den Sand gesetzt. Als der Schlepper bei einer neuen Aktion, von Zollbeamten gestellt wurde, kehrte er den Menschenfreund hervor: "Ich bin doch nur so eine Art Fremdenführer."
Die Schlepper und ihre Organisationen in den Herkunftsländern der Asylbewerber verdienen sich bei dem Geschäft mit Menschen goldene Nasen. Für jeden springen manchmal, weiß ein nordrhein-westfälischer Zöllner, "10000 Mark im Monat heraus, bar auf die Hand, steuerfrei".
Vor Ort wird der Preis für den illegalen Transfer vereinbart. Knapp 5000 Mark etwa zahlte ein junger Mann aus Anatolien - Garantie dafür, daß man ihn "nach Deutschland an einen Ort meiner Wahl bringen" werde.
Gold ist den kriminellen Türken, wegen des Geldverfalls, am liebsten; doch sie lassen auch Ratenzahlungen zu. "Zur Finanzierung der Reise", erzählte eine Frau deutschen Zollbeamten bei der Vernehmung, "hat mein Vater einen Acker verkauft."
Die Kontaktaufnahme zum Schlepper schilderte sie, laut Protokoll, so: _____" Der Name des Mannes war Sami oder Saumi, ich glaube " _____" er war Christ. Mit Sicherheit war er Christ und sehr " _____" reich. Wenn ich gefragt werde, ob ich den Sami früher im " _____" Dorf gesehen habe, beantworte ich das mit nein. Ich weiß " _____" aber, daß Christen aus Istanbul im Dorf gewesen sind, um " _____" illega le Einwanderungsmöglichkeiten nach Deutschland " _____" dazulegen. Verhandlun gen darüber sind aber mit den Män " _____" nern geführt worden. "
Den Vernehmungsbogen hat sie nicht abgezeichnet. Vermerk eines Zöllners: "Unterschrift nicht möglich, da Analphabetin."
Im März und April wurden an den deutschen Grenzen 38 Schlepper enttarnt. Der Verdacht bestätigte sich so ein interner Zollbericht, "daß die Schleusungen immer straffer von professionellen Schleusern organisiert, geplant und durchgeführt" werden.
Nach den Erkenntnissen der Behörden haben sich vier Grenzabschnitte zu "regionalen Schwerpunkten" entwickelt: *___die deutsch-österreichische Gren ze bei Freilassing, ____Bayerisch Gmain und Bad Reichenhall (meist Rumänen und ____Türken), *___die deutsch-dänische Grenze bei Harrislee nahe ____Flensburg (Polen, Libanesen), *___die deutsch-niederländische Gren ze bei Tüddern nahe ____Aachen (Marokkaner), *___die deutsch-französische Grenze bei Naßweiler, ____Saarlouis und Saarbrücken (Pakistani, Inder, ____Srilanker).
Aus dem Bericht der Grenzschutzdirektion Koblenz: "Die bisherigen relativ wenigen Grenzstreifen können zwar bestimmte erkannte Schleusungsschwerpunkte gezielt überwachen, neue Stellen aber meistens nur durch zusätzliche Informationen feststellen. Hier kommt es also entscheidend darauf an, der Grenze durch gezielte Vernehmungen der Ausländer im Inland entscheidende Hinweise zu geben." Doch nur wenige sind bereit, den Ermittlern zu helfen: "Die sind wohl", mutmaßt ein Zöllner, "vorher entsprechend gekeilt worden."
Der zweite Weg, per Flugzeug nach Deutschland einzureisen, mag für die Asylbewerber bequemer sein, teurer ist er allemal. Grenzschützer sprechen, etwa bei der Route über die Flughäfen Schönefeld (DDR) oder Frankfurt, von "Schleusungen in Verbindung mit organisierter Asylantragstellung".
Die Machart ist meist die gleiche: Daheim, in Pakistan, in der Türkei oder im Libanon, verhökern die Schlepper gefälschte Reisepässe. Sie werden beim Ticketkauf vorgelegt.
Das tatsächliche Ziel - Beispiel-Frankfurt - wird nicht angegeben. Die Schleuser suchen für ihre Klienten Flüge nach London, Warschau oder Sofia, ein Zwischenstopp in Frankfurt muß jedoch garantiert sein. Im Jet werden die falschen Pässe dann, "angeblich auf Anweisung der Schleuser" (Grenzschützer), vernichtet. Während des Transitaufenthaltes stellen die Passagiere plötzlich Asylanträge.
Oder: Nach Fürsprachen und Empfehlungsschreiben werden bei bestimmten deutschen Botschaften Sichtvermerke für die Einreise erteilt. Reisegrund in den meisten Fallen: Urlaub.
Nach Erfahrungen des Grenzschützes läuft dieses Verfahren vor allem über Bonns Vertretung in der saudischen Hauptstadt Riad. Allein zwischen dem 15. Juli und dem 12. Oktober 1985 beantragten dort 92 äthiopische und 13 somalische Staatsangehörige die entsprechenden Sichtvermerke, unterstützt von "Firmen und staatlichen Institutionen in Saudi-Arabien" (Zollbericht) - die wohl gehörig geschmiert werden.
Ganz trickreich wollte ein Äthiopier sein, der Ende des letzten Jahres mit einem sudanesischen Paß und deutschem Botschaftsstempel in Frankfurt einreiste. Sein Sichtvermerk trug den Zusatz: "Nur in Begleitung seiner königlichen Hoheit Prinz Sattam Bin Abdulaziz al Saud."
Das imponierte den Zöllnern nicht im geringsten. Gefragt, wo denn der Prinz, immerhin stellvertretender Gouverneur von Riad, abgeblieben sei, verhaspelte sich der Mann - er wurde zurückgeschickt.
Die deutschen Behörden sind mittlerweile argwöhnisch geworden: _____" Es besteht der begründete Verdacht, daß Pässe mit " _____" Sichtvermerken der deutschen Botschaft in Riad dazu be " _____" nutzt werden, äthiopische Staatsange hörige in das " _____" Bundesgebiet einzu schleusen. In den Pässen werden ver " _____" mutlich Lichtbilder ausgewechselt. "
Mehr noch: Die Ausweise werden zum Teil zurückgeschickt und erneut benutzt" - ein kriminelles Recycling mit Asylsuchenden.

DER SPIEGEL 31/1986
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