08.09.1986

Desmond Tutu: „Wie Mose in der Wüste“

SPIEGEL-Korrespondent Paul M. Schumacher über das neue Oberhaupt der Anglikanischen Kirche von Südafrika *
Desmond Tutu lud ein: die Popgrößen Lionel Ritchie und Stevie Wonder, den Karibik-Caruso Harry Belafonte und Coretta King, Witwe des ermordeten US-Bürgerrechtskämpfers Martin Luther King. Geladen waren die US-Politiker Edward Kennedy, Jesse Jackson und Gary Hart, die Bürgermeister Ed Koch (New York) und Tom Bradley (Los Angeles) sowie der schwarze Tennis-Champion Arthur Ashe.
Sie alle sollten in den Kapstaat kommen, um am vergangenen Sonntag an einem in Afrika einzigartigen kirchlichen Spektakel teilzunehmen.
Nur Südafrikas gestrenger Innenminister Stoffel Botha wollte Tutu die Schau stehlen. Es gebe "keine Zusicherung", so der oberste Grenzwächter, daß "alle geladenen Gäste keine Schwierigkeiten haben werden, in den Besitz eines Einreisevisums zu gelangen".
Die Verärgerung des Buren wundert nicht, denn die scheinbar bunt zusammengewürfelten Gäste sind ausnahmslos prominente Kritiker der Apartheid. Genau einen Monat vor seinem 55. Geburtstag, stand die "Inthronisierung" Desmond Mpilo Tutus in der Kapstädter Sankt-Georgs-Kathedrale als Erzbischof der Anglikanischen Kirche Südafrikas an. Amtseinführung wäre ein zu steifes Wort für die prunkvolle Zeremonie, in der afrikanische Tradition und anglikanischer Pomp verschmolzen.
Der Erzbischof von Canterbury, Exzellenz Robert Runcie von der britischen Staatskirche (1534 von Heinrich VIII. gegründet), hatte sich angesagt, den afrikanischen Bruder zu feiern, das neue Oberhaupt von knapp zwei Millionen schwarzen und weißen Anglikanern (von 29 Millionen Christen insgesamt) des Kapstaats.
Für die Bevölkerungsmehrheit ist der kleine, grauhaarige Desmond Tutu mit der eindringlichen Stimme Integrationsfigur und Held im Kampf für die Befreiung vom Joch des weißen Mannes. Und den weißen Volksvertretern im Kapstädter Parlament wird jetzt wohl vollends klar, daß die Thronbesteigung des ersten schwarzen anglikanischen Erzbischofs ein Sinnbild ist für den Wandel, den _(Im Dezember 1984 im Weißen Haus. )
Südafrika demnächst auch politisch vollziehen muß.
Wie kein zweiter hat Desmond Tutu im vergangenen Jahrzehnt dazu beigetragen, daß die gesetzlich legitimierte Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung die ganze Welt immer stärker empörte. Seine Appelle an die Moral westlicher Demokratien, sein leidenschaftlicher, aber friedfertiger Kampf gegen die Apartheid im letzten Bollwerk weißer Macht in Afrika trugen dem Geistlichen 1984 den Friedensnobelpreis ein.
Danach wurde der Bischof von Johannesburg einer der gefährlichsten Gegner der Apartheid-Verweser. Dem SPIEGEL sagte er im vergangenen Jahr: "Internationaler Druck ist das letzte Mittel für eine vielleicht doch noch friedliche Lösung." Seit April fordert Tutu nun den totalen Wirtschaftsboykott.
Seit im September 1984 die schrecklichen, bürgerkriegsähnlichen Rassenkrawalle -ausbrachen, die sich schnell übers Land ausbreiteten und Südafrika nicht mehr zur Ruhe kommen ließen, starben mehr als 2200 Menschen, viele Zehntausende wurden verletzt. Der um Aussöhnung von Schwarzen und Weißen bemühte Seelsorger Tutu geriet zwischen die Fronten. Die armen schwarzen Gläubigen huldigten dem Bischof mit unverbrüchlicher Treue, doch viele wohlhabende Weiße, immerhin ein Viertel der anglikanischen Gemeinde, traten aus der Kirche aus.
Die meisten weißen Südafrikaner halten Tutu für einen "Revoluzzer" und "demagogischen Tribun im Bischofsgewand" (so Präsident Pieter Willem Botha). Sie machen Witze über seine hohe Fistelstimme und seine theatralische Art. Das schwarze Volk hingegen liebt Tutu, gerade weil er bei seinen Predigten kichert und kollert oder tanzend in die überfüllten Gotteshäuser einzieht.
Tutu wandelt auf schmalem Grat. Für die Scharen junger Freiheitskämpfer, die sich "Comrades" nennen, ist selbst er ein Angepaßter, weil er oft Kompromisse predigte. Anfang des Jahres wurde Tutu zum ersten Mal von einer schwarzen Menge in Alexandra, einem Getto im Norden Johannesburgs, ausgebuht.
In fast allen Townships kämpfen Jugendliche, todesmutig und selbstvergessen, mit Benzinbomben, Steinen und neuerdings Kalaschnikows gegen staatliche Sicherheitskräfte. Der trotzig geführte Machtkampf schwarzer und weißer Nationalisten läßt dem geistlichen Makler Tutu kaum noch Chancen. Doch nicht umsonst wurde er kürzlich in einer südafrikanischen Zeitung der "Amboß Gottes" genannt. "Der Wille zur Versöhnung kann einen hohen Preis fordern", rief der Bischof der johlenden Menge in Alexandra zu: "Gott verlor so seinen einzigen Sohn."
Auch dem Westen gibt der Bischof Rätsel auf. Tutu sei "widersprüchlich", kritisiert die Presse gelegentlich: "Er verlangt Opfer von den schwarzen Massen, die ihn selbst unberührt lassen." Ist er gar ein "schwarzer Engel mit gespaltener Zunge" ("Die Weltwoche")?
Schillernd ist der kleine kämpferische Kirchenmann allemal dessen Größe englische Zeitungen mit fünf Fuß und drei Zoll (160 Zentimeter) angeben. Als Bischof von Johannesburg stand ihm eine prächtige, doppelgeschossige Villa im vornehmen Weißen-Vorort Westcliff zur Verfügung. Doch Tutu schlief häufig in seinem Haus im Schwarzen-Getto Soweto. Der Bungalow mit seinen hohen weißen Mauern und dem gepflegten Vorgarten unterscheidet sich allerdings erheblich von den Township-üblichen "Streichholzschachteln" (Tutu).
Auch dem neuen Erzbischof steht in Kapstadt eine prunkvolle Residenz in Bishopscourt, in der Nachbarschaft von Botschaften und Millionärsresidenzen zur Verfügung. Kenner des publicitybewußten Oberhirten wetten, daß es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis sich Tutu um ein Zweithaus in einem der Elendsquartiere Kapstadts bemüht.
Der Gottesmann weiß sich ins Bild zu setzen, etwa so: Vor laufenden Fernsehkameras schritt er in Soweto vor vier Jahren in eine aufständische Menge, löste das goldene Kreuz, das ihm auf der Brust baumelte, von seiner Kette. Tapfer ging er auf einen riesenhaften burischen Polizisten zu, der gerade einen Schwarzen verprügelte. "Hou aan, broer" (halte ein, Bruder), rief der kleine Tutu dem Polizisten zu - in Afrikaans der Sprache der Unterdrücker. Der Schläger starrte entgeistert auf den Geistlichen mit seinem hocherhobenen Kruzifix und vergaß darüber sein Opfer. Die Menge johlte vor Begeisterung.
Weiße Südafrikaner, die sich immer noch "Europäer" nennen, werden die vom Bischof ausgehende Faszination wohl nie begreifen. Da sie ihn meist nur in kurzen Filmausschnitten des Staatsfernsehens erleben, ist er ihnen bis heute so unbekannt geblieben, daß sie ihn als "Politclown" verspotten.
Die Fehleinschätzung Tutus durch die Weißen ist eine Folge der seit fast vier Jahrzehnten währenden Rassentrennung. Nur wenige Weiße sprechen eine der schwarzen Sprachen oder bemühen sich, die Gedanken der Schwarzen zu begreifen. Erst neuerdings werden Xhosa oder Zulu, Sotho oder Tswana im Schulunterricht der Weißen angeboten - als Wahlfach.
Tutus wahre Persönlichkeit offenbart sich weder im Fernsehen noch in den zahllosen Interviews, die er bereitwillig gewährt: Man muß ihn vor einer Menge
von Schwarzen erleben. Dort betet er zunächst andächtig, um in der nächsten Minute tobend zu schreien. Er läuft rot an vor Zorn, schluchzt und weint, bis er endlich die demütig auf die Knie gesunkene Gemeinde segnet: Desmond Tutu Superstar.
Ein Exorzist, der, noch immer friedlich, den Weißen den Apartheidswahn austreiben will, so gelangte Tutu zu Weltruhm - den er nicht verschmäht. Für Journalisten ist der Nobelpreisträger fast jederzeit zu sprechen, selbst nach vielstündigem Flug.
Als er Ende Oktober 1984 nach einem Marathon der Ehrungen quer durch Europa und die USA schließlich wieder in Johannesburg landete, begann er ein SPIEGEL-Interview (Nr. 43/1984) mit dem Stoßseufzer: "Lieber Gott, mach es kurz..." Dann stand er klaglos Rede und Antwort. Beim Abschied erzählte er einen Scherz "Baba" (Vater) habe ihn unlängst seine Frau Leah mit jenem Namen angesprochen, den seine Freunde benutzen. Ironisch auf seine Popularität anspielend, habe sie gesagt: "Eines Morgens werde ich aufwachen und du wirst als Papst neben mir liegen." Dabei funkelten die Augen des Bischofs schelmisch-vergnügt hinter den dicken, getönten Brillengläsern.
Keine Frage, das PR-Talent Tutu bleibt Sieger wenn er, wie mehrmals im US-Fernsehen, gegen meist sauertöpfisch dreinblickende Angehörige der herrschenden Buren-Riege antritt, die der Welt mit erhobenem Zeigefinger das Festhalten an ihrer Rassenideologie erklären wollen.
Tutu erhielt früh Gelegenheit, die Afrikaaner kennenzulernen. Bei seiner Geburt am 7. Oktober 1931 war der Xhosa-sprechende Vater Leiter einer methodistischen Grundschule in dem Buren-Städtchen Klerksdorp. Die Tswana-sprachige Mutter arbeitete als Wäscherin für Weiße. Bei der Versetzung des Schulmeisters ins gleichfalls burische Ventersdorp lernte der an Tuberkulose erkrankte Junge Afrikaans, auf brutale Art:
Weiße Kinder riefen ihn immerzu "Pik". Der kleine Desmond wunderte sich, weshalb sie ihn als Picke, als Gartengerät, verunglimpften. Schließlich lernte er, daß die Weißen ihn mit einer Kurzform von "pik swart" (zu deutsch: pechschwarz) verhöhnten.
Auch seine ersten Erfahrungen mit der Rassendiskriminierung rühren aus der Zeit auf dem platten Land", wie Tutu selbst gerne erzählt "In der Grundschule lernten wir Geschichte, und merkwürdigerweise wurden die Schwarzen im Krieg gegen die Kolonialisten immerzu als Viehdiebe bezeichnet, während die Weißen die Rinderherden von den Schwarzen erbeuteten."
Allerdings hatte der kleine Lehrersohn auch "einen griechischen Freund" in Ventersdorp. Der Besitzer eines Gemischtwarenladens, in Südafrika Cafe genannt, gab dem Jungen hin und wieder "Sweets", wenn er die Zeitung für den Vater kaufte.
Anfang der vierziger Jahre trat die Tutu-Familie in die anglikanische Kirche ein. Verwundert beobachtete Desmond, "wie zum ersten Mal ein weißer Mann vor meiner Mutter den Hut abnahm" - es war der anglikanische Priester Trevor Huddleston. Der höfliche Hirte, heute Erzbischof des Indischen Ozeans, ist noch immer ein enger Freund Tutus. "Seine weiße Soutane wurde schnell schmuddelig, weil Kinder ... ihn anfassen und festhalten wollten", erinnert sich Tutu.
Dem jungen Tutu fehlte das Geld für ein Medizinstudium. So wurde er zunächst Lehrer wie sein Vater. Gegen Ende der fünfziger Jahre durchschaute er die von Weißen ersonnene Erziehungsdoktrin für Schwarze: "Wir sollten gute Untertanen bleiben." Der junge Mann mittlerweile mit einer Lehrerin, Schülerin seines Vaters, verheiratet, wechselte in den anglikanischen Priesterstand über. Die Familie (vier Kinder) zog später für mehr als ein Jahrzehnt ins _(Im August 1986 an der Chinesischen ) _(Mauer. )
Ausland. In London baten die Tutus häufig "nur zum Spaß" einen britischen Bobby um irgendeine Auskunft. Sie konnten sich gar nicht satthören an der freundlichen Antwort, die stets mit einem höflichen "Yes, Sir ..." begann.
Befragt, wann er ein entschlossener Apartheidsgegner wurde, antwortete Tutu im November vorigen Jahres: "Das kam mit meiner Ernennung zum Superintendenten in Johannesburg. Im Mai 1976 schrieb ich an den damaligen Premierminister Johannes Vorster und warnte ihn vor der Wut, die unter den Schwarzen wuchs. Vorster zog es vor, meinen Brief zu ignorieren. Einen Monat später kam es zu blutigen Aufständen (die mit der Kinderrevolte von Soweto am 16. Juni begannen), wurden viele hundert Menschen getötet."
Fortan stand der Priester unter ständiger Überwachung durch die Sicherheitsbehörden. Beim morgendlichen Fünf-Kilometer-Dauerlauf durch Soweto folgten ihm die Aufpasser. Und als er einmal vor einem Johannesburger Hotel auf den Rasen sank, um sich die schmerzenden Füße zu reiben, weil ihn seine engen italienischen Mokassins drückten, eilte sogar ein Bewacher herbei und bot seine Hilfe an. Zumindest dieses eine Mal fühlte sich Tutu in seiner Überzeugung bestätigt: "An dem Tag, an dem die Weißen ihren durch Protzerei verdeckten Selbstzweifel ablegen, werden wir beginnen, unsere zerbrochenen mitmenschlichen Beziehungen zu heilen."
Gewöhnlich allerdings scheute die weiße Staatsmacht nicht vor dem Versuch zurück, den unbequemen Kirchenvertreter zu Fall zu bringen. Einige Zeit nach seinem Amtsantritt, 1978, als Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrats in Johannesburg, verfügte die Regierung eine amtliche Prüfung seiner Finanzen. Im Abschlußbericht wurde versucht, die kirchliche Organisation als Teil einer weltweiten, kommunistischen Verschwörung darzustellen. Tutu sollte eine mysteriöse 15000-Dollar-Spende zweckentfremdet und - so lautete der Vorwurf - für den Ausbau seines Hauses in Soweto verwendet haben.
Der Kirchenrat rechtfertigte sich, weil so manche Millionenspende von Gottesbrüdern aus dem Ausland nicht offiziell - zum Beispiel an politisch Verfolgte - verteilt werden könne. Salomonisch urteilte die Schweizer "Weltwoche": "Afrika ist Afrika."
"Drei gute Gründe" nennt Tutu, derentwegen er niemals in die Politik gehen werde: Erzbischof Makarios, Ajatollah Chomeini und Bischof Abel Muzorewa.
Muzorewa, Methodisten-Geistlicher im alten Rhodesien, ist zweifellos das abschreckendste Beispiel dafür, was einem politisch engagierten Kirchenmann widerfahren kann, der in der Endphase eines antikolonialistischen Kampfes im südlichen Afrika auf die falsche Seite gerät. Lange Jahre galt Muzorewa als untadeliger Gegner des Siedlerregimes unter Ian Smith.
Dann setzte er sich, in bester Absicht, mit den Kolonialherren an den Verhandlungstisch, übernahm sogar die Leitung einer von vornherein wackligen Übergangsregierung. Bei den ersten freien Wahlen 1979/80 in Simbabwe, die der Marxist Robert Mugabe gewann, wurde Muzorewa mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt.
Auch Tutu ist bereit, mit dem weißen Machthaber im Gespräch zu bleiben. Der "Mose in der Wüste", so seine Selbsteinschätzung, traf sich erst im Juli wieder mit Präsident Botha. Tutu: "Gehe hin und sprich mit dem Pharao, auch wenn er harten Herzens ist."
Das arrogante und brutale Auftreten der Botha-Regierung im Frühjahr bewog den lange zögernden Tutu die Welt zu wirtschaftlichen Sanktionen gegen Südafrika aufzurufen. Ausgerechnet als ein Untersuchungsausschuß des Commonwealth-Bundes die Region bereiste, griffen südafrikanische Sonderkommandos drei schwarze Nachbarstaaten an, die allesamt angesehene Mitglieder des Staatenbunds sind: Simbabwe, Sambia und Botswana.
Daraufhin empfahlen die Emissäre in ihrem Bericht Sanktionen als "einzige Möglichkeit, das größte Blutbad seit dem Zweiten Weltkrieg abzuwenden". Dem konnte auch Tutu nur zustimmen. Mißbilligend schrieb die größte Wirtschaftszeitung - für weiße Südafrikaner - "Business Day": "Niemand hat mehr für Sanktionen getan als der anglikanische Träger des Friedensnobelpreises."
Nur seine Prominenz hat den Bischof bislang vor dem Schicksal jener unbekannten Regimegegner bewahrt, die hinter Gittern sitzen. Seit der Verkündung des landesweiten Ausnahmezustandes Mitte Juni wurden - nach amtlichen Angaben - 8521 Personen verhaftet. Aber es können auch doppelt so viele sein, vermuten oppositionelle Politiker.
Der Aufruf zum Wirtschaftsboykott ist ein besonders schweres Vergehen, das mit langjährigen Haftstrafen geahndet wird. Dennoch hat der Bischof auf seiner Fernostreise im August keine Gelegenheit ausgelassen, die wirtschaftliche Achtung seines Landes zu fordern. Die Machthaber in Pretoria schmähten ihn daraufhin als "Verräter" und brüsteten sich, man habe "strategische Vorräte für die nächsten zehn Jahre" eingelagert. Im Ersten Deutschen Fernsehen forderte Präsident Botha vorigen Montag den Westen trotzig auf, ruhig Sanktionen zu verhängen: "Das macht uns nur stärker."
Bei seiner Rückkehr ans Kap verkündete Tutu weiter furchtlos seine Lösung: Er sei "für Sanktionen, aber gegen Gewalt" - die des Unterdrücker-Regimes ebenso wie die jener radikalen Apartheidsgegner, die bereits Hunderte tatsächlicher und vermeintlicher Kollaborateure mit dem "Halsband" (das Opfer
verbrennt in einem benzingetränkten Autoreifen) hingerichtet haben.
Die knapp fünf Millionen Weißen sind zwar heute bereit - das haben Umfragen wiederholt ergeben - zumindest einen Teil ihrer Macht an die schwarze Mehrheit abzugeben. Doch nun ist die Geduld der Schwarzen erschöpft. Wenn Präsident Botha vom "überholten Konzept der Apartheid" spricht, erwidert Tutu: "Ganz offenkundig will er uns und der Welt nur eine neuere, zeitgemäßere Version bieten. Und das genügt nicht." Die Schwarzen sind mißtrauisch, und sie wollen frei sein; frei sein auch, um ihre eigenen Fehler machen zu können.
Deshalb verlangen viele den wirtschaftlichen Boykott ihres Landes, wodurch zwangsläufig das Millionenheer der schwarzen Arbeitslosen anschwellen würde. Allein der Boykott südafrikanischer Kohle und Früchte, der erwogen wird, würde bis zu 300000 Arbeitsplätze gefährden. "Es wird sich zeigen müssen, ob Tutu recht hat, wenn er behauptet, Schwarze zögen die Sanktionsleiden dem Reformprogramm Bothas vor", kommentiert "Business Day" den "sehnlichsten Wunsch" des Kirchenmannes.
Das Blatt bezweifelt es. Auch die liberale Parlamentarierin Helen Suzman, die seit Jahrzehnten als Sprecherin der politisch Entrechteten auftritt, warnt vor der "irgendwie sinnlosen wirtschaftlichen Bestrafung". Sie behauptet: "Man nimmt den Schwarzen ihre mächtigste Waffe im Kampf gegen die Apartheid - ihre wachsende Macht auf dem Arbeitsmarkt."
Allerdings ist die Liberale eine vermögende Dame, die im Johannesburger Nobel-Vorort Houghton residiert. Weil der Rassenkampf zunehmend Klassenkampf geworden ist, wird Helen Suzman von jungen Radikalen als reaktionäre Bremserin angesehen.
Beide Seiten beanspruchen, die Gedanken der Schwarzen richtig zu lesen. Bischof Tutu und die radikalen Führer der mächtig erstarkten schwarzen Gewerkschaften meinen, für Millionen zu sprechen, die den Wirtschaftsboykott wünschen. Doch Präsident Botha reklamiert "die schweigende schwarze Mehrheit" für sein Programm "evolutionärer Reform, gerechterer Verteilung und wachsenden Wohlstands für alle durch ausländische Investitionen".
Gegen Sanktionen ist nach wie vor auch der Zulu-Führer Gatsha Buthelezi, einer von Tutus Gegenspielern im Kampf um die Herzen der Schwarzen. Der Chef des "Heimatlandes" KwaZulu weigert sich beharrlich, die von Pretoria gewünschte Unabhängigkeit für seine sechs Millionen Zulus anzunehmen. Damit durchkreuzt er die "große" Apartheid der Machthaber, die davon träumten, alle Schwarzen in zehn ethnisch definierte Heimatländer (auf nur 13 Prozent des Territoriums) abzuschieben.
Buthelezi ist Führer der offiziell größten schwarzen Bewegung "Inkatha" (1,2 Millionen eingeschriebene Mitglieder), deren bäuerliche Anhänger in blinder Ergebenheit, notfalls mit Keulen, Streitäxten und Speeren, wie ihre kriegerischen Vorfahren zu ihrem Häuptling stehen.
Anders als Buthelezi will Tutu nun keine Kompromisse mehr machen. Als er sich von seiner Johannesburger Gemeinde verabschiedete, versprach er den tiefbewegten Gläubigen, daß sie "einmal frei sein werden" - auch wenn es "noch mehr" Leben koste.
Während die Gemeinde von den Bänken aufsprang und sich in einem melancholischen Rhythmus hin- und herwiegte, dabei mit den Handflächen auf die Gebetbücher trommelnd, rief Tutu ihnen zu: "Mögen sich die Mächte der Welt auch dagegen wehren, wir werden frei sein!" Leicht wird es nicht: Doch der Preis der Freiheit sei der Tod vieler.
Der Gottesdienst schloß mit einem afrikanischen Lied. "Was haben wir nur getan?" intonierte ein Vorsänger. Und die Gemeinde antwortete ihm: "Wir sind schwarz, das ist unsere Sünde."
Im Dezember 1984 im Weißen Haus. Im August 1986 an der Chinesischen Mauer.
Von Paul M. Schumacher

DER SPIEGEL 37/1986
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