08.09.1986

ISRAELHarlem in der Wüste

Eine Seltsame Sekte von US-Schwarzen, die sich für die „wahren Juden“ halten, kämpft gegen die Ausweisung aus dem Gelobten Land. *
Sie nennen sich "die wahren Israeliten" oder "Söhne der Propheten". Sie behaupten, von den zehn verschollenen Stämmen abzustammen, die in biblischen Zeiten "wegen ihrer Sünden" nach Afrika verbannt und später von dort als Sklaven nach Amerika verschleppt worden seien - "Schwarze Hebräer", eine Sekte von US-Schwarzen, die schon seit Jahren versuchen, ihr "Kingdom of God" in der angeblichen Urheimat Israel zu errichten.
Jetzt droht der seltsamen Gemeinde mit den krausen Glaubensvorstellungen die Ausweisung aus dem Gelobten Land. Israels orthodoxer Innenminister Jizchak Perez, auf die Reinheit des jüdischen Glaubens bedacht, will die unerwünschten Fremden so schnell wie möglich loswerden. Gegen 46 der selbsternannten Hebräer ergingen Ausweisungsverfügungen, seit einigen Wochen werden sie mit Polizeigewalt abgeschoben.
Doch die ungebetenen Gäste wehren sich. "Wir haben nicht die geringste Absicht, uns vertreiben zu lassen", verkündet ihr Wortführer Gerson Parker, ein ehemaliger Busfahrer aus Chicago, der sich in der fremden Heimat Ben-Ami ("Sohn meines Volkes") Carter nennt.
Der "auserwählte Prophet" Carter hielt Israels jüdische Bevölkerung, die er als "weiße Juden" bezeichnet, für Usurpatoren. Für ihn ist seine etwa 3000 Mitglieder zählende Gemeinde "der Kern des jüdischen Volkes". Mit Bibelzitaten versucht er zu belegen, weshalb "wahre Juden" schwarz seien: "Und Mirjam und Aaron redeten wider Mose, um seines Weibes willen, die Mohrin ..., darum daß er eine Mohrin zum Weibe genommen hatte" (4. Mose 12,1).
Nur seine Gemeinschaft habe Anspruch auf das Heilige Land "in seinen biblischen Grenzen." Denn "die sich heute Juden nennen wollen, haben sich Identität, Land, Kultur, Sprache und Geschichte der wahren hebräischen Israeliten angeeignet"
Noch aggressiver - und absurder - schreibt einer der Ideologen des "Kingdom of God", Schaliach Ben-Jehuda: Die weißen Israelis würden in Wahrheit vom deutschen Volk abstammen. Sie hätten "ihre jüdischen Bräuche gestohlen" und dann "Deutschlands Wirtschaft völlig unter ihre Kontrolle" gebracht, was Hitler sehr genau erkannt habe. Unter Ausnutzung der "großen Lüge", daß die Nazis sechs Millionen Juden hätten umbringen lassen, hätten sie den Staat Israel gegründet. Jetzt sei "die Zeit gekommen, diese Mär zu entlarven".
Zwar hat "Messias" Carter seine Töne in letzter Zeit gemäßigt: "Ich lebe schon lange hier, jetzt verstehe ich euch besser". Doch für Israels Behörden bleibt "dieser antisemitische Kult, der in Kriminalität wurzelt, eine ernste Gefahr für das jüdische Volk und seinen Staat", so
ein Vertreter des Innenministeriums. Der Likud-Abgeordnete Dov Schilanski: "Diese Kerle sind schlimmer als die PLO."
Merkwürdig nur, daß Jerusalem die "schwarzen Juden so lange gewähren ließ. Begonnen hatte ihre Einwanderung schon im August 1969.
Damals landeten die ersten fünf Schwarzen Hebräer in Israel, angeführt von Charles Blackwell, einem der zwölf Sektenminister. Niemand nahm Anstoß daran, daß sie sich als Juden ausgaben. Vielfach wurden sie mit den Falascha, den Schwarzen Juden Äthiopiens, verwechselt und mit offenen Armen aufgenommen.
Bald folgte eine zweite Gruppe von 30 Schwarzen aus Chicago, die zuvor ein Jahr in Liberia verbracht hatten, dann aber dort ausgewiesen worden waren.
Nunmehr erbaten sie Asyl im Gelobten Land und beriefen sich auf das Rückkehr-Gesetz, nach dem das Land allen unbescholtenen Juden offensteht.
Im März 1970 kamen weitere 49 Schwarze Hebräer mit Ben-Ami Carter und seinen drei Frauen an der Spitze. Die "Stimme des Herrn" habe ihm befohlen, "die Söhne Jehudas in das Land Gottes zu bringen", beteuerte der kleine, charismatische Mann mit dem kraushaarigen Stutzbart, der seine Anhänger mit autoritärer Gewalt führt. Daß viele seiner Anhänger eine kriminelle Karriere in den USA hinter sich hatten, störte Carter nicht.
Zwar hatten die Behörden in Jerusalem inzwischen den Schwarzen Hebräern die Anerkennung als Juden versagt. Mithin, so bestätigte auch Israels oberstes Gericht, könne das Rückkehr-Gesetz nicht für sie gelten.
Dennoch duldeten die Israelis "aus humanitären Erwägungen", daß immer mehr Schwarze unter dem Vorwand der Familienzusammenführung kamen. "Wir waren allzu sorglos und naiv", meint heute Jizchak Agassi, Sprecher des Jerusalemer Innenministeriums.
Bald zählte die exotische Gemeinschaft Hunderte von Angehörigen, die im Süden des Landes, in der Entwicklungsstadt Dimona, ein schwarzes Getto bildeten und überwiegend von Schwarzarbeit lebten. "Harlem in der Wüste", schimpften israelische Nachbarn über die Siedlung der seltsamen Einwanderer.
In den USA würden noch zwei Millionen Schwarze Hebräer auf ihre Heimkehr warten, verkündete Sektenchef Carter und antwortete auf Fragen, was er in der neuen Heimat werden wolle, selbstsicher: "Ministerpräsident. "
Die Israelis versuchten erst, die Schwarzen - die den Sabbat achten und weitgehend koscher essen - zu integrieren. Ein Untersuchungsausschuß empfahl, ihnen ein eigenes Dorf in der Negev-Wüste zu bauen. Bedingung: Die Sekte müsse darauf verzichten, noch mehr Anhänger nachzuholen. Schließlich müsse "ein jüdischer Staat mehr Sensibilität als andere Länder gegenüber Minoritäten zeigen".
Damit ist es nun vorbei. Weil die Schwarzen-Gemeinde im Staate Israel ärgerliche Störenfriede blieben, sollen die illegalen Einwanderer nun in die USA zurückgeschickt werden.
Doch das ist gar nicht so einfach. Die meisten schwarzen Einwanderer haben längst auf ihre amerikanische Nationalität verzichtet, andere haben ihre Pässe dem "Messias" Carter anvertraut, der sie unter Verschluß hält. Die Behörden tun sich oft schwer bei der Identifizierung der Gemeindemitglieder, die meistens biblisch-hebräische Namen angenommen haben. Auch ließ die Sekte
weder Todesfälle noch Geburten registrieren. Viele wollen nicht in die USA zurück, weil dort die Justiz nach ihnen fahndet.
Carters Versuch, die geplante Ausweisung gerichtlich zu verhindern, scheiterte. Ein angedrohter "Hungermarsch" von Dimona nach Jerusalem fand nicht statt. Und als irrig erwiesen sich auch Gerüchte, die Sekte plane ihren kollektiven Selbstmord, so wie 1978 die Volkstempel-Sekte in Jonestown, Guyana.
Auch die Bemühungen der "hebräischen Israeliten", mit Appellen an das Rote Kreuz und an Schwarze Mitglieder des US-Kongresses die Öffentlichkeit für ihren "Überlebenskampf" zu mobilisieren, schlugen fehl.
Zwar reiste vor einiger Zeit eine Vertretung prominenter US-Schwarzer nach Israel, um sich für die schwarzen Brüder einzusetzen. Doch ihr Wortführer Rustin Bayard fand am Ende Verständnis für Jerusalems Sorgen: "Jeder Staat ist berechtigt, den Charakter seiner Bevölkerung zu bestimmen."
Dennoch kann es lange dauern, bis der letzte Schwarze Hebräer Israel verlassen haben wird. Weil die Direktflüge der El Al nach New York lange im voraus ausgebucht sind, können wöchentlich nur wenige unter polizeilicher Bewachung nach Amerika gebracht werden.
Ihre Ausweisung sei "unmenschlich und rassistisch", so einer der Heimkehrer, Emanuel Ben-Jehuda. Und Sektenchef Carter droht: "Wir werden uns niemals endgültig aus dem Gelobten Land verbannen lassen."

DER SPIEGEL 37/1986
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