08.09.1986

SPIEGEL Gespräch„Wir sind inzwischen erwachsen geworden“

Der ungarische ZK-Sekretär Matyas Szürös über die Emanzipation der Ostblock-Staaten
SPIEGEL: Herr Sekretär, bricht eine neue Ära in Osteuropa an? Wie Sie selbst gern betonen, hat Generalsekretär Michail Gorbatschow in seiner Rede auf dem 27. Moskauer Parteitag jedem Land zugestanden, den Sozialismus nach eigenem Gusto aufzubauen. Folgt auf die bekannte Breschnew-Doktrin von der "begrenzten Souveränität" der sozialistischen Staaten nun die Gorbatschow-Doktrin vom "begrenzten Pluralismus"?
SZÜRÖS: Das sind künstlich kreierte Doktrinen, das ist Ihre Terminologie. Aber es handelt sich hier ja um ein Gespräch, bei dem beide Seiten von ihrem Standpunkt ausgehen, und nicht um eine einseitige Erklärung. Doch um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich würde den Akzent nicht so sehr auf den Pluralismus legen. Wichtiger erscheint mir die simple Tatsache: Man hat erkannt, daß es keine zwei völlig gleiche sozialistische Länder gibt.
SPIEGEL: Ebensowenig wie kapitalistische.
SZÜRÖS: Das hat man erkannt, und das ist natürlich. Es gibt ja auch keine zwei völlig gleiche Menschen. Jedes Land, jeder Mensch ist durch andere historische und individuelle Einflüsse geformt.
SPIEGEL: Seitens der Sowjet-Union bedeutet das immerhin ein Umdenken. Angefangen von den Ereignissen in der DDR 1953 bis zu den Ereignissen in der Tschechoslowakei 1968 hat die UdSSR in der Vergangenheit stets darauf bestanden, ihren eigenen Standpunkt als den einzig möglichen durchzusetzen.
SZÜRÖS: Seither sind in der sozialistischen Welt ganz gewiß Veränderungen eingetreten. Die Vergangenheit ist eine Sache, die aktuelle Situation eine ganz andere. Heute läßt sich beobachten, daß jedes einzelne sozialistische Land ein eigenes Gesicht gewinnt. Gleichzeitig freilich intensiviert sich das Verhältnis dieser Länder zueinander.
SPIEGEL: Also doch Pluralismus?
SZÜRÖS: Ich würde der Formulierung zustimmen, daß die sozialistischen Länder erwachsen geworden sind. Sie betrachten sich unabhängig von ihrer Größe als souveräne, gleichberechtigte Staaten, sowohl gesellschaftlich wie wirtschaftlich. Außerdem, was heißt schon Größe? Als ich Botschafter in Moskau war, habe ich meinen russischen Freunden immer gesagt, daß alles relativ ist. Unter den Slawen sind die Russen die größte Nation. Im Kreis der magyarischen Verwandtschaft, das heißt im Kreis der finno-ugrischen Völker, sind wir Ungarn die Allergrößten. Dabei zählen die Russen fast 150 Millionen, wir Ungarn dagegen knapp 15 Millionen.
SPIEGEL: Sofern sich in Moskau der Gesichtspunkt durchsetzt, daß die Qualität nicht unbedingt aus der Quantität kommen muß, kann Ungarn nur profitieren.
SZÜRÖS: Richtig. Seit dem 27. Parteitag stimmen unsere Bestrebungen mit denen der Sowjet-Union noch stärker überein als früher. Dem ließe sich hinzufügen, daß die ungarische Position innerhalb der sozialistischen Gesinnungsgemeinschaft günstiger geworden ist. Die Bedingungen für die Zusammenarbeit haben sich verbessert.
SPIEGEL: Dann hätte Ungarn ja wohl auch die Möglichkeit, nationalen _(In seinem Arbeitszimmer im Budapester ) _(ZK-Gebäude mit Redakteuren Inge Cyrus ) _(und Klaus Reinhardt. )
Bedenken auf einigen Gebieten Gehör zu verschaffen, etwa der weitverbreiteten Angst vor künftigen Katastrophen wie in Tschernobyl.
SZÜRÖS: Es hat sich - ebenso wie überall im Westen und im Osten - auch bei uns eine rege Diskussion über den Nutzen und die Risiken der friedlichen Anwendung von Kernenergie entfaltet.
SPIEGEL: Mit welchem Resultat?
SZÜRÖS: Mit dem Resultat, daß Ungarn keine Umwertung seiner Energiepolitik vornehmen will. Wir sind arm an Energieträgern. Das Kernkraftwerk in Paks, das einzige, das wir besitzen, produziert 24 Prozent unseres Stroms. Es ist ein supersicheres Kernkraftwerk, übrigens ein anderer Typ als Tschernobyl. Beim weiteren Ausbau von Paks - das Werk soll aus vier Blöcken zu je 400 Megawatt bestehen - werden wir natürlich den Sicherheitsauflagen noch mehr Aufmerksamkeit schenken.
SPIEGEL: Aber die eigene Vorsicht ist in Atomfragen bekanntlich keine Überlebensgarantie - nicht durch Zufall protestiert Österreich gegen die deutsche Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf, während deutsche Atomgegner gegen das französische Kernkraftwerk Cattenom protestieren. Läßt es Sie ruhig schlafen, daß Ihr Nachbar, die Tschechoslowakei, in Grenznähe eine ganze Batterie von Atomkraftwerken zu bauen gedenkt?
SZÜRÖS: Ich schlafe ruhig. Der SPIEGEL hat mir ja eine Landkarte der europäischen Kernkraftwerke vor Augen geführt, die sehr anschaulich war. Beispielsweise waren wir Ungarn gar nicht so richtig im Bilde darüber, daß die Bundesrepublik und einige andere westeuropäische Lander mit Kernkraftwerken vollgestopft sind. Auch in diesem Fall gehen wir davon aus, daß es sich um sichere Kernkraftwerke handelt.
SPIEGEL: Herr Szürös, Sie sprachen vom Umdenken in Moskau. Wären derartige Veränderungen auch ohne Gorbatschow möglich gewesen?
SZÜRÖS: Die Zeit ist zweifellos reif für Veränderungen, in der Sowjet-Union genau wie in den anderen sozialistischen Ländern. Ich glaube aber schon, daß Gorbatschow und die neuen kollektiven Führungsgremien der Sowjet-Union eine maßgebliche Rolle spielen.
SPIEGEL: Was konkret verstehen Sie unter "reif"?
SZÜRÖS: Nahezu alle sozialistischen Länder sind an einem Wendepunkt angelangt, nämlich am Übergang zu intensiven Entwicklungen in der Wirtschaft. Parallel dazu vollzieht sich ein Reifeprozeß hin zum Ausbau der Demokratie, wobei natürlich der weltweite Wettbewerb zwischen den Ländern mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung beschleunigend wirkt. Diese Faktoren veranlassen auch die sowjetische Führung zu radikalen Veränderungen mit dem Anspruch auf eine umfassende Erneuerung. Es geht darum, die Arbeit in jeder Hinsicht und auf allen Gebieten effektiver zu machen.
SPIEGEL: Sie selbst haben kürzlich einen vielbeachteten Artikel in der "World Marxist Review" veröffentlicht. Darin wollen Sie sich nicht mit dem Recht jedes einzelnen Landes auf den eigenen Weg zum Sozialismus zufriedengeben. Sie fordern noch obendrein das Recht auf ein eigenes Sozialismus-Moden am Ende des Weges. Wird sich Moskau aber jemals bereit finden eine Vielfalt von Sozialismus-Modellen zu tolerieren, von denen einige sehr wohl attraktiver sein könnten als das bislang maßgebende sowjetische?
SZÜRÖS: Ich glaube, hier liegt ein Mißverständnis vor. Ich sehe das so: Es handelt sich um einen dialektischen Prozeß. Einerseits gibt es beim Aufbau des Sozialismus allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten. Andererseits kann auch die sozialistische Gesellschaft nur unter Berücksichtigung der Besonderheiten des jeweiligen Landes erfolgreich aufgebaut werden.
Dies bedeutet, daß sich die Gesamtheit der sozialistischen Gemeinschaft vielfarbig präsentiert, obwohl zwischen den einzelnen sozialistischen Ländern _(Beim Staatsbesuch im Juni in Budapest. )
ein Annäherungsprozeß stattfindet - alle suchen nach neuen Wegen. Alle realisieren in unterschiedlichem Ausmaß irgendwelche Reformen.
SPIEGEL: Ihre dialektische Zauberformel läuft darauf hinaus, daß es derzeit gemeinsame Bestrebungen gibt, Vielfalt zu entwickeln.
SZÜRÖS: Im derzeitigen Stadium der Entwicklung - das sage ich nochmals - wird die Gesamtheit zweifellos bunter. Den historischen, geographischen und sonstigen Eigenheiten der Länder wird mehr Rechnung als bisher getragen.
SPIEGEL: Was doch bedeuten müßte, daß sich die einzelnen sozialistischen Länder schrittweise weiter auseinander entwickeln und am Ende sehr unterschiedlich aussehen werden. Wie soll der bunte Haufen dann noch eine Gesamtheit oder gar einen "Block" bilden?
SZÜRÖS: Genau das bedeutet es eben nicht. Denn die Grundprozesse unter der Differenzierung an der Oberfläche gehen in Richtung Annäherung und Reduktion der Unterschiede. Die sozialistischen Länder wissen daß sie aufeinander angewiesen sind. Sie vertiefen ihre Zusammenarbeit, zeigen verstärktes Interesse aneinander, bemühen sich intensiver, die Erfahrungen, Erfolge und auch Schwierigkeiten der anderen kennenzulernen. Langfristig wird sich auch der ökonomische Entwicklungsstand angleichen.
SPIEGEL: Das Endziel wäre somit ein roter Block der bunten Vaterländer?
SZÜRÖS: Warum nicht? Denken Sie zum Beispiel an Frankreich und die Bundesrepublik. Zwischen diesen beiden Staaten der westlichen Allianz hat sich - historisch gesehen - eine Annäherung vollzogen, im industriellen ebenso wie im gesellschaftlichen Entwicklungsstand. Trotzdem ist Frankreich Frankreich geblieben und geht den französischen Weg des Kapitalismus.
SPIEGEL: Gerade das Beispiel Frankreich zeigt, wie mühsam oder gar unmöglich es ist, selbstbewußte souveräne Staaten auf eine blockkonforme Außenpolitik zu einigen. Paris denkt nicht daran, auf Washington zu hören. Es richtet sich nach seinen eigenen Interessen.
SZÜRÖS: Jedes Land richtet sich nach seinen eigenen Interessen. Das gilt genauso für die kleinen und mittelgroßen sozialistischen Länder.
SPIEGEL: Als Erich Honecker 1984 die deutsch-deutschen Beziehungen forcieren und nach Bonn fahren wollte, wurde er von Moskau zurückgehalten. Auch die Ungarn, die Honecker beigepflichtet hatten, mußten damals lernen, wie eng in Wahrheit der außenpolitische Spielraum eines Moskauer Verbündeten ist.
SZÜRÖS: Was Sie da sagen, ist übertrieben. Es ist zweckmäßiger, von der Analyse der damaligen Situation auszugehen. Außerdem sind seither zwei Jahre vergangen.
SPIEGEL: Inzwischen erscheint Ihnen ein derartiger Rückpfiff undenkbar?
SZÜRÖS: Vor gut einem Jahr haben sich in der sowjetischen Außenpolitik Veränderungen angebahnt, die vom Moskauer Parteitag bekräftigt wurden. Dabei sind drei Punkte von herausragendem Interesse:
Erstens geht die Sowjet-Union von einem zwar unter schwerwiegenden Gegensätzen leidenden, aber doch einheitlichen Weltbild aus. Zweitens packt sie das Thema Sicherheit auf eine grundlegend neuartige und komplexe Weise an: Sie artikuliert, daß sich die Sicherheit in erster Linie durch politische und nicht durch militärische Mittel festigen läßt. Drittens schließlich betont sie, daß jedes Land - unabhängig von seiner territorialen Größe - beim Schutz des Friedens und beim Ausbau der Zusammenarbeit eigene Verantwortung trägt.
SPIEGEL: Und über den letzten Punkt sollen sich die kleinen Länder freuen? Was können etwa Holland oder Ungarn dafür, wenn die USA und die UdSSR im Clinch miteinander liegen?
SZÜRÖS: Natürlich tragen die beiden führenden Großmächte besondere Verantwortung. Niemand kann ihre determinierende Rolle ersetzen. Aber eine Analyse der europäischen Erfahrungen aus den letzten zehn Jahren zeigt sehr wohl, daß auch die kleinen Länder ihre Aufgabe und ihre Bedeutung haben.
SPIEGEL: Welche?
SZÜRÖS: Sie haben keine Sondermission und keine Sonderrolle. Doch sie können viel tun für die Erarbeitung sinnvoller Kompromisse, für die Förderung des politischen Dialogs, für die Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens. Damit erleichtern sie es letztlich auch den Großen, die Sache des Friedens und der Sicherheit voranzutreiben.
SPIEGEL: Glauben Sie das wirklich?
SZÜRÖS: Ja, das glaube ich wirklich. Und das hat sich auch schon erwiesen. Erinnern Sie sich an den Tiefpunkt der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen in den Jahren 1983/84. Daß es damals zu keinem irreversiblen Bruch kam, war nicht zuletzt auch das Verdienst der kleinen und mittelgroßen europäischen Länder auf beiden Seiten. Das Institutionsgefühl, daß sich bereits vorher in der Ost-West-Zusammenarbeit herausgebildet hatte, hielt der neuen Belastung stand.
SPIEGEL: Reden wir konkret ...
SZÜRÖS: Wenn Sie gestatten, werde ich über unser Land sprechen, da ich darin kompetent hin. Unsere innenpolitische Situation ist stabil, unsere Politik offen. Nach den Worten eines Amerikaners sind wir eine Insel der Ruhe und des Friedens in Europa geworden. Deshalb konnten wir 1984 konstruktiv wirken, vielseitige Kontakte pflegen, den politischen Dialog in Gang halten. Ohne Übertreibung darf ich sagen: 1984 war für die ungarische Außenpolitik ein Jahr, das seinesgleichen sucht. Mitten im Frost der sowjetisch amerikanischen Beziehungen gelang es uns, in Budapest zahlreiche Ost-West-Begegnungen auf höchster Ebene zu arrangieren.
SPIEGEL: Und deshalb, so meinen Sie, seien die Sowjets und die Amerikaner recht bald wieder an den Verhandlungstisch zurückgekehrt.
SZÜRÖS: Nein, das meine ich nicht. Aber wir Ungarn können uns durchaus schmeicheln, in schwieriger Zeit den Gesamteuropäschen Zusammenhalt gefördert zu haben. Unsere außenpolitische Maxime lautet: Es gibt keine automatische Garantie zur Verhütung eines dritten Weltkriegs, und ebensowenig gibt es einen objektiven Prozeß, der unweigerlich in die Katastrophe führen muß. Der Schutz des Friedens verlangt von uns allen zielbewußte, tägliche politische Aktivität.
SPIEGEL: "Modell Ungarn" also auch in der Außenpolitik?
SZÜRÖS: Sie wissen sicherlich, daß wir für diese Formulierung nicht besonders viel übrighaben. Wir lassen für de Aufbau des Sozialismus kein obligatorisches oder alleinrichtiges Modell gelten. Leider gab es in der sozialistischen Entwicklung eine Periode, die man als Universalismus bezeichnet hat. Aber darüber ist die Geschichte hinweggegangen.
SPIEGEL: Der türkische Hof ist tot, so sagte man früher auf dem Balkan.
SZÜRÖS: Unsere Reformen resultieren aus der Gesamtheit der ungarischen Erfahrungen - aus den Erkenntnissen der Räterepublik von 1919 genauso wie aus den Erkenntnissen der letzten 40 Jahre. Vielleicht werden Sie es nicht als unbescheiden betrachten, wenn ich von einer lebensfähigen Variante im Aufbau des Sozialismus rede.
SPIEGEL: Nein, das betrachten wir ganz und gar nicht als unbescheiden.
SZÜRÖS: Warum rede ich so? Weil der ungarische Weg vom Volk nicht nur passiv akzeptiert, sondern aktiv unterstützt wird. Darauf sind wir stolz. Auch stimmt es sicherlich, daß jeder individuelle Weg gewisse kollektive Ausstrahlungen hat. In dieser Hinsicht kann Ungarn durchaus eine Triebkraft-Funktion in der sozialistischen Staatengemeinschaft zukommen. Aber wir sagen niemandem, daß unser Weg der alleinseligmachende oder der einzig gangbare sei.
SPIEGEL: Gorbatschow persönlich hat sich für die Privatisierung des Dienstleistungsgewerbes nach der ungarischen Methode in den baltischen Republiken der Sowjet-Union eingesetzt. General Jaruzelski in Polen hat sogar ausdrücklich vom "ungarischen Vorbild" gesprochen. Und daß sich die Bulgaren bei ihren Versuchen, die Industrie zu dezentralisieren, an Ungarn orientieren, ist längst kein Geheimnis mehr.
SZÜRÖS: Ich finde es interessant, daß der SPIEGEL die internationale Ausstrahlung der ungarischen Erfahrungen so genau beobachtet. Sehen Sie, das ist gerade der Unterschied zwischen Ihnen und uns Ungarn. Hierzulande konzentrieren wir uns nicht darauf, ob und wie unsere Erfahrungen anderswo übernommen werden.
Wir begnügen uns mit dem wachsenden Erfahrungsaustausch zwischen den sozialistischen Ländern und lernen daraus nicht ohne Erstaunen, daß es ausgerechnet die Chinesen sein dürften, die am allermeisten über die Anwendung der ungarischen Erfahrungen reden.
SPIEGEL: Ist Ihnen bei diesem Erfahrungsaustausch nie die Überlegung gekommen, daß Ihre sozialistischen Nachbarn die ungarische Volksrepublik als eine Art "Minenhund" benutzen könnten? Daß sie Ungarn bewußt vorschicken, um die Gefahren und Risiken eines neuen Weges zu erkunden? Geht die Sache gut, kommen alle hinterher. Geht sie schief, gibt es ein feierliches Begräbnis oder nicht einmal das.
SZÜRÖS: O nein! Davon ist gar keine Rede. Nicht einmal die kapitalistischen Länder würden auf so egoistische Weise miteinander verfahren. Den sozialistischen Ländern ist eine derartige Denkweise absolut fremd. Sie sind nicht daran interessiert, jemanden zu opfern. Es geht ihnen ganz im Gegenteil um gemeinsame, stabile Fundamente. Ein Beispiel: Die tiefe gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Krise Polens hat bei allen sozialistischen Ländern Solidarität und Hilfe ausgelöst.
SPIEGEL: Nicht nur bei den sozialistischen Ländern. Ebenso in der westlichen Welt.
SZÜRÖS: Genauso liegt es nicht nur im Interesse der sozialistischen Länder, daß der ungarische Weg zum Erfolg führt. Auch wenn es etwas pathetisch klingt, möchte ich sagen: Die ganze fortschrittliche Welt müßte daran Interesse haben, selbst die Bundesrepublik, ein Land mit anderer Gesellschaftsordnung, die bekanntlich unser größter Handelspartner im Westen ist.
SPIEGEL: Bekanntermaßen steht es aber nicht zum besten um das magyarische Experiment. Ihr Reformkurs scheint ins Stocken geraten - paradoxerweise just im selben Moment, da sich andere sozialistische Länder anschicken, wesentliche Teile davon zu kopieren.
Ungarn hat ungefähr 20 Milliarden Mark Auslandsschulden, pro Kopf sogar mehr als Polen oder Rumänien. Der Außenhandel stagniert. Das Nationaleinkommen geht zurück. Die Preise - steigen, die Reallöhne der Arbeiter sind in den letzten fünf Jahren um 4,5 Prozent gesunken. Man fragt sich im Westen besorgt, ob das ungarische Wirtschaftsmoden nicht an seine symstembedingten Grenzen stößt.
SZÜRÖS: Zunächst einmal: Das Ausmaß unserer Probleme wird mitunter aufgebauscht. Die Fundamente der ungarischen Wirtschaft sind stabil. Gleichzeitig stehen wir in der Tat vor ökonomischen Schwierigkeiten. Allein die Ölpreisexplosion von 1973 und die Folgen der Verschlechterung der Terms of trade haben uns innerhalb von zehn Jahren nach Meinung mancher Fachleute größere Verluste gebracht als die gesamten Verluste während des Zweiten Weltkriegs. Dennoch konnten wir unsere Zahlungsfähigkeit wahren, während größere und auch wirtschaftlich stärkere Länder um Zahlungsaufschub gebeten haben.
SPIEGEL: Der eigentliche Grund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten dürfte doch eher darin liegen, daß die Regierung politisch nicht zu tun wagt, was wirtschaftlich dringend notwendig wäre. Beispielsweise wagt sie es nicht, echte Leistungslöhne einzuführen und damit das langsame Arbeitstempo zu steigern - die marxistischen Gleichheitsthesen stehen dagegen.
SZÜRÖS: Leistungslöhne werden wir sehr wohl einführen. Überhaupt sei gesagt: Von politischer Seite her sind die Grundlagen für die Fortsetzung der Wirtschaftsreformen gelegt. Es fehlt nicht am nötigen Mut. Allerdings ist der Weg, den wir beschreiten, aufregend neu. Wir experimentieren. Vieles können wir nicht voraussehen. Wie denn auch? Ziel der Reformen ist es, die sozialistische Gesellschaft in die Lage zu versetzen, sich zu erneuern. Das ist naturgemäß ein nie endender Prozeß.
SPIEGEL: Nicht zuletzt in Budapest selbst wird viel über ideologische Richtungskämpfe in den ungarischen Führungsgremien geredet. Es soll da quasi zwei Fraktionen geben. Eine erste will die Reformen beschleunigen, die zweite will sie abbremsen. Wer wird sich denn am Ende durchsetzen?
SZÜRÖS: In den Gremien herrscht Einigkeit über die Fortsetzung des Reformprozesses. So betrachtet, gibt es keine Richtungskämpfe. Aber auch in den sozialistischen Ländern wird die Politik von Menschen gemacht, und die sind halt verschieden. Heute bedarf es einer neuen Denkweise in der Innenpolitik, in der Wirtschaftspolitik, in der _(Aufschrift auf dem Ballon: "Preise der ) _(Lebensmittel". )
Weltpolitik. Grosso modo gesagt, bedarf es in gewissem Sinne auch eines Generationswechsels.
SPIEGEL: Damit geben Sie uns ein Stichwort. Die vergangenen 30 Jahre wurden in Ungarn von einem Mann geprägt, der heutzutage die gleiche Popularität genießt wie einst Kaiser Franz Joseph in Österreich - von Parteichef Janos Kadar. Ohne ihn, das ist rückblickend sicher, wäre der eigenwillige ungarische Kurs nicht möglich gewesen. Aber Kadar wird nicht mehr unbegrenzt als Autorität zur Verfügung stehen. Wie geht es dann weiter?
SZÜRÖS: Da muß ich Ihnen gleich sagen, daß mir Ihr Vergleich mit dem Kaiser Franz Joseph überhaupt nicht gefällt ...
SPIEGEL: ... weil Franz Joseph in Ungarn nicht beliebt war.
SZÜRÖS: Nein. Und auch nicht nur deshalb, weil sich auch Janos Kadar nicht darüber freuen würde. Kadar war Arbeiter und hat sich zum ersten Mann im Staat hochgearbeitet. Könige werden anderswo geboren, von Kaisern gar nicht zu reden.
SPIEGEL: Es ging uns primär um die Frage der Kadar-Nachfolge.
SZÜRÖS: Sie sollten wissen, daß den kommunistischen Parteien eine Vorbereitung der Nachfolge fremd ist.
SPIEGEL: Nepotismus und dynastische Lösungen sind aber doch nicht allen kommunistischen Parteien fremd. Nicolae Ceausescu in Rumänien unternimmt alles, damit seine Nachfolge in der eigenen Familie bleibt.
SZÜRÖS: Wir gehen auch in dieser Frage unseren eigenen Weg. Wir haben eine kollektive Führung, und dieses Kollektiv muß fähig sein, zum gegebenen Zeitpunkt entsprechend der dann gegebenen Situation für die Kontinuität der Politik zu sorgen. Alles andere wäre undemokratisch.
SPIEGEL: Eine dynastische Nachfolge ist in Ungarn sicher nicht vorgesehen. Aber es gibt ja die Möglichkeit, sich um ein Amt zu bemühen also dafür zu kandidieren. Bemüht sich denn der ZK-Sekretär Szürös auch um die Kadar-Nachfolge?
SZÜRÖS: Diese Frage ergibt sich überhaupt nicht. Es ist bei uns völlig undenkbar, daß sich dieser oder jener Sekretär zum Nachfolger hochzuspielen versucht.
SPIEGEL: Die diversen Namen, die im Westen genannt werden, sind somit verfrühte Spekulationen?
SZÜRÖS: Spekulationen, mehr noch: unverantwortliche Mutmaßungen. Wir möchten hoffen, daß daraus keine Komplikation, kein Zwiespalt erwächst. Ich wiederhole mit Nachdruck: Wir haben die entsprechenden kollektiven Führungsgremien, die zum gegebenen Zeitpunkt entscheiden werden.
SPIEGEL: Herr Sekretär, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN
Matyas Szürös *
ist als ZK-Sekretär der ungarischen KP verantwortlich für die internationalen-Beziehungen der Partei. Er gehört zu dem Kreis aufgeschlossener Parteimanager, die von KP-Chef Janos Kadar, 74, in die Machtzentrale berufen wurden, um Ungarns Reformpolitik gegen die Kritik der Dogmatiker abzusichern. Szürös, 53, Arbeitersohn aus der Provinz, hat während des ungarischen Volksaufstandes 1956 in Moskau Wirtschaftswissenschaften studiert. Er promovierte an der Budapester Karl-Marx-Universität mit einer Arbeit über den Status von West-Berlin. Mitte der 70er Jahre war er Botschafter in Ost-Berlin, anschließend drei Jahre Ungarns wichtigster Botschafter: in Moskau. Er ist mit einer Russin verheiratet, die Ungarn in der internationalen Donau-Kommission vertritt. Die These des Reformers Szürös, in der er sich mit dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow weitgehend einig meint: "Die Entwicklung des modernen Sozialismus liegt in seiner Vielfalt, jedes sozialistische Land muß sich um ein eigenes Gesicht bemühen."
In seinem Arbeitszimmer im Budapester ZK-Gebäude mit Redakteuren Inge Cyrus und Klaus Reinhardt. Beim Staatsbesuch im Juni in Budapest. Aufschrift auf dem Ballon: "Preise der Lebensmittel".
Von I. Cyrus und L. Reinhardt

DER SPIEGEL 37/1986
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