23.06.1986

Zahlt die Sonne schon Dividende?

SPIEGEL-Reporter Hans Halter über kleine und große Biogas-Anlagen *
Damals, 1958, hat das Gas "nach Selbstmord gerochen", war eine Sache "für ganz Verwegene". Man nannte es Faul- oder Sumpfgas, hielt es für den Fahrtwind des Teufels, die Nachbarn fürchteten sich. Bauer Reusch aus Bernloch auf der Schwäbischen Alb mauerte seinerzeit dem Gas eine dunkle Höhle. Aus ihr sind seither gut 400000 Kubikmeter aufgestiegen, hausgemachte Energie im Wert von über 500000 Kilowattstunden. Und das alles aus dem Mist von zwölf Kühen.
Nun sind auch die Nachbarn versöhnt mit Bernlochs immerwährender Kraftquelle. Sie sprechen jetzt von "Biogas", und dieses Wort, sagt Landmann Reusch, "klingt nach Natur. Da hat keiner was dagegen". Nur den leitenden Herren der Stromkonzerne stinkt das Biogas, mehr denn je.
Dabei ist Biogas farb- und geruchlos. Sein brennbarer Bestandteil ist Methan CH4. Es wird in den langen Röhren von Mannesmann aus Sibirien nach Deutschland importiert und hier von Monopolisten als "Erdgas" teuer verkauft. Bauer Reusch hat das gratis.
Er ist autark. Methan wärmt seine Stube, trocknet das Heu, heizt den Backofen und treibt einen Generator an, der elektrisches Licht produziert. "Ohne das Biogas wäre unser Betrieb vielleicht schon kaputt." Es ist nämlich verdammt schwer, als kleiner Bauer mit zwölf Kühen in Deutschland zu überleben. In Bernloch haben es nur zwei geschafft. Der andere hat auch Biogas.
Die Bernlocher gelten, bis hin nach Reutlingen, als besonders intelligente Schwaben, eigensinnig, ausdauernd und erfinderisch. Weil sie aber zugleich Pietisten sind, stellen sie ihr Licht unter den Scheffel. "Ehrgeiz ist Sünde", sagt Reusch. Deshalb blieb seine funktionierende Biogasanlage jahrzehntelang völlig unbeachtet. Dabei ist Reusch längst Deutscher Meister - keiner hat so erfolgreich wie er aus Exkrementen Energie gemacht. "Es ist doch ganz einfach", sagt der Landwirt, "jedenfalls prinzipiell."
Man hebt eine Grube aus, leitet den Mist rein, sorgt dafür, daß keine Luft herankommt, und wartet ab. Blubberblubber geht die Gasentwicklung los. Denn im Mist, wo es schön warm ist leben Bakterien, die ohne Sauerstoff ("anaerob") organisches Material vergaren. Dabei entsteht allerlei Gas: Methan, ein einfacher Kohlenwasserstoff (60 Prozent), Kohlendioxid (35 Prozent), ferner Stickstoff und Schwefelwasserstoff. Letzterer nur in Spuren, Gott sei Dank, denn das Zeug stinkt und fördert den Rost. Hingegen ist Methan eine höchst erfreuliche Verbindung, wie schon Alessandro Graf Volta bemerkte. Der italienische Physiker - nach ihm ist die Einheit der Stromspannung, das Volt, benannt - entdeckte und isolierte 1776 das bläulich brennende Gas, ein Sumpfprodukt.
Einmal im Leben hat sich Dieter Reusch, 56, schriftlich zu seinen "Erfahrungen mit Biogas" geäußert, 1979 im "Württembergischen Wochenblatt für Landwirtschaft", auf 128 Zeilen und aus Dankbarkeit. Dem Wochenblatt verdankt Reusch den ersten Hinweis auf das Naturprodukt. Das war in den fünfziger Jahren, als der Liter Heizöl acht bis zwölf Pfennig kostete. Mit einem Schaufelbagger (Marke Eigenbau) hob der Schwabe damals die Grube aus, direkt unter dem Kuhstall. "Der Ölpreis wird steigen, das war mir ganz klar." So was nennt man Weitsicht.
Im Wochenblatt hatte Reusch seinerzeit auch eine Längsschnittzeichnung der "Biogasanlagen Bauart Reusch" veröffentlicht (siehe Graphik, Seite 171). Wo liegt das Geheimnis? Wie hat Reusch es geschafft, diese Anlage fast drei Jahrzehnte lang komplikationsfrei in Betrieb zu halten? Wo doch manch andere Bauern (darunter sogar einige wohlhabende) das Biogas-Experiment schon nach einigen Monaten deprimiert aufgaben und in der ganzen Bundesrepublik derzeit nur 120 Anlagen existieren? Das Geheimnis des Erfolges ist der "Mixer".
Oberirdisch, im Kuhstall also, besteht er aus einem robusten Elektromotor. Eine Welle verbindet ihn mit seinem
unsichtbaren Teil, der in der Sammelgrube rotiert. "Hackmaschinenprinzip" erläutert sein Erfinder, "radial, nicht axial." Bitte? Wie ein Gebläse, nicht wie ein Propeller." Kein Zweifel, das Gerät verdient den Ehrentitel "Spezialmixer". Es macht aus dem warmen Festmist flüssiges, warmes Mus. Auch noch Mist, aber von ganz anderer Qualität.
Begibt man sich aus dem gemütlichen Kuhstall von Bernloch in die klare Luft der akademischen Agronomie (die Reuschs Goldgrube inzwischen wissenschaftlich analysiert hat), wird klar, daß der Flüssigmist im Methangeschäft die pfiffige Idee schlechthin ist. Bei den "Prozeßbedingungen der Systeme zur Biogaserzeugung" nennen die Gelehrten neben dem "absoluten Luftabschluß" als wichtigste "Voraussetzung der anaerob abbaubaren organischen Substanz" zu Methan eine "konstante Prozeßtemperatur" sowie eine "Mindestdurchflußzeit des Substrats im Reaktionsbereich".
Die Bakterien sind eben am fleißigsten, wenn sie es angenehm warm haben - ihr Optimum ist 35 Grad Celsius - und wenn der Mist schon klein gemixt und ordentlich durchmischt ist. Nur dann entfällt, wie der Diplom-Ingenieur Karl Maurer von der Universität Stuttgart-Hohenheim erläutert, "das Problem der Schwimmdeckenbildung als Folge des Festmistes mit hohem Strohanteil und des Fehlens von geeigneten Schneidpumpen".
Die Schwimmdecken aus fest verbackenem Stroh ruinieren die Biogasbildung. Der Ertrag sinkt, immer öfter muß von Hand eingegriffen, ausgeräumt und umgelagert werden. Der Restmist, die Schwimmdecke, liegt herum und verstänkert die Gegend. Im Idealfall sorgt eine Biogasanlage nämlich nicht nur für preiswerte Energie, sondern senkt auch die Geruchsemissionen und verlängert die Zeitspanne, in der die Jauche aufs Feld gefahren werden kann. Im Dung, den Methanbakterien aufgearbeitet haben, ist danach vermehrt Stickstoff in der Form des für die Pflanzen leicht verwertbaren Ammoniaks enthalten. Der Bauer spart Nitratdünger, das wiederum hilft dem Grundwasser.
"Unsere Gülle ist jetzt wirklich wunderbar", begeistert sich Pater Nivard Huber vom österreichischen Zisterzienserkloster Mehrerau am Bodensee. Die Mönche der alterehrwürdigen Abtei haben sich vor sechs Jahren für Biogas entschieden, eine Investition von 600000 Mark, die der Konvent einstimmig billigte (- in Klöstern herrscht Rätedemokratie). Nun gibt es keine Probleme mehr mit den Nachbarn des Klosters die sich über den Jauche-Gestank beschwerten, und keine mehr mit den Wiesen, denen die scharfe Original Gülle gar nicht guttat. Biogas-Gülle schont das Gras, "verbrennt" es nicht. Sagt Pater Huber zu Bauer Reusch: "Die wunderbare Gülle. Im weltlichen Bereich nennt man das Zufall. Wir nennen es Segen."
Der Pater ist ein Großagrarier. Seine Abtei hat 70 Hektar unter dem Pflug, 600 Stück Vieh im Stall und rund 400 hungrige Mauler zu stopfen. Ganz im Sinne des tüchtigen Bernhard von Clairvaux, eines frühen Heiligen der im Jahr 1098 begründeten Zisterzienser, bemüht sich der Pater Oekonom, die Gemeinschaft autark zu machen.
Weil am Bodensee kein Erdöl zu finden ist, das Energieproblem jedoch dunkle Schatten auf den klösterlichen Frieden wirft, halten sich die Mönche an das Biogas und ans Grundwasser. Dem entziehen sie durch eine Pumpe so viel Wärme, daß es in der Mönchsklausur allein davon mollig warm ist, ganz ohne Öl.
Wer Biogas herstellt, läßt es dabei nicht bewenden. Immer fällt ihm noch etwas ein, wie Energie zu sparen ist: Man kann dem Grundwasser oder der Stalluft Wärme entziehen, eine Motorkühlung zur Heizung umfunktionieren oder die Sonne anzapfen. Ob Pater oder Bauersmann, gemeinsam ist das ferne Ziel - vom E-Werk, dem Öl-Importeur und sogar dem Kohlenhändler unabhängig zu werden, möglichst hundertprozentig und für alle Zeiten.
Bauer Reusch hat es - fast - geschafft Pater Nivard ist auf dem Weg, denn der Sieg über die Schwimmschicht ist nahe. Ein Spezialmixer (a la Reusch) wird''s richten. Voraussichtlich wird das den Gasertrag des Klosters verdoppeln. Im allgemeinen gilt: Je größer die Anlage, desto wahrscheinlicher die Komplikationen. Davon können weltberühmte Firmen ein Klagelied singen.
Als in Bonn noch die Sozialliberalen regierten, sponserte das Forschungsministerium die Entwicklung alternativer Energien mit einigen hundert Millionen Mark (die Atomindustrie bekam viele Milliarden). Im Land wuchsen Biogas"Pilotprojekte" in die Höhe. Schöne Anlagen, High-Tech, prozeßgesteuert, mit Monitoren für die Forschung.
Die Regeln des Geldverdienens bewirkten, daß die große Biogasanlage im Musterhof der schwäbischen Liebenau-Stiftung merkwürdigerweise von der Kernforschungsanlage Jülich mitbetreut wurde. In Bergisch Gladbach sammelte die Siemens-Tochter "Interatom" mit Biogas Erfahrungen. Die Herren von der Kernkraft-Industrie konnten sich - wen wundert''s? - für das Gas nicht erwärmen. Seit 1983 hat Riesenhubers Forschungsministerium deshalb über Biogas kein einziges Wort mehr verloren.
Da ist die Daimler-Benz AG - Deutschlands größte Firma, Hut ab - schon viel weiter. Nach Kohl und vor Tschernobyl ließ sie wissen, daß der Konzern "Komponenten für die Nutzung und Veredelung erneuerbarer Energien entwickelt". Daimlers Argumente in Stichworten: Aktuelle Energiesituation wird weltweit immer schwieriger; Sonne, Energiequelle der Zukunft; Biomasse, über den Photosyntheseprozeß gebildet, stellt chemisch gespeicherte Solarenergie dar. Ist doch logisch, daß die Stuttgarter Weltfirma bereits "eigene Produkte zur Marktreife entwickelt hat", zum Beispiel ein schrankgroßes Blockheizkraftwerk namens "Moewe WE3". Das macht "aus Biogas Strom und Wärme".
Noch gilt ein Blockheizkraftwerk den herrschenden Atom- und Stromstrategen als Höllenmaschine des Teufels. Die Energieversorgung soll zentral und monopolistisch bleiben, samt AKWs, WAAs, Überlandleitungen und der Abbuchungsvollmacht für jedermanns Konto. Biogas, Blockheizkraftwerk, Windräder, Solarzellen - sind das nicht viele
klitzekleine Kriegserklärungen an unseren Atomstaat? Daimler! Was ist los? "Die Erforschung neuer Energiequellen ist eine Vorsorge für die Zukunft. Wir haben diese Aufgabe aufgegriffen." Daimler will eben noch hundert Jahre existieren, mindestens.
"Wir haben zuviel Strom und wir haben den falschen", hat Ludwig Bölkow, 73, Mitbegründer des Luft- und Raumfahrtkonzerns Messerschmitt-Bölkow Blohm ("MBB"), dem münsterländischen Brenner und Gutsbesitzer X. Ypsilon beim ersten Gespräch gesagt. Das ist ein Mann von der ganz energischen Art, ein Jäger, überall hängen die Trophäen, "ich will, verdammt noch mal, meinen Namen nicht in der Zeitung lesen!" Ein verständlicher Wunsch.
Wer Biogas entstehen läßt, hat viele Gegner, beim TÜV, der Berufsgenossenschaft, dem E-Werk und dem Kreis tag. Die eigentliche Heimsuchung aber sind die zahlreichen Freunde der alternativen Energie, die es zum Hausbesuch drängt. Bitte, tun Sie das Herrn Reusch und den Zisterziensern nicht an! Die haben es wirklich nicht verdient.
Der Münchner Industrielle Bölkow will auf die alten Tage noch etwas Gutes tun. Deshalb läßt er, fernab vom Profit, in einer Abteilung für "Energie und Prozeßtechnik" Biogasanlagen entwickeln. Ganz kleine für Versuchszwecke und eine riesengroße für X. Ypsilon. Den mußte Bölkow vom "falschen Strom" nicht überzeugen. Das weiß der Landmann selber: Bis zum nächsten Atomkraftwerk sind es nur 25 Kilometer Luftlinie. Die Familie Ypsilon sitzt seit 700 Jahren auf dem Hof - "gibt''s da viel nachzudenken? Der Atom-Scheiß muß weg!"
"Unsere Biogasanlage ist wie ein Perpetuum mobile", schwärmt der Mann, genaugenommen sind es sogar zwei. Die beiden haushohen Türme sind "Fermenter", Gärungskammern, in denen "ohne Nachreinigung hochwertiges Biogas entsteht": 80 Prozent Methan! Um das richtig hinzuschaukeln, bedarf es (noch) der Anwesenheit von MBB Experten. Sie regulieren Zu- und Abfluß, die richtige Temperatur und den Gasdruck. Im Sommer soll das Perpetuum mobile von ganz allein rotieren, ein Kreislauf, der "Energie-Autarkie bedeutet: Aus Kartoffeln brennen wir Alkohol, den Rückstand, die Schlempe, verfüttern wir den Bullen. Aus deren Gülle wird Biogas gewonnen, das deckt den Strombedarf der ganzen Brennerei, des Hofes und des Schwimmbads".
Die Stromüberschüsse sollen in das öffentliche Netz eingespeist werden, die Kilowattstunde zu acht Pfennig. Mehr wollte das monopolistische E-Werk nicht zahlen, kassieren tut es das Dreifache. Daß es überhaupt Ypsilons Bio-Strom akzeptiert, liegt an der Klugheit eines längst verstorbenen Vorfahren. Der gab dem E-Werk für dessen Strommasten auf seinem Grund und Boden nur zeitlich limitierte Mietverträge. Alle 30 Jahre können sie gekündigt werden - und 30 Jahre sind gerade wieder um.
Sieben arbeitslose Männer hat Ypsilon eingestellt, um die Biogasanlage hochzuziehen. Auch anderenorts - selbst dort, wo Gemeinden aus den organischen Abfällen ihrer Kläranlagen Biogas gewinnen und es dann idiotischerweise abfackeln, statt damit wie die sparsamen Zürcher ihre Kehrichtwagen zu bewegen - bringt die natürliche Technologie Menschen zu Lohn und Brot: Bei Pater Huber sind es orthodoxe Slowenen, im Musterhof Liebenau die Behinderten. Nur Dieter Reusch schweißt seinen Gasometer (30 Kubikmeter) selber: "Jede von meinen Kühen spart mir 300 Liter Heizöl im Jahr."
Sein Trecker läuft noch mit Diesel. Das sollte auch anders werden, denkt der Schwabe: "Man müßte Biogas nicht verdichten, sondern verflüssigen. Dann ... Gasmotor ..." Daimler in Stuttgart hat schon ganz andere Kunststücke zuwege gebracht. Mit der Kuh, einer alten Freundin der Menschheit, ins nächste Jahrtausend?
Noch laufen die Geschäfte mit der Biomasse schlecht. Die "chemisch gespeicherte Solarenergie" läßt sich nur kleinklein vermarkten. Das große Geld wird mit Atomstrom gemacht. So muß es nicht bleiben. Reusch, Huber, Daimler und Co. zahlt auch die Sonne schon Dividende. _(Im Kloster Mehrerau am Bodensee. )
[Grafiktext]
HAUSGEMACHTE ENERGIE FÜR KÜCHE UND STUBE Wirkweise einer Biogasanlage Reusch (Schematische Darstellung) Im Rinderstall anfallender Festmist aus Kot, Harn, Einstreu und Futterresten wird in der Sammelgrube von einem Spezialmixer zerkleinert und geht als Flüssigmist in den unter dem Stallboden ange brachten, luftdichtabgeschlossenen Betonrundbe hälter. Der Flüssigmist wird durch ein Rührwerk alle 90 Minuten durchgerührt und mit Hilfe einer Warmwasserheizung bei einer Temperatur von rund 35 Grad Celsius gehalten. Die Anlage liefert pro Tag durchschnittlich 42 Kubikmeter Biogas. Etwa 15 Prozent der gewonnenen Energie werden für die Warmwasserheizung der Anlage verbraucht.
[GrafiktextEnde]
Im Kloster Mehrerau am Bodensee.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 26/1986
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