08.09.1986

NACHRUFURHO KALEVA KEKKONEN †

Es war keine Laune der Geschichte, auch nicht eine unerklärliche Gnade des Kreml, die Finnland die Unabhängigkeit bewahrte, sondern die Vernunft eines Mannes, gepaart mit Geschick und landeseigener Sturheit ("sisu"), dem Durchhaltewillen um jeden Preis: Urho Kaleva Kekkonen, einst dreimaliger Landesmeister im Hochsprung, versuchte das Unmögliche und gewann.
Ein richtiger Kommunistenfresser in seiner Jugend, als sich das ehemalige russische Gouvernement Finnland mit deutscher Hilfe der Bolschewiki erwehrte, zählte der Abgeordnete der konservativen Bauernpartei auch zu den wenigen Parlamentariern, die sich nach dem Winterkrieg 1940 weigerten, die karelischen Ostgebiete an die Sowjet-Union abzutreten.
Drei Jahre später, mitten im Revanche-Feldzug an Hitlers Seite, fand Kekkonen zu jener Realpolitik, die Finnlands Verbündeten auf der anderen Seite der Ostsee stets fremd blieb. In Stockholm proklamierte er 1943 die "nachbarschaftliche Eintracht mit dem Erzfeind", der UdSSR.
Er zog die harte, aber schlüssige Konsequenz aus der historischen und geographischen Nähe seines Landes zu einer Supermacht, die den Winzling zweimal besiegt hatte. Die unschätzbare, für alle Rußland-Anrainer gültige Lehre von Juho Paasikivi, seinem Mentor und Vorgänger im Präsidentenamt: Will Finnland seine inneren Verhältnisse selbst bestimmen, darf seine Außenpolitik nicht gegen legitime Sicherheitsinteressen der Sowjet-Union gerichtet sein.
Über die auswärtige Neutralität hinaus nahm Kekkonen, 1956 nur mit der Mehrheit einer Wahlmänner-Stimme zum Präsidenten berufen, auch daheim Rücksicht auf besondere russische Empfindlichkeiten.
Asylbewerber aus der UdSSR ließ er zurückschicken. Er kaufte - nach Abzahlung der deftigen Reparationen - von den Sowjets ein unsicheres Atomkraftwerk, das mit Westhilfe nachgebessert werden mußte. Er erklärte die Kommunisten für regierungsfähig (und domestizierte sie so). Er trieb die Medien seines Landes zu einer zuweilen grotesken Selbstzensur: Weil das finnische Fernsehen auch in Sowjet-Estland empfangen wird, durften die Finnen nichts über Solschenizyns "Archipel Gulag" erfahren.
Für soviel Entgegenkommen erhielt er den Lenin-Orden, durfte als einziger nichtkommunistischer Staatschef auf der Tribüne des Roten Platzes Vorbeimärsche abnehmen und mit Sowjetführern in der Sauna schwitzen.
Aber er wurde von ihnen auch konsultiert - zu entscheidenden Weltproblemen, nicht nur gemäß jenem Beistandspakt, der Finnland im Ernstfall zur Annahme von sowjetischer Waffenhilfe zwingt. Zu einer solchen Intervention wollte er niemals, dies seine Maxime, den geringsten Vorwand bieten.
Da wählten 1957 die Sozialdemokraten den Sowjetfeind Tanner zum Vorsitzenden und bildeten eine große Koalition, ohne Kommunisten. Moskau berief seinen Botschafter ab. Nach ein paar Monaten brachte Kekkonen die Regierung zum Sturz.
1961, gleich nach dem Berliner Mauerbau und dem sowjetischen Test einer 50-Megatonnen-Atombombe, verlangte Moskau Konsultationen gemäß Beistandspaket - eine Kriegsdrohung. Kekkonen sonnte sich am Strand von Hawaii. Er ignorierte das Begehren, absolvierte sein USA-Programm und flog erst nach drei Wochen nach Sibirien, wo er Chruschtschow ganz sachlich davor warnte, Schweden und die Nato-Nordflanke zu beunruhigen.
Kekkonen hatte damit das Recht erobert, selbst zu bestimmen, wann der Bündnisfall eintritt - nämlich nie. Vertrauen statt Kontrolle - so errang Kekkonen Moskaus Einverständnis zum lange verwehrten Beitritt Finnlands zur Efta-Freihandelszone, sogar zu einem Abkommen mit der Europäischen Gemeinschaft. Daß er 1975 Gastgeber der Europäischen Sicherheitskonferenz in Helsinki war, belegt, wieviel Zutrauen die Sowjets zu ihm gefaßt hatten.
Zuletzt mit 77 Prozent der Stimmen wiedergewählt, mußte der Eigensinnige 1981 selbst das ärztliche Attest seiner Amtsunfähigkeit unterschreiben. Vorletzten Samstag starb er mit 85 an Kreislaufversagen. Seine Entbehrlichkeit hatte schon bewiesen, daß sein Lebenswerk, die Finnlandisierung, unanfechtbar geworden war.

DER SPIEGEL 37/1986
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NACHRUF:
URHO KALEVA KEKKONEN †

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