08.09.1986

ENGLANDDurch die Falltür

Das Volk trug ihn und die Oberklasse, jetzt verschwindet er aus der City - der traditionelle Bowler-Hut. *
Hut ab, Gentlemen. Der Verfall eines Wahrzeichens feiner englischer Art ist zu betrauern: Der Bowler-Hut, in Deutschland auch Melone genannt, stirbt aus.
Im vornehmen Londoner St.-James-Viertel verkauft der Hutladen Bates wöchentlich nur noch ein bis zwei Exemplare (Preis: 65 Pfund, etwa 200 Mark). James Lock and Co. gleich um die Ecke, setzt in guten Wochen schon noch mal zehn Stück ab. Aber auch das ist nichts gegen früher.
Der Verkauf fällt, weil die Hauptkundschaft ausstirbt. In der City trägt die Generation des Computer-Zeitalters eher einen Ring im Ohr als einen Bowler auf dem Kopf.
"Wir haben mehr Sushi-Bars gesehen als Gentlemen mit Melone", klagt ein enttäuschter Tourist nach einem Bummel durch Londons Banken- und Börsenbezirk. Vor wenigen Jahren gehörte dort der schwarze Hut noch zur Dienstkleidung. Heute aber, so klagt jetzt die konservative "Times", "ist der Bowler-Hut durch die Falltür der Geschichte verschwunden".
Zwar würden dem Pferdesport verbundene Männer und pensionierte Offiziere dem Traditionshut weiterhin die Treue halten, erzählt Paul Offord von Christy and Co. aus Stockport bei Manchester, Großbritanniens letztem Bowler-Hut-Hersteller. Doch das hundert Jahre alte Unternehmen hätte längst die Produktion einstellen müssen, wenn nicht außerhalb Englands aufrechte Männer weiter an alte britische Symbole glaubten.
Die Mitglieder von Nordirlands protestantischem Orange-Orden, allen voran der fanatische Pastor Ian Paisley, dokumentieren durch das Tragen von Melonen ihr unerschütterliches Bekenntnis zur britischen Krone. Stammeshäuptlinge in Nigeria und aus anderen ehemaligen Kolonien Ihrer Majestät lieben es, ihre Untertanen mit dem Bowler auf dem Kopf als Männer von Welt und Lebensart zu beeindrucken.
Christy stellt denn pro Jahr noch immer 5000 Melonen her: 3,5 Unzen Angorawolle werden über einem perforierten Kupferkegel in Filz verwandelt, gefärbt, geformt, mit Schellack gesteift und poliert - eine Prozedur aus 47 Arbeitsgängen.
Den ersten Hut dieser Art hatte sich um 1850 ein Farmer aus Norfolk namens William Coke machen lassen, weshalb die Kopfbedeckung zunächst "Billy Coke" genannt wurde. Der leidenschaftliche Reiter und Jäger hatte sich immer wieder darüber geärgert, daß sich sein hoher Zylinder im Geäst von Bäumen und Sträuchern verfing und er deshalb absitzen mußte. Der neue, geländetauglichere Hut, von einer Firma "Bowler" bald in Massen produziert, kannte keine Klassenschranken. Bis lange in unser Jahrhundert hinein trugen ihn Reiche ebenso wie die armen Wichte, denen Charlie Chaplin in seinen Stummfilmen ein Denkmal setzte.
Mit Geld und feinen Leuten identifiziert wurde der Bowler erst, als er im Volk außer Mode kam und nur die City-Leute, konservativ wie immer, den alten Hut aufbehielten. Aber auch dort lösen immer mehr junge, smarte Aufsteiger den Gentleman alter Schule ab.
Und sitzt eine Melone auf langen Haaren? Paßt sie in die niedrigen Autos unserer Tage? Gehen Melone und Jeans zusammen? Frank Taylor vom Hutgeschäft James Lock and Co. verneint solche selbstgestellten Fragen. Er erklärt den Niedergang des Bowlers mit dem Trend vom formellen zum sportlich-lässigen Habit, dem nun auch das vornehme England folgen würde.
Ein Mann aus jenen Kreisen, Douglas Sutherland, schreibt in seinem Buch "The English Gentleman" den Bowler zwingend nur noch für eine Gelegenheit vor: Beerdigungen.

DER SPIEGEL 37/1986
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