08.09.1986

Sinatra: Orpheus und die Unterwelt

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über die einmalige Karriere eines Italo-Amerikaners aus Hoboken Hat Frank Sinatra ein Leben lang enge Tuchfühlung mit der Mafia gehabt? Hat die Mafia ihn gestützt, als es mit ihm bergab ging? Hat er die Mafia mit dem Weißen Haus zu verkuppeln gesucht? Die Biographie von Kitty Kelley, die erste ungeschminkte Sinatra-Story, zeigt ihn als Paten-Freund und Präsidenten-Paten. _____“ To be is to do. Socrates. To do is to be. Sartre. „ _____“ Dubidubidu ... Sinatra. New Yorker Graffito aus den 70er „ _____“ Jahren „ *
Dreißigtausend kreischende Mädchen setzten zum Sturm auf ein Kino an, drückten Schaufenster ein, schlugen um sich, verstopften die Straßen, fielen reihenweise in Ohnmacht. Im Paramount-Theatre hatten sich fast viertausend Backfische (wegen ihrer weißen Socken Bobby Soxers genannt) eingeigelt. Sie benäßten eher ihre Stühle, als daß sie ihre Plätze aufgegeben hätten, um auf die Toilette zu gehen. Sie halten sich wie für eine Belagerung mit Proviant versorgt, und wenn der Sänger erschien, schwanden auch ihnen die Sinne.
New Yorks Bürgermeister La Guardia ließ angesichts der hysterisierten Mädchenmenge vor dem Paramount-Kino am Times Square den Notstand ausrufen. Zweihundert Kriminalbeamte, siebzig Streifenpolizisten, fünfzig Verkehrspolizisten, über vierhundert Reservisten, zwanzig Streifenwagen, zwei Lastwagen und zwölf Pferde waren im Einsatz.
Es war der 12. Oktober 1944, Columbus Day. Im Kino sang der 29jährige Frank Sinatra zwischen den sechs bis sieben Kinovorstellungen. Die Mädchen, die ihn hörten, und noch mehr die Mädchen, die ihn hören wollten, gerieten außer Rand. Drinnen lärmten sie während der Filmvorführung und verlangten nach Sinatra. Draußen tobte eine wilde Straßenschlacht - die erste Massenhysterie, hervorgerufen durch Pop-Musik (die damals noch nicht so hieß).
Seit der Zeit sollte es noch des öfteren Ohnmächtige mit feuchten Höschen zu Tausenden, aus purer Begeisterung zertrümmerte Saaleinrichtungen, Polizisten im Masseneinsatz gegen ein Konzertpublikum geben - bei Elvis Presley, bei den Beatles, bei den Rolling Stones. Aber Sinatra, der "Crooner" (etwa: der Schmalzsänger) war der erste, der seine Fans in den temporären Schwachsinn trieb und buchstäblich zu Boden streckte.
Sinatra wurde in "Swoonatra", den "Ohnmachts-Sinatra", umbenannt, seine Fans "Sinatriacs", gerufen, das von ihm hervorgerufene Massenleiden "Sinatraismus". Die Soziologen und Psychologen stürzten wie die Geier über das Phänomen des klapperdürren Sängers, der aussah, als würde er jeden Augenblick der Tuberkulose zum Opfer fallen. Sie konstatierten bei den Mädchen eine "Überempfindlichkeit der Milchdrüsen" oder "ungerichtete, frustrierte Liebe", eine "zweifellos schädliche Nervenkrankheit".
Viel mußte zusammenkommen, damit aus dem kleinen, schmalzlockigen blauäugigen Sänger aus der kleinen dreckigen Hafenstadt Hoboken "The Voice, die Stimme wurde, Amerikas populärster Swing-Sänger, das Idol einer romantisch verzückten Generation.
Da war, erstens, der Krieg. Die Jungs waren im Feld oder auf hoher See, in Frankreich, Nordafrika, im malayischen Archipel. Frankieboy, wegen eines beschädigten Trommelfells, ein halber Beethoven, ausgemustert, füllte die Herzen der Daheimgebliebenen mit Einsamkeits-Gesängen. "Only the Lonely" reimt sich eine Dauerbotschaft.
Da war, zweitens, das neue Ding, das Mikrophon, das Sinatra als einer der ersten perfekt beherrschte. Waren bisher die Sänger in den Arrangements der Swing-Bands und großen Orchester untergetaucht und ertrunken, so setzte sich Sinatra, der bei Harry James und Tommy Dorsey gesungen hatte, mit dem Mike gegen den Orchester-Sound so sehr durch, daß der fortan zu seinem Background wurde. Frankie mußte nicht tenoral schmettern, er konnte hauchen.
Da war, drittens, die Swing-Ära mit ihren neuen Swing-Balladen, und Sinatra war der Prophet der gefühligen Botschaft vom vergebens erträumten oder verlorenen Liebesglück, das frei vom Frust der Dauerbindung jener hochmoralischen Zeit war und noch dazu wirksam mit den unsentimentalen Rhythmen und Bläserstimmen der swingenden Orchester kontrastierte. Er war Bariton, Italiener, zärtlich, keineswegs bedrohlich groß und blauäugig - Herz, was begehrst du noch mehr?
Viertens fiel sein Aufstieg nicht nur in die Zeit, da die Rundfunkanstalten ihr Programm über den ganzen Kontinent auszustrahlen anfingen. Sondern auch, nach 1945, in den Siegeszug des American way of life. Wenn Sinatra die "Stimme" auch für Europa wurde, so ist das gewiß auch eine für ihn höchst angenehme Begleiterscheinung des amerikanischen Kulturimperialismus gewesen.
Sinatra, der heute neben Freiheitsstatue und Coca-Cola-Flasche sicher das bekannteste Symbol Amerikas ist und ein Hohepriester des Reaganismus dazu, stammt aus dem Spaghetti-Viertel von Hoboken, einer Stadt in New Jersey, von der man bestenfalls sehnsüchtig auf die Skyline von Manhattan gucken konnte.
Als er dort 1915 geboren wurde, waren die deutschen Einwanderer gerade im Begriff, ihre tonangebende, in Biergärten und Villen sich manifestierende Rolle zu verlieren - denn die Deutschen waren als Kriegsfeinde im Kriegshafen Hoboken auf einmal potentielle Spione.
Die Iren, die es zu sauflustigen Polizisten und zu rauflustigen Boxern brachten, rückten auf. Die Italiener blieben der letzte Dreck - etwa das, was heute die Puertoricaner in US-Städten darzustellen haben. Die "Dagos", wie die Italiener geschimpft wurden, konnten kein "th" sprechen, trugen schwarze Hemden, hatten Fett in den Haaren, waren katholisch und übten Blutrache: ein Graus für die Wasps.
Und unter den Italienern standen noch die Sizilianer. Sie waren die Itaker der Italiener, lebten jenseits der Barriere, die Alphabeten von Analphabeten trennte. Ein solcher Sizilianer war Sinatras Vater. Er war Boxer, aber das Boxen konnte er auch nicht so recht.
Er hatte das Glück, daß ihn eine resolute Norditalienerin heiratete. Sie konnte schreiben und lesen, war Hebamme und stieg in die Politik ein.
Unter den wuselnden Familienscharen im "Little Italy" Hobokens hatten die Sinatras weiter das Glück, nur ein Kind zu haben - eben Frankieboy. In der Prohibition machte Mutter Sinatra eine illegale Kneipe, ein sogenanntes speakeasy, auf - eine damals ebenso gefährliche wie lukrative Angelegenheit. Aber nicht nur durch den Durst ihrer Mitmenschen setzten sich die Sinatras in ein besseres Mittelstandsleben ab.
Denn auch die Hebammentätigkeit "Dolly" Sinatras hatte eine verborgene lukrative Kehrseite. Jedenfalls war sie mehrfach wegen illegaler Abtreibungen angezeigt, was ihr dank ihrer politischen Beziehungen nicht schadete - es reichte nie zu einer Gefängnisstrafe, einmal bekam sie fünf Jahre mit Bewährung.
Mit ihren "connections" verschaffte sie ihrem eher passiven Mann eine Stelle bei der Feuerwehr und ihrem Sohn einen irischen Paten. Da sie wenig Zeit hatte, wuchs er bei der Großmutter auf, da er immer über Taschengeld verfügte, konnte sich der einsame Junge Freunde kaufen - mit Kinokarten und Schokolade. Er ist sein Leben lang ein großspuriger Schenker geblieben, der mit goldenen Armbanduhren um sich warf, fremde Krankenhausrechnungen bezahlte, schon mal einen Cadillac verschenkte.
Die "Mamma" hat ihm auch eine Lautsprecher-Anlage gekauft. So gelangte _(Nach Sinatra Konzert um 1940. )
der junge Sinatra zur Gesangsgruppe "Hoboken Four". Die anderen drei Sänger kamen aus der Trucker- und Möbelpacker-Branche, und nur Sinatra hatte Schlag bei Weibern. Also vermöbelten ihn zwei der drei Abend für Abend, um ihren Sexneid abzureagieren.
Von Frauen geliebt und von Männern windelweich geprügelt - Sinatra durchlief eine ebenso schöne wie harte Schule des Lebens. Als er Anfang der vierziger Jahre zum ersten Mal die Nummer eins der Pop-Musik-Branche war - das Schlageridol Amerikas, da hatte er, was das Herz begehrte: eine Frau namens Nancy, die brav zu Hause in New Jersey wartete, wenn er auf Touren war, und für den Ehemann immer selbstgemachte Spaghetti-Sauce bereithielt. Eine Mamma, die ihn vergötterte und Wundergeschichten über ihn erzählte. Freunde, die mit ihm zum Boxkampf oder sonstwohin gingen, und Blondinen wie Brünette en masse.
Er war der Star von Tin Pan Alley, der amerikanischen Musikindustrie, Hollywood begann sich für ihn zu interessieren, und er belegte ständig den ersten Platz in den Poles der tonangebenden Zeitschrift "Downbeat".
Und doch fing schon 1947 Sinatras Karrierekurve an zu knicken: der fünfjährige Abstieg bis zum Nullpunkt begann. 1952, also während der Hoch-Zeit der Fuffziger, wollte ihn niemand mehr hören und niemand mehr etwas über ihn hören. Er war in Hollywood out und rangierte auf den Schallplatten-Listen unter ferner liefen. Er sang so gräßliche Flops wie "Mama will bark", und hätten ihm nicht gewisse Mafia-Freunde in Nachtklubs zu Auftritten verholfen, hätte er seine Steuerschulden noch weniger abzahlen können.
Für den Abstieg gibt es mehrere Ursachen. Am einsichtigsten sind noch die musikalischen Gründe. Dem heftig rauchenden, mit Kumpels die Nächte durchsaufenden Sanger blieb bei öffentlichen Auftritten (oft auch aus Aufregung wegen des ausbleibenden Erfolges) die Stimme weg.
In den moralinsauren fünfziger Jahren, in denen die Ehe als sakrosankte Kathedrale der Doppelmoral dazustehen hatte, litt sein Image auch unter den zahllosen Frauengeschichten. Sinatra, der in seiner Studio-Garderobe eine Strichliste mit weiblichen Studio-Stars hängen hatte, soll sie schnell, aber gründlich abgehakt haben.
Seine heftige Affäre und später lautstark geführte Ehe mit Ava Gardner, bei der sich das öffentliche Mitleid der barmenden, die drei Kinder pflegenden, Spaghetti kochenden, verlassenen Nancy zuwandte (die bei der Scheidung, trotz aller Tränen, erbarmungslos zulangte und ihren untreuen Sänger fast an den Bettelstab und um den Erstwagen brachte), schadete ihm enorm.
Seine Mafia-Verbindungen wurden ruchbar. Bilder mit Gangster-Freunden erreichten die Öffentlichkeit. Hier ein Photo mit Lucky Luciano, da ein goldenes Zigaretten-Etui für den Paten der Paten.
Sinatra, der von seiner Mutter eine Schandschnauze und von Sizilien einen jähen Zorn geerbt hatte, trümmerte mit Worten und Fäusten auf Gegner, vor allem auf Journalisten ein. Er umgab sich mit einer Leibgarde von Schlägern, machte durch Sauftouren, bei denen es schon mal Verletzte gab, Schlagzeilen, schüchterte seine Opfer ein.
Die Sinatra-Biographie der Kitty Kelley belegt, wie beherrschend, wie wichtig und wie zentral diese Mafia-Beziehung während seines ganzen Lebens ist: Er ist stets ein Orpheus in der Unterwelt. Sowohl Gerüchte über diese Beziehung wie auch Zeugnisse dieser Verbindung gibt es seit Sinatras Jugend.
So wurde hartnäckig kolportiert, bei der Trennung Sinatras von Tommy Dorseys Band habe ein Mafioso-Freund mit dem Revolver nachdrücklich auf Vertragslösung bei dem widerspenstigen Bandleader gedrungen - die Kelley-Biographie ist gegenüber dieser Räuber-Pistole eher skeptisch.
Auch den blutigen Pferdekopf, den Puzo in den "Paten" eingeführt hat - er soll dem widerspenstigen "Verdammt in alle Ewigkeit"-Produzenten zwecks Erschreckens ins Bett gelegt worden sein, damit er nur ja nicht vergaß, Sinatra die Rolle für das Comeback zu geben - auch diese filmwirksame Geschichte verweist Kitty Kelley eher in den Bereich der Grusel-Fabeln.
Jedenfalls war Sinatra, nachdem er den kleinen, wirbligen italo-amerikanischen Soldaten Angelo Maggio in "Verdammt in alle Ewigkeit" (1953) gespielt hatte (der übrigens von einem ähnlichen Waschzwang beherrscht zu sein scheint wie Sinatra), wieder voll im Geschäft. 1953 erhielt er den Oscar. 1954 erschienen die ersten Capitol-LPs "Songs for Young Lovers" und "Swing easy", 1955 die Single "Learnin'' the Blues" - eine männliche Grundlektion im Traurigsein.
Die Trauer, so sagen die Biographen, hatte dem Crooner das Scheitern seiner Ehe mit der grünäugigen, schwarzhaarigen Ava Gardner auf die Stimmbänder gezaubert. Schwermut war von nun an die Trade Mark seiner einsamkeitsdurchhauchten, bald bitteren, bald verträumten Balladen.
Der Sinatra der Capitol-Zeit (also von ''54 bis ''62), begleitet von so hinreißend mit Brass und String swingenden Orchestern wie Billy May, Neal Hefti und vor allem, Nelson Riddle, ist der Sinatra ungezählter romantischer Evergreens; sie haben die Bar-Sentimentalität in den Stunden nach Mitternacht, wo hartgesottene Männer, von Frauen verlassen, sich vor dem Bartender ein bißchen gehenlassen. Ihre Sprache ist ein Slang, der
zum Swing paßt wie keine Sprache zuvor. Ihre Phrasierung, die Sinatra unter anderem bei Billie Holiday in seinen New Yorker Tagen gelernt hat, ist unverwechselbar schnoddrig und gefühlig zugleich.
Das schönste Album jener Jahre, "Songs for Swingin'' Lovers" von 1956 im Medium-Tempo, swingt cool und leichtfüßig, ein Album wie "Only the Lonely" (1958) ist, wie der Musik-Kritiker Garry Giddens festgestellt hat, "sch-r-eck-lich l-a-ng-s-a-m". "Come Dance with Me" (1959) hat so viel Drive, daß selbst melancholische Titel leichtsinnig swingen.
Die Capitol-Zeit bewahrt Sinatras Ruhm als Sänger, er war auf der Höhe der Zeit, frech, witzig, traurig druckte er die Gefühlswelt des swingin'' America wie kein anderer aus.
Später, als er verbittert und vertrotzt gegen den Hüftenwackler Elvis oder gar gegen die "Manie" der Beatles anging, gelingen ihm zwar die meisten Verkäufe mit Sinatra-Hymnen wie "My Way", "New York, New York" oder dem perfekten Sechziger-Schmalz, dubidubidu, "Strangers in the Night". Aber da ist seine Musik auch schon spießig und voller Ressentiments: Die Aufsteiger und Saturierten mit den grauen Schläfen bescheinigen sich trotzig, daß sie richtig gelebt und geliebt hätten, nämlich "My Way", und daß es schon eine Romanze ist wenn sie auf der Geschäftsreise mit ihrer Sekretärin ins spesengepolsterte Bett gehen. Aus Kunst wird Kitsch - wenn auch was für einer!
Die ihn den Blues und das Fürchten gelehrt hatte, war Ava Gardner, die ihm an impulsiver Wildheit in nichts nachstand. Die beiden hatten manchmal Szenen, die so heftig waren, daß die Nachbarn die Polizei alarmierten, während Schmuck und Kleidungsstücke durch den Garten flogen.
Später, nach der Trennung, soll Sinatra stier und stumpf oft vor ihrem Bild gesessen haben. Einmal, in Las Vegas, zerfetzte er ihr Photo. Dann suchte er die Fetzchen wie ein Mosaik zusammen - die Nase fehlte. Er bestellte eine neue Flasche Bourbon, die der Zimmerkenner brachte. Dabei wirbelte Avas Nase hoch. Hochbeglückt schenkte Sinatra dem Kellner seine goldene Rolex.
Sonst wußte sich der Einsame gut zu trösten, ob es sich um chinesische oder schwarze Nutten, um Stars wie Kim Novak, Lauren Bacall, Marilyn Monroe, Liz Taylor oder Shirley MacLaine handelte.
Er war Star im "Sands" von Las Vegas, wo seine Floor-Show-Auftritte Ereignisse waren, zu denen er seinen von Humphrey Bogart geerbten Freundeskreis, das sogenannte Rattenpack (also auch Sammy Davis jr. oder Dean Martin), mitschleppte, feuchte Partys feierte, ausgiebig zockte und auch mal andere Gäste vermöbelte.
Zu seinen Feten und Nutten in Las Vegas und Hollywood lockte es auch die aufstrebenden Senatoren Kennedy. Sowohl John F., damals Präsidentschaftskandidat, als auch der junge und kiebige Ted lernten die Sinatra-Freundin Judith Exner kennen, eine dunkelhaarige Schönheit, die an Frankie nur sein jäher Wechsel zwischen Davor (zärtlich) und Danach (grob und brutal) gestört hatte und die es ihm verübelte, wenn er zu Variationszwecken noch eine weitere Frau mit ins Bett bringen wollte.
Die Kennedys waren Feuer und Flamme. Der junge Ted, der etwas zu knabenhaft ungestüm ranging, blitzte ab. Der ältere, John F., hatte Erfolg und blieb der gelegentliche Liebhaber der Exner auch im Weißen Haus, wo sie manchmal auch zu einem kurzen Mittagsschlaf eingeschleust wurde.
Das wäre an sich nicht mehr als eine (hochbesetzte) Tratschgeschichte, hätte Sinatra die Exner nicht auch mit dem Chicagoer Super-Gangster Sam Giancana bekannt gemacht, so daß sie an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Washington mit dem Präsidenten und in Chicago mit dem Gangsterkönig intim plaudern konnte.
Als Robert Kennedy, Justizsenator seines Bruders, der Kuba-Verschwörung der Mafia und ihrer Zusammenarbeit mit der CIA auf der Spur war (man wollte Castros Essen vergiften), kam auch diese unsichtbare menage a trois zum Vorschein. Robert warnte John F. vor Sinatra, die Verbindung kühlte ab.
Merkwürdig genug hat Giancana, solange er noch lebte (er hatte, wie Kennedy, wg. Ermordung kaum noch viel Zeit), behauptet er habe Kennedy in Illinois zu einem (die Präsidentenwahl mitentscheidenden) Wahlsieg durch Stimmenkauf verholfen. Das sagte er, als er über die von Robert verhängte FBI-Beschattung maulte, die ihn beim Golfen nervös gemacht und um Punkte gebracht hatte. Sinatra jedenfalls hatte die schöne Exner, laut ihren Memoiren, auf beide mit dem Hinweis angesetzt, sie wisse gar nicht, was sie alles erreichen könne.
Wie zur Mafia galt auch Sinatras Verbindung zur großen Politik sein lebenslanges Streben. Ob er beides, ehrgeizig, versöhnen und vereinen wollte?
Er war in Audienz bei Roosevelt - und das zu einer Zeit, da er bei der Army wegen seiner Drückebergerei vom Wehrdienst nicht gerade hohes Ansehen genoß. Er stand, nach der Wende in den USA, Nixons Vize Agnew nahe und half ihm durch dick und dünn so gut er konnte. Er spielte den Hofzeremonienmeister für seinen Ex-Kollegen Reagan, wodurch Washingtons offizielle Feiern einen Hauch von Las-Vegas, Nachtklub und Veteranentreffen alter Hollywood- und Las-Vegas-Mimen bekamen. Auch die Reagans störte weder sein Mafia- und Spielkasino-Ruf noch seine jähzornigen Ausfälle gegen die Presse.
Besonders auf Journalistinnen hatte er es abgesehen. Barbara Walters nannte er "die häßlichste Nutte im Fernsehen". Von einer anderen sagte er, sie sei so häßlich, "daß sie beim Psychiater auf dem Bauch liegen muß".
Eine seiner Reizstellen waren die Gerüchte um die Entführung seines Sohnes Frank jr., von der kolportiert wurde, die Entführer hätten ihn sofort freigelassen, nachdem er im Kofferraum des Entführungsautos gesungen habe. So schäumte Sinatra über Rona Barrett, die eine selbstinszenierte Entführung vermutet hatte, der Kongreß solle ihrem Ehemann eine Medaille verleihen, weil er neben ihr aufwachen und sie sehen müßte. Schon als Kind habe ihre Mutter ihr ein Schweinskotelett um den Hals binden müssen, damit wenigstens der Hund mit ihr spielte.
Andererseits reagierte der Sänger selbst empfindlich bis gewalttätig auf Spott und Kritik. Als er 1966 die über dreißig Jahre jüngere Mia Farrow heiratete
(die gelegentlich grün und blau geschlagen bei Filmdreharbeiten auftauchte), malte sich der Komiker Jackie Mason das nächtliche Zubettgehen des neuen Paares öffentlich aus, mit Anspielungen auf die superhohen Absätze Sinatras, auf sein Toupet und sein Alter: "Frank nimmt sein Gebiß heraus, und Mia putzt ihre Zahnspange... Dann zieht sie ihre Rollschuhe aus und stellt sie neben seinen Krückstock... Er nimmt sein Toupet ab, und sie macht ihre Zöpfe auf."
Mason wurde durch einen anonymen Telephonanruf gewarnt. Man würde ihn umbringen, wenn er weiterhin solche Scherze mache. Mason machte weiter. Sechs Tage später kletterte ein bewaffneter Mann auf den Balkon seines Hotelzimmers in Las Vegas und feuerte drei Schüsse durch die Glastür. Sie blieben in der Matratze stecken.
Mason dazu später, in Miami, wo zur selben Zeit auch Sinatra auftrat, in einer Conference: "Ich habe keine Ahnung, wer da versucht hat, mich zu erschießen... Aber nach den Schüssen hörte ich jemanden ''Dubidubidu'' singen."
Ein paar Wochen später wurde Jackie Mason in seinem Auto von einem Unbekannten angegriffen, der die Wagentür aufriß und ihm mit einem Schlagring Nasen- und Jochbein zertrümmerte.
Als die Freiheitsstatue, das Symbol von Liberalität und Demokratie der USA, in diesem Sommer ihren Geburtstag feierte, war Sinatra dabei - ein Symbol, das ein Symbol patriotisch ansang.
Daß Sinatra während seines Lebens so oft im Dunstkreis von Gewalt und Verbrechen auftaucht, hat seine offizielle Rolle als Mr. America also nicht wesentlich überschattet. Drückt sich darin eine US-typische, seltsame Nähe, ja Verbindung von Reputierlichkeit, Reichtum, moralischem Anspruch auf der einen und Halbwelt, glitzerndem Kitsch, Gangstertum und rüder Handgreiflichkeit auf der anderen Seite aus? Und sind beide nicht Perversionen des Self-mademan-Ideals, nach dem man ist, was man scheint, und nicht zählt, was man war?
Die konservative amerikanische Gesellschaft offenbart in Figuren wie Sinatra anarchisch-atavistische Züge: Sie verzeiht und billigt Rückfälle ins Faustrecht, in die Vendetta. Sie hat kein Gedächtnis; die Macht, das Geld, der Ruhm tilgen jeden Makel. Sie ist vorurteilsfrei sobald ihr jemand wirksam genug die Zähne, seinen Colt und seine pralle Brieftasche zeigt.
Manchmal muß er auch nur singen.
To be is to do. Socrates. To do is to be. Sartre. Dubidubidu ...
Sinatra. New Yorker Graffito aus den 70er Jahren
Nach Sinatra Konzert um 1940.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 37/1986
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DER SPIEGEL 37/1986
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