08.09.1986

„Wir sind auf dem Weg ins Weiße Haus“

Frank Sinatra, die Mafia und Amerikas Präsidenten / Von Kitty Kelley *
Im Januar 1947 erhielt Frank Sinatra einen Anruf von Joe Fischetti. Die beiden Männer, deren Freundschaft bis ins Jahr 1938 zurückging, verhielten sich wie ein sizilianisches Bruderpaar zueinander. Frank besaß Glamour, und Joe, ein Vetter von Al "Scarface" Capone, stammte aus einer Familie, deren Ehrenkodex Frank respektierte. Die Fischettis waren "soldati" in der uralten und exklusiven Gesellschaft Cosa Nostra. Frank selber benutzte nie die Bezeichnung "Mafia", statt dessen sprach er von den "Boys" oder vom "Syndikat".
Joe Fischetti hatte im Juni 1946 unter dem falschen Namen Joseph Fisher gleichzeitig mit Frank in New York im Waldorf-Astoria gewohnt. Charles "Trigger Happy" Fischetti kümmerte sich in Chicago um die Bestechung von Politikern, und sein Bruder Rocco leitete die dortigen Spielkasinos des Syndikats.
Zusammen mit den übrigen Bossen der Mafia aus dem ganzen Land wollten sich die Brüder Fischetti im Februar in Havanna auf Kuba treffen, um ihren exilierten Anführer Charlie "Lucky" Luciano zu ehren. Joe lud nun Frank nach Miami ein, um mit ihnen dort einige Tage zu verbringen und dann mitzukommen nach Havanna und dort "den Mann" kennenzulernen.
Luciano hatte die Fraktionen der Mafia nach dem Ende der Prohibition in den dreißiger Jahren vereinigt und gemeinsam mit jüdischen und irischen Kriminellen die Grundlage für das Syndikat gelegt, 1936 wurde er wegen organisierter Prostitution in New York zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Bevor Frank am 31. Januar 1947 aus Los Angeles abreiste, beantragte er einen Waffenschein, und man nahm seine Fingerabdrücke. Als Begründung gab er an, er trage gelegentlich große Summen Geldes bei sich und brauche deshalb eine Waffe.
Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in New York flog er nach Miami Beach und wohnte im Landhaus von Charlie Fischetti. Am Abend vor dem Abflug nach Kuba ging er mit Joe ins Colonial Inn in Hallendale, ein luxuriöses Spielkasino, das den aus New Jersey stammenden Gangstern Joe Adonis und Meyer Lansky gehörte. Hier gab Frank einen Gratisauftritt für jedermann.
Am 11. Februar flogen sie nach Havanna, Frank wurde mit den Brüdern Fischetti photographiert, als er aus dem _(Mit dem Chef der kubanischen ) _(Geheimpolizei und Kubas Innenminister ) _(Pequeno vor seiner Deportation nach ) _(Italien. )
Pan-American-Clipper stieg. Frank und Rocco trugen elegante Köfferchen, in denen sich nach Vermutung der amerikanischen Bundespolizei zwei Millionen Dollar in bar für Luciano befanden.
Man stieg im Hotel Nacional ab, das 36 Suiten für dieses Konklave bereitstellte, und in den folgenden vier Tagen wurde Frank mit den "Häuptlingen" der amerikanischen Unterwelt bekannt. Mit Lucky Luciano besuchte er Partys, spielte mit ihm im Kasino, ging mit ihm zum Rennen, speiste mit ihm.
Joseph "Doc" Stacher, der die Musikautomaten in Newark kontrollierte und im Auftrage vor Lansky Spielautomaten aufstellte, hat sich Jahre später im Exil über diese Konferenz geäußert: "Wir Italiener waren auf Frank sehr stolz. Mir versicherten sie, ihn in seiner Karriere unterstützt zu haben, seit er mit Tommy Dorsey aufgetreten war. Lucky Luciano hörte ihn besonders gern singen, aber wir hatten uns selbstverständlich nicht versammelt, um ihn singen zu hören. Alle brachten Bargeld für Luciano mit, und da er im Exil lebte, brauchte er es auch nötig."
Wenige Tage später entdeckte der Journalist Robert Ruark, der sich in Havanna aufhielt, daß Luciano dort lebte, und warf Frank vor, mit einem deportierten Rauschgifthändler, Zuhälter und Gewaltverbrecher Umgang zu haben: _____" Man konnte diesen sonderbaren Hang zum Umgang mit dem " _____" Abschaum möglicherweise einem Bürger nachsehen, der sich " _____" nicht zum Moralprediger für junge Leute aufwirft. Doch " _____" Mr. Sinatra, dieser selbsternannte Erretter der Kleinen " _____" Leute, dieser Tugendapostel, der von Sauberkeit und " _____" Nächstenliebe redet, Kurzfilme über Toleranz dreht und " _____" sich als allgemeiner Wohltäter in die Politik einmischt, " _____" bietet ein sonderbares Vorbild für die Horden von " _____" pickeligen, kreischenden Hörigen, die ihm angeblich die " _____" gleiche Ehrfurcht entgegenbringen wie der gläubige " _____" Muselmann dem Propheten. "
Dieser Artikel hatte eine erstaunliche Wirkung. Am nächsten Tag wurde Luciano von der kubanischen Polizei verhaftet und bis zu seinem Abtransport nach Italien inhaftiert. Dadurch wurde die ganze Episode bundesweit bekannt und Frank als Freund von Gangstern hingestellt.
"Die Meldungen, denen zufolge ich mich mit Gangstern verbrüdert haben soll, sind gemeine Lügen", wehrte sich Frank. "Ich bin dazu erzogen worden, jedem die Hand zu geben, mit dem man mich bekannt macht, ohne zuvor dessen Vergangenheit unter die Lupe zu nehmen."
Immerhin besuchte Sinatra später Luciano in Neapel und schenkte dem Mafiaboß ein goldenes Zigarettenetui mit der Gravierung "Meinem lieben Freund Charlie von Frank Sinatra".
Sinatras Reaktion auf die Affäre war nicht gerade befriedigend, am wenigsten für die Direktion von Metro-Goldwyn-Mayer. Franks Presseagent George Evans versuchte, von Franks Image zu retten, was zu retten war, indem er ankündigte, dieser werde nicht nur in seinem nächsten Film "The Miracle of the Bells" einen katholischen Priester spielen, er werde auch seine Gage von 100000 Dollar der Kirche stiften.
Nach der Kubareise verdammte Lee Mortimer, Redakteur der Gesellschaftsspalte in Hearsts "New York Daily Mirror", Frank und nannte seine Fans Schwachsinnige, die einen Mann verehrten, der sich ausgerechnet Gangster als Umgang suchte.
Frank war schon früher anläßlich der Angriffe Mortimers ins Kochen geraten und hatte mehr als einmal gedroht, ihm die Rechnung zu präsentieren.
Am 8. April 1947 ging er zu Ciro''s, einem Nachtklub in Hollywood, und saß dort mit etlichen Bekannten zusammen, darunter Sam Weiss, einem zwei Zentner schweren Musikverleger.
Gegen Mitternacht sah Frank, wie Lee Mortimer mit der Sängerin Kay Kino das Lokal verließ. Frank folgte dem Paar zum Ausgang, begleitet von Sam Weiss und drei anderen Männern. Während die drei Mortimer festhielten, der keine 120 Pfund wog, versetzte Frank ihm einen Schlag hinters linke Ohr und nannte ihn einen "elenden Homosexuellen" und einen "Abartigen". Mortimer ging zu Boden und wurde dort von Franks Freunden festgehalten, während dieser weiter auf ihn eindrosch und dabei schrie: "Nächstes Mal bring'' ich dich um!"
Nat Dallinger, Photograph bei King Features Syndicate, sah von der Bar aus, was passierte, und rannte Mortimer zu Hilfe. Frank und seine Freunde ließen schließlich von Mortimer ab, Dallinger unterrichtete die Presse und brachte den Kolumnisten ins Unfallkrankenhaus von West-Hollywood.
Gegen drei Uhr früh kam Franks Freund Jack Keller zu einem Entschluß, "Du kannst nur eins tun", sagte er. "es gibt nur eine Möglichkeit, die Sache beizulegen, wenn du nicht die gesamte
amerikanische Presse gegen dich aufbringen willst. Du gehst jetzt ans Telephon, rufst bei den Zeitungen an und sagst: Hier spricht Frank Sinatra, hörst dir die Fragen an und sagst dann jedem, daß du beim Verlassen des Lokals gehört hast, wie Mortimer zu dieser Chinesin sagte: "Da kommt ja dieser kleine Dago-Bastard.
"Damit hat er dich beleidigt, und niemand wird es dir verdenken, wenn du das nicht hinnehmen wolltest. Du bist bekannt für deinen Jähzorn, und die Presse wird das schlucken."
Frank ging auf diesen Vorschlag ein und rief als erste die Hollywood-Kolumnistin Hedda Hopper an. Am nächsten Tag las man in der Presse, Frank habe Mortimer mit einem Schlag zu Boden gebracht, nachdem dieser ihn (in Anspielung auf seine italienische Abstammung) einen Dago geschimpft habe.
Mortimer bestritt dies empört und erstattete prompt Anzeige gegen Frank wegen Körperverletzung. Darauf stand eine Höchststrafe von 1000 Dollar oder sechs Monaten Haft oder beides. Ferner verlangte er von Frank 25000 Dollar Schmerzensgeld.
Frank wurde am nächsten Tag während der Proben zu einer Radioaufnahme verhaftet und trat beschwingt und heiter vor den Richter. "Ich bekenne mich nicht schuldig und bin bereit, nächsten Monat vor einem Geschworenengericht zu erscheinen." Der Richter entließ ihn gegen eine Bürgschaft von 500 Dollar.
Mortimer berichtete tags darauf, er habe zwei anonyme Anrufe erhalten, mit denen er bedroht wurde, wenn er seine Strafanzeige nicht zurückzöge.
Bei der Hearst-Presse war Frank nach dem Zusammenstoß mit Mortimer unten durch. Weil kein Star - auch Frank Sinatra nicht - ständige Breitseiten dieser Blätter lange überleben konnte, wandte sich George Evans an Louella Parsons, eine Hearst-Kolumnistin mit einer auf 40 Millionen geschätzten Leserschaft. Er bat sie, sich mit Frank zum Lunch zu treffen, doch sie lehnte ab. George gab nicht auf, und nach dem fünften Anruf wurde sie weich.
Dank der Vermittlung von Marion Davies, der Mätresse von Hearst, wurde Frank auch bei dem Pressezaren selbst vorgelassen, der damals 84 Jahre alt und kränklich war.
"Er kam allein - keine Limousine mit Chauffeur, keine Leibwächter, kein Gefolge. Ganz der reuige Sünder, erinnert sich Hearst-Enkel John. Frank blieb eine Stunde im Hause Davies und erlangte seine Begnadigung.
Frank kümmerte sich damals nur noch wenig um seine Frau Nancy. Er überschüttete sie mit Geschenken, wie um sein Gewissen zu beruhigen und sich Frieden zu erkaufen, doch blieb er rastlos und suchte etwas außerhalb der Ehe, und das nicht immer diskret.
Frank und seine Freunde trieben sich des Nachts herum wie eine Bande Straßenjungen auf der Suche nach Abenteuern. Eines Nachts fand er dann ein Abenteuer mit Ava Gardner das in der Wüste endete und ihn nötigte, morgens um drei bei Jack Keller anzurufen: "Jack, ich sitze im Knast. In der Wüste. In Indio." Er und Ava hätten gerade "ein Feuerwerk im Ort veranstaltet".
"Womit denn?" schrie Jack.
"Na, du weißt doch, daß ich einen Waffenschein für die beiden 38er habe, und die liegen immer im Handschuhfach von meinem Cadillac. Na ja, heute abend haben ich und die Kleine hier uns einen genehmigt, sind von Palm Springs hergefahren und haben zum Spaß auf Straßenlaternen geschossen. Und auch auf ein paar Fenster. Weiter war nichts.
"Lieber Himmel", sagte Jack, "habt ihr auch jemanden angeschossen?"
"Na ja, einer hat einen Streifschuß abgekriegt. Am Bauch. Aber es ist nichts, bloß ein Kratzer."
"Ist Anzeige erstattet worden? Weiß die Presse davon?"
"Nein, der Polizeichef hier ist in Ordnung. Der weiß, wer ich bin, und bis du herkommst, unternimmt er nichts. Also beeil dich, Jack."
Keller charterte ein Flugzeug in Burbank. Mit 30000 Dollar in bar flog er nach Indio und begab sich auf die Polizeiwache. Während Frank und Ava im Wachraum schliefen, setzte Keller sich zum Polizeichef, die Brieftasche voller Geld vor sich auf dem Tisch, und fragte: "Okay, Chief, was kostet es, die ganze Angelegenheit in aller Stille zu bereinigen?"
Keller zufolge rechnete der Polizeichef aus, das würde auf 10000 Dollar kommen - zweitausend für die Beamten, die die Verhaftung vorgenommen hatten; zweitausend für den Ersatz des entstandenen Schadens; tausend für die Beseitigung des Krankenblattes jenes Mannes, der verletzt worden war, und fünftausend für ihn selbst.
Zwischen sieben und neun Uhr früh suchte Keller alle Betroffenen auf und erbot sich, den jeweiligen Schaden gutzumachen, falls sie ihn beziffern könnten. Damit waren alle einverstanden. Der Mann mit der Schußverletzung am Bauch war weniger leicht zufriedenzustellen. Schwer verletzt sei er nicht, gab er zu, aber er habe große Angst ausgestanden. "Für 10000 Dollar könnten Sie Ihre Angst vielleicht verlieren", schlug Jack vor, und der Mann griff gierig nach dem Geld.
Als Frank und Ava ihr "Feuerwerk" in Indio abbrannten, waren zwei hochexplosive Substanzen in Berührung gekommen, deren Detonation alle, die in der Nähe standen, versengte. Frank war so voller Phantasien und Illusionen wie der Große Gatsby, Ava so infantil und berückend wie Daisy.
Die Affäre mit Ava wurde mit Rücksicht auf Nancy Sinatra und die Kinder anfangs geheimgehalten. Ein öffentlicher Skandal, den sie 1948 verursacht hätte, brachte für Ava die Gefahr mit sich, daß MGM sie aufgrund der in ihrem Vertrag enthaltenen "Morals Clause" entlassen hätte, in der es heißt: Die Künstlerin verpflichtet sich, in ihrem Verhalten die herrschenden Konventionen und moralischen Gebote zu beachten und alles zu unterlassen, was ihrem Ansehen in der Gesellschaft schadet.
Seit George Evans nicht mehr Franks Presseagent war, gab es niemanden mehr, der Franks bedenkenlose Romanze hätte bremsen können. Und es war auch keiner in der Lage, sich der Presse entgegenzustellen, die nun anfing, an seiner Stimme und seiner Anziehungskraft herumzumäkeln. 1949 war unter
den Plattenbestsellern und den in den Musikautomaten meistgewählten Titeln keiner mehr von Sinatra.
So besorgt Frank auch seiner Karriere wegen war, er war immer noch leidenschaftlich, wild und bedenkenlos in Ava Gardner verliebt. Als Nancy ablehnte, in eine Scheidung einzuwilligen, verließ er das Haus. Nancy erklärte den Reportern: "Frank hat mich wieder mal verlassen, doch das hat er früher schon getan und wird es wohl auch künftig wieder tun. Jedenfalls betrachte ich deshalb meine Ehe nicht als gescheitert. Er kommt wieder nach Hause."
Willie Moretti, Franks Padrone in Hasbrouck Heights, las das mit Empörung. Sein Feingefühl als Mafioso schreckte zwar nicht vor Mord, Prostitution und Erpressung zurück, doch bezeichnete er sich mit Stolz als einen treuen Familienvater - auch wenn er an Syphilis litt. Er telegraphierte daher Frank umgehend: "Die Zeitungsmeldungen über dich und deine liebe Frau haben mich sehr überrascht. Vergiß nicht, du hast eine achtbare Gattin und Kinder. Du müßtest darüber sehr glücklich sein. Grüße an alle. Willie Moore."
Als Frank im März nach New York flog, um ein Engagement im Copacabana anzutreten, begleitete Ava ihn trotz allem. Frank war vor seinem Auftritt so aufgeregt, daß ein Arzt ihm ein Sedativ geben mußte. Seine Stimme war seit Wochen unsicher, seine Nerven aufs höchste gereizt, und er hatte Angst.
Die Mobster, die um Frank Costello, den Mafia-Eigentümer des Copa, geschart nahe der Bühne saßen, klatschten mächtig und brüllten Beifall, und auch die übrigen Gäste applaudierten. Die "Herald Tribune" meinte: "Ob nun vorübergehend oder auf Dauer, die Musik, von der die Backfische früher fasziniert waren - was ist übrigens aus ihnen geworden? - kommt aus dieser Kehle nicht mehr."
Am 27. April 1950, nach langwierigen Verhandlungen zwischen MGM und Franks Agenten MCA, wurde eine gemeinsame Erklärung herausgegeben, in der Franks Ausscheiden bei MGM mitgeteilt wurde. Beschönigend heißt es darin: "Als freischaffender Künstler darf Mr. Sinatra ab sofort wichtige Engagements wahrnehmen, die ihm von Radio und Fernsehen gemacht worden sind."
Es kamen aber keine Filmangebote und nur sehr wenige Aufforderungen, als Alleinunterhalter aufzutreten, die Zukunft sah trüb aus.
Franks Stimme war jetzt so unsicher, daß er sein Engagement im Copa auf fünf Tage kürzen mußte. Am sechsten Tag kroch er nur deshalb aus dem Bett, weil er wußte, Lee Mortimer hatte mit Jack Entratter um hundert Dollar gewettet, daß Frank sein Engagement nicht durchhalten würde. Als er an diesem Abend, es war der 26. April 1950, in der dritten Show den Mund aufmachte, kam kein Ton heraus.
"Es war tragisch und angsterregend", erinnert sich Augenzeuge Skitch Henderson. "Nach dem Vorspiel der Band öffnete er den Mund, doch es kam kein Ton heraus, Nichts. Einen Augenblick lang glaubte ich, es handele sich um einen Gag, doch dann begegneten sich unsere Blicke, und ich muß wohl kalkweiß geworden sein, als ich die Angst in seinen Augen las. Im Klub wurde es totenstill - es war, als sahen die Gäste jemanden in einen Abgrund stürzen. Frank ächzte mit schneeweißem Gesicht etwas ins Mikrophon, das klang wie ''Gute Nacht'', und rannte von der Bühne. Das Publikum saß stumm und betroffen da.
Das Copa gab am nächsten Tag bekannt, Frank habe eine submuköse Blutung in der Kehle und müsse auf ärztliche Anweisung zwei Wochen pausieren.
Seine Einnahmen gingen in den Keller, seit er von MGM kein Geld mehr bekam. Auch seine Einnahmen aus dem Verkauf von Schallplatten gingen stark zurück.
Harold Chapman, ein Aufnahmetechniker von Columbia, gesteht: "Es war schon schlimm. Sinatra machte den Mund auf, und raus kam bloß ein Krächzen. Wenn ein Sänger indisponiert ist, kann man ihm mit Nachhall helfen, aber Sinatra gehörte zu den gemeinsten Künstlern, mit denen wir je zu tun hatten, deshalb rührten wir und die Musiker keine Hand für ihn und ließen ihn absaufen."
Außerstande, bei Film oder Fernsehen Arbeit zu finden, wandte Frank sich an seine Freunde von der Mafia und ließ sich in Nachtklubs vermitteln. Paul "Skinny'' D''Amato engagierte ihn in seinen Club 500 in Atlantic City; Moe Dalitz ließ ihn im Desert Inn in Las Vegas auftreten, Willie Moretti verschaffte ihm mehrere Engagements in Ben Mardens Riviera in Fort Le. New Jersey, und Joe Fischetti sorgte dafür, daß er in Chicago Arbeit bekam.
Im Dezember 1950 übernahm Estes Kefauver, demokratischer Senator von Tennessee, den Vorsitz im Sonderausschuß für die Untersuchung bundesweiter Wirtschaftskriminalität, gemeinhin Kefauver-Komitee genannt. und damit richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit erstmals auf die Mafia und das organisierte Verbrechen.
Wochenlang saßen die Leute vor ihrem Fernsehapparat und sahen zu, wie das Komitee seine Anhörungen abhielt. Das Publikum erblickte nun Gangster
wie Meyer Lansky, Frank Costello, Mickey Cohen und Willie Moretti, wie sie in ihren Zweireihern den 5. Verfassungszusatz für sich in Anspruch nahmen: "Ich verweigere die Aussage, weil ich mich damit selbst belasten könnte."
Im Laufe der Untersuchungen überreichte Kefauver dem Komiteemitglied Joseph L. Nellis einen Umschlag mit acht Hochglanzphotos und beantragte ihn, eine Zusammenkunft mit Frank Sinatra zu vereinbaren. "Ich wäre fast vom Stuhl gefallen", erinnert sich der Anwalt. "Als ich den Umschlag aufmachte, sah ich ein Photo von Sinatra, den Arm um Lucky Luciano gelegt, auf dem Balkon des Hotel Nacional in Havanna; auf einem anderen Bild saßen Sinatra und Luciano in einem Nachtklub im Nacional, vor sich massenhaft Flaschen, und offenbar amüsierten sie sich großartig mit gutaussehenden Mädchen. Ein Photo zeigte Frank, wie er mit einem Köfferchen in der Hand aus einem Flugzeug steigt, und dann sah man ihn mit den Brüdern Fischetti, mit Lucky Luciano und Nate Gross, einem Reporter aus Chicago, der über Gangster bestens im Bilde ist. Kefauver wollte über Sinatras Verbindung zu Luciano, der vom Exil aus ein internationales Drogenkartell leitete, mehr wissen. Ich rief also Franks Anwalt an und verabredete ein Treffen."
Sol Gelb, der New Yorker Anwalt, den Frank beauftragte, das Treffen zu arrangieren, wußte nur zu gut, daß Sinatra für das Show-Business gestorben zuäre, würde er öffentlich in Gesellschaft von Albert "Der Scharfrichter Anastasia und anderen Killern erscheinen. Schon allein die Meldung, daß Kefauver sich für Sinatras Beziehungen zur Mafia interessierte, konnte ihm die gefährdete Karriere ruinieren.
Also bestand Gelb darauf, seinen Mandanten nur unter größter Geheimhaltung zu präsentieren. Nellis müsse die Befragung am 1. März 1951 um vier Uhr früh in einem Anwaltsbüro im Rockefeller Center vornehmen, damit garantiert sei, daß die Presse nichts erfahre.
Nellis berichtet: "Ich war mit einem Gerichtsstenographen zur Stelle, als Frank mit seinem Anwalt kam. Er war sehr nervös, zupfte an seinen Manschetten und an seinem Schlips und rauchte ununterbrochen. Er wußte, daß ich ihm Fragen über Willie Moretti und Lucky Luciano stellen würde, aber von den Photos, die ich hatte, ahnte er nichts!"
Nellis begann mit Fragen über Franks Freundschaft zu Joe Fischetti und seiner Reise nach Kuba im Jahre 1947 zu Lucky Luciano. Sinatra stand im Verdacht, Geld an Luciano überbracht zu haben, folglich fragte ihn Nellis nach dem Inhalt des Köfferchens, das er auf dem Flug bei sich geführt hatte. Frank erwiderte, der Aktenkoffer habe sein Rasierzeug und Schreibmaterial enthalten.
Nellis: "Es liegen Informationen vor, denen zufolge Sie einen Betrag von mehr als 100000 Dollar nach Kuba gebracht haben."
Sinatra: "Das stimmt nicht."
"Haben Sie Lucky Luciano Geld ausgehändigt?"
"Nein, Sir."
"Haben Sie gewußt, welcher Tätigkeit diese Leute nachgingen?"
"Nein, niemals."
Dann verlas Nellis eine Liste mit den Namen von Franks Mafia-Freunden und -Bekannten - Frank Costello, Joe Adonis, Abner "Longy" Zwillman, Meyer Lansky, Benjamin "Bugsy" Spiegel - und fragte, wie gut er jeden davon kenne. _(Vorsitzender Kefauver (3. v. l.). )
Sinatra: "Geschäftlich gar nicht. Wir sagten uns bloß guten Tag."
"Und wie steht es mit den Leuten aus Jersey, die Sie zu Beginn Ihres Berufslebens kennenlernten?
"Dazu kann ich nur sagen, diese Burschen waren in Ordnung. Soweit ich weiß, haben sie weder mich noch sonstwen irgendwann belästigt. Sie wollen mich doch nicht etwa ins Fernsehen bringen und ruinieren, bloß weil ich viele Bekannte habe?"
"Niemand will Sie ruinieren, Mr. Sinatra. Glauben Sie mir, ich wäre nicht um fünf Uhr morgens hier, wenn wir durch Ihr Auftreten vor dem Komitee ein öffentliches Spektakel inszenieren wollten."
Nellis las weiter Namen von seiner Mafia-Liste ab und fragte Frank, ob er je in Geschäftsverbindung zu Willie Moretti gestanden habe.
Sinatra: "Na ja, Moore, ich meine Moretti, hat mir, als ich anfing, Engagements mit einigen Bands verschafft, aber mit den Leuten, die Sie da vorgelesen haben, hatte ich geschäftlich nie zu tun.
Einzelheiten über seine engen persönlichen Beziehungen zu Moretti gab Frank nicht preis. Moretti hatte bereits vor dem Komitee ausgesagt und sich als am meisten zum Sprechen bereiter Zeuge zu Tode geredet: Zehn Monate später wurde er im klassischen Gangsterstil in Joe''s Elbow Room in Cliffside Park, New Jersey, niedergeschossen.
Um 5.48 Uhr wurde diese geheime Sitzung beendet. Nellis empfahl Kefauver, den Sänger nicht zur Aussage in öffentlicher Sitzung zu laden: "Mir war auch klar, daß er niemals zugeben würde, für Luciano oder die Fischettis den Kollektor oder den Kurier gemacht zu haben."
Obschon Frank 1951 der Durchleuchtung durch das Parlament entging, war der Fall gegen ihn und seine Beziehungen zum organisierten Verbrechen keinesfalls abgeschlossen. Es folgten fünf Vorladungen, eine Vorladung vor den Kongreß, sowie eine vor die State Crime Commission von New Jersey, die er durch alle Instanzen bis zum Obersten Bundesgericht anfocht, allerdings vergebens.
Trotz seiner Schuldgefühle darüber, daß er sein Heim im Stich lassen wollte, beschloß Frank endlich, Nancy gegenüber auf der Scheidung zu bestehen. Nachdem er ihr einen Nerzmantel zum Geburtstag geschenkt hatte, bettelte er um seine Freiheit. Sie glaubte zwar immer noch nicht, daß er wirklich wußte, was er wollte, doch konnte er sie diesmal überreden.
Am 31. Oktober 1951 erging ein vorläufiges Scheidungsurteil in Santa Monica, nachdem Nancy Frank wiederholte seelische Grausamkeit vorgeworfen hatte. Schon einen Tag später beschafften Ava Gardner und Frank sich eine Heiratslizenz in Philadelphia. Seine zwölf Ehejahre mit Nancy waren nach traditionellem Muster verlaufen: Er verdiente das Geld, sie sorgte für den Haushalt. Wer die Hosen anhatte, stand nie in Frage. Jetzt begann für ihn eine völlig andere Beziehung: Seine Karriere rangierte erst hinter der seiner Frau, und wenn er das Ruder in der Hand behalten wollte, mußte er darum kämpfen.
Weil Frank 150000 Dollar im Jahr an Nancy zahlen mußte und einen Anteil seiner Einnahmen, war er finanziell von Ava abhängig. Die meisten Rechnungen wurden von ihren Gagen bei MGM beglichen. Es war ihre Karriere, die in voller Blüte stand, und als MGM sie zu den Dreharbeiten für "Mogambo" nach Afrika schickte, begleitete Frank sie und kümmerte sich um ihr Gepäck wie ein treuer Höfling.
Frank wies aber seine Agenten an, ihm zu kabeln, sobald mit der Besetzung für die anstehende Verfilmung von "Verdammt in alle Ewigkeit" begonnen wurde. Nach der Lektüre dieses Romans von James Jones über den Zweiten Weltkrieg sah Frank sich selbst als Maggio, den kampflustigen kleinen Soldaten, und er war überzeugt davon, diese Rolle würde ihn wieder ganz nach vorne bringen.
Vor der Abreise fragte Ava bei Joan Cohn an, der Frau von Harry Cohn von Columbia Pictures: "Joan, ich möchte, daß Sie mir einen großen Gefallen tun. Bringen Sie Harry dazu, daß er Frank die Rolle des Maggio gibt. Er muß sie bekommen, andernfalls fürchte ich, er bringt sich um. Bitte versprechen Sie, daß Sie mir helfen. Ich hin dafür zu allem bereit. Nur Probeaufnahmen, Bitte, Joan, nur Probeaufnahmen."
Mrs. Cohn war sprachlos. Es war höchst ungewöhnlich, daß die Frau eines _(Mit Montgomery Clift. )
Stars der Frau des Chefs einer Filmgesellschaft ein solches Ansinnen stellte, noch dazu der Frau von Harry Cohn, der als einer der übellaunigsten Männer Hollywoods galt.
"Frank war damals ganz unten", berichtet Joan, "und kein Mensch wollte ihn für irgend etwas haben, schon gar nicht für diese Rolle. Ich wußte, Harry hielt Frank für weiter nichts als einen abgehalfterten Sänger und Tänzer. Doch Ava war in ihrem Eintreten für Frank so ergreifend, daß ich versprach zu tun, was ich konnte."
Frank bat Cohn auch selbst um die Rolle. Der sagte: "Frank, das ist eine Rolle für einen Schauspieler. Sie sind nur ein jämmerlicher Nachtklubtänzer."
"Bitte, Harry", flehte Frank, "ich zahle Ihnen was dafür, wenn ich die Rolle spielen darf.
"Schon gut, Frank", erwiderte Cohn, der wußte, daß Frank der Steuerbehörde über 109000 Dollar schuldete. "Schon gut."
Franks Träume jedoch überstiegen seine Geldnöte. "Ich meine es ernst mit der Bezahlung, Harry."
"Ich kaufe nicht.
Aber nur mal interessehalber - was wäre Ihr Preis?"
"Den Maggio spiele ich für tausend die Woche." - "Himmel, Frank, so scharf sind Sie darauf? Na, dann wollen wir mal sehen. Vorher probiere ich aber noch ein paar andere Schauspieler aus."
Frank klemmte sich hinter seinen Freund Jack Entratter, der im Auftrag von Frank Costello und Joey Adonis das Hotel Sands in Las Vegas leitete. Jack war mit Harry Cohn eng befreundet. Frank wußte das, und deshalb bat er Jack, mit Harry zu sprechen Cohn erzählte seiner Frau, alle Welt bedränge ihn, Frank die Rolle des Maggio zu überlassen. Joan Cohn ergriff diese Gelegenheit, das Versprechen einzulösen, das sie Ava Gardner gegeben hatte. "Weshalb probierst du ihn nicht aus?" Er ist Italiener, er ist mager und wäre genau der richtige Typ."
Harry Cohn rief Frank schließlich an: Er solle sich keine großen Hoffnungen machen, aber wenn er mit Probeaufnahmen für den Maggio einverstanden sei, könne man ihn in Erwägung ziehen. Frank war selig und erklärte sich bereit. Dann wartete er wochenlang vergebens auf eine Aufforderung. Schließlich las er, daß Cohn und Fred Zinnemann sich um Eli Wallach bemühten. Verzweifelt reiste er mit Ava am 7. November 1952 nach Nairobi.
Vom ersten Drehtag an wurde "Mogambo", eine englisch-amerikanische Produktion, von nicht endenden Schwierigkeiten geplagt. In der knochentrockenen Wildnis stiegen die Temperaturen auf 54 Grad: alle und alles waren ständig von Alkalistaub bedeckt: und dafür, daß niemand ungestörten Schlaf fand, sorgten brüllende Flußpferde und heulende Hyänen. Die schwangere Ava litt zudem unter morgendlicher Übelkeit und zankte sich unentwegt mit Frank, der an weiter nichts denken konnte als an die Rolle des Maggio.
Um alles noch zu verschlimmern, vertrug sich Ava nicht mit dem Regisseur John Ford, der barsch und kurzangebunden war und nicht daran dachte, sie wie eine gefeierte Prinzessin von MGM zu behandeln. Auch brachte sie ihn in Verlegenheit, als er sie mit dem britischen Gouverneur und dessen Gattin bekannt machte.
"Warum erklären Sie dem Gouverneur nicht, was Sie eigentlich in dem hundertzwanzig Pfund schweren Zwerg sehen, mit dem Sie verheiratet sind, Ava?" forderte er sie auf.
"Nun ja", versetzte diese, "der eigentliche Frank wiegt bloß zehn Pfund, aber sein Pimmel glatte hundertzehn."
Ford hätte sie am liebsten erwürgt, doch der Gouverneur und seine Frau lachten schallend.
Fünf Tage später erhielt Frank ein Telegramm vom Produzenten Buddy Adler, der ihn zu Probeaufnahmen bestellte. Frank zögerte keinen Moment. Er ließ die Rückflugkarte auf Avas Konto bei MGM anschreiben und reiste unverzüglich nach Hollywood ab.
Adler war überrascht, Frank schon 36 Stunden nach Abgang des Telegramms zu sehen. "Ich war ziemlich verdutzt, als er mir das Skript mit der Szene des betrunkenen Maggio schlichtweg zurückgab und dazu sagte: "Das brauche ich nicht, ich habe es viele Male gelesen."
"Da dies die letzten Probeaufnahmen des Tages waren, hatte ich nicht die Absicht, noch mal runter zur Bühne zu gehen, doch Fred Zinnemann rief mich an und sagte: "Komm mal runter. Da kannst du was Unglaubliches sehen. Ich habe es schon auf Film, deshalb mache ich weiter keine Aufnahme, aber anschauen mußt du es."
"Frank glaubte, Fred mache noch eine Aufnahme - und er war phantastisch. Ich dachte, wenn er den ganzen Film so macht, kriegt er mit Sicherheit dafür den Academy Award. Aber über die Besetzung konnten wir ohne Harry Cohn nicht entscheiden, und der war verreist. Frank flog also nach Afrika zurück."
Als Harry Cohn wieder da war, wollte er Eli Wallach sehen und ihn in der Rolle des Maggio ausprobieren. Columbia ließ den Schauspieler aus New York einflie gen, wo er am Broadway die Hauptrolle in Tennessee Williams'' "Tätowierter Ro se" spielte. Als Frank erfuhr, daß Eli
Wallach den Maggio probiert hatte, verfiel er in eine Depression, denn nun war er überzeugt, keine Chance mehr zu haben.
Die Dreharbeiten waren auf März festgesetzt und die Rollen bis auf den Maggio besetzt. Fred Zinnemann, Buddy Adler und Drehbuchautor Dan Taradash berieten darüber mit Harry Cohn in dessen Vorführraum im Untergeschoß seines Hauses. Nachdem sie die Proben Wallach und Sinatra mehrmals hatten durchlaufen lassen, sagte Taradash: "Wir haben eigentlich keinen Grund, Trübsal zu blasen. Frank ist nicht übel. Wallach hat uns alle überwältigt, das weiß ich, aber sehen wir uns Frank noch mal an."
Sie ließen die Probeaufnahmen noch mehrmals durchlaufen. Cohn holte seine Frau. "Geh mal runter und sieh dir die Aufnahmen von Wallach und Sinatra an, und sag mir dann, wer dir besser gefällt. Aber ganz ehrlich."
Joan Cohn besah sich die Aufnahmen und sagte ihrem Mann: "Wallach ist ein brillanter Darsteller, ohne Zweifel, nur sieht er einfach zu gut aus. Er ist kein mageres, rührendes Kerlchen und auch kein Italiener. Für mich ist Frank der Maggio."
"Entscheidend war seine kleine Statur", sagte Dan Taradash Jahre später. "Frank wirkte so dünn und kläglich und so bejammernswert klein, daß den Zuschauern die Tränen kommen mußten, wenn dieser arme kleine Kerl zusammengeschlagen wurde. Adler, Zinnemann und Cohn waren sich dann schließlich einig, und so hat Frank die Rolle bekommen. Es war kein besserer greifbar. Mit einem Pferdekopf hatte das nichts zu tun."
Mit dem Pferdekopf spielte Taradash auf Mario Puzos "Der Pate" an, der 1969 erschien. In diesem Buch bittet ein berühmter italienischer Sänger namens Johnny Fontane einen Mafioso darum, ihm eine Filmrolle zu verschaffen, die ihm verweigert wird. Der Pate schickt seinen "consigliere" an die Westküste, um den Filmmagnaten zu überreden, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Der Magnat lehnt ab, und als er wenige Tage in seinem Bett aufwacht, findet er neben sich auf dem Kopfkissen den abgetrennten Kopf seines kostbarsten Hengstes. Da begreift er, daß Leute, die sich nichts dabei denken, ein 600000 Dollar teures Pferd zu schlachten, ihn ebenso leicht umbringen würden. Also gibt er Johnny Fontane die Rolle, und der wird ein Star.
Als der Roman herauskam, waren Franks Beziehungen zum organisierten Verbrechen so bekannt, daß der Leser mühelos die Verbindung herstellen und annehmen konnte, daß auch ihm ein Pate zur Rolle des Maggio in "Verdammt in alle Ewigkeit" verholfen hatte.
Die Dreharbeiten begannen am 2. März 1953, die ersten Muster erwiesen sich als so spektakulär, daß Harry Cohn den Film bereits im August in die Kinos bringen wollte.
Kein anderer Film hat Columbia mehr Geld eingespielt. Die endgültigen Kosten beliefen sich auf 2406000 Dollar und die Bruttoeinnahmen aus den Uraufführungstheatern auf 19 Millionen. Am Ende des Wirtschaftsjahres 1954 betrugen die Roheinnahmen bereits 80 Millionen. Die Kritik war ebenso begeistert wie das Publikum.
"Den Maggio spielt Sinatra, wie er nie eine Rolle zuvor gespielt hat", hieß es in "Time". "Sein Gesicht zeigt die ruhige Gewißheit eines Mannes, der genau weiß, was er tut, wenn er die Rolle direkt aus Little Italy transponiert."
Joan Cohn Harvey: "Als alles vorbei war, gaben wir für die Darsteller eine _(Joey Bishop, Dean Martin, Sammy Davis ) _(jr., Peter Lawford. )
Party, und ich weiß noch, daß Frank allen Anwesenden erzählte, daß er in 16 Stunden bei Ava sein würde. Er liebte sie verzweifelt. Das war recht traurig, denn wir alle wußten, daß die Ehe damals schon nur noch an einem Faden hing."
Am 29. Oktober 1953 gab MGM bekannt, die Ehe sei gescheitert. "Die Trennung ist endgültig, und Miss Gardner wird die Scheidung beantragen."
Am 18. November 1953 fand Jimmy Van Heusen, der an der Fiftyseventh Street eine Wohnung hatte, Frank mit aufgeschnittenen Pulsadern auf dem Boden des Fahrstuhls in seinem Haus. Er rief einen Arzt und ließ Frank ins Mount Sinai Hospital bringen, nicht ohne zuvor den Portier seines Hauses mit 50 Dollar zum Stillschweigen gebracht zu haben.
Der Schmerz, den Frank Avas wegen empfand, hinterließ auch Spuren in seiner Musik, er gab den Worten Verlust und Einsamkeit in seinen Texten eine wehmütige Färbung. Die Songs, mit denen er in den Nachtklubs auftrat, spiegelten die Melancholie wider, unter der er damals litt. Generationen von Männern, die brüllend an der Bar saßen und tranken, einer gescheiterten Liebe nachweinten und sich betrogen vorkamen, identifizierten sich mit diesem Macho, den verlorene Liebe auf die Knie gezwungen hatte.
Am Abend des 25. März 1954 betrat Frank das Pantages Theater in Hollywood, begleitet von seiner dreizehnjährigen Tochter Nancy in einem weißen Hermelincape und seinem zehnjährigen Sohn Frankie jr. Frank war nervös, als Mercedes McCambridge das Podium betrat, den Oscar an den besten Nebendarsteller zu verleihen.
"Variety" sprach von Franks Ehrung als dem "größten Comeback in der Theatergeschichte", und Associated Press schrieb: "Frank Sinatra, Schnulzenidol der Backfische der Kriegsjahre, steht auf dem Höhepunkt einer neuen Karriere dank seiner Auszeichnung als bester Nebendarsteller."
Franks Erfolg brachte ihm genau jene Aufgaben, um die er sich jahrelang vergebens bemüht hatte. Seine finanzielle Lage hatte sich bereits etliche Monate früher verbessert, als ihm eine Spielbanklizenz für Nevada erteilt wurde und er für 54000 Dollar einen Anteil von zwei Prozent am Hotel Sands erwarb.
Franks Anteil am Hotel Sands legte Zeugnis ab für seine guten Beziehungen zur Unterwelt. Das neue Luxushotel wurde damals stärker von Mafiagruppen kontrolliert als irgendein anderes Kasino in Nevada.
Aus den Akten des Justizministeriums ist ersichtlich, daß man einen Gesellschafter überredete, zwei seiner fünf Anteile am Sands an Sinatra zu verkaufen. Das FBI erfuhr durch Spitzel, daß Vincente "Jimmy Blue Eyes" Alo ihm anschließend einen Anteil von weiteren sieben Prozent "zum Geschenk machte", was zusammen neun Prozent ausmachte.
Die Nummer eins im Sands war Joseph "Doc Stacher", ein Gangster aus New Jersey, der im Syndikat gleich hinter Meyer Lansky rangierte und Frank als seinen Sohn betrachtete. In Stachers Polizeidossier sind bewaffnete Raubüberfälle, schwerer Diebstahl, schwere
Körperverletzung, Alkoholschmuggel, Straßenraub und Ermittlungen wegen Mordes verzeichnet. Der Empfangschef des Kasinos war Charles "Babe" Baron, ebenfalls früher einmal wegen Mordes verdächtigt.
Nachdem er aus den USA geflüchtet war und in Israel im Exil lebte, hat Doc Stacher zugegeben, daß der Mob Frank Anteile am Sands verschaffte, weil er Leute anlocken sollte, die um hohe Einsätze spielten: "Um erstklassige Investoren zu gewinnen, nahmen wir George Raft ins Geschäft und verkauften neun Prozent an Frank Sinatra. Frank fühlte sich geschmeichelt von diesem Angebot, doch der Sinn der Sache war, ihn dort auftreten zu lassen, denn niemand in Las Vegas zieht so viele Kunden an. Trat Frank auf, war das Hotel voll."
In den kommenden dreizehn Jahren war Frank im Sands eine Art Herrscherfigur, wurde schließlich Vizepräsident und strich wöchentlich 100000 Dollar ein, wenn er auftrat.
Im Sands drehte Frank Filme, machte Schallplattenaufnahmen, veranstaltete Boxkämpfe, gab zu Beginn eines neuen Programms rauschende Feste, kurzum, das Sands wurde das Hotel am Strip von Las Vegas.
In den 50er Jahren war Las Vegas sozusagen eine offene Stadt - offen für Gangster, Spieler, Nutten. Es gab keine juristischen Vorkehrungen, die Eigentümer von Spielhöllen daran hinderten, von den Einnahmen "abzusahnen". Sie unterschlugen einfach einen Teil dieser Gelder und zahlten Steuern nur für den Rest.
Die Kasinodirektoren nahmen erst einmal einen Teil von den Tageseinnahmen an sich und schickten dann einen weiteren Teil - den "abgesahnten" - per Kurier an die eigentlichen Eigentümer, nämlich die Bosse des Syndikats, als Rendite für deren Investment. Das waren Millionen. Wer an einem Kasino Anteile hatte, glich einem Waldbesitzer, von dessen Bäumen die Blätter in Gestalt von Tausenddollarnoten fielen, sobald man daran schüttelte.
Franks Glück verließ ihn das ganze Jahr 1954 nicht. Zum Jahresende wählte "Downbeat" ihn zum populärsten Sänger, eine Ehre, die ihm seit 1947 nicht mehr zuteil geworden war. 1954 und 1955 machte Frank mehr Filme als irgendein anderer Star in Hollywood. Die Rolle des drogensüchtigen Dealers Frankie Machine in "Der Mann mit dem goldenen Arm" brachte ihm einen Oscar als bestem Schauspieler ein. 1955 sagte er: "Ich bin gefragt, ja, glücklicherweise. Alle diese Rollen kamen gleichzeitig, aber ein Comeback nenne ich das nicht. Ich bin nie wirklich weg gewesen."
Zu den phänomenalsten Abschlüssen im TV-Geschäft gehört Franks Dreijahresvertrag mit der American Broadcasting Company für drei Millionen in bar plus Gewinnbeteiligung. ABC-TV versüßte diesen Vertrag noch durch den Erwerb von Aktien der Kent Production, Franks eigener Produktionsgesellschaft.
"Das garantiert mir sieben Millionen Dollar, und davon geht das meiste in ein Treuhandvermögen für meine Kinder. Seit Jahren schon will ich endlich mal in die Lage kommen, für sie vorzusorgen, und dies ist die einzige Möglichkeit."
Seine Plattenverkäufe gingen damals, 1957, in die Millionen, seine Filme waren Kassenschlager, und er galt in Hollywood als der Star Nummer eins. Also propagierte ABC-TV seine wöchentliche Serie als Schlager der kommenden Herbstsaison.
Frank indessen, der keine Lust hatte zu proben, legte elf Shows in fünfzehn Tagen hin, ohne auf Details zu achten. Er überließ seinem Ersatzmann Dave White die Proben und wartete mit seinem Auftreten bis zum letzten Moment, bis zur Aufnahme.
Der Schauspieler Maurice Manson berichtet darüber: "Für Darsteller, die ihre Arbeit ernst nehmen, war dies ein brutales Verfahren. Mit diesem Mann habe ich es nur einen Tag ausgehalten, und das war schon ein Tag zuviel. Ihm war egal, wie gespielt wurde, und das Ensemble scherte ihn keinen Deut. Nicht mal den Text wollte er lernen. Er las ihn einfach vom optischen Souffliergerät ab. Damals war er zweiundvierzig, aber er benahm sich wie ein schwachsinniger Teenager."
Im März sagte Frank, seine Filmverpflichtungen erlaubten ihm nicht mehr weiterzumachen. Die Serie wurde also abgesetzt, und in den Leichenreden wurde seiner Arroganz die Schuld dafür gegeben. Trotzdem war Frank im Show-Business der gefragteste Mann.
Er war entsetzt, als der ehemalige Lkw-Fahrer Elvis Presley aus Tupelo in Mississippi auf der Musikszene erschien. Sein Gebrüll und sein sexuelles Gestöhn setzten in den Teenagern eine Tollheit frei, die man nicht mehr erlebt hatte, seit Sinatra seine Backfische zu ihren lärmenden Kundgebungen veranlaßt hatte.
Für Frank jedoch war dieser 24 Jahre alte Sänger ein abartiger Provinzler, ein musikalisches Greuel. "Was er Musik nennt, ist beklagenswert, ein ranzig riechendes Aphrodisiakum", sagte Frank.
Presley, der schwarze Lederjacken trug und weiße Socken, die er tagelang nicht wechselte, war kein Mann, mit dem Frank sich befreunden konnte. Er war nicht "cool" in dem Sinne, wie die Mitglieder von Sinatras Rat Pack "cool" waren, die Filzhüte mit breiter Krempe trugen, dazu Kammgarnanzüge von dem Herrenausstatter Sy Devore in Hollywood.
Zu der Gruppe, die Sinatra nach Humphrey Bogarts Tod bildete, gehörten
Dean Martin, Peter Lawford, Sammy Davis jr., Joey Bishop und als Maskottchen Shirley MacLaine. Man war so trinkfreudig wie zu Bogies Zeiten. In Franks Rat Pack war aber der Personenkult die Hauptsache: Frank wurde als "der Papst" tituliert, als "der General" oder "il Dago".
Im Rat Pack konnte Frank seine lebenslange Vorliebe für Männergesellschaft und zugleich sein Bedürfnis nach Anerkennung befriedigen. Die sklavische Hingabe an "den Führer" konnte man so lange mit Humor betrachten, bis Sammy Davis jr. in einem Interview mit Jack Eigen in Chicago deutlich aussprach, daß Frank es nötig hatte, andere klein zu machen.
"Ich habe Frank aufrichtig gern, und als ich bei meinem Autounfall mein Auge verlor und daran dachte, mir das Leben zu nehmen hätte niemand sich liebevoller meiner annehmen können als er. Und doch tut er vieles, das unverzeihlich ist. Talent ist noch keine Entschuldigung für schlechte Manieren". Es gibt niemandem das Recht, auf Menschen herumzutrampeln und sie übel zu behandeln."
"Damit war Sammy erledigt", bemerkte Peter Lawford. "Frank schimpfte ihn einen ''dreckigen Nigger-Bastard'' und strich ihn aus der Besetzungsliste von ''Never so Few'' (Wenn das Blut kocht), dem Film, mit dem wir gerade anfingen. Selbst als beide in Florida auftraten, sprach Frank kein Wort mit ihm."
Sammy hatte nicht nur an Frank Kritik geübt, er hatte dies auch noch ausgerechnet in Chicago getan: Hier lebte sein enger Freund Joe Fischetti. Und vor allem: Sam Giancana, Boß der Mafia von Chicago, würde davon hören.
Giancana war ein kleiner, mürrischer Mann, der Morde mit derselben Beiläufigkeit anordnete mit der er seine Pasta bestellte. Einige der Opfer wurden einfach erschossen, andere aber wurden an Fleischerhaken aufgehängt und mit Elektroschocks, Eispickeln, Baseballschlägern und Lötlampen gefoltert. Bis 1960 hatte Giancana mehr als 200 Männer beseitigen lassen.
Er war der Nachfolger von Al Capone, und als solcher gehörte er zu den Spitzen der Cosa Nostra. Er kontrollierte das Schutzgeldgeschäft, die Automatenhallen, die Prostitution, die Spielklubs, den Drogenhandel, die Erpresser und Kredithaie, die Falschgelddrucker und Buchmacher im Raum Chicago.
In Las Vegas besaß er stattliche Anteile am Riviera, am Desert Inn und am Stardust, die ihm Hunderttausende von Dollars einbrachten. Darüber hinaus hatte er einen Teil des Vermögens der Mafia in Miami Beach, St. Louis, Arizona, Kalifornien, Mexiko sowie Mittel- und Südamerika angelegt. Diese Investitionen brachten pro Jahr schätzungsweise zwei Milliarden Dollar Gewinn ein, von denen vierzig bis fünfzig Millionen direkt in seine Tasche flossen.
Sam hatte im Gefängnis gesessen und war mehr als siebzigmal verhaftet worden, und zwar wegen versuchten Mordes der Verführung Minderjähriger zu Verbrechen, Einbruchs, tätlicher Beleidigung und Körperverletzung, Diebstahls, des Besitzes von Einbruchswerkwerkzeugen und versteckten Waffen sowie wegen Bombenattentaten und Verstößen gegen das Verbot von Glücksspielen. Dreimal war er wegen Mordes verhaftet worden.
Giancana legte großen Wert auf seine äußere Erscheinung. Er trug Anzüge aus feinem Kammgarn, Schuhe aus Krokodilleder, seidene Hemden und an seinem kleinen Finger einen Ring mit einem Sternsaphir, den Frank Sinatra ihm geschenkt hatte.
"Frank betete ihn geradezu an", berichtet Peter Lawford. "Frank redete mit Begeisterung darüber, wie Leute ''kaltgemacht'' und ''ausradiert'' wurden. Als es sich hier (in Hollywood) herumsprach, daß Frank mit Sam Giancana befreundet war, legte sich keiner, aber auch wirklich gar keiner, mit Frank Sinatra an. Sie hatten alle zuviel Angst. Zementstiefel waren für diesen Kerl ein Klacks. Er war ein Killer."
Sowohl Giancana als auch Sinatra besa ßen ein aufbrausendes Temperament, das durch starke Stim mungsschwankungen und eine beängstigen de Unberechenbarkeit gekennzeichnet war. Beide waren überaus großzügig und ver schenkten nagelneue Autos wie andere Leu te Blumen. Vielleicht war jedoch noch wich tiger, daß jeder der beiden etwas hatte, das der andere haben wollte. Für Frank war das die Macht, über die er durch seine Freundschaft zu einem Boß der Unterwelt verfügte; für Giancana war es die Gelegen heit, mit Hilfe des größten Unterhal tungskünstlers, den Hollywood zu bieten hatte, die Kassen der Mafia zu füllen.
"Frank wollte ein Gangster sein", sagt Eddie Fisher. "Einmal erklärte er: ''Ich wäre lieber ein Mafiaboß als Präsident der Vereinigten Staaten.'' Ich glaube nicht, daß das ein Witz war."
Frank wußte, daß Giancana im Schwarzen Buch von Las Vegas stand, in dem - mit ihren Photos, Decknamen und Registriernummern beim FBI - die elf Männer aufgeführt waren, die in allen Kasinos des Staates Hausverbot hatten, und daher versteckte er Giancana in seiner Garderobe, wenn der in das Sands kam.
Aus den Unterlagen des FBI geht hervor, daß Frank Giancana in Chicago anrief, wobei er Sam mit seinem Decknamen James Perno (ein Verwandter von Giancana) ansprach, ohne zu wissen, daß das Gespräch abgehört wurde.
In Unterhaltungen mit seiner Freundin Phyllis McGuire nannte Giancana Sinatra "Bird" (Vogel) oder "Canary" (Kanarienvogel). Und die Nachforschungen des FBI belegen, daß Frank für Sam Hotelzimmer reserviert hat und dieser den Namen J. J. Bracket benutzte, als die beiden Männer gemeinsam nach Hawaii fuhren.
Frank machte keinen Versuch, seine Freundschaft mit Giancana vor irgendjemandem zu verbergen - mit Ausnahme der FBI-Agenten, die Sam überallhin folgten. Er war stolz auf seine Freundschaft mit dem Unterweltboß und stellte ihn seinen anderen Freunden vor. Frank spielte mit Giancana Golf in Nevada und lud ihn in sein Haus in Palm Springs ein. Beide Male wurde er dabei von FBI-Beamten beobachtet.
Frank behandelte Giancana mit Ehrerbietung. "Wenn Sam irgend etwas sagte, sprang Sinatra gleich auf und rief: ''Ich bin schon unterwegs''", erinnert sich Victor La-Croix Collins. "Er benahm sich wie ein Laufbursche. Er kroch Sam nur so in den Hintern."
Phyllis McGuire berichtet dasselbe: "Frank bewunderte Sam. Er betete ihn an. Sie waren dicke Freunde." Der Sternsaphirring, den Frank Giancana geschenkt hatte, gehörte zu einem italienischen Freundschaftsritual, das eine lebenslange Bindung symbolisiert.
Giancana wußte von Anfang an, daß Frank sich bei der Präsidentschaftswahl für John F. Kennedy engagierte. Frank war immer schon ein eingeschworener Anhänger der Demokraten gewesen. Im Wahlkampf von 1944 hatte er Franklin Delano Roosevelt mit 5000 Dollar unterstützt. 1948 hatte er für Harry Truman geworben, und 1952 und 1956 für Adlai Stevenson, doch diesmal fühlte er sich mehr als je zuvor persönlich angesprochen. Kennedy - jung, brillant, reich und gutaussehend - war ein bemerkenswerter Mann aus einer alten irisch-amerikanischen Familie, und Frank war von ihm außerordentlich beeindruckt. Kennedy wiederum war fasziniert von der Glitzerwelt von Hollywood, in der Sinatra den gewandten, modernen und unabhängigen Mann symbolisierte, der tut, was er will, ohne je die Konsequenzen dafür tragen zu müssen.
"Ich will es mal so sagen: Die Kennedys interessieren sich für lebendige Kunst, und dieser Sinatra ist der lebendigste Künstler von allen", sagte Peter Lawford damals.
"Kennedys Sympathie für Sinatra rührte einfach daher, daß Sinatra ihm eine Menge Klatsch über Hollywood-Berühmtheiten und ihre Liebschaften erzählte", sagt Dave Powers, Kennedys engster Berater. "Im November 1959 waren wir in Los Angeles auf einer großen Versammlung gewesen, bei der Spenden für Kennedy gesammelt wurden, und verbrachten die folgende Nacht bei Frank in Palm Springs. Frank war ein toller Gastgeber."
Am Vorabend der Vorwahlen in New Hampshire flog Kennedy nach Las Vegas, um sich im Sands den gemeinsamen Auftritt des Rat Packs anzusehen. Jack Kennedy gefielen die improvisierten Sketche und die lausbubenhaften Witze sehr. Fasziniert von der Ausstrahlung, die von großen Filmpersönlichkeiten ausgeht, stieß Kennedy bald selbst zum Rat Pack, das Sinatra ihm zu Ehren in "Jack Pack" umbenannte.
Schon 1945 verbrachte John F. Kennedy soviel Zeit wie möglich in Hollywood, wo er kleinere Affären mit Filmstars wie Gene Tierney hatte. Als seine Schwester Patricia 1954 Peter Lawford heiratete und Louis B. Mayers Haus in Santa Monica kaufte, hatte Jack einen Stützpunkt in Südkalifornien. Über Peter, den Frank jetzt "Schwager Lawford" nannte, schloß Kennedy bald enge Freundschaft mit Sinatra, der den jungen Senator mit zahlreichen Frauen bekannt machte.
Das FBI besitzt Unterlagen über einige Frauen, mit denen sich die beiden Männer in Palm Springs, Las Vegas und New York amüsierten. Im Bericht des Justizministeriums heißt es außerdem: "Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß das Sands Hotel Gangstern gehört und daß in der Zeit, in der der Senator, Sinatra und Lawford dort abstiegen, Amüsiermädchen aus allen Etablissements der Stadt in der Suite des Senators ein und aus gingen."
"Ich bin zwar nicht stolz darauf", erklärte Peter Lawford 1983, "aber ... ich kann dazu nur sagen, daß ich Frank mit Mädchen versorgte, und Frank wiederum versorgte Jack. Das hört sich jetzt zwar schrecklich an, aber damals hatten wir eine Menge Spaß dabei."
Unter den Frauen, mit denen Frank Jack Kennedy zusammenbrachte, war eine phantastisch aussehende 25 Jahre alte Brünette namens Judith Campbell (später Judith Campbell Exner), mit der Sinatra eine kurze Affäre gehabt hatte. In Las Vegas machte Frank sie mit Jack Kennedy bekannt und stellte seine eigene Suite für das Frühstück im Bett zur Verfügung, das die beiden am 8. Februar 1960 dort einnahmen. Damit begann eine zwei Jahre dauernde Affäre. Sie telephonierten zweimal täglich miteinander, wohnten im Plaza Hotel in New York und verbrachten romantische Stunden in Palm Beach, Chicago, Los Angeles und in Jack Kennedys Haus in Georgetown, wenn seine Frau Jackie nicht da war.
Da Frank wußte, daß Judith Campbell ein intimes Verhältnis mit Jack Kennedy hatte, stellte er sie auch seinem anderen guten Freund, Sam Giancana, vor. Er sagte ihr: "Mach die Augen auf und sieh, was für eine Chance du hast!"
Beide Männer unterhielten zur selben Zeit intime Beziehungen mit dieser Frau, die dadurch unabsichtlich, aber unbestreitbar eine Verbindung zwischen der Unterwelt und dem Weißen Haus herstellte. "Jack wußte von Sam und mir, und wir sprachen oft über ihn", berichtete Judith Campbell Exner 1983. "Er war wütend darüber, daß ich mich mit Sam traf. Es war die normale Reaktion eines Menschen, der einen anderen Menschen liebt. Ja, er war eifersüchtig!"
Nicht alle, die Kennedy unterstützten, waren von Franks Hilfe angetan. "Bei den Vorwahlen konnten wir ihn nicht offiziell auftreten lassen", sagte Paul Corbin, ein Berater Kennedys. "Das ging nicht einmal mit Peter Lawford, wegen seines Rat-Pack-Images. Frank leistete seinen Beitrag zu den Vorwahlen in Wisconsin und West Virginia über die Musikboxen - und das war auch schon alles."
In beiden Vorwahlkämpfen hörten die Wähler die weiche, unbekümmerte Stimme Sinatras mit dem Lied High Hopes,
das von Sammy Cahn umgeschrieben worden war. "K-E-double-N-E-D-Y, Jack''s the nation''s favorite guy ..."
Corbin: "Ich ging in jede Kneipe im ganzen Bundesstaat und gab jedem Wirt zwanzig Dollar, damit er den entsprechenden Knopf drückte und alle Franks Lied für Jack hörten - aber das war auch alles, was er in West Virginia für Jack tat."
Aber ohne daß Corbin und die anderen Helfer Kennedys es wußten, leistete Frank einen weit stattlicheren Beitrag zum Vorwahlkampf in West Virginia. Die FBI-Aufzeichnungen von abgehörten Telephongesprächen beweisen, daß die Mafia in diesem Staat erhebliche Geldsummen spendete, die offenbar durch Sinatra übergeben wurden. Dieses Geld floß in die Taschen von Beamten, die Schlüsselpositionen innehatten.
Sinatras Freund Sam Giancana beauftragte Paul "Skinny" D''Amato, jene Sheriffs zu beeinflussen, die Stammgäste in den illegalen Spielhöllen von Greenbriar County waren. Diese Männer kontrollierten die politische Maschinerie des Staates, und viele von ihnen waren Spieler, die auch in Skinnys 500 Klubs in Atlantic City ein und aus gegangen waren. Manche von ihnen waren nur zu bereit, ihm einen Gefallen zu tun, für den sie mit Geld aus einem Fonds belohnt wurden, in dem 50000 Dollar steckten. Sie sollten Kennedy Stimmen sichern - und wie sie dabei vorgingen, war ihre Sache.
Giancana hatte schon einige Politiker in Illinois gekauft und wußte daher, welche Vorteile es hatte, Zugang zu den Trägern politischer Macht zu haben. Daher beschloß er, Frank bei der Unterstützung von Kennedys Wahlkampf zu helfen, denn er glaubte, daß Frank seinen Freund Kennedy, sollte dieser gewinnen, dazu würde bewegen können, seine ständige Überwachung durch das FBI einstellen zu lassen. Später brüstete sich Sam Giancana damit, daß er Kennedy zum Sieg verholfen habe. Zu Judith Campbell sagte er: "Hör mal, Schätzchen, wenn ich nicht gewesen wäre, würde dein Freund nicht im Weißen Haus sitzen."
Im Juli 1960 fand in Los Angeles der Parteitag der Demokraten statt. Um Mittel für den Wahlkampf zu sammeln, veranstalteten die Demokraten ein Essen für 2800 Leute im Beverly Hilton, bei dem ein Gedeck 100 Dollar kostete. Alle Hollywoodstars, mit denen Frank befreundet war, nahmen daran teil. Jack Kennedy saß neben Judy Garland am Kopfende des Tisches, Frank zusammen mit den anderen Kandidaten der Demokraten - Adlai Stevenson, Stuart Symington und Lyndon Johnson - weiter unten.
Frank und die anderen, die zum Rat Pack gehörten, eröffneten am Montag, dem 11. Juli, den Parteitag in der großen Sporthalle. Sie sangen die amerikanische Nationalhymne, wobei sie allerdings durch die Delegierten aus Mississippi gestört wurden, die den farbigen Showstar Sammy Davis jr. ausbuhten. Die Zwischenrufe waren so laut und beleidigend, daß Sammy die Beherrschung verlor und den Parteitag verließ.
Am Mittwoch, dem 13. Juli, dem Tag der Nominierung, blieb Jack Kennedy mit seinem Vater zu Hause, um sich die Nominierungsreden im Fernsehen anzusehen. Als Senator Eugene J. McCarthy an das Podium herantrat, um seine wortgewaltige Rede für Stevenson zu halten, verwandelte sich der Parteitag in eine kreischende, schreiende Masse. Frank saß hinter der Bühne und hörte sich diese Beifallskundgebung mit finsterem Gesicht an. Nach fünf Minuten gab er Johnny Green, dem Dirigenten des Orchesters, ein Zeichen, indem er sich mit der flachen Hand über die Kehle fuhr, und bald darauf ging der Begeisterungssturm in der Musik unter.
Einige Minuten später hielt der Gouverneur von Minnesota, Orville Freeman, seine Nominierungsrede für Kennedy. Sie war zwar nicht so mitreißend wie McCarthys Rede für Stevenson, aber das machte nichts, denn als die einzelnen Staaten aufgerufen wurden und Wyoming um 22.07 Uhr seine fünfzehn Stimmen Kennedy gab, stand fest, daß er der Präsidentschaftskandidat der demokratischen Partei war. Kennedy-Anhänger jubelten und riefen ihren Slogan: "Mit Kennedy ans Ziel."
Frank und seine Freunde sprangen umher und schlugen sich auf die Schultern. "Wir sind auf dem Weg ins Weiße Haus, Alter", sagte Frank zu Lawford. "Wir sind auf dem Weg ins Weiße Haus!"
Im nächsten Heft
Sinatra, der Freund des Präsidenten - Gangster Giancana fühlt sich betrogen - Kennedy wohnt nicht mehr bei Sinatra - Frank verliert seine Spielbanklizenz
Mit dem Chef der kubanischen Geheimpolizei und Kubas Innenminister Pequeno vor seiner Deportation nach Italien. Vorsitzender Kefauver (3. v. l.). Mit Montgomery Clift. Joey Bishop, Dean Martin, Sammy Davis jr., Peter Lawford.
Von Kitty Kelley

DER SPIEGEL 37/1986
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DER SPIEGEL 37/1986
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„Wir sind auf dem Weg ins Weiße Haus“