08.09.1986

FUSSBALLHöllisches Spiel

Die französischen Profiklubs geraten immer mehr in Abhängigkeit von Politik und Wirtschaft. *
Hohngeschrei schallte von den Betonrängen des mit nur etwa 7000 Zuschauern belegten 50000-Sitze-Stadions "Pare des Princes" in Paris. "Überbezahlt, überbezahlt", schrien enttäuschte Fußballfans.
Der Spott galt Weltklassespielern wie dem für fünf Millionen Mark eingekauften Ex-Kölner Pierre Littbarski, dem mit 220000 Mark Monatsgehalt (netto) höchstbezahlten Kicker Frankreichs. Luis Fernandez und dem für insgesamt 3,2 Millionen Dollar erstandenen Uruguayer Enzo Francescoli.
Die treten diese Saison für den Matra/ Racing Club de Paris, doch die synthetische Elf aus teuren Legionären hängt vorerst am Tabellenende der ersten Divison. "Millionen ausspucken bedeutet noch nicht, Elite zu haben", spottete das Boulevardblatt "France-Soir".
Dabei soll gerade Racing - Eigentum des Rüstungskonzerns Matra - den Aufbruch zu neuen Ufern im französischen Profifußball markieren: Erfolg durch Unterwerfung des Ballsports unter wirtschaftliche, gar weltanschauliche Spielregeln. Dafür sind Summen investiert worden, wie man es in Frankreich noch nie erlebt hat.
Drei Wirtschaftskapitäne, mit unterschiedlichen Anschauungen, aber gleichen Zielen, haben sich an die Spitze dieses Trends gesetzt. Der erste, Jean-Luc Lagardere, 58, hat eine Fußballmannschaft, Racing, in das industrielle Konzept seines Waffen- und Elektronickonzerns Matra integriert. Der zweite, das französische Medienphänomen Bernard Tapie, 41, erprobt an Olympique Marseille seine platten wirtschaftspolitischen Heilslehren. Der dritte, Modekönig Daniel Hechter, 48, will mit Racing Straßburg regionale Entwicklungspolitik durchexerzieren.
Verirrungen in Frankreichs Fußball oder ein Schritt zu neuen Dimensionen? fragen sich Frankreichs Fußballfans irritiert. Denn der nationalen Begeisterung über die Fußball-Renaissance - Europameister und Olympiasieger 1984, Weltmeisterschaftsdritter 1986 - ist Unbehagen gefolgt.
Industriemanager geben jetzt den Ton im Fußballsport an. In der Saison 1986/ 87 machten sie Frankreich zum Land der zu Fabelpreisen eingekauften Legionäre.
Die mit insgesamt rund 200 Millionen Franc verschuldeten 20 Klubs der ersten Divison - Zuschauer-Schnitt 1985: nur 10000 pro Spiel - transferierten die Rekordzahl von 134 Spielern.
Sie kauften für manchmal achtstellige Franc-Beträge nicht weniger als 33 Weltstars aus dem Ausland ein, aus der Bundesrepublik, aus Jugoslawien, aus Skandinavien und Südamerika. Das Magazin "L'Express": "Ein höllisches Spiel".
So mußten auch andere Firmen und die Städte für ihre Klubs zum höheren Ruhm von Marken und Politikern tiefer denn je in die Kassen greifen. Damit beschleunigten sie die Abhängigkeit der Vereine. Sochaux wird vom Autohersteller Peugeot ausgehalten, Brest erhielt als Geschenk des Warenhauskönigs Edouard Leclerc den argentinischen Weltmeister Jose Luis Brown sowie Julio Cesar, einen der Stars im WM-Team der Brasilianer.
AS Monaco wird immer fürstlicher bestückt vom reichen Rainier. Der Premierminister und Bürgermeister von Paris, Jacques Chirac, bewillite dem Landesmeister Paris St. Germain 7 Millionen Franc Zuschuß und einen Kredit von 25 Millionen. Der Präsident der Nationalversammlung und Bürgermeister von Bordeaux, Jacques Chaban-Delmas, überwies seinen Girondins gar 28 städtische Millionen.
"Das ist kein Sponsorentum mehr, es ist eine rasant wachsende Abhängigkeit des Fußballs von Leuten mit politischen und wirtschaftlichen Zielen", klagt ein hoher Pariser Fußballfunktionär.
Bahnbrechend wirkt dabei das Trio Lagardere-Tapie-Hechter. Die sind zwar nebenher auch Fußballnarren, aber sie sehen die Teams als industrielle Labors.
"Gewinnen - in den Laboratorien, den Stadien, den Fabriken" und "das Sportmodell ist der Erfolgsschlüssel für Firmengruppen", waren die erklärten Fußball-Devisen von Jean-Luc Lagardere, als er Matra den Racing Club einverleibte. Er ist einer der bedeutendsten französischen Industrieführer, Präsident nicht nur von Matra (15 Milliarden Franc Jahresumsatz), sondern auch des Mediengiganten Hachette und des Rundfunksenders Europe 1 (zwölf Milliarden). Der Klub wurde Teil des Rüstungskonzerns, er soll ihm zu einem friedlicheren Image verhelfen.
Doch obwohl sieben Teilnehmer der WM von Mexiko mitspielen, waren die Matra-Kicker bisher so schwach, daß Lagardere ihnen vorige Woche drohte, sein Konzern werde das Team fallenlassen, wenn es absteige: Unrentable Produktionsstätten - für Raketen oder Fußballruhm - werden stillgelegt. Drohende
Stillegungen - das ist das Metier des Bernard Tapie. Dieser Hansdampf-inallen-Medien der die Franzosen in Atem hält wie kein zweiter, ist jetzt Präsident von Olympique Marseille (OM), einem Spitzen-Team.
Anders als der zum Establishment gehörende Lagardere ist Tapie ein lärmender Emporkömmling. Er hat sich ein Imperium aus inzwischen rund 40 Firmen nach immer demselben Rezept gebastelt: Er kauft bankrotte Unternehmen auf und schrumpft sie durch Teilstillegungen und Entlassungen in die Rentabilität.
Der Buchautor ("Gagner", Verdienen) und ausgebildete Sänger Tapie - seine Schallplatte "Reussir" (Gelingen) ist ein Hit - gebietet über renommierte Firmen wie "Wonder" (Batterien), "Look" (Skibindungen), "Terraillon" (Waagen) und die Reformhauskette "La Vie Claire". Unter deren Namen errang Tapie in einem beispiellosen Medienspektakel einen anderen Sporterfolg: Doppelsieg bei der letzten Tour de France.
Anschließend schaffte Tapie so etwas wie eine medienpolitische Apotheose: Als Ronald Reagan den Tour-Sieger, seinen Landsmann Greg LeMond, im Weißen Haus empfing, hielt der US-Präsident sich dessen Gelbes Trikot mit den Namen von Tapie-Produkten vor die Brust.
An US-Vorbilder - gängige Bücher vom Schlage "Wie werde ich Millionär" - erinnern Tapies Allerwelts-Parolen, mit denen der Selbstdarsteller Frankreichs erfolgssüchtigen Nachwuchs bombardiert und fasziniert. Originaltöne des Mannes, den die einen für ein Genie, sehr viele aber auch für einen Scharlatan halten: "Immer und überall muß man wagen" - "Jeder Tag ist ein neuer Beweis für Mut" - "Man darf nie gegen seinen eigenen Strom schwimmen".
Dieser Schamane hat sich nun die Marseiller Fußballwelt unterworfen. Er investierte 25 Millionen Franc und verpflichtete Weltklassespieler wie den Stuttgarter Karlheinz Förster und den Jugoslawen Blaz Sliskovic. Als Generalmanager holte Tapie sich den Vater des französischen Fußballwunders, Ex-Nationaltrainer Michel Hidalgo. Dieser Könner ist von Tapie bereits völlig in den Hintergrund gedrängt worden.
"Olympique - das ist Tapie", schrieb "Le Monde" halb anerkennend, halb angewidert. Ein OM-Vorstandsmitglied: "Tapie benutzt unseren Verein, um sich und seinen Erfolgszirkus zu propagieren". Der Fußballfan und Maigret-Darsteller Jean Richard brachte seine - und anderer - Gefühle für den unersättlichen Heilsverkünder auf die Formel: "Tapie geht mir auf die Nerven."
Am 15. August prallten im Pariser Prinzenpark beim Match Racing gegen OM die Systeme Lagardere und Tapie erstmals aufeinander, es war mehr ein gesellschaftliches als ein sportliches Ereignis. Tapie siegte 1:0.
Aus der Tiefe des Strafraums tauchte jetzt mit dem Modemacher Daniel Hechter (Jahresumsatz 320 Millionen Dollar) ein drittes System auf. "dh", so sein Signum, möchte Racing Straßburg zu neuer Blüte führen. Dazu soll der Verein, der letzte Saison in die zweite Division abgestiegen ist und da auch schon am Tabellenende hängt, zu einem Wirtschaftszentrum für das Elsaß ausgebaut werden. 14 Millionen Franc Entwicklungshilfe will Hechter investieren.
Dabei ist der Modekönig ein gebranntes Kind - im guten wie im schlechten, 1973 gründete er den FC Paris St. Germain und führte ihn zu sportlichem Glanz - die Eigenwerbung vergaß er nicht. Aber dann geriet Hechter ins Abseits. Wegen Führung einer schwarzen Kasse mit - für heutige Verhältnisse lächerlichen - 893875 Franc für Spielerkäufe wurde er 1981 zu 15 Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt.
Vom Fußballverband war Hechter auf Lebenszeit gesperrt worden, doch Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht annullierte dieses Urteil. Nun steigt dh wieder geräuschvoll ins Fußballgeschäft ein. Er will Straßburg mit einem "neuen Hauch" der "Equipe Hechter" aufmöbeln. In ganzseitigen Anzeigen im Regionalblatt "Dernieres Nouvelles d'Alsace" mischte er kecke Visionen a la Tapie mit ökonomischem Kalkül a la Lagardere. "Racing schlägt Juventus Turin 2:1 vor 45000 Zuschauern", verhieß er den Fans. Und die regionale Wirtschaft lockte er: "Racing wird der ökonomische Schwerpunkt des Elsaß." Aber: "Die Zeit der Ehrenamtlichkeit sei passe. Laßt das System Hechter machen."
Funktionäre und Fans stehen dem neuen Krieg der Systeme verstört gegenüber. Nun muntern sie sich auf mit einem Scherz: Wenn Lagarderes Team Matra/Racing scheitert, wird es von Sanierer Tapie aufgekauft. Der schrumpft es gesund durch Verkauf aller Spieler. Zum Abschied werden sie von Hechter neu eingekleidet.

DER SPIEGEL 37/1986
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