08.09.1986

„Ich muß die Hufe klopfen hören“

SPIEGEL-Redakteur Hans-Joachim Nesslinger über die semiprofessionellen Wetter bei der Rennwoche in Iffezheim *
Mit voller Brieftasche und guten Ahnungen wirft Vorruheständler Karl Grothkopp _(Name von der Redaktion geändert. )
, 58, aus Hamburg in Baden-Baden ein. Die Parks und Fontänen interessieren ihn nicht. Ohne Aufenthalt nimmt er den Bus zur Galopprennbahn Iffezheim. Weil er "in guter Form" ist, drängt es den Zocker aus dem Norden zum Milieu der Rennpferde und Jockeis.
"Fast jede Dreierwette kommt zur Zeit bei mir, die Scheine stapeln sich", erzählt der Reisende im Glück. Zuletzt samstags in Köln, sonntags in Frankfurt. mittwochs erneut in Köln kamen immer wieder die ersten drei Pferde eines Rennens in eben der Reihenfolge ein, wie Charly sie getippt hatte. Dreierwetten in Serie zu treffen, das kommt bei Charly, wie ihn seine Freunde nennen, einem nobelpreiswürdigen Erfolg in der Wissenschaft gleich.
Doch auf dem Wettmarkt geht es ohne Ehrung weiter. "Hier in Iffezheim werden an sechs Renntagen annähernd 17 Millionen Mark umgesetzt, taxiert Charly. "Da will ich beim Gewinn dabeisein." Im Dorfkrug "Pferdestall" an der Rennbahn, wo Pferdepflegerinnen und Futtermeister Bier trinken und Karten kloppen, bestellt sich Charly ein Rumpsteak. Seine Hechtaugen hinter den randlosen Brillengläsern fixieren die Mädchen aus den Rennställen. Von ihnen erfährt er, welche Pferde sich wohl fühlen, welche gut gefressen haben und im Training gut gelaufen sind.
"Wollt ihr Eis, ''ne Limo oder Aktive?" fragt Charly zwei Blondinen und kramt eine Zigarettenschachtel hervor. Die Mädchen setzen sich zu ihm. Als Charly schon seine grüne Götterspeise schlabbert, fragt er in die Schäkerei hinein: "Habt ihr Tips für mich?" Die Mädchen kommen zur Sache. "Die Engländer gehen hier in der Arbeit super, besonders der St. Hilarien und die Tarib. Unsere Pferde husten fast alle"
Charly legt die rechte Hand auf die Tischmitte, öffnet sie nach unten und läßt einen Zwanzig-Mark-Schein liegen. Dann erhebt er sich, säubert mit einem Streichholz seine Zahnlücken und verschwindet. Auf dem Rennplatz verkündet der Lautsprecher, daß die Wettschalter geöffnet sind.
Am Schreibpult unter einer mächtigen Kastanie trifft Charly Freunde. "Servus, Alfons", begrüßt er einen kräftigen Mann in viel zu engen Jeans, über deren Bund sich ein strotzender Bauch wölbt. "Was machen die Münchner Pferde, Alfons?" fragt der Hamburger. Der Kraftmeier aus München sortiert mißmutig seine Wettscheine. "Von den Viechern sind wieder einige speziell für Iffezheim zurechtgemacht worden, bei uns laufen''s hinterher, hier schlagen''s zu."
Charly studiert die Fachzeitung. In Iffezheim, findet er heraus, "gibt es für Siege die meiste Kohle" - ein günstiger Platz also für das kleine Häuflein semiprofessioneller Pferdewetter, die von einem Rennplatz zum nächsten hasten. Charly und Alfons gehören dazu. Aber wo bleibt Freddy aus Frankfurt? Charly blättert versunken weiter in der Zeitung. Dann raunt er: "Den haben sie in Frankfurt aufgegriffen wegen wilder Buchmacherei. Er bekam ja den Rachen nicht voll." Nun hat Freddy Rennbahnverbot, in der ganzen Republik.
Aber der Schöne Peter ist da, er tritt zu den beiden Männern unter der Kastanie, Charly begrüßt den An kömmling. Peter ist ein Film typ, mit aufgeknöpftem Ha waiihemd, Goldkettchen und dunklen Haaren auf der Brust. Nervös um sich blik kend, dient er einen Tip für den Großen Preis von Baden an. "Der St. Hilarien galop piert unseren Acatenango nieder." Für den Tip, sagt er, habe er "eine halbe Nacht geopfert", mit einer Engländerin, "sehr herb, aber lieb".
Dann ist noch von einem "Herrn Flick" aus England die Rede, irgendein exzentri scher britischer Rennstallbe sitzer hat sein Pferd so ge nannt und wollte es gleich in Deutschland laufen lassen;
aber "Herr Flick" läuft nicht in Baden-Baden. Der darf nicht. "Befehl von oben", vermutet Peter. "Beleidigung des deutschen Veranstalters oder sowas". Charly lacht höhnisch. "Schade, mit dem hätte ich auch gern mein Geld verdient." Dann trennt der Lautsprecher den Bund der Wetter. In drei Minuten beginnt das nächste Rennen.
Die drei Zocker reihen sich in die länger werdenden Warteschlangen vor den Wettschaltern ein. Dort führen Charly und Alfons ihren "Schaukampf" vor, Laut rufen sie sich Pferdenamen für das bevorstehende Rennen zu. Auf ihren eigenen Wettscheinen haben sie schon ganz andere Pferde eingetragen. Hochgewettete Konkurrenz erhöht im Erfolgsfall den eigenen Gewinn.
"Mein lieber Charly", flunkert Alfons, "Du setzt also alles auf Apostel Paulus. Nicht schlecht, Herr Specht. Der Bursche ist ganz trocken, hat gesundes Phlegma." Charly und Alfons spähen in die Runde. Wenn sie jemand entdecken, der mit nervösen Fingern neue Wettscheine hervorkramt und ausfüllt, alte zerknüllt und wegwirft, zwinkern sie sich zu. Alfons bietet einer älteren Dame Hilfe an. "Den Apostel Paulus dürfen Sie nicht auslassen, gnädige Frau. Der gewinnt wie er will."
Die Mienen der Veranstalter in der Zentrale des Iffezheimer Elektronentoto sind wieder entspannt. "Die Jahre der sinkenden Wettumsätze sind vorbei", sagt Klubgeneralsekretär Karsten von Werner. Die meisten der mehr als 50 Rennen der Großen Woche in Iffezheim bringen mehr als 300000 Mark am Totalisator. Auch Seine Königliche Hoheit und Schirmherr des Internationalen Clubs, Max Markgraf von Baden, erkennt an der Wiege deutscher Turfherrlichkeit "eindeutige wie positive Wirtschaftssignale".
Seine Durchlaucht Carl Friedrich Fürst zu Oettingen-Wallerstein, Präsident des Rennklubs in Iffezheim, bestätigt: "Die Leute haben wieder mehr Geld in der Tasche." Annähernd 200 Millionen Mark, taxieren die Turfmanager, riskieren die Bundesdeutschen 1986 bei Pferdewetten.
Derweil rüstet sich Charly Grothkopp in seinem kleinen Zimmer im Hotel "Anker" für die "Bauernrennen in Haßloch und Herxheim" in der nahen Pfalz. Die Sonnabende bei der Großen Woche in Iffezheim sind rennfrei, da springen kleine Rennvereine in die Terminbresche. "Das Potential von 20000 auswärtigen Wettern, die sich in Baden-Baden aufhalten, müssen wir nutzen", erklärt der Herxheimer Rennverein-Vorsitzende Willy Kuhn.
Ob Herxheim oder Iffezheim, für Charly ist ein Tag ohne Pferderennen verlorene Zeit. Wettbüros, in denen er täglich auf Traber in Paris-Vincennes oder Galopper in Deauville setzen könnte, locken ihn nicht. "Ich muß die Hufe auf den Boden klopfen hören", sagt er über seine Leidenschaft. Er wird ruhelos, wenn er in Baden-Baden auf einer Parkbank sitzt und "links wie rechts alte Weiber mit Vogelfutter" sieht.
So reist er lieber 100 Kilometer weit in die Pfalz dem Geruch von Pferdeäpfel hinterher - dorthin, wo in einem kleinen Rennen Pferde wie Rox und Laputz im Kreis herumlaufen; auf die hat Charly schon oft "schönes Geld gewonnen". Schon morgens früh, wenn noch die Nebel wallen, stehen Charly und Alfons an der Iffezheimer Kirche und warten auf den Bus nach Haßloch.
Diesmal trägt die Fahrt über Land wenig ein. Charly begießt den Wettkummer nach der Rückkehr mit ein paar Schoppen Wein und legt sich früh zu Bett. Er will ausgeruht sein für den Wettsonntag in Iffezheim. Höhepunkt ist das Fürstenberg-Rennen.
Zwei Namen fallen Charly schon im Traum ein. Am Morgen weiht er Alfons ein, "daß El Salto und Tiberius" für ihn "vorne stehen" in der Dreierwette. Nur das dritte Pferd muß er hinzukombinieren. "Solange ich Form habe, muß ich bei der Dreierwette voll dran bleiben", schwört sich Charly. Die Serie hielt.
Auf der Pferderennbahn pulst das Leben, findet Charly. "Du siehst Leute, die Sektkorken knallen lassen, wenn sie einen Coup gelandet haben", aber er hat auch schon miterlebt, wie einige schon "mit einer Pistole um sich geballert haben, wenn sie alles verwettet hatten".
Charly ist früher schon von Baden-Baden mit dem Intercity erster Klasse heimgefahren, aber manchmal auch per Anhalter. Um "erster Klasse zu bleiben, arbeitet er in den ungeliebten Rennpausen wie ein Buchhalter. Von jedem Pferd hebt er die Resultate der letzten zwei Jahre auf. Und wo immer er sich aufhält, in Köln oder Hannover, in Frankfurt oder München, studiert er möglichst oft die Pferde während der Morgenarbeit. Dort sieht er "mit eigenen Augen", welcher Galopper "zum Sieg steht".
Wichtig in Iffezheim ist, daß die Rennen linksherum gelaufen werden. Meistens, wie in Köln, in Hamburg oder in Düsseldorf, laufen die Galopper rechts rum. Für jeden Kurs gibt es Spezialisten. Charly: "In Iffezheim wette ich häufiger auf Münchner Pferde, weil die zu Hause ihre Rennen auch immer linksrum laufen. "
Was in Iffezheim Charlys Arbeit erschwert, sind die vielen ausländischen Pferde. Die Engländer und Franzosen sind stärker als deutsche Pferde, außerdem fehlen direkte Vergleiche. Charly: "Das ist so, als ob ich einen Airbus mit einer Challenger vergleiche." Ein Perfektionist im Zocken wie Charly leidet unter solcher Wissenslücke. "In Deutschland gibt es nur den Acatenango, der den Ausländern gleichwertig ist", glaubt er. Er hat einmal im Training gesehen, wie die anderen Pferde stehengeblieben sind, als sie gegen Acatenango laufen mußten.
Charly beschließt, beim Großen Preis alles Geld, was er dann noch hat, auch den gesamten Gewinn, auf Acatenango zu setzen - natürlich gewinntreibend mit einer Dreierwette.
Wenn der Hengst siegt, will Charly im nächsten Winter seinen ersten Urlaub im Leben machen. In St. Moritz. Warum? "Dort gibt es Pferderennen auf dem zugefrorenen See, das wollte ich schon immer mal erleben."
Name von der Redaktion geändert.
Von Hans-Joachim Nesslinger

DER SPIEGEL 37/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich muß die Hufe klopfen hören“