06.10.1986

ÖSTERREICHWie ein Bittsteller

Die Vergangenheit läßt Kurt Waldheim auch als Präsidenten nicht los - niemand lädt ihn ein. *
In der Wiener Hofburg, dem Amtssitz der Bundespräsidenten, residiert ein Einsamer: Kurt Waldheim, der strahlende Wahlsieger und Urheber einer politischen Wende in Österreich - und das Opfer, wie er wähnt, einer "Verleumdungskampagne gewisser jüdischer Kreise".
Waldheim sinniert über die "Kämpäin", wie er, mit alpin gefärbtem Englisch, die Enthüllungen über seine Kriegsvergangenheit bezeichnet. Nun zeigt Waldheim erstmals Wirkung: Er igelt sich ein.
Auch engste Mitarbeiter müssen, teilweise schriftlich, um Termine bitten, bevor Waldheim sie überhaupt vorläßt. Vorbei ist die Zeit, da er - noch als Uno-Generalsekretär - im kleinen Kreis bewegt von den eindrucksvollen Staatsempfängen erzählte, die ihm vor allem Ostblockstaaten und Dritte-Welt-Länder bereitet hatten.
Jetzt bewegt Kurt Waldheim, der "vom Weltschreibtisch zum Staatsschreibtisch" wechselte (so der österreichische Schriftsteller Peter Turrini), fast nur noch seine eigene Vergangenheit. Spät und unerwartet hat sie ihn noch einmal eingeholt.
Spitzenpolitiker aus Regierung und Opposition bekamen es in den letzten Wochen zu spüren. Die jüngsten Krisen in der Alpenrepublik - geplante Massenentlassungen in der verstaatlichten Industrie, ein Rechtsruck in der Freiheitlichen Partei und vorgezogene Neuwahlen - brachten sie in häufigen Kontakt mit dem Staatsoberhaupt Waldheim, der versprochen hatte, ein "aktiver" und "starker" Bundespräsident zu sein.
Waldheim mochte aber bei den Gesprächen kaum zuhören. Vielmehr nützte er jede Gelegenheit, ausführlich seine "Unschuld" zu beteuern. Er gestand, sich vor einer internationalen Historikerkommission zu ängstigen, die seine Kriegsvergangenheit untersuchen will. Im Wahlkampf hatte er dieses Vorhaben noch ausdrücklich gutgeheißen.
"Ich war es nicht", "Ich habe nicht" und "Ihr müßt für mich eintreten" - so beschwor Waldheim Österreichs Diplomaten, als sie sich Anfang September zur jährlichen Botschafter-Konferenz in Wien trafen. "Wie ein Bittsteller" habe sich der einstmals gewandte Staatsmann verhalten, bemerkte verlegen ein Teilnehmer.
Österreichs Vertreter in Kuweit, Wolfgang Steininger, ein Konservativer wie Waldheim, schlug arglos vor, die Freude der Araber über den neuen Bundespräsidenten doch zu einer "Wirtschaftsoffensive" zu nutzen. Darauf Waldheim: "Das ist alles mißverstanden worden, ich bin ein Opfer übelster Verleumdungen."
Ein enger Mitarbeiter aus Waldheims Uno-Zeit stellte verblüfft fest, der Bundespräsident sei plötzlich "ein gebrochener Mann".
Langsam dämmert auch der konservativen ÖVP, die Waldheim im Wahlkampf vorbehaltlos unterstützt hatte, was sie sich nun eingehandelt hat. Statt der erhofften klaren Worte windet sich der Wende-Präsident und lobt, wen er für einen starken Mann hält. Zum Entsetzen der ÖVP nennt Waldheim den neuen sozialistischen Kanzler, Franz Vranitzky, einen "tüchtigen Politiker".
Bei der Geburtstagsfeier des Wirtschaftsführers Rudolf Sallinger, hinter den Kulissen Österreichs mächtigster ÖVP-Politiker, verwies Waldheim wiederholt _(Ende August am Attersee. )
auf Aussagen seines Vorredners Vranitzky. Den Spitzenkandidaten der ÖVP im Parlamentswahlkampf hingegen, Alois Mock, ebenfalls Vorredner beim Festakt, erwähnte er gar nicht. "Der hat wohl vergessen, was wir für ihn getan haben", empörten sich einige Zuhörer.
Der ÖVP-Spitzenpolitiker Josef Taus rügte vergangene Woche den Bundespräsidenten erstmals: "Man kann Waldheim vieles vorwerfen."
Kritik dieser Art vermag er leicht zu ignorieren. Ins Mark jedoch trifft Waldheim, dem die Londoner "Sunday Times" vor Jahren schon nachsagte, er verfüge "statt eines Rückgrats über einen Gummischlauch", daß er nicht mehr tun darf, was er am besten kann: reisen und mit anderen Staatsmännern plaudern. "Das ist das einzige, bei dem Waldheim festen Boden unter sich hat", meint ein früherer Vertrauter.
So war es denn bloß eine Schutzbehauptung, als Waldheim verkündete, er wolle ein Jahr lang Österreich nicht verlassen. Kaum im Amt, bemühte er sich um einen Staatsbesuch in der Schweiz - der Philosophie folgend, wonach Österreichs Präsidenten zunächst die Nachbarstaaten und EG-Länder sowie die USA und die Sowjet-Union besuchen sollten. "Erst nach diesen Pflichtübungen", erläutert ein mit dem Protokoll vertrauter Beamter des Außenministeriums, "kann er sich frei bewegen."
Davon ist Waldheim weit entfernt, er scheiterte schon bei der ersten Übung. Mit höflicher, aber deutlicher Verwunderung reagierten die Schweizer auf seinen Besuchswunsch. Immerhin hat Waldheim in seiner Dissertation Ideen vertreten, pardon, natürlich nur "referiert", die auch für die Schweiz eine großdeutsche Lösung vorsahen.
Die Berner Regierung formulierte deshalb diplomatisch, daß "auf diesem Niveau nur ein Besuch pro Jahr vorgesehen ist". 1987 sei Richard von Weizsäcker an der Reihe, und fürs übernächste Jahr wolle man sich noch nicht festlegen. Österreichs Außenminister Jankowitsch aber, selbst erst seit Juni im Amt, sei selbstverständlich jederzeit herzlich willkommen.
Kurt Waldheim wäre nicht Kurt Waldheim, wenn er nach der Abfuhr der Eidgenossen einfach aufgegeben hätte. Irland, so verkündete die Präsidentschaftskanzlei kurz nach der Schweizer Absage, werde die erste Auslandsreise Waldheims erleben. Eine Einladung liege schon vor.
Auf der grünen Insel brach daraufhin ein "politischer Sturm" los, schrieb zwei Tage später die "Irish Times". Flugs stellten die Iren klar, ihr Präsident Patrick Hillery habe bei seinem Staatsbesuch in Wien im April zwar tatsächlich den österreichischen Präsidenten eingeladen, damit aber nur den damals noch amtierenden Rudolf Kirchschläger gemeint.
Auch Waldheims dritter Versuch ging daneben. Weil am Jahrhundertbauwerk der Niederländer, einem Zehn-Milliarden-Mark teuren Dammsystem, einige österreichische Firmen beteiligt waren, hatte Ex-Königin Juliana im Frühjahr auch das alpenländische Staatsoberhaupt auf die Gästeliste der Eröffnungsfeierlichkeiten am 4. Oktober gesetzt. Ende August wurde Waldheim ohne jede diplomatische Zurückhaltung wieder ausgeladen: Er sei "nicht erwünscht".
"Wie ein Keulenschlag" habe das den ehemals ranghöchsten Diplomaten der Welt getroffen, berichtet ein Waldheim-Vertrauter. Der Mann mit dem berühmt schlechten Gedächtnis hatte offenbar wirklich daran geglaubt - was er und die Seinen im Wahlkampf unablässig prophezeiten -, daß mit seiner Wahl auch die Diskussion um seine Vergangenheit vergessen sei.
Nunmehr zutiefst verunsichert, ließ Waldheim zuletzt Reiseabsichten dementieren, die ihm kaum jemand übel genommen hätte: eine Teilnahme am Staatsbegräbnis des einstigen finnischen Präsidenten Urho Kekkonen, immerhin ein alter Bekannter aus Uno-Tagen.
Waldheim hat jetzt kaum noch Chancen, mit einem baldigen Auslandsbesuch der internationalen Isolierung zu entkommen. Derzeit konzentrieren sich die Hoffnungen auf die Bundesrepublik Deutschland. Kanzler Kohl hat im Wahlkampf für "den Patrioten" Waldheim Partei ergriffen, und jüdische Gruppen, so das dreiste Kalkül, verfügen in der Bundesrepublik nur über geringen Einfluß.
Bis er den deutschen Nachbarn heimsuchen darf, reist Waldheim kreuz und quer durch Österreich. Trotzig zeigt der große Anbiedermeier im kleinen, was noch immer in ihm steckt. Kaum eine Holz- oder Landwirtschaftsmesse, die er nicht mit überzeugend nichtssagenden Ansprachen eröffnet. An Festspielen nimmt er teil, auch wenn aus Protest der eingeladene Festredner (Ralf Dahrendorf in Salzburg) fernbleibt.
Wegen seiner noch immer umstrittenen Kriegsvergangenheit bleibt Waldheim nicht nur das Ausland verwehrt, auch von ausländischen Gästen wird er in Österreich gemieden. Als Prinz Charles mit seiner Di das Wiener Konzerthaus besuchte, verlangte er ausdrücklich, daß Waldheim ihm nicht vorgestellt und schon gar nicht gemeinsam mit ihm photographiert werden dürfe. "Nur net anstreifen" - eine alte Wiener Verhaltensregel wurde für Waldheim zur bitteren Wirklichkeit.
Dankbar empfing Waldheim deshalb vor einigen Wochen in seinem Urlaubsdomizil am Attersee einen prominenten Gast aus Amerika: den vielfach dekorierten Muskelprotz und Filmhelden Arnold Schwarzenegger, einen Steirer, der in Hollywood und bei den Kennedys Karriere machte.
"Inoffiziell" und "amikal" sei der Besuch verlaufen, notierte das Massenblatt "Kronenzeitung" erleichtert. Waldheims Chauffeur durfte die Begegnung ablichten, Pressephotographen waren leider nicht zugegen. Schwarzenegger, das freute den Wiener "Kurier", verstand sich mit Waldheim so gut, daß er "nächstes Mal sogar in die Präsidentschaftskanzlei nach Wien kommen wird". Gerold Christian, Pressesprecher des Staatsoberhauptes erklärt das so: "Waldheim ist eben ein politischer Bodybuilder."
Ende August am Attersee.

DER SPIEGEL 41/1986
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