08.09.1986

„Otello": Kino killt Oper

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Titelheld Placido Domingo mit viel Karat in der Mohren-Kehle. Drumherum sonnige Gestade und mediterrane Verliese, Kostüme vom Feinsten, schäumende Wellen und rasselnde Säbel aus dem Mischpult - "Otello", Verdis nachtschwarze Version des Shakespeare-Dramas, als tönendes "Must de Cartier" in Eastmancolor. Pompös auch die Präsentation des Luxusgeschöpfes: Zur Premiere verwandelte sich die Wiener Staatsoper erstmals in ein Lichtspieltheater, am heutigen Montag zieht die Pariser Grand Opera mit einem Staatsakt nach. Der Rummel gilt einem Krüppel: Regisseur Franco Zeffirelli hat den Mailänder Platten-Otello unter Lorin Maazel für den Soundtrack rücksichtslos ausgeschlachtet, Chöre gestutzt, Arien gekappt, ganze Passagen gestrichen und so Verdis Musik um 24 Minuten amputiert. Was er übrigließ, säuft oft in stereophonem Nachhall und vielerlei akustischem Umweltschmutz ab. Der Regisseur will "mit Verdi nur gemacht" haben, "was schon Verdi mit Shakespeare gemacht hat". Hast du zur Nacht gebetet, Zeffirelli?

DER SPIEGEL 37/1986
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