23.06.1986

SCHIEDSRICHTERVoll gebremst

Die Unparteiischen sind die einzigen Amateure bei der Fußball-WM - und manch einer pfiff auch so. *
Dieser Schiedsrichter sei "ein Mörder", schimpfte Omar Borras, Trainer der Weltmeisterschaftsmannschaft aus Uruguay, aber das war nicht ganz wörtlich zu verstehen. Der beklagte Pfeifenmann hatte den Mittelfeldspieler Jose Batista vom Platz gestellt und damit, wollte der Uru-Coach sagen, gleich auch "das Spiel gekillt".
Es war schon die zweite rote Karte für die trittfesten Südamerikaner gewesen, neun gelbe kamen dazu, und dabei blieb es noch nicht. Der Fußball-Weltverband Fifa bedachte Uruguays Fußballbund, der seine Spieler so wenig im Zaum hatte, mit einer Geldbuße von 25000 Schweizer Franken, und Omar Borras mußte sich wegen schlechten Betragens das nächste Spiel von der Tribüne aus ansehen.
Die Strafe war verdient, denn im Zutreten erwiesen sich die Urus von Anfang an als Weltmeister. Doch der Fifa waren sie nun auch willkommen als Sündenböcke für eine problematische Schiedsrichter-Entscheidung, die sie selber getroffen hatte.
Zwar war den Schiris kurz vor Beginn der WM von ihrem nordirischen Obmann Harry Cavan "strenge Order" erteilt worden, "die Stars vor gewalttätigen Fouls zu schützen". Und WM-Organisationschef Hermann Neuberger bezog dann auch die restlichen Fußballer mit ein: "Wenn es auf die Knochen geht, muß eingegriffen werden." Aber mit der Auswahl der Unparteiischen hatte die Fifa dafür gesorgt, daß diese Eingriffe sehr verschieden ausfielen.
Statt unter den Schiedsrichtern dieser Welt, die seit je von Zuschauern wie Trainern ans Telephon gerufen werden und bei einer WM wohl besonders gut pfeifen sollten, die Erfahrenen zu benennen, kamen die Organisatoren auf olympische Gedanken. Sie beriefen 36 Herren aus 36 Ländern in allen fünf Erdteilen. "Die Fifa hat 158 Mitglieder", begründete Obmann Cavan die völkerverbindende Prozedur, und außerdem, so andere Funktionäre, müßten gerade die Schiedsrichter aus der Dritten Welt auch mal internationale Erfahrungen machen.
Daran lag es, daß in Mexiko Unparteiische aus so unterentwickelten Fußball-Ländern wie USA und Australien, Japan oder Mauritius einem Rudel ausgebuffter Profi-Fußballer gegenüberstanden - mit reichhaltiger Erfahrung in unsauberen Tricks. Besonders in der Vorrunde sah es manchmal so aus, als sei die Vorteilsregel nicht allgemein bekannt und das Abseits nur ein ungeschriebenes Gesetz. Der Umstand, daß Linienrichter und Schiedsrichter stets aus drei verschiedenen Nationen stammten, machte die Sache nicht leichter.
Als die Spanier gegen Brasilien einen Schuß unter die Latte knallten und der Ball eindeutig hinter der Linie landete, schenkte der Schiri seinem Linienrichter nicht mal einen Blick und verweigerte das Tor. Gänzlich hilflos standen viele Schiedsrichter der Zeitschinderei gegenüber, die besonders von den jeweils führenden Mannschaften betrieben wurde. Mexiko und Paraguay verzögerten in einer Begegnung so oft, daß ihre spielerischen Aktivitäten auf 33 der vorgesehenen 90 Minuten beschränkt blieben.
Und in den ersten Spielen wurde auch schon deutlich, daß es kräftig auf die Knochen ging. Argentiniens Diego Maradona wurde von einem Südkoreaner umgemäht, bevor er seinen ersten öffnenden Paß spielen konnte. Und in der ersten Minute des Spiels der Deutschen gegen die Urus wurde Rudi Völler von einem Gegner so voll gebremst, daß er über die Seitenlinie flog.
Daß es, wie bei jeder WM, zu unangemessenen Härten kommen würde, war vorauszusehen. "So einen braucht man in jeder Mannschaft", hatte schon Sepp Herberger den Einsatz bestimmter Spielertypen erläutert. Bevor seine Elf 1954 Weltmeister wurde, hatte Verteidiger Werner Liebrich in der Vorrunde den ungarischen Star Ferenc Puskas derart mißhandelt, daß der auch im Endspiel noch nicht wieder richtig laufen konnte.
Bei der WM 1966 schied Favorit Brasilien vorzeitig aus, nachdem sein Sturmgenie Pele zusammengetreten worden war. 1982 fand sich kein Schiri, der die gnadenlose Jagd auf Argentiniens Maradona gestoppt hatte; als der sich einmal wehrte, flog er vom Platz. Seine Mannschaft scheiterte, und Weltmeister wurden die Italiener, die sich in Zweikämpfen damals so ähnlich durchsetzen wie jetzt die Urus.
Zwar besserten sich in Mexiko die Schiedsrichterleistungen mit dem Fortgang des Turniers und dem Einsatz routinierter Pfeifenmänner. Obendrein allerdings sah sich die Fifa genötigt, ihre Schiris noch einmal nachdrücklich auf das Knochen-Problem hinzuweisen.
"Das schadet dem Image unseres Sports", hatte ihr Generalsekretär Joseph Blatter erkannt. Und "wenn die so weiter pfeifen", warnte Spaniens Trainer Miguel Munoz, "machen sie den Fußball alle".
Von da an wedelten einige Unparteiische, und darunter auch einige Routiniers, so lebhaft mit gelben oder roten Karten, als bringe das Kühlung in der mexikanischen Hitze. Der Engländer George Courtney beispielsweise unterbrach das Spiel Mexiko gegen Paraguay gleich 150mal, pfiff 79 Fouls, zückte fünfmal Gelb und verfügte einen Elfmeter.
Jetzt wurde auch durchgegriffen, wenn Milde oder Souveränität am Platze gewesen wären. Nach Gelb sah der Iraker Basil Hanna sofort Rot, weil er dem Unparteiischen nach der ersten Bestrafung ironisch applaudiert hatte. Der Engländer Ray Wilkins mußte vom Feld, nachdem er dem Schiedsrichter den Ball vor die Füße geworfen hatte. Und den Franzosen Luis Fernandez befahl der argentinische Schiedsrichter Carlos Esposito hinter die Seitenlinie, weil sein Trikot nicht ordentlich in der Hose steckte und die Stutzen nicht hochgezogen waren.
Esposito maß vor dem Schlagerspiel Frankreich gegen Italien im Olympiastadion von Mexiko-Stadt sogar die Platzmarkierungen nach und stellte dabei fest, daß ein Strafraum tatsächlich um 30 Zentimeter zu kurz geraten war. Kurz vor dem Anstoß mußte die alte Linie überstrichen und neu gezogen werden. Auf den Spielverlauf hatte dieser Eingriff keinen nennenswerten Einfluß.

DER SPIEGEL 26/1986
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