08.09.1986

Das Beste aus Bochums Digest

Sigrid Löffler über Claus Peymanns Einstand an der Wiener Burg
Sigrid Löffler ist Theaterkritikerin und Redakteurin der Zeitschrift "Profil" in Wien.
Naturgemäß war die Wiener Häme dem Ereignis vorausgeeilt. Manche Zeitungen schauderten bereits wonnig vor dem "drohenden Fiasko", 572 leere Plätze im 1200sitzigen Burgtheater wurden schadenfroh für die Eröffnungspremiere Claus Peymanns, des neuen Burgtheaterdirektors, für Thomas Bernhards "Theatermacher", kolportiert.
"Das hat er davon", wurde in Wien gefeixt.
Hatte doch Peymann mitten im Theatersommerschlaf handstreichartig der Wiener Prominenz das Recht der ersten Nacht geraubt. Die "Freunde des Burgtheaters", ein Verein mit dem vornehmlichen Zweck, seinen Mitgliedern 400 Premierenkarten für jede Burg-Produktion zu garantieren, gingen über Nacht dieses Privilegs verlustig: sie wurden in die zweite Vorstellung komplimentiert. Und die sogenannte "Premierenliste", wonach Politikern und Funktionären automatisch Premierenkarten zustehen, wurde gleichfalls gekündigt.
Er wolle lieber 700 begeisterte Zuschauer statt 1200 schlafende im Hause haben, ließ Peymann trotzig wissen, schon lange genervt von der stimmungstötenden Präsenz harthöriger Kammerpräsidenten und dösender Hofräte bei jeder Burg-Premiere. Statt privilegierter Kultur-Fadiane wollte Peymann lieber die Jugend ins Haus locken - mittels verbilligtem Wahl-Abonnement und zusätzlich 80 guten Sitzen zum Einheitspreis von umgerechnet sieben Mark.
Die Blamage einer leergebliebenen Einstandspremiere blieb Peymann erspart. Neugierig geworden, stürmten die Wiener nicht nur den "Theatermacher", sondern auch drei Tage später Bernhards "Ritter, Dene, Voss", die Eröffnungspremiere im kleinen Haus, dem Akademietheater. Erstmals war die Honoratiorengarde im Smoking und Abendkleid durchsprenkelt von jugendlichen Jeansträgern und Krawattenmuffeln. Peymanns angepeilter Publikumsaustausch schien fürs erste gelungen.
Gleichwohl ging Peymanns sehnlicher Wunsch, die Wiener mit seinem doppelten Bernhard-Debüt zu provozieren, am dickfelligen Wiener Amüsierbedürfnis zuschanden. Ungeniert ließ das Publikum die Bernhardschen Bosheiten an seinem vergnügten Beifall abprallen und quittierte vom ersten Satz des "Theatermachers" an ("Was, hier, in dieser muffigen Atmosphäre? Als ob ich es geahnt hätte!") jede Sottise gegen Österreich mit herzlicher Zustimmung.
"Tatsächlich gibt es hier nichts außer Schweinemastanstalten und Kirchen und Nazis" (Gekicher). "Dieser Ort ist eine Strafe Gottes" (Gelächter). "Dieses Land ist das Papier nicht wert, auf dem seine Prospekte gedruckt sind (Applaus).
Im vorhinein hatte sich Claus Peymann den Zusammenprall von Bernhards Verdammungssuada und deren Wiener Adressaten als brisant und skandalträchtig ausgemalt. Er hat sich geirrt. Die Wiener nahmen's als volkstümliche Belustigung der handfesten Art und gemeindeten Thomas Bernhard, den an die Burg zurückgekehrten Burg-Verächter, augenblicklich unter die harmlosen Scherzbolde ein.
Erst als Gert Voss nach "Ritter, Dene, Voss" das Enfant terrible der österreichischen Dramatik zum Verbeugen auf die Bühne zog, mischten sich ein paar launige Buhs in den heiteren Jubel. Sonst aber taten die Wiener dem neuen Burg-Herrn nicht den Gefallen, sich entrüstet und damit betroffen zu zeigen. Der neue Bundespräsident Kurt Waldheim, auf dessen pikante (und pikierte) Anwesenheit Peymann so sehr gehofft hatte, war ohnehin ferngeblieben.
Im übrigen setzt Peymann - aus Vorsicht oder aus Planungsnot, jedenfalls um sich den Wiener Einstieg zu erleichtern - bis in den kommenden Januar hinein auf das Beste aus Bochums Digest. Das neueste unter den insgesamt sieben Bochumer und Salzburger Remakes, mit denen er die ersten Monate lang seinen Wiener Spielplan zu bestreiten gedenkt, ist "Ritter, Dene, Voss", das bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Drei-Personen-Stück, das Thomas Bernhard den gleichnamigen Schauspielern auf den Leib geschrieben hat.
Mit diesem Stück ist Bernhard - diesen Eindruck erweckt zumindest die Peymannsche Inszenierung - unter die Salon-Psychologisierer gegangen. Zum erstenmal seit "Der Ignorant und der Wahnsinnige" läßt er ein Stück wieder ausdrücklich in Wien spielen, genauer: in einer Herrschaftsvilla im Prominentenviertel Döbling, wo die drei Geschwister Worringer - zwei Schwestern, die Josefstadt-Schauspielerinnen sind, und Bruder Ludwig, der wahnsinnige Philosoph auf Heimurlaub aus der Irrenanstalt - einander die gute alte Familienhölle bereiten.
Es ist eine wohl ausstaffierte Hölle, komplett mit Dienstpersonal und gesichertem arbeitslosem Einkommen, ein komfortables Inferno, das der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann im Jugendstil rot austapeziert hat, blutrot, denn dieses Speisezimmer ist ja auch die Urhöhle, der Mutterschoß, aus dem die Geschwister Worringer nicht beizeiten gekrochen sind. Immer noch fühlen sie sich unter elterlicher Aufsicht: auf dem Tisch das Geschirr der Eltern, in der Kredenz das Geschirr der Großmutter und an den Wänden die Ahnengalerie, Vater, Mutter und Onkel in Öl.
Unter den dreien sind die Machtgewichte einigermaßen gleich verteilt; das Machtgefüge ist daher nicht ganz so glatt durchschaubar wie bei den meisten Bernhard-Stücken der letzten Jahre. Es gibt ständig wechselnde Rivalitäten, Bündnisse und Verrätereien, reihum spielt jeder jeden gegen jeden aus. Und jeder aus dem Trio kann die anderen kurzzeitig das Fürchten lehren. "Ludwig hält uns zusammen", sagt die ältere Schwester (Kirsten Dene). "Er hat uns längst ruiniert und vernichtet", sagt die jüngere (Ilse Ritter). "Meine Schwestern sind meine Zerstörerinnen, sie vernichten mich" sagt Ludwig (Gert Voss). Da alle drei Sätze im Stückkontext stimmen, wird klar, wer wessen Teufel ist.
Thomas Bernhard stochert zwar genüßlich (und auf Dauer dann doch zu ausführlich) in diesem verkorksten Geschwister-Dreieck, vermag aber für den handfesten Ödipus-Komplex, den er immerhin andeutet, nicht mehr den rechten Ernst aufzubringen. Das bißchen Inzest ist bestenfalls Aufputz für ein Stück, das seine Welthaltigkeit vor allem aus seinen Anspielungen auf die Wiener Großindustriellenfamilie Wittgenstein bezieht.
In der Kunstfigur Ludwig verschmilzt Bernhard Züge des Mathematikers und Philosophen Ludwig Wittgenstein mit denen seines Neffen, des närrischen Exzentrikers und Wiener Originals Paul Wittgenstein, den Bernhard schon einmal, in der Erzählung "Wittgensteins Neffe", literarisch ausgebeutet hat.
Die Konstellation, in der jeder jeden aufs raffinierteste drangsaliert, ist im Grunde farcenhaft: Schließlich ist nicht auszumachen, wer hier verrückter ist, der rechtschaffen närrische Bruder oder die Schwestern, die ihre Irrsinnigkeiten hinter ihrer Normalität nur um so verwirrender aufglitzern lassen. Kirsten Dene, die behäbige ältere Schwester, ist ganz Atztrieb und Fürsorgesucht und schraubt die mütterliche Betulichkeit bis in den Betreuungswahn hinauf. Ilse Ritter, die mondäne Jüngere, läßt ihre zickige Indolenz immer wieder in die infantile Malerei des ehemaligen Nesthäkchens zurückkippen und regrediert, mal lüstern, mal verquengelt, zum verwöhnten Fratzen.
Zwischen beiden, dem Krümelmonster und der singenden Säge, taumelt Gert Voss als der exzentrische Ludwig, ein Daniel Düsentrieb der Philosophie: für die ältere Schwester der angehimmelte Ersatz-Sohn, der sich jede Böse-Buben-Unartigkeit herausnehmen darf; und für die jüngere der haßgeliebte "philosophische Gewaltverbrecher", der vor nichts zurückschreckt, was sie immer schon mal ausprobieren wollte.
Die szenischen Aktionen bleiben unerheblich - sie beschränken sich auf Ludwigs erstes Mittagessen daheim. Um so dramatischer inszeniert Ludwig seine eigene Übergeschnapptheit, die ihn zwar übermannt, die er aber zugleich in aller Narrenfreiheit üppig genießt.
Im Laufe dieses Mittagessens gibt Ludwig seinen Schwestern eine Galavorstellung als der Große Irre der manischen und der depressiven Spielart. Er schmäht die Vorväter, alle die Ölgötzen an der Wand, er versaut den Mittagstisch, zerscherbelt das Familienporzellan, verrückt die Möbel und verhängt die Bilder. Er steigert sich in hysterische Angst vor dem Irrenarzt, kriegt einen Stapel Baumwollunterhosen geschenkt und fällt schließlich in Stupor. "Alle drei trinken Kaffee. Vorhang."
Klar, daß "Ritter, Dene, Voss" ein schauspielerisches Kürlaufen für Ritter, Dene und Voss bedeutet. Im Akademietheater wurde denn auch kennerisch gekichert, obwohl (oder weil?) Claus Peymann für diesmal darauf verzichtete, den sprachlichen Widerständigkeiten des Textes und seinen musikalischen Verschränkungen nachzuspüren, sondern lieber den billigen Lachreizen des Parlando entlanginszenierte.
Daß die Wiener den neuen Sound auch bei den Staatsbühnen auf Anhieb goutierten, ist nicht verwunderlich: schließlich steckt in jedem Burgtheaterbesucher ein Stückchen Döblinger Bürgerirrsinn.
Hat Claus Peymann demnach die Burg erobert?
Nicht ganz. Er hat gezeigt, daß er das Publikum kriegen kann. Dem Burg-Ensemble ist er bisher ausgewichen. Er tut, als sei er im eigenen Haus mit der Bochumer Mannschaft auf Gastspiel, während das Burg-Ensemble zuschaut und das Repertoire der letzten Benning-Saison durchs Abonnement treibt.
Spätestens zu Weihnachten wird sich zeigen, ob Peymann das Haus in den Griff kriegt - wenn sich bei Shakespeares "König Richard III." die beiden Ensembles amalgamieren sollen.
Von Sigrid Löffler

DER SPIEGEL 37/1986
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