08.09.1986

FILMFESTSPIELEVäter und Söhne

Deutscher Terrorismus als Kinothema: Beim Festival von Venedig wurde die Verfilmung von Bernward Vespers „Die Reise“ uraufgeführt. *
Unbekanntes über das Paar hat zuletzt Jörg Schröder publiziert. 1984 in seiner Anthologie "März Mammut": Ein privates Photoalbum von 1963, Gudrun Ensslin und Bernward Vesper auf Ibiza-Urlaub, nie beide zusammen auf einem Bild, weil sie wohl zu scheu waren, sich je von jemand anderem photographieren zu lassen - ein verliebtes Studentenpärchen der Adenauer-Zeit, idealistisch, Zukunft vor sich, keine Todeskandidaten.
Sie haben ihren Tod gefunden, er für sich und sie für sich; daran ist nicht die "Gesellschaft" schuld, doch es hätte nicht sein müssen, wenn die "Gesellschaft" eine andere gewesen wäre. Bernward Vesper hat sich, verwirrt von Drogen, verstört durch Entzug, 1971 in Hamburg umgebracht. Sein Nachlaßwerk "Die Reise", dieser wilde autobiographische Brocken Literatur, auf den die Vesper-Legende sich gründet, ist neben anderen dem brasilianischen Filmemacher Glauber Rocha gewidmet: Wenn der ihm sein Leben inszeniert hätte, wäre es furioser geraten.
Bei den Filmfestspielen in Venedig war, vergangene Woche, in einer Gesamtschau noch einmal alles zu sehen, was dieser Feuerkopf Glauber Rocha gedreht hat. Und in Venedig wurde jetzt auch die Verfilmung von Bernward Vespers "Die Reise" uraufgeführt, einmal mehr deutscher Terrorismus als deutsches Kultur-Exportgut - aber da war kein leidensbesessener Kino-Visionär am Werk, sondern ein braver, solider, abwägend vernünftiger Illustrator, der Schweizer Regisseur Markus Imhoof, 45.
Er hat sich langwierig und gründlich auf sein Vesper-Filmprojekt vorbereitet, und im Gang dieser Arbeit hat sich die Haupt-Figur dem Wesen ihres Kino-Biographen angenähert: Aus dem Apo-Schreihals und literarischen Amokläufer Vesper ist ein sympathisch verträumter Nichtstuer geworden, der aus Liebe zu einem Mädchen in die Terrorszene gerät, aber noch rechtzeitig den Absprung schafft, alleingelassen, als die Braut auf einen schärferen Macho-Typen mit Knarre im Hosenbund abfährt.
Bernward Vesper war kein Rädelsführer der Apo, vielmehr ein als Publizist rasend aktiver Hintermann und brillanter Schnellverwerter. Er hatte vorzuweisen, was viele Mitkämpfer nur metaphorisch für sich beanspruchen konnten, einen monumentalen, steinern unbeirrbaren Nazi-Vater in der Gestalt des Dichters Will Vesper, auf den er allen Welt-Haß richten konnte - seine tiefe Wunde aber war nicht dieser Haß, sondern die hündisch unbeirrbare Liebe, mit der er an seinem toten Vater hing.
Der Weg in den Terror - seine langjährige Gefährtin Gudrun Ensslin war längst mit Andreas Baader untergetaucht - war, als die Apo auseinanderlief, nichts für den hybriden Überflieger Vesper, der von Schriftstellerruhm träumte; auch nicht der Ausstieg ins Grüne einer Landkommune oder der "lange Marsch". Vesper flüchtete in Drogenexzesse, in scheinhafte Hellsicht, schwindelnden Größenrausch; zwischen Wahn und kaltem Jammer hat er sein Manuskript "Die Reise", das anfänglich "Trip" oder "Haß" heißen sollte, aus sich herausgeballert, und es hat ihm, lange nach dem Tod, den Ruhm gebracht, nach dem er sich so rasend verzehrte, es ist ein Denkmal.
Von Trip, von Haß, von Exzessen ist in Markus Imhoofs Film "Die Reise" nicht die Rede, auch wenn der Held abends mal an einem Joint nuckelt. Imhoof hat aus Teilen von Vespers Vita - der Beziehung zum Vater, zur Freundin, zum Sohn - eine eigene Geschichte gebaut, den Fall eines Sympathisanten aus Liebe, das Unglücksleben eines Jungen, der von seinem Vater zum Nichts gemacht wird und später, selbst Vater geworden, an seinem Sohn zärtliche Wiedergutmachung versucht.
Die nunmehr dritte Gudrun-Ensslin-Verkörperung (nach "Die bleierne Zeit" und "Stammheim") im deutschen Kino ist die bisher dümmste, eine schmale, spitze Boulevard-Heroine (Corinna Kirchhoff), die allen antikapitalistischantiimperialistischen Haß durch wildes Kopfschütteln und vorgeschobene Unterlippe ausdrückt; Markus Boysen, der Vesper-Typ (der im Film aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen Bertram Voss heißt), muß ihr gegenüber ein freundlicher Schlaffi bleiben. Seine bewegendsten Momente gewinnt der Film durch Will Quadflieg in der Rolle des Altnazi-Dichters: Er, dem das Drehbuch viele platte Lektionen aufbürdet, macht hinter _(Mit Markus Boysen, Corinna Kirchhoff. )
der Tyrannen-Maske einen weichen Schmerz sichtbar, die gebrochene Eitelkeit eines enttäuschten Idealisten.
Viele Gerechte - von der Berliner Filmförderungsanstalt über die Evangelische Kirche bis zu einer Schweizerischen Bankengesellschaft - haben durch Finanzhilfen zur Ermöglichung dieses Films beigetragen. Weil er immer im Rückblenden-Sprung, zu viel belehrend abhaken will - Kindheitsgeschichte, Apo-Aktionen und Flucht des Helden zurück in die Kindlichkeit - muß von Schlüsselszene zu Schlüsselszene das Verlangen nach Wahrheit dem Willen zur Wirkung erliegen. Am Showdown-Ende schlägt Vater Staat zu und packt mit der geballten Feuerkraft eines GSG9-Rollkommandos den netten Helden samt Kind und Katze ein. Die Väter haben schon immer über die Söhne gesiegt.
Mit Bernward Vespers schrecklichem Erbe hat dieser Film wenig zu tun. Es soll nicht vergessen sein; es ruht - und so hat sich sein Schriftsteller-Größenwahn erfüllt - neben den Nachlässen von Schiller und Hesse, Döblin und Uhland im Marbacher Deutschen Literaturarchiv. Urs Jenny
Mit Markus Boysen, Corinna Kirchhoff.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 37/1986
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