08.09.1986

NACHRUFDer Dolmetscher der Moderne

"Mit Ihrer Kunst", so hatte der deutsche Bundeskanzler dem englischen Bildhauer zum 80. Geburtstag geschrieben, "können und wollen Menschen sich identifizieren." Ein Hauptverdienst des Jubilars sei das, "mehr Menschen an die Gegenwartskunst herangeführt zu haben als viele andere".
Wahr gesprochen. Henry Moore, der am vorletzten Sonntag 88jährig in seinem südenglischen Haus gestorben ist, hatte eine erstaunlich große Öffentlichkeit erobert. Seine steinernen und bronzenen Skulpturen, energisch stilisiert und trotzdem suggestiv naturnah, stehen - von Museen ganz zu schweigen - auf Plätzen und in Parks zwischen Paris und New York, zwischen London und Recklinghausen. Sie tun dem Auge wohl, und Kinder können auf ihnen klettern, ohne sich weh zu tun.
Die Identifikation des Menschen Helmut Schmidt mit dem Werk Moores bezeugen seit 1979 "Zwei große Formen" beim Bonner Kanzleramt. So weit, bis in den Vorhof der Politik, hat es die moderne Kunst sonst kaum gebracht.
Moore war ein Klassiker der Moderne, und am Ende sah es so aus, als hatte das siebte Kind eines Yorkshire-Bergmanns gar nichts anderes werden können. Von ihm selbst erzählte Anekdoten umspielen die typische Figur eines Frühberufenen: Der elfjährige Henry war gleich elektrisiert, als er zum erstenmal von Michelangelo hörte. Und schon der Knabe ertastete sich die menschliche Anatomie, indem er seiner Mutter den rheumatischen Rücken einrieb.
Dem Drang und dem Talent zu plastischem Gestalten kamen, nach Frontdienst im Ersten Weltkrieg, Stipendien in Leeds und dann in London zugute. Aber mehr als die akademische Ausbildung bedeuteten für Moore Besuche im Britischen Museum. Seine Skulpturen fielen archaisch-vereinfacht aus und schockten lange Zeit das Establishment.
Ein Größeres Publikum erreichte Moore zuerst als Zeichner. Seit 1940 skizzierte er, als "Offizieller Kriegskünstler", in Londoner U Bahn-Schächten die Wartenden und Schlafenden, die dort vor deutschen Luftangriffen Zuflucht gesucht hatten. Diese "Shelter drawings", Kunstwerke und packende Zeitdokumente zugleich, erregten Aufsehen und überzeugten, so Moore, "gewisse Leute, daß ich zeichnen konnte".
Der Biennale-Preis von 1948 in Venedig war dann schon das Siegel eines auch international unanfechtbaren und noch ständig wachsenden Ruhmes für den Bildhauer Moore.
Der hat die Möglichkeiten moderner Skulptur in vielen Richtungen erkundet. Er hat die menschliche Gestalt verformt und ausgehöhlt und in Einzelteile zerlegt. Er hat plastische Elemente ineinandergeschachtelt und miteinander verzahnt. Liegende weibliche Figuren konnten einmal den Ausdruck von strengem Pathos nehmen, dann wieder die Ruhe zerklüfteter Felsformationen oder hügeliger Landschaften.
Ganz bestimmt war Moore nicht, wie jetzt manche Trauerredner tönen, "der bedeutendste Bildhauer des 20. Jahrhunderts". Kollegen - Picasso, Brancusi, Giacometti - hatten früher, radikaler und damit auch bedeutender jene kubistischen bis surrealistischen Form-Erfindungen vorgetragen, von denen er, neben schöpferischen Rückgriffen auf alte Kunst, zehren konnte.
Ohne falschen Maßstab betrachtet, bleiben Moores Einfalls- und Ausdrucksreichtum im Detail bemerkenswert, sein Gespür für die Balance von Massen und die Behandlung organisch geschwungener Flächen. Gerade seine weniger exponierte Haltung machte ihn zum idealen Vermittler und erlaubte ihm, das schwierige Idiom der Moderne zu einer Art Umgangssprache zu mildern.
Plastisches Empfinden, das war Moores Überzeugung, sei etwas Überzeitliches. Deswegen werde es auch immer Skulpturen geben - jedenfalls "solange junge Männer die Beine eines Mädchens schöner finden als die eines anderen".
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 37/1986
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