28.07.1986

„Der Gast des Königs ist Allahs Gast“

Unter strengster Geheimhaltung hatten Marokkos König Hassan II. und Israels Premier Schimon Peres ihren Gipfel im marokkanischen Ifran vorbereitet - marockanische Juden halfen dabei. Sachlich kamen die Gipfelpartner nicht näher. Doch erneut fiel ein Tabu der Araber im Umgang mit dem Judenstaat. *
Fünfmal in zwei Jahren hatte sich König Hassan II. von Marokko um einen Staatsbesuch in den USA bemüht. Viermal geruhte Präsident Reagan nicht zu wollen - weil der Monarch 1984 mit Amerikas Haßgegner, Libyens Muammar el-Gaddafi, eine (wenn auch illusionäre) Union geschlossen hatte. Gaddafis Freunde, so hieß es in Washington, seien in Amerika unerwünscht.
Zu Beginn des Sommers '86 war Reagan endlich milder gestimmt. Am 22. Juli sollte Hassan kommen dürfen.
Nun aber wollte Hassan nicht - er bedauerte, weil er erkrankt sei. In Wahrheit war er hochaktiv und hatte Sensationelleres im Sinn als eine USA-Reise.
"Der König ist offensichtlich gesund genug, um Besucher zu empfangen", kommentierte ein Regierungssprecher in Washington, der angeblich erst kurz zuvor erfahren hatte, welcher Besucher in der Nacht zum Dienstag voriger Woche in Marokko erwartet wurde: Israels Premierminister Schimon Peres.
Der Marokkaner war der zweite arabische Staatschef, der es wagte, einen israelischen Regierungschef öffentlich zu treffen - seit jenem 19. November 1977, als Ägyptens Anwar el-Sadat die Welt durch seine historische Reise nach Jerusalem überraschte und die Gefühlswelt der Araber schwer verwirrte.
Und historisch war die Reise von Peres gleichfalls. Zwar brachte das Treffen mit König Hassan keine erkennbaren Fortschritte in Richtung auf einen Nahostfrieden - ein farbloses Kommunique, dessen Abfassung fast noch gescheitert wäre, zeigt vielmehr, wie schwer die Annäherung auch eines gemäßigten Araberstaates an Israel ist.
Und dennoch demonstrierte das Treffen, wie viel sich seit Ende der 70er Jahre geändert hat. Während damals fast alle Araberstaaten die Beziehungen zu dem politischen Ketzer Sadat kappten, raffte sich 1986 nur Syrien auf, mit dem Nachahmungstäter Hassan wegen seines "schwarzen Verrats" (so Staatschef Hafis el-Assad) sofort zu brechen. In Beirut stürmten wütende Moslems die Botschaft Marokkos. Doch Scharfmacher Gaddafi bezichtigte den Unions-Kompagnon Hassan vergleichsweise milde eines "Verbrechens am arabischen Volk", erklärte aber keineswegs die Union sogleich für erloschen.
Kein Zweifel: Der neue israelischarabische Gipfel hat die Quarantäne gelockert, welche die Araber über den Judenstaat und dann auch über das aus ihrer Einheitsfront ausgescherte Ägypten verhängt hatten - und schon das schaffte ein bißchen Entspannung.
Im letzten Nahostkrieg hatte Hassan noch marokkanische Soldaten an die Golan-Front gegen Israel geschickt. Jetzt zitierte man in Rabat das marokkanische Sprichwort: "Der Gast des Königs ist Allahs Gast." Also war auch der israelische Regierungschef Peres Allahs Gast - für fromme Moslems wie fromme Juden eine fast frivole Vorstellung.
Gewiß, israelische Prominente waren schon mehrmals von Hassan empfangen worden - aber stets heimlich. 1976, als Regierungschef Jizchak Rabin nach Rabat kam, verfremdete er seinen Kopf mittels einer Perücke. Kriegsheld Mosche Dajan klebte sich für einen Marocko-Trip einen Schnurrbart a la Clark Gable an und verdeckte seine Einäugigkeit mittels Sonnenbrille.
Pläne für einen Marokko-Besuch von Premier Menachem Begin im November 1977 scheiterten, weil der Prinzipienreiter Begin sich nicht verkleiden wollte.
In der vergangenen Woche ging es nun ohne Verkleidung und Geheimnistuerei. In einer Boeing 707 der israelischen Luftwaffe landete Peres in der Königsstadt Fes. Kaum war der Gast in dem von starken Armeekräften abgeriegelten Gästehaus des Königs im Kurort Ifran südlich von Fes einquartiert, als Gastgeber Hassan, kurz nach Mitternacht, zu einem ersten Höflichkeitsbesuch erschien.
Uri Savir, Mitglied der israelischen Delegation: "Wir hatten gerade eine Mahlzeit von acht oder neun Gängen hinter uns und waren auf dem Weg zum Salon, wo der Kaffee serviert war. Plötzlich ging die Tür auf, und der König stand vor uns. Er hatte seinen Wagen selbst vom Sommerpalast in unser Gästehaus chauffiert - wie man uns später
sagte, eine unübliche Freundschaftsgeste."
In den folgenden 48 Stunden trafen sich die beiden Staatsmänner zu drei weiteren Gesprächen. Es war freilich "mehr ein Dialog als Verhandlungen", so Peres später. Lange Verhandlungen waren nötig gewesen, damit der Gipfel überhaupt zustande kam.
Marokkanische Juden wie der Gemeindevorsitzende David Amar, persönlicher Freund und Geschäftspartner des Königs, hatten vermittelt. In den letzten Wochen war der Fraktionschef der israelischen Arbeitspartei, der aus Marokko stammende Raffi Edri, in seine ehemalige Heimat gezogen, während ein Vertrauensmann des Königs in Jerusalem Vereinbarungen für die Reise traf.
Es erwies sich jetzt als nützlich, daß Marokko und Israel unterderhand längst intensive Beziehungen pflegten. Israelische Landwirte sind seit Jahren als Berater in Marokko tätig, wo viele Bewässerungsanlagen die hebräische Firmenaufschrift "Neptun" tragen. Angeblich lieferte Israel auch sogar Waffen an Marokko.
Begünstigt wurden diese besonderen Kontakte durch eine jahrhundertealte Symbiose zwischen Juden und Moslems in Marokko. Dort lebten vor der Gründung des Staates Israel über 400000 Juden. Hassans Vater, der spätere König Mohammed V., wies im Zweiten Weltkrieg deutsche Forderungen ab, seine Juden zum Tragen des gelben Sterns zu zwingen.
Die meisten Juden zogen nach 1948 ins Gelobte Land, nur rund 16000 blieben in Marokko. Doch viele von ihnen sitzen auf einflußreichen Posten und unterhalten ausgezeichnete Beziehungen zum Königshof. Alljährlich zum jüdischen Jom-Kippur-Festtag schickt der König sogar seinen Kronprinzen in die Synagoge von Rabat, wo dann ein Sondergebet für "das Wohl des Königs und des Königshauses" verlesen wird.
Umgekehrt blieben die nach Israel ausgewanderten Marokkaner der alten Heimat innerlich verbunden. Etwa 300000 Juden marokkanischer Herkunft sind heute Israels größte sefardische (aus dem Orient stammende) Gemeinde. Einige Dutzend beantragten und erhielten letzthin marokkanische Pässe.
Acht Knesset-Abgeordnete aller Parteien, darunter Vizepremier David Levi und Innenminister Jizchak Perez, stammen aus Marokko. Der beim Ausbau der Beziehungen besonders aktive sozialdemokratische Fraktionschef Edri, Mitglied der kleinen israelischen Delegation, traf beim Dialog in Ifran sogar einen Jugendfreund wieder: den Staatsminister Ahmed Alawi.
Wie Edri besuchten in den vergangenen Jahren viele Tausende Israelis marokkanischer Abkunft ihre frühere Heimat. Die Urlauber kommen meist über Spanien, wo sie in einem marokkanischen Konsulat ihre israelischen Pässe deponieren, um anschließend mit einem marokkanischen Laisser-passer weiterzuziehen. Auf dem Rückweg wird das Papier wieder gegen den israelischen Reisepaß eingetauscht.
Wenige Stunden nachdem Premier Peres von Meknes aus zum Rückflug gestartet war, konnte Touristikmanager Eli Ben-Shimon "zum siebentenmal in drei Jahren" eine israelische Reisegruppe nach Marokko bringen - in den Augen aller Araberstaaten bis auf Ägypten ein schwerer Verstoß Marokkos gegen die arabische Solidarität.
Dreimal in der letzten Zeit hatte Hassan Israels Regierungschef eingeladen - "aber nicht als Tourist, sondern mit ernsten Vorschlägen". Dreimal war nichts daraus geworden, zuletzt im Dezember 1985, weil "Peres nichts Neues mitzubringen bereit war", so Hassan.
Dann ließ Hassan seine Forderung offenbar fallen. Vor drei Monaten schlug er seinen Kollegen vor, ein Wortführer der Araber - damit meinte er wohl sich selbst, da er zur Zeit Vorsitzender der Arabischen Liga ist - solle die Israelis unmittelbar über die arabischen Friedenspläne informieren. Doch das erhoffte Plazet der arabischen Brüder blieb aus. Das trieb den König zum Alleingang - er fühlte sich unter Zeitdruck wie der Israeli Peres auch.
Denn schon in zehn Wochen muß Sozialist Peres aufgrund des Koalitionsabkommens zwischen Arbeitspartei und rechtem Likud-Block die Führung der Regierung an Außenminister Jizchak Schamir abgeben. Den unversöhnlichen Chauvinisten Schamir würde gewiß auch Hassan nicht einladen.
Schamir meldete sogleich schwere Bedenken wegen der Marokko-Reise seines Premiers an. Er habe ihr seine Zustimmung, aber nicht seinen Segen erteilt.
Während die rechtsextreme Abgeordnete Geula Cohen mit Blick auf die Räumung des Sinai verbittert fragte, was
Peres in Marokko wohl abtreten könnte, antwortete Schamir: "Nichts, Peres hat keine Vollmachten, territoriale Konzessionen anzubieten."
Das hatte der Israeli auch nicht vor- und daran scheiterte bislang noch jede Nahostlösung.
Vergebens versuchte Hassan, seinen Gast für die Resolution der arabischen Gipfelkonferenz von Fes (1982) zu gewinnen, die jedoch den völligen Rückzug Israels aus allen besetzten Gebieten, die Auflösung aller dort errichteten jüdischen Siedlungen sowie die Gründung eines palästinensischen Staates unter Führung der PLO und mit Jerusalem als Hauptstadt verlangt. Keine israelische Regierung kann diese Punkte erfüllen, ohne sich in Gegensatz zur Mehrheit ihrer Wähler von links bis rechts zu setzen.
Hassan seinerseits konnte von den Fes-Bedingungen nicht abgehen - sie waren den Scharfmachern unter den Arabern schon zu kompromißlerisch. Denn in Fes hatten die Araber trotz ihrer scheinbaren Unnachgiebigkeit indirekt erstmals auch Israels staatliche Existenz anerkannt: In Paragraph 7 beschlossen die Teilnehmerstaaten, der Uno-Sicherheitsrat solle "Frieden und Sicherheit aller Länder der Region garantieren", also implizit auch die Sicherheit Israels.
So kamen Hassan und Peres in der Sache wohl nicht weiter, und der marockanische Herrscher zeigte sich über "die mageren Ergebnisse" enttäuscht. Sogar Hassans Anregung, Peres solle doch wenigstens eine Geste zugunsten der Palästinenser machen, lehnte Peres ab. Er weiß, daß die Zeit Israel hilft, in den besetzten Gebieten vollendete Tatsachen zu schaffen.
"Da gab es nichts mehr zu besprechen. Also sagte ich Peres: "Danke, und fahre heim in Frieden", erzählte der König hinterher im Fernsehen seinem "geliebten Volk".
In Israel sah man das Ergebnis positiver, weil der Judenstaat abermals eine psychologische Barriere durchbrochen hatte. Der Politologe Schlomo Avineri meinte: "Dieser kleine, bescheidene Schritt ist eine der größten Errungenschaften Israels", schließlich sei auch beim ersten Kissinger-Besuch in China wenig Konkretes erreicht worden. Und Kommunikationsminister Amnon Rubinstein glaubt gar: "Das Tabu, mit Israel sei kein Kontakt möglich, ist gefallen."
Diesem Urteil stimmte in der arabischen Welt öffentlich nur Außenseiter Ägypten zu. "Früher oder später werden alle arabischen Länder wie Ägypten Arrangements mit Israel billigen", prophezeite die halbamtliche Zeitung "Al-Ahram".
Erstaunlich war die Reaktion jenes Landes, auf das die Araber besonders aufmerksam blicken, wenn es um religiöse oder politische Dogmen geht - Saudi-Arabien.
Die Regierung des König Fahd verzichtete nicht nur auf jede Kritik am Vorgehen Marokkos. Der Peres-Gastgeber Hassan II. durfte sogar im Saudi-Fernsehen auftreten - es übertrug die Fernsehansprache Hassans an sein Volk.

DER SPIEGEL 31/1986
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