08.09.1986

UNFALLSCHUTZKraft aus Unglück

Audi hat ein neuartiges Sicherheitssystem gegen Aufprall-Verletzungen von Frontpassagieren entwickelt. Es wirkt rein mechanisch - ohne Sprengstoff, ohne Elektronik. *
"Dieser Versuch", verriet letzte Woche Audi-Entwicklungschef Ferdinand Piech, "war der einzige, für den wir jemals einen Stuntman angeheuert haben."
Die Ingenieure hatten Angst, dem Manne würden bei dem Experiment die Hände abgerissen werden. Kräfte von 300 g, der 300fachen Erdbeschleunigung, so hatten die Techniker gemessen, würden das Lenkrad beim Aufprall jählings nach vorn zerren.
Der Fahrer überstand den Pralltest bei Tempo 50 unversehrt und mit leeren Händen. Das Lenkrad, Sekundenbruchteile vorher vom Fahrer noch fest umklammert, fand sich nun wie angeklebt ganz vorn zwischen den Armaturen. "Der Mann saß da", erinnerte sich Piech, "als hielte er immer noch die Lenkung fest, so schnell ging das."
Der Test galt einem neuartigen Sicherheitssystem, das der Ingolstädter Autohersteller nun, nach zweijähriger Entwicklung, in seinem neuen Mittelkläßler Audi 80 erstmals anbietet. Es kostet, einstweilen nur auf Wunsch lieferbar, 950 Mark, ist mithin mehr als die Hälfte billiger als die von Daimler-Benz und BMW angebotenen Prallsacksysteme ("Airbag").
Im Gegensatz zum Airbag, für dessen Funktion Elektronik und Explosivstoffe aufgeboten werden, arbeitet das Audi-System rein mechanisch. Professor Max Danner, Unfallforscher der deutschen Versicherungswirtschaft, hat bereits sein Urteil abgegeben: "Ein Volltreffer."
Das verblüffend einfache System (siehe Graphik) nutzt einen Teil der bei Frontalkarambolagen auftretenden Aufprallenergie gleichsam auf umgekehrtem Wege.
Drei in der Karosse verankerte Edelstahlseile, von denen zwei mit den Gurt-Aufprallautomaten verbunden sind, das dritte oben an der Lenksäule verankert wurde, schlingen sich wie beim Flaschenzug durch eine Führungsrille am Motor-Getriebe-Block. Beim Aufprall verschiebt sich der Block gegen den Innenraum, bewirkt über Stahlseile eine Vorspannung der Gurte und zieht das Lenkrad aus jenem Bereich weg, in dem der Kopf des Fahrers aufschlagen konnte.
Da gerade der Schädel, wie Audis Unfallanalysen ergaben, "trotz angelegter Gurte bei Zusammenstößen oft kräftig in Mitleidenschaft gezogen wurde", meinen die Ingolstädter, ihr System könne Unfallfolgen erheblich mindern; Verletzungen bei geringerer Geschwindigkeit (Auslösegrenze der Apparatur: etwa 25 km/h) könne es womöglich ganz verhindern.
Erfinder des Schutzsystems ist Elmar Vollmer, 43, Chef der Sicherheits-Versuchsabteilung. Audi nennt die Apparatur "procon/ten", ein seltsamer Name, der aus der Nato-deutschen Funktionsbezeichnung "Programmed Contraction/ Tension" entstand. Die Idee mit der umgeleiteten Aufprallenergie kam Vollmer bei einer Serie von Crashtests.
Zehn Jahre sollen die durch Kunststoffüberzüge gesicherten Stahlseile wartungsfrei halten. "Dazu gehört natürlich eine vollverzinkte Karosse, wie wir sie bauen", meinte Entwicklungschef Piech. "Was soll das Sicherheitssystem denn einem noch nützen, der im Auto mit durchgerostetem Boden praktisch schon zu Fuß geht?"
[Grafiktext]
BEIM AUFPRALL STRAFFT SICH DER STRANG Das neue Sicherheitssystem von Audi (Zeichnung Audi) Prallt das Fahrzeug mit hinreichender Stärke frontal auf ein Hindernis, verschiebt sich der Motorge triebeblock (1) gegen den Innenraum. Dabei strafft sich der um den Block geschlungene Kabelstrang (2), zerrt das Lenkrad samt Lenksäule (3) aus der Gefahrenzone, sorgt im gleichen Moment für eine hilfreiche Vorspannung der Sicherheitsgurte (4).
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 37/1986
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