06.10.1986

Drei Schwestern in Manhattan

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Woody Allens Meisterwerk *
Ein Mann wird älter. Ein Clown, Witzbold, Possenreißer, Narr, ein Komödiant wird älter. Was passiert mit ihm, außer daß sein Haar dünner wird; im Central-Park beim Spazierengehen weht ihm der Wind einen kleinen Schopf nach vorn, er versteckt nicht mehr, daß er kahl wird.
Woody Allen wird älter. Der Held, der einen Stellvertreter-Krieg für unsere Alltagskämpfe führte, gegen die Tücke des Objekts, gegen das Dickicht der Städte, gegen den Schmerz, in der Liebe zweiter Sieger, in der Beziehung auf der Strecke zu bleiben, dieser Held wird älter. Was stellt er an, außer daß er darauf verzichtet, seinen Angebeteten täglich frische Neurosen mitzubringen?
Zum Beispiel dies: Er spielt Mickey (Familienname nicht: Mouse), einen TV-Menschen, der eine satirische Show produziert, geschieden ist und heftig darunter leidet, wenn ihn eine Frau am Abend in ein punkiges Heavy-Metal-Konzert schleift.
Auf einmal hat er das Gefühl, daß er auf einem Ohr schlechter hört. Nichts Ernstes, aber da er gewissenhaft, ja hypochondrisch um seinen Körper besorgt ist, geht er zum Arzt. Der Arzt untersucht ihn, schüttelt den Kopf, meint, eigentlich sei es nichts Ernstes, höchstwahrscheinlich nicht. Aber zur Sicherheit schickt er ihn zu einer gründlichen Untersuchung in ein großes, technisch hochgerüstetes Krankenhaus. Für alle Fälle.
Mickey denkt: Der Arzt beschwindelt mich doch. Er fragt einen befreundeten Doktor am Telephon: Du, hör mal, was kann das sein, wenn man ein bißchen schlechter hört? Ooch, sagt der Doktor, vieles, eine Erkältung oder... Mickey unterbricht ihn und fragt: Und im schlimmsten Fall? Ein Gehirntumor, sagt der Arzt.
Wir sehen Mickey, wie er den gigantischen Apparaten ausgesetzt wird, die sein Hirn abtasten, in Signale zerlegen. Er liegt auf dem Schlachtfeld der diagnostischen Medizin. Dann sagt der Arzt: Ihnen fehlt nichts. Mickey stürmt aus dem Krankenhaus, vollführt Freudensprünge auf der Straße. Die Angst, die Todesangst ist weg. Plötzlich hält er inne: Ist sie wirklich weg? Er hat sie erlebt, sie war unnötig, aber von jetzt an, weiß er, wird sie ihn nicht mehr loslassen.
Ist das der Stoff für eine Komödie? Bei Woody Allen schon. Auf einmal sucht sein Mickey Trost in der Religion. Obwohl seine jüdische Mama vor Verzweiflung darüber weint, will er Katholik werden. Vielleicht bietet das Halt. Er bringt in einer braunen Einkaufstüte ein kleines Kruzifix, ein Heiligenbildchen, ein Gesangbuch mit nach Haus. Devotionalen-Kitsch gegen die Lebensangst.
Am Schluß hat er zwar keine Religion, aber eine Frau, die ihm gesteht, daß sie schwanger sei. Vielleicht wird er bald wieder Todesangst haben, aber mehr kann man nicht erwarten. Komödien, so lehrt Woody Allen in seinem neuen Film, Komödien sind Tragödien, an denen man haarscharf noch einmal vorbeigekommen ist.
Mickeys geschiedene Frau zum Beispiel (Mia Farrow, Woodys nichtgeschiedene Frau, spielt sie) ist mit einem erfolgreichen Agenten verheiratet. Ein netter, kultivierter, freundlicher Mensch, der auch noch Lyrik liest und Bach und Mozart liebt. Nur: Er hat sich in die Schwester seiner Frau verliebt: Michael Caine spielt den durch seine Ungeschicklichkeit Liebenswerten. "Gott, ist sie schön...", seufzt er, stellt ihr tölpelhaft nach, schenkt ihr Gedichtbände und fällt ihr so plump um den Hals, daß die Plattenspieler-Nadel einen Satz weiter springt in Bachs Cembalo-Konzert in f-Moll...
Dann trifft man sich heimlich nachmittags in einem Hotelzimmer. Man schämt sich, hat Schuldgefühle, Angst. Natürlich heizen Scham und Angst die Liebe an. Es ist wie in einer großen Liebestragödie.
Aber Woody Allen wäre nicht Woody Allen, wenn er daraus nicht doch eine Komödie hinkriegte. Schon das nächste Mal - könnte es anders sein? - ist der Routine, dem Alltag nähergerückt. Auf dem Kaminsims stehen die Sektflasche, zwei Sektkelche, das Liebespaar tanzt Wange an Wange. So hat gutbürgerlicher Ehebruch auszusehen, gepflegt, unaufdringlich, geschmacksicher.
Ein paar Monate später hat sich die Romanze totgelaufen. Keine Anna Karenina, die sich zwischen zwei Eisenbahnwaggons eines fahrenden Zuges wirft. Nein, man trifft sich bei der Thanksgiving-Party der Familie, sie hat einen neuen Freund, der ist Gott sei Dank ledig, er merkt, wie sehr er seine
Frau, ihre Schwester, liebt. Nichts passiert. Nur ein Jahr älter ist man.
Woody Allens wunderbarer Reigen wird zusammengehalten durch Familienbande. Die Hauptfiguren sind drei Schwestern, die Schauspielerin Hannah, die Studentin Lee und Holly, die mit ihrem Leben experimentiert, nie damit zu Rande zu kommen scheint. Sie kann gut kochen, also macht sie einen Party-Service auf. Aber der Party-Service führt nur dazu, daß sie sich in einen Architekten verliebt, der ihr Manhattan zeigt und in der Met bei tragischen Opernhöhepunkten mit Tränen in den Augen Rotwein trinkt. Dann will sie Musical-Sängerin werden. Und immer muß ihr die erfolgreiche Schwester Hannah Geld leihen und sich auch noch anschnauzen lassen, weil die Borgende sich schämt...
Am Schluß schreibt Holly erfolgreiche Stücke und ist mit Mickey zusammen, der hat die Schwester gewechselt. Die Menschen in Woody Allens Film könnten aus einer Tschechow-Komödie stammen, so rührend und lächerlich sind sie, so hilflos und überlebensfähig und wie aus einer abgelebten Zeit. In "Hannah und ihre Schwestern" ist Allen das Kunststück gelungen, seinem geliebten New York eine ehrwürdige, unwiederbringlich schöne klassische Vergangenheit zuzulegen, die aus Cole-Porter-Melodien, Bar-Pianisten, den Art-deco-Fassaden und Gründerzeitstukkaturen der Wolkenkratzer besteht. Ein melancholischer Abglanz aus Manhattans goldener Zeit fällt in die Gegenwart.
Dabei ist der Film durch Allens spöttische Menschenkenntnis, durch seinen unerschütterlich realistischen Witz vor falscher Sentimentalität gefeit. Das fängt _(Mit Mia Farrow, Barbara Hershey und ) _(Dianne Wiest. )
damit an, daß die schöne Lee (Barbara Hershey), wenn sie dem Mann ihrer Schwester in die ausgebreiteten Arme läuft, immerfort davon erzählt, daß sie gerade zur Zahnreinigung müsse.
Das geht damit weiter, daß Mickeys Vater, als der ihn mit Fragen nach dem Sinn des Lebens und Klagen über die Schlechtigkeit der Welt bestürmt ("Warum geschieht soviel Böses auf der Welt?") antwortet: "Woher zum Teufel soll ich wissen, warum es die Nazis gegeben hat? Ich weiß nicht mal, wie ein Dosenöffner funktioniert."
Am treffsichersten ist Woody Allens Komik immer da, wo sie die letzten Dinge und intimsten Erfahrungen der Banalität des Alltags und den Maskeraden der Eitelkeit konfrontiert. Woody Allen als Mickey erinnert sich daran, wie seine Ehe mit Hannah in die Brüche ging - wahrscheinlich wegen seiner Unfähigkeit, Kinder zu zeugen.
Als die beiden vom Arzt kommen, der dem Ehepaar gerade eröffnet hat, daß es keine Kinder bekommen könnte, gehen die beiden deprimiert nach Hause und Mickey sagt, wie gedemütigt er sich fühlte. Darauf fragt sie ihn, ob es denn nicht sein könne, daß er sich selbst ruiniert habe. "Ruiniert?" fragt er, "wie meinst du das?" Darauf sie: "Was weiß ich, exzessive Onanie?" Und er: "Fängst du jetzt auch noch an, an meinen Hobbys herumzumäkeln?"
Kurz darauf bitten sie ein befreundetes Ehepaar stotternd, ob der Mann nicht als Samenspender aushelfen könnte. Der Freund fühlt sich nach dem ersten Schock geschmeichelt: "Also, ich hab ja auch schon Blut gespendet. Und äh... Kleider für die Armen."
Im Film hat Hannah Jahre nach diesem peinlichen Gespräch zwei stramme Zwillinge, Jungs. Mia Farrow und der
kinderlose Woody Allen haben sieben Kinder. Im Büro von Allen, wo an der Pin-Wand Termine, Notizen, Zeitungsschnipsel herumhängen, sind auch ein paar unbeholfene Kinderzeichnungen: Gesichter, nach der Punkt-Punkt-Komma-Strich-fertig-ist-das-Mondgesicht-Methode gezeichnet und drüber steht in krakeligen Lettern "Mia" und "Woody".
Am Ende des Films umarmt Woody am Thanksgiving-Tag seine Holly und küßt sie zärtlich, während sie ihm erzählt, daß sie schwanger sei. Es ist das übliche Happy-End einer üblichen Romanze. Wirklich? Haben wir die Figuren nicht nur in einer Drehung ihres Reigens wahrgenommen, der so weitergehen wird, wenn auch leider nicht endlos: Hier eine kleine Affäre, da eine Enttäuschung, Krankheit, Schrecken, Angst und Hoffnung und Familientreffen mit lärmenden Kindern.
"Hannah und ihre Schwestern" ist der gelungenste, weil vielschichtigste Film Woody Allens. Hängt das damit zusammen, daß er älter wird? Kaum. Schon der junge Allen witzelte in einer Szene, in der ihn Ku-Klux-Klan-Mitglieder als Juden lynchen wollten:
"Plötzlich zog mein ganzes Leben vor meinen Augen vorüber. Ich sah mich als Kind, im Schwimmbad und beim Fischen und einen Riesenfisch fangen und im Kolonialwarengeschäft Ingwer für Emma Luise kaufen. Und plötzlich stellte ich fest: ''Das ist ja gar nicht mein Leben.''"
Mit Mia Farrow, Barbara Hershey und Dianne Wiest.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 41/1986
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