18.08.1986

REITENLadies first

Im Vergleich mit den Männern holen die Frauen mächtig auf. Die Reiterinnen haben die männliche Konkurrenz sogar schon abgehängt. *
Der Ex-Weltmeister der Dressurreiter, Reiner Klimke, eilte auf Anne Grethe Jensen zu und küßte sie. "Du hast den Titel verdient", sagte er, "du bist meine würdige Nachfolgerin."
Am vorletzten Sonntag machten die Turnierreiterinnen 1986 endgültig zum Jahr der Frau. Nach der Engländerin Virginia Leng in der Military und der Kanadierin Gail Greenough im Springreiten besiegte mit der Dänin Jensen bei der Dressur-WM abermals eine Amazone die männliche Konkurrenz. Und im Dezember bewirbt sich Englands Prinzessin Anne aussichtsreich um die Präsidentschaft im Weltverband (FEI).
"In dem Maße, in dem sie besser in unseren Sport reinkamen", erklärte Bernd Springorum, Bundestrainer der Military-Reiter, "erwiesen sie sich als ebenbürtig. Im Augenblick dominieren die Damen klar." Ein Grund sei die "echte Gleichberechtigung im Reitsport".
Tatsachlich öffnete die eher konservative Herren-Gilde ihren Turnier-Parcours den Reiterinnen schon in den dreißiger Jahren. Irmgard von Opel machte sich als "Schimmelreiterin" einen Namen auf ihrem Schimmel "Nanuk"; sie gewann 1932 als erste Frau eine internationale Military und 1934 wiederum als erste das Deutsche Springderby auf dem schwersten Parcours der Welt.
Seit 1952 dürfen Reitersfrauen den Männern Olympia-Medaillen streitig machen. Die Reitersprache nennt sie respektvoll Amazonen nach jenen legendären Wesen, denen im Altertum nachgesagt wurde, daß sie Männer nur zur Zeugung von Nachwuchs benutzten und sonst erbarmungslos mit Pfeilen erlegten.
Heute galoppieren die Amazonen, die im Turniersport reihenweise Männer besiegen, den im Sport beharrlich vordringenden Frauen als Vorhut voran. Zwar halten sich in vielen Sportarten immer
noch Vorurteile vom "schwachen Geschlecht", doch an der Chauvi-Front bröckelt es zusehends.
"Die Medizin liefert keine Argumente, Frauen von bestimmten Sportarten auszuschließen", entkräftete Professor Manfred Steinbach, einst Achtermeter-Weitspringer, faule Männer-Ausreden. "Man muß sie nur ranlassen."
In einigen Disziplinen können Frauen sogar im direkten Vergleich mit Männern mithalten und sie besiegen. In anderen bleiben die absoluten Leistungen der Frauen zwangsläufig hinter denen der Männer zurück. Denn ausgewachsene Mädchen messen im Schnitt zehn Zentimeter weniger und sind 13 Kilo leichter als Jungen. Ihre Muskelmasse macht vom Körpergewicht nur 23 Prozent aus (Jungen: 40 Prozent).
Daher erreichen Männer absolut höhere Leistungen, sobald Kraft und Schnellkraft entscheiden, etwa im Kugelstoßen oder im Sprint und Sprung. Aber zehn Prozent mehr Fettgewebe als bei Männern qualifizieren Frauen besonders zum Schwimmen: ein besseres Verhältnis zwischen Herzvolumen und Körpergewicht begünstigt die Ausdauer. Je länger ein Rennen dauert, desto besser schneiden Frauen im Vergleich zu Männern ab.
Oder sie überbieten sie: Acht der zehn schnellsten Kanalschwimmer sind Frauen. Frauen überquerten den Ärmelkanal auch in der absolut schnellsten Zeit, ob in einer Richtung (7:42 Stunden) oder hin und zurück (19:12 Stunden). Der Langstreckenrekord, 90 Kilometer im Meer, gehört der Dänin Jenny Remmersgaat.
Im olympischen Marathonlauf (42,2 Kilometer) hat sich die Bestleistung der US-Olympiasiegerin Joan Benoit (2:21,21 Stunden) der besten Männer-Zeit auf etwa 14 Minuten angenähert. Damit hätte sie bei Olympischen Spielen bis 1956 gegen Männer die Goldmedaille gewonnen und sogar einen Emil Zatopek um Minuten zurückgelassen. Hochrechnungen sagen Frauen bis zum Jahre 2000 ebenbürtige Marathon-Zeiten voraus.
Einem direkten Vergleich setzten sich die Männer außer im Turniersport nur im Segeln und Schießen aus. Im Segeln stieß die Dänin Trine Elvström als bisher erfolgreichste Olympiateilnehmerin mit ihrem Vater Poul, dem viermaligen Olympiasieger, 1984 im Tornado auf den vierten Platz vor. Bei mehreren Hochsee-Regatten behauptete sich die deutsche Mädchen-Crew der Eintonner-Jacht "Rodeo" gegen männliche Konkurrenz im Mittelfeld. Weltruhm erlangte die Neuseeländerin Naomi James. Sie segelte in 272 Tagen um die Welt, zwei Tage schneller als der berühmteste Weltumsegler, Sir Francis Chichester.
Auch in Wettbewerben, in denen Frauen wegen ihres Körperbaus die Männer-Höchstleistungen nicht ganz erreichen können, schließt sich die Leistungslücke: 1957 lagen die Weltrekorde im 1500-Meter-Lauf noch 51,6 Sekunden auseinander, gegenwärtig nur noch 23,02 Sekunden.
Im 800-Meter-Kraulschwimmen trennten 1960 die Weltbestleistungen der australischen Geschwister Ilsa und John Konrads noch 71,8 Sekunden, gegenwärtig beträgt der Abstand zwischen Frauen- und Männerrekord nur noch 32,29 Sekunden. Eine Hochrechnung der Universität München erwartet im Jahr 2000 nur etwa sieben Sekunden Unterschied.
Doch Turnierreiten, so Springorum, "ist ein Sport, der sich besonders für Mädchen eignet", vor allem weil sie "gleiche Chancen" vorfinden, so Erika Cordts, Geschäftsführerin im Niedersächsischen Reiterverband. Schon beim Olympia-Debüt der Frauen 1952 ritt die Dänin Lis Hartel zur Silbermedaille. Seither gewannen Frauen in Einzel-Wettbewerben oder Nationalequipen insgesamt 40 Olympia-Medaillen, darunter zehn goldene.
"Mädchen suchen den Erfolg mit mehr Geduld als die Jungen", erklärte Erika Cordts. Auch Springorum entdeckte bei Mädchen "mehr intuitive Einfühlung". Als einzige ritt Gail Greenough im Finale der Springreiter-Weltmeisterschaft
auch die Pferde der drei Konkurrenten fehlerlos.
Eine olympische Military, die halsbrecherische Vielseitigkeits-Prüfung, bei der die festen Gelände-Hindernisse nicht umfallen, sondern Pferd samt Reiter zum Sturz bringen, mehrmals schon mit Todesfolge, ritt erstmals 1964 eine Frau mit. Sie wurde Dreiunddreißigste. Schon 1969 siegte die Britin Mary Gordon-Watson bei der Europameisterschaft, ein Jahr später war sie Weltmeisterin.
Prinzessin Anne, gestartet unter dem Namen Windsor, schaffte 1971 den Europa-Titel. Ihrer Mannschafts-Gefährtin, der Europa- und Weltmeisterin Lucinda Green, Tochter eines Polo spielenden Generals, sagte Springreiter-Olympiasieger Alwin Schockemöhle nach: "Was die fertigbringt, schafft kein Mann."
"In England ist das Vielseitigkeitsreiten ein Breitensport", so Springorum zur Vorherrschaft britischer Amazonen. Viele Mädchen, erklärt Erika Cordts, "wachsen dort mit Pferden auf". Aber auch in den USA, in Italien, Frankreich oder der Bundesrepublik siegen schon Frauen. Bei der WM 86 wurde der beste männliche Teilnehmer Sechster.
Den WM-Titel für Anne Grethe Jensen gefährdete zwar ein männlicher Rivale, freilich in einer anderen Disziplin. Ehemann Toni Jensen, mit dem sie in Scheidung lebt, erlaubte erst nach längerem Streit den Start des Siegerpferdes Marzog, das beide gemeinsam besitzen.
Den weiblichen Triumph hätte Herr Jensen allerdings auch nicht verhindert, wenn er stur geblieben wäre. Platz zwei errang in Kanada ebenfalls eine Frau, die Schweizerin Christine Stückelberger.

DER SPIEGEL 34/1986
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