31.03.1986

„Das ganze Vaterland oder der Tod“

SPIEGEL Reporter Peter Schille über den vergessenen Krieg zwischen Marokko und der Polisario *
Der Krieg? Welcher Krieg?" Die Offiziere des Generalstabs machen sich lustig über den Krieg. Ein Oberst mit blitzendem Glasauge höhnt: "Der Krieg in der Wüste? Passe!" Die Kommandeure, die Köpfe heiß vor Tatkraft, üben sich in Triumph und Vergessen.
Draußen, unter den Platanen des Hauptquartiers von Agadir, führt ein Trupp Rekruten eine Art "Stillgestanden!" vor: Der General blickt aus seinem Fenster auf sie herab.
"Seit wir die Mauer vollendet haben", sagt General Abd el-Asis Bennani sanft, "sind wir sicher. Der Krieg ist eingeschlafen." Schmetterndes Gelächter. Die Rekruten schlurfen durch den Schatten davon.
Niemand wird leugnen, behaupten die heiteren Herren des Generalstabs, "daß die Westsahara in unserer Hand ist".
Und die Polisario?
"Die haben wir ausgesperrt!" Das Hauptquartier der marokkanischen Südarmee dröhnt vor Siegesgewißheit. "C''est la paix totale au Sahara", sagt stählern Oberstleutnant Ben Achir Janah, Befehlshaber von Tan-Tan. Es herrscht vollkommener Frieden.
Furchtlos hat König Hassan II. seinen Soldaten eine Feuerpause verordnet. Sein Reich, erweitert um 266000 Quadratkilometer Wüste, verhält sich ruhig.
"Dort: die Mauer!" Abdallah Nagam hat sich in den Saum eines graubraunen Hügels geworfen und blickt nach Norden, in die öde Ferne: steinerne Landschaft ringsum, nur Felsbrocken und düstere Hügel, aneinandergereiht wie Gräber. Im Tal, unter Tarnnetzen, zwei Landrover der Polisario.
Die Mauer? Ein Schimmer auf einer Kette schwarzer Tafelberge, Spuk aus flirrender Luft. Unwirklich, doch lebensgefährlich real: Von einem stählernen Mast starrt eine Radarantenne herüber.
Aus Respekt vor dem marokkanischen Radar kriecht Abdallah käfergleich den Hügel hinauf. Mit eingezogenem Kopf lugt er über den Rand, die Mauer ist nur zwei Kilometer entfernt. Der feindliche Stützpunkt. Daneben, er deutet auf einen braunen Hügel, lauert "ein schweres Maschinengewehr". Vor dem Unterstand, seine Fenster blinken in der Sonne, "ist Artillerie postiert, Kaliber 155", flüstert Abdallah ehrfürchtig.
Abdallah und seine Männer klammern sich an die Felsen, als wollten sie selber zu Steinen werden. Sie halten erschrocken den Atem an: Tauben ziehen mit schwirrenden Flügelschlägen über sie hinweg. Manchmal genügt schon ein Vogel, um "das Radar" zu alarmieren.
Um 10.55 Uhr greift Abdallah mit drei Mörsern das 48. Bataillon der marokkanischen Armee an. Siebenmal feuern die Polisario in den Stützpunkt Ben Amyara. Bald zeichnet sich, vor dem Rauch der explodierten Granaten, die Mauer deutlicher ab: ein Wall aus Sand und Steinen.
"Schau nur, wie sie rennen", sagt Abdallah: er flüstert jetzt nicht mehr, aber er klebt noch immer an den Felsen. Hinter der Mauer Rauchwolken und Flammen. Soldaten in olivgrünen Uniformen stürzen in den Unterstand. Der Radarturm glotzt, als sei er blind geworden.
11.05 Uhr, Abmarsch. Für heute ist der Krieg zuende. Abdallah Nagams Männer werfen ihre Mörser - "Kaliber 81, Beutestücke!", sagt Umar - auf ihre
sandfarbenen Landrover und verschwinden in der Sahara.
Erst eine Stunde später erwidern die königlichen Kanoniere den Angriff. Ihre Granaten röhren durch die flirrende Luft, die Wüste jault auf und qualmt. "Sie schießen immer ins Blaue", sagt Abdallah verächtlich.
Im Geschützdonner bereitet der Polisario-Trupp seine Mahlzeit zu, zwischen den Akazien und Dornbüschen eines ausgetrockneten Flußbettes, kaum 400 Kilometer südlich von Agadir. Gleich weit entfernt von der algerischen wie der mauretanischen Grenze, auf "befreitem Terrain unseres Staates". Um ihn kämpfen sie nun schon zehn Jahre lang.
Ihr Staat? Die vorerst nur als Traum wahrnehmbare Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS), von der sie geistig Besitz ergriffen haben und die nur in ihrer Vorstellung besteht. Sie entspricht, Sandkorn für Sandkorn, Stein für Stein der 1976 von Spanien verlassenen "Kolonie Sahara". Diesen imaginären Staat hat der König von Marokko in seine Gewalt gebracht. "Widerrechtlich", behaupten die Feinde Seiner Majestät, doch der zehnjährige Krieg hat sie, Mauer für Mauer, aus ihrer Utopie verdrängt.
Vier Fünftel der Westsahara sind seit Herbst 1985 eingemauert, sie werden von 80000 marokkanischen Soldaten bewacht - oder sind es 100000? Gar 150000? - und gegen die Ansprüche und Anschläge der Sahrawischen Befreiungsarmee verteidigt. Deren Truppen sind 20000, höchstens 25000 Mann stark.
"Das ganze Vaterland oder der Tod" - alles oder nichts: Nach dieser Kamikazedevise versuchen die Sahrawis ihren Traum vom eigenen Staat zu verwirklichen. Am 27. Februar 1976 in Bir Lahlu von der Polisario ausgerufen, in einem Akt heroischer Selbstüberschätzung; seither von 63 Staaten anerkannt, unter ihnen Indien und Jugoslawien: Die DARS ist dennoch ein Mythos geblieben. In Wirklichkeit regiert Hassan II. in seinen beiden eingemauerten Südprovinzen Sakijat el-Hamra und Dha-hab.
"Der Krieg kann noch viele Jahre dauern", sagt Ahmed Tali Mbarak. Mit seinem schnurrenden Landrover hat er durch Nacht und Morgengrauen von den Polisario-Camps beim algerischen Tinduf an die Mauer in der Steinwüste gefunden. Ohne Landkarte, ohne Kompaß und ohne seinen Blick auf die Sterne zu richten; unbeirrbar, als kehre er heim. "Vielleicht werden wir dann alle tot sein," sagt er, "doch einmal müssen die Marokkaner aufgeben und abziehen."
Die Männer kauern ums Feuer. Es gibt Reis mit Ölsardinen, die Überreste des Frühstücks. Und, natürlich, Tee. Drei Gläser für jeden: bitter wie das Leben das erste, das zweite süß wie die Liebe und sanft wie der Tod das
letzte. Die Mudschahidin, so nennen sie sich, besprechen ihre Attacke. Sie sind zufrieden mit sich und ihrem Auftritt.
Abdallah Nagam, ihr Kommandeur, befiehlt über die Wüstenregion Bir Lahlu: menschenleeres Territorium, allein vom Krieg belebt. Er beschreibt den vergeblichen Versuch eines marokkanischen Wachtposten, den Granaten zu entgehen: dessen Tod ist die Trophäe der kurzen Schlacht.
"Der Soldat", sagt Abdallah, "rannte nach dem ersten Einschlag entsetzt nach links, genau in die zweite Granate hinein. Die dritte setzte den Unterstand in Brand." Er habe, sagt Abdallah, alles im Fernglas beobachtet, Treffer für Treffer.
Seine Männer sind mager und dunkelhäutig und in olivgrüne Monturen ohne Rangabzeichen gekleidet. Um ihre Köpfe ist der Litham geschlungen, der dichte Schleier der Sahrawis, er weist Wind, Kälte und Sonne ab und läßt nur einen Schlitz für die Augen frei.
Der Krieg ist ihre Passion, er hat sie wieder zu Nomaden gemacht. Mit ihren von Dächern, Spiegeln und Windschutzscheiben befreiten Landrovern jagen sie durch die Wüste - "die uns gehört". Früher - wann war das? - waren ihre Väter mit Kamelen, Schafen und Ziegen den dürftigen Spuren des Regens gefolgt. Sie treibt Zorn über die Ebenen aus Sand und Steinen und durch die schwarzen Felsentäler: Haß, Rachsucht und unstillbare Zukunftsleidenschaft. Der Krieg allein verleiht ihrem Leben Sinn und Würde.
Ihre Befreiungsarmee ist mit sowjetrussischen T-55-Tanks, Schützenpanzern, Artillerie und Sa-6 und -7-Flugzeugabwehrraketen ausgerüstet. In der Wildnis von Bir Lahlu genügen ihnen Mörser, Maschinengewehre, Kalaschnikows "und der Mut der Mudschahidin".
Jeden Morgen erheben sie sich aus der Wüste und greifen, tödlicher als ein Sandsturm, die Mauer an. Tag für Tag fallen sie über die marokkanische Armee her, denn dieser Krieg ist der Nachweis ihrer Existenz.
Aus der Luft betrachtet, beispielsweise aus einem marokkanischen Hubschrauber AB-212 (made in U.S.A.), läßt sich die Mauer als hinfälliges Gebilde erkennen. Der Wind, tagaus, tagein bläst er aus Norden, wühlt in ihren Flanken wie in irgendeiner Düne, und sachte erobert sich die Wüste ihr Terrain zurück.
Marokkos eingemauertes Wüstenreich umschließt ein vielfältiges System aus Wällen und Wallanlagen, gleich Dämmen
legen sie sich um Städte und Oasen und umgürten, im Schnittpunkt von Dürre und Schweigen, auch die kalkweiße Phosphatgrube Bu Kraa. Eine Mauer nach der anderen schütteten Hassans Pioniere auf, mit 40 Bulldozern schanzten sie bis zu zehn Kilometer Mauerwerk am Tag, zwei bis vier Meter hoch. Nummer eins stand im Mai 1981.
"Wenn wir die alte Mauer nicht mehr benötigten, weil wir vorrückten, ließen wir sie hinter uns und bauten, zu unserem Schutz, eine neue": General Bennani preist die Weisheit seiner Erfindung. In sanften Tönen erläutert er seine Vernichtungsstrategie, beschwört er das Ende der "Polisario-Rebellen: Aufrührer sind sie, und schnöde Söldner in algerischen Diensten".
Bennani, der zierliche Feldherr; selbst wenn er den Feind mit Worten niedermacht, sieht er aus wie ein Philosoph, wie Theodor Wüstengrund Adorno. Statt Mauer sagt der General lieber Gürtel, noch lieber Verteidigungslinie.
Seine Linie kann man über Nacht verlegen. Sie ist mobil und kann jederzeit dort gezogen werden, wo eine Lücke klafft. Sie kann das Hinterland mit der Front verbinden. "Eine offensive Anlage, voila." Zwischen nutzlosen und neuangelegten Mauern liegen "bisweilen 300 Kilometer Wüste", sagt Bennani.
Eine bewegliche Philosophie. Nichts kränkt den General tiefer als der Verdacht, seine Vorbilder seien der römische Limes, die Chinesische Mauer oder gar die französische Maginot-Linie. "Das waren stupide Bollwerke", sagt er, "entwickelt aus ganz primitiven Konzepten." Kratz Erde zusammen und verbirg dich dahinter oder grab ein Loch und versteck dich darin. Deshalb seien diese Verteidigungsbauten allesamt überrannt worden; Kriegsmuseen von Anfang an, Opferstätten, Untergangsbunker.
Sein System sei dagegen "unschlagbar, dabei billig und absolut modern!" Es kostet, hat Hassan II. leichthin errechnet, ganze 100 Millionen Dollar im Jahr. Der General weiß es besser, und murmelnd korrigiert er den König, "105 Millionen, 23 Prozent des Militärbudgets".
"Wichtiger für das Vaterland ist die Sicherheit seines Volkes." Die Verluste unter den Soldaten sind, der Mauer sei Dank, "um den Faktor 100 zurückgegangen; statt 40 Tote im Monate nur noch 0,4", rein rechnerisch gesehen, sozusagen abstrakt. Der Krieg ist ja so gut wie aus.
"Acht Mauern" hat die königliche Armee kreuz und quer durch die zone sud gelegt: Nummer 8 ist 2400 Kilometer lang. Verankert im Süden des alten Königreichs, trennt sie als große Diagonale
das eroberte Land von den "befreiten Gebieten". Erst zwischen Dachla und Imlili, vor dem Meer, macht sie halt.
Die endgültige Mauer wird diejenige sein, die den Grenzen von Algerien und Mauretanien als wehrhafte Parallele trotzt. Der Westen, 1062 Kilometer Küste, kommt ohne Mauer aus, ihn beschützt der stürmische Atlantik.
Wann wird Nummer 9 gebaut?
"Wenn Seine Majestät es befehlen", sagen die heiteren Herren des Generalstabs und richten die Gedanken nach Rabat. "Das ist, Inschallah, nur noch ein Kinderspiel."
"50 bis 60000 Quadratkilometer liegen noch außerhalb, wertlose Wüstenstriche im Süden. Dort ist nichts zu holen, dort wächst nichts. Die Rebellen", sagen Hassans Kommandeure, "dürfen dort gern ihren Krieg führen."
Ein Philosoph in Generalshosen, lauscht Bennani seinem Operationschef Oberst Rida, der, blitzenden Glasauges, die Lobrede auf die Mauer fortsetzt. "Die Mauer", er spricht das Wort in Gänsefüßchen, "hat die Kriegssituation entschieden, sie hat den Krieg zum Stillstand gebracht. Dem Feind steht unversehens ein Hindernis im Weg, er muß anhalten, einen Eingang schaufeln, sich mit aller Kraft durch ein schmales Schlupfloch zwängen. Wie schön für uns, wir haben ihn ja im Auge, wir können ihn sorgfältig unter Feuer nehmen. Schon 60 Kilometer vor seiner Ankunft überwachen wir seine Schritte, wir erwarten ihn geduldig, das Radar meldet uns all seine Bewegungen; selbst einen Hund können wir auf 60 Kilometer wahrnehmen." Ob er bellt oder nicht.
Zwischen Befehlsstand und Mauer hat General Bennani Eingreiftruppen und, pro Bataillon eine, Artilleriebatterien stationiert. Aus ihren Sandlöchern schlagen die "mobilen Kräfte" mit Tanks, Schützenpanzern und Jeeps immer dann los, wenn die "statischen Kräfte" in Gefahr sind. Ein schönes Leben, da die Gefahr ja längst vorüber ist.
"Kein Rebell kann die Mauer unbemerkt überqueren", um sich wie ein Floh in die Kleider des Volkes zu setzen. "Kontakte über die Mauer hinweg - unmöglich!" sagt Rida mit dem Ausdruck tiefer Befriedigung. "Wir haben sie in einen klassischen Stellungskrieg gezwungen, dem sind sie einfach nicht gewachsen."
Während die Armee royale mit Kanonen auf Spatzen schießt, schießt die Polisario mit Spatzen auf Kanonen. "Sie tauchen aus der Wüste auf", sagt Rida, "mit ihren Jeeps und feuern, höchstens drei-, viermal. Mit Mörsern oder Stalinorgeln. Natürlich treffen sie nie. Anschließend verbreiten sie ihre aberwitzigen Bulletins."
Die Schlachtenprotokolle der Polisario werden in den Camps bei Tinduf formuliert und in Algier veröffentlicht; es sind bescheidene Rechenschaftsberichte, fast tonlos, ohne Heldenmusik. Oft werden sie erst lange nach den Ereignissen bekanntgegeben, als seien sie das Resultat verzweifelten Nachdenkens. Beispiele? Beispiele:
"Erneut haben zwei Soldaten der marokkanischen Armee ihre Einheiten verlassen und sich der sahrawischen Armee angeschlossen."
"Für den Zeitraum vom 2. bis 16. November 1985 meldet die sahrawische Volksbefreiungsarmee 71 kleinere Artillerieangriffe ihrer Einheiten auf marockanische Stellungen entlang der Mauer. Die marokkanischen Verluste werden mit 20 Toten und 30 Verwundeten angegeben."
"Nach Angaben des Informationsministeriums der DARS wurde am 27. Dezember 1985 bei Dachla ein marokkanisches Militärflugzeug abgeschossen: Der Abnützungskrieg dauert an."
Die Mudschahidin wären ohne den verleugneten Krieg Arbeitslose im Exil, Hungerleider und Bettler: Diese zum Kampf in der Wüste begnadigten Flüchtlinge setzen dem Bennani-Prinzip ihren Widerstandsgeist entgegen. "Wir steigen über die Mauer, wann wir wollen," sagt Ahmed Tali Mbarak. "1985 haben wir sie Dutzende Male durchbrochen."
Und Abdallah, der Mauerspringer, sagt: "Wir sind klüger als das Radar, weil wir die Wüste kennen. Sie ist unsere Heimat."
Es dämmert, Abdallahs Stoßtrupp hat die Landrover am Rand einer Mulde im Sand verstaut. Das Abendlicht färbt sie grau und rosa wie die kahlen Berge am Horizont. Mit Akazienholz schüren die Mudschahidin ein Feuer, Hussein kocht Reis, Umar bäckt Brot, Ahmed bereitet den Tee zu. Im Wind blüht die Glut auf wie eine feurige Blume, und als die Sonne untergegangen ist, wird es kalt. Die Nacht ist zugleich dunkel und leuchtend.
"Wir sitzen hier und trinken Tee," sagt Ahmed, "und die Marokkaner sind in Alarmbereitschaft, 24 Stunden lang, Tag und Nacht. Oft löst schon ein Windstoß
Alarm auf ihren Radarschirmen aus." Bis in den Abend hatte Kanonendonner die Wüstenstille erschüttert. "Jeder Schuß", sagt Abdallah stolz, "galt uns." Die marokkanische Armee bestätigt ihm seine Gegenwart, indem sie auf ihn schießt.
Seine bedrohliche Gegenwart: "Wir haben zuerst getroffen! Wir sind es nämlich, die angreifen. Der König", sagt Abdallah, "hat die Waffenruhe aus Not befohlen. Er fühlte sich hilflos wie ein Ertrinkender, der nicht schwimmen kann und das Meer anfleht, zu verschwinden, damit er zu Fuß das Ufer erreichen kann."
Treffen die Marokkaner nie?
"Selten. Wir haben ja keine festen Stellungen. Dagegen können wir uns das Ziel aussuchen: die Mauer. Vorher war der Feind so beweglich und unberechenbar wie wir. Jetzt greifen wir an, wann und wo wir wollen. Die Marokkaner", sagt Abdallah, "sind arm dran. Die Mauer beschützt sie nicht: Sie müssen die Mauer beschützen!"
Die neue Strategie der Befreiungsarmee zielt auf Zermürbung, Verschleiß, Zersetzung. Da sie ihren Gegner nicht umbringen kann, verletzt sie ihn, bis er aus tausend Wunden blutet.
Abdallah teilt die Nachtwachen ein. Er behauptet, früher Arbeiter in El-Ajun und Dachla gewesen zu sein. Doch seine Hände sind schmal und weich, und sein Schnurrbart ist elegant gestutzt. Er tritt so selbstsicher auf wie ein Kommandeur im königlichen Generalstab.
Über seine Vergangenheit mag er nicht reden, auch Ahmed, der das letzte Glas Tee, sanft wie der Tod, aufgießt, gibt seine Herkunft nur in Bruchstücken preis. Geboren irgendwo bei Smara, der heiligen Stadt der Sahrawis, in einem Nomadenzelt in der Wüste. Ahmed spricht nur Hassanija, den arabischen Dialekt der Sahara. Französisch oder Spanisch sind ihm fremd, er hat keine Schule besucht.
Sein Sold? Er lacht, verlegen über die verständnislose Frage. Seinen Sold erhält er nach der Unabhängigkeit, "beim Blut der Märtyrer".
Alle Polisario-Familien mußten Verwandte hinter der Mauer zurücklassen, um ihretwillen verschweigen sie ihre Abstammung. Die Behörden des Königs zwingen Berber aus den Bergen des Nordens in die Wüste zwischen El-Ajun und Dachla. Der Bevölkerungsaustausch ist auch ein Mittel der königlichen Eroberungspolitik.
Je dichter sie sich der Mauer nähern, desto niedriger fliegen die marokkanischen Hubschrauber. Je tiefer sie fliegen,
desto flacher werden die Ansichten, Kommentare und Prognosen: Die Heiterkeit der Offiziere schwindet mit der Entfernung vom Hauptquartier, ihre Mienen sind jetzt verdunkelt von kriegerischer Andacht. Oder ist es Angst vor den Granaten der Mudschahidin?
Ein paar Minuten vor der Landung im Befehlsstand Mahbas, 30 Kilometer hinter dem nördlichsten Mauerfort, paßt der Befehlshaber der Region, Oberst Hammou Arzaz, die Stimmung der Lage an. "Wir haben zwar", brüllt er in den Helikopterlärm, "auf kluge und komplexe Weise Sicherheit geschaffen, gegen den Widerstand der Algerier und ihrer Söldner. Nur: vorüber ist der Krieg noch lange nicht. Erst muß die Affäre Sahara geregelt werden."
Mahbas war einmal eine Oase an der Karawanenstraße, die von Smara nach Tinduf führte. Mahbas war Wasser, Nahrung und Handel. Eingeschlossen in eine graue Sandebene, aus deren Düsternis schwarze und braune Berge hervorbrechen, blankgeschliffen vom Nordwind. Verdorrte Akazien täuschen ein wenig Leben vor.
Kilometerlange Sandwälle, aufgeschüttet und wieder vergessen, ausgediente Bollwerke, verlassene Forts. In ihrem Zentrum Mahbas. Die Oase ist zur Festung aufgestiegen, ein Ort der Schlachten und der Toten. Die alten Bewohner, Bauern, Viehzüchter, Händler, wurden 1979 nach Sag ausquartiert, eine Stunde nordwärts, "zu ihrer eigenen Sicherheit", sagt Oberst Arzaz. In ihren Lehmhütten hausen nun Soldaten aus dem Hohen Atlas, Berufssoldaten, die sich unbeholfen gegen die Wüste zu behaupten versuchen. Sie haben sich, für doppelten Sold, zehn Jahre lang verpflichtet.
Vom Stützpunkt Nummer 1 sind es nur sechs Kilometer bis zur algerischen Grenze, der "provisorischen Grenze", laut Arzaz, die auf keiner amtlichen Landkarte eingezeichnet ist. Dieser zweifelhaften Grenze folgt die Mauer, General Bennanis "Achte", in respektvoller Entfernung südwärts. Tinduf liegt nur 60 Kilometer entfernt. Irgendwo zwischendrin: Abdallahs Polisario-Trupps.
Stützpunkt eins, Muster an Wehrhaftigkeit, Demonstrationsobjekt marokkanischer Überlegenheit, wird von Radar bewacht. Zwölf Meter hoch ist der Turm, von dem die Antenne wie ein Stoppschild nach Osten blinkt. Doch die Mudschahidin bewegen sich nach anderen Verkehrsregeln.
Am 19. August 1985 stießen sie zwischen Rouss Sabti und Chyma gegen die Mauer vor. Ahmed und Abdallah waren unter den 500, die den Bataillonen
des Obersten Arzaz eine Schlacht lieferten. Sie begann wie ein Überfall im Morgengrauen, das Radar schien noch zu schlafen, und dauerte den ganzen Tag.
Die Front zog sich fünfzehn Kilometer weit auseinander. Die Polisario machte Gefangene, den Marokkanern fielen Tanks und Schützenpanzer in die Hände. Die Toten wurden nicht gezählt. "Ein glänzender Sieg", sagt Arzaz; aber was glänzt schon an einem Sieg?
Breitbeinig lachend führt Arzaz die Beute vor. In den Turm eines T-55-Tanks mit dem Kennzeichen 583, ein buntes Polisario-Emblem schmückt sein grünes Heck, ist eine marokkanische Rakete (made in U.S.A.) eingeschlagen. Der BMP-1-Schützenpanzer (made in U.S.S.R.) hatte erst 293 Kilometer auf dem Zähler, als ihn eine Granate aufsprengte.
"Die Besatzung war natürlich auf der Stelle tot", sagt Arzaz. "Und die übrigen werden nicht wagen, wiederzukommen. Sie wissen, daß sie keinen Boden mehr gewinnen können. Sie sind ja froh, wenn sie keinen Meter verlieren."
Trotzdem hocken Tag und Nacht Soldaten mit schmalen Augen vor dem kleinen grauen Bildschirm (made in U.S.A.), auf dem sich Mensch und Tier abbilden. Das Gerät kann, dank seines Sensorensystems, seismische und akustische Signale bis nach Algerien hinein orten: Der Bildschirm ist leer.
Die Mannschaft erwartet den Feind in Erdlöchern und Unterständen, gleich neben ihrem Arbeitsplatz. Ein Sprung, und schon ballert die Besatzung des dicken 120-Millimeter-Mörsers, zum Beweis ihrer nimmermüden Tüchtigkeit, einen Donnerschlag auf einen grauen Strauch vor der Grenze ab.
Die Tanks und Kanonen, die Haubitzen und Zwillings-Maschinengewehre, Waffenhilfe von Waffenbrüdern aus der westlichen Welt, glänzen sonntäglich. Im Backofen brennt kräftig Feuer, es riecht nach Brot, und im Fernseher des Kommandanten juchzt das algerische Kinderprogramm.
Mitten im Stützpunkt ist das Modell eines Stützpunkts aufgebaut. Vor dem Sandwall ringelt sich Stacheldraht, davor dräuen Minengürtel. Doppelwälle ringsum. Jeder Schießstand ist hinter Mauern versteckt. Ein Sandkasten zum Kriegspielen: Hat der König nicht Frieden befohlen?
Mit fast 500 Forts ist die Mauer verstärkt, sie sind in Abständen von drei, fünf oder acht Kilometern aneinandergereiht, jedes ist besetzt mit 50 bis 200 Soldaten, die sechs Monate im Einsatz sind. Die Strafkompanien, zumeist kahlgeschorene
aufrührerische Studenten, sind zu jahrelangem Dienst an vorderster Front verurteilt.
Bei Mahbas "flirtet die Mauer mit der Grenze", sagt Arzaz, ein Abenteuer darf es nicht geben. Marokkanische Truppen haben Befehl, Algerien nicht zu berühren, keineswegs aus Zartsinn: Die algerische Armee ist Hassans Streitmacht überlegen: die Mauer ist offensichtlich auch eine Schamschwelle.
Lafrayrina dagegen, 30 Kilometer östlich der heiligen Stadt Smara, eingekesselt von Steinwüste und schwarzen Tafelbergen: Der Stützpunkt 13 des Sektors
Mitte ist vom Leben abgeschnitten wie ein Wachtposten auf dem Mars.
Alle Entscheidungen fällt der feiste Oberstleutnant in den Kasernen von Smara. Dreimal in der Woche kommt der Tankwagen mit Wasser aus Smara, Lastwagen schleppen Proviant heran, Mehl, Reis, Salz, Zucker, Tee, Schiffs-Importe aus Agadir.
Lafrayrina ist eine Festung am Ende der Welt; wovor fürchten sich die olivgrünen Soldaten hier? Vor welchem Feind haben sie sich, als Steine getarnt, in die kahlen Hügel gekrallt? Die Mauer verliert sich in der Wüste, bis sie den Felsbrocken der Landschaft gleicht.
Seit Februar 1984 stehen hier, in schneidender Stille, hundert Mann, und noch nie, "niemals, leider," sagt der junge Kompaniechef, hat ein Mudschahidin von ihrer Wachsamkeit und Kampfkraft Notiz genommen.
Stützpunkt 13 besitzt eine gemauerte Moschee, eine Sauna, einen Backofen, eine Zisterne und, vor seinen von Lehmkamelen behüteten Toren, einen Fußballplatz. Die Eingangspforte ist mit steinernen Lettern dekoriert: "Gott - Vaterland - König", der Staatsdevise.
Im März 1985, als Hassan II. zur Feier seines Thronjubiläums seine wüste Eroberung besichtigte, machte ihn General Bennani auch mit Lafrayrina bekannt. Durch eine gelbe Skifahrerbrille, die er selten absetzte, bewunderte der König die Mauer und Fort Nummer 13.
Es war, als seien beide nur für diesen königlichen Augenblick geschaffen worden, und nur zu dem Zweck, die Verbundenheit des Monarchen mit der weltvergessen
verteidigten Einöde in einem schönen Bild aufzuheben.
"Am Krieg", ob er nun stattfindet oder nicht, "nehmen alle 23 Millionen Marokkaner begeistert teil", frohlockt Chalil Dchil, von Hassans Gnaden Gouverneur des Departements Smara. Zum Ruhme Marokkos wird seine kleine Hauptstadt mit Siedlungen und Schulen, Hospital und Sportstadion möbliert, wird das Heiligtum der Blauen Moschee restauriert. Wasserleitung, Kanalisation, Elektrizitätswerk, Straßen: Mitten in der Wüste entsteht ein marokkanisches Durchschnittsstädtchen.
Allzu aufdringliche Neugier beschwichtigen Beamte und Militärs mit schweren Festmählern: Taubenpastete, Hammel und Couscous, dazu Fluten sirupsüßen Tees. Mit vollem Mund läßt sich schlecht fragen.
Die Lehmhütten zu Füßen des Bergnestes Galtat-Zemmour sehen zwar aus, als hätten Granaten ihre Dächer und Kugeln ihre Wände zerfetzt. Aber Oberst Haddou Kejji schwört, "das war der Sandsturm. Der Regen. Die Sonne". Im Oktober 1981 habe der Feind das alte Wüstendorf einmal angegriffen, seitdem dämmere es friedlich vor sich hin. Die Bewohner fühlten sich heute in Dachla viel wohler.
Der Oberst kommandiert Galtat-Zemmour auf dem Gipfel eines Felsklotzes, der wie ein Hammer in die weiße Sandwüste gefahren ist, als wollte er sie von ihrer schmerzhaften Eintönigkeit erlösen. Von einem mit bunter Keramik gekachelten Haus lenkt Kejji das Geschick seiner Bataillone.
Sie bewachen, hinter der Mauer, die mauretanische Grenze und eine geisterstille Wüstenstraße, die einmal über Bir-Mughrein nach Tinduf führte. Bewaffnet mit panzerbrechenden Dragon-Raketen (made in France) sollen die Soldaten verhindern, daß Polisario-Trupps mauretanisches Hoheitsgebiet passieren, um in ihre "befreiten Gebiete" im Süden der Mauer zu gelangen.
Auf den "Bettlerstaat Mauretanien" (Kejji) und seine 8000-Mann-Armee ist kein Verlaß: Er pflegt gute Nachbarschaft zu Marokko wie zu den Sahrawis. Der Oberst langweilt sich, er wünscht sich zur Wiederbelebung des Krieges bundesdeutsche Leopard-Panzer, "denn der Feind ist noch längst nicht besiegt".
Der Feind? Die Polisario jenseits der Mauer? In ihren kleinen Landrovern?
"Rußland!" sagt der Oberst, "der Tigersprung des Sozialismus nach Europa, den die Polisario vorbereitet. Wir beschützen den Westen. Wir bewachen dieses Land, damit die Russen nicht Fuß fassen in Gibraltar."
"Welch Glück", ruft der Oberst aus, "daß wir nicht ganz wehrlos sind." Auf dem neuen Flughafen von El-Ajun bauen die Pioniere des Königs Betonbunker für die königlichen Jagdbomber, französische Mirage F-1, und amerikanische F-5-Jäger. "In zehn Minuten wären sie bei mir, wenn ich Hilfe brauchte."
Die Schlacht um die Bergfestung Galtat-Zemmour hatte einen Monat gedauert, und es waren nicht Sturm und Regen gewesen, die miteinander kämpften, sondern marokkanische Soldaten und Mudschahidin.
Im Morgengrauen des 13. Oktober 1981 griff die Polisario an. Ihre sandfarbenen Landrover waren mit rückstoßfreien Geschützen und Maschinengewehren bestückt. Aus Nachschublagern mitten in der Wüste versorgten sie ihr kleines Heer.
Die marokkanische Armee rechnete seit langem mit einem Überfall. Galtat-Zemmour war mit 2600 Mann besetzt. "60000 Minen" (Abdallah) warteten auf die Sahrawis, die niemals verrieten, wie viele Männer sie verloren. Um ihre wahre Stärke zu verschleiern, dämonisieren sie ihre Streitmacht wie ein Geisterheer, dessen Truppen unsterblich sind. "Wir haben genügend Leute", sagt Abdallah, und "wir verfügen über alle Mittel, um einen modernen Krieg führen zu können".
Es war Mitte November 1981, als die Sahrawis Galtat-Zemmour eroberten. Die Berge waren von Geschossen aufgewühlt, in den Tälern lagen verkohlte Menschen und ausgeglühte Geschütze. Nur wenige marokkanische Soldaten kamen mit dem Leben davon. Bei ihrer Flucht vergifteten sie die Brunnen.
Das war nicht der moderne Krieg, den die Sahrawis führen wollten. Konnte der Feind wahrhaftig die Überlebensregeln der Wüste außer Kraft setzen? Ungläubig stillten sie ihren Durst und starben zu Hunderten. Sie begriffen, zu spät, daß ihre Gegner nicht von ihrer Art waren.
Die Befreiungsarmee behauptete sich bis zum Januar 1984 in den Bergen an der mauretanischen Grenze. Dann hielt sie den Bombardements nicht mehr stand. Von allen Fronten mußte sie sich zurückziehen: Smara, Umm Dreiga, Bir Anzaran, Dachla. Eine Mauer nach der anderen trieben die marokkanischen Pioniere gegen sie vor. Der rätselhafte Krieg um einen Wüstenstreifen war in den Augen der Welt zu einem kriegerischen Geländespiel verkommen.
Die Polisario besann sich auf ihre Schwäche. Sie fing an, Beweise ihrer Tätigkeit und Tüchtigkeit zusammenzutragen,
um sich ihrer, als Trost und Ansporn, zu vergewissern - und um Zweifler überzeugen zu können.
In Have Buyema, einer Oase zwischen Tinduf und den Flüchtlingslagern, bauten sahrawische Militärästheten ein Museum des Kriegsglücks in den roten Sandboden, mochte das Glück auch lange vergangen sein. Siege materialisieren sich hier wie Niederlagen: Keine Schlachten mehr, nur noch Resultate.
Der Ausstellungsraum unter blauem Himmel ist ein von Lehmmauern eingefaßtes weites Quadrat. 25 marokkanische Offiziere kauern in Fünferreihen im Sand, Ausstellungsstücke und Kriegsbeute wie die stummen Formationen der Tanks, Panzerwagen, Geschütze, Raketenwerfer; Waffen made in Frankreich, Belgien, Spanien, England, Italien, Österreich, Israel, Südafrika und USA: aus der Unordnung des Krieges entlassen und gepflegt wie für eine Parade vor einem imaginären Volk.
Die Tanks und Panzerwagen haben ihren Frieden in gemauerten Stellplätzen gefunden, ebenso die Landrover und die Unimogs mit Zwillingskanonen. Vor ihnen sind Kompanien von Maschinengewehren ohne Schützen aufgebaut. Die Ausrüstung reicht aus für eine Schlacht: Radarantennen, Sprechfunkanlagen, Clusterbomben, die beim Aufprall in zahllose kleine Sprengkörper zerplatzen. Zu Schrottklumpen geschrumpfte Jagdbomber. Hubschraubertrümmer, Schleudersitze, Fallschirme, liebevoll gefaltet. Das triste Arsenal ist nach Gattungen sortiert, der Hof des Ausstellungsgevierts vibriert von den Geschichten, die diese Kriegsmaschinen nicht erzählen können.
In Plastikfolien gehüllt, auf weiße Tücher genäht, wird der Papierkrieg präsentiert: Wehrpässe, Bescheinigungen. Verwaltungsformulare. Jeder Fetzen dient dem Nachweis des Sieges. Rangabzeichen - höchster Rang Major - Schulterklappen, Orden, Ehrenzeichen: gefallene Bataillone, angetreten nach dem letzten Gefecht. _(In Have Buyema bei Polisario-Lagern nahe ) _(Tinduf. )
Die marokkanischen Gefangenen springen jedesmal auf, wenn ihre Wächter sich ihnen nähern. Ein Hauptmann mit grauen Haaren, seit sechs Jahren in Unfreiheit, darf gelegentlich an seine Familie in Meknes schreiben. "Das Leben", sagt er ängstlich, "geht so dahin. Nichts Besonderes. Der Krieg hat eben allen große Probleme beschert."
Ein schnauzbärtiger Bomberpilot, schwermütig geworden in einem Jahrzehnt Gefangenschaft, beteuert mit krächzender Stimme: "Ich habe niemals Napalm abgeworfen."
Der Mudschahid Mohammed, unter dessen Anleitung und Aufsicht die gefangenen Offiziere die Ausstellung betreuen, hat Galtat-Zemmour überlebt "und viele andere Kämpfe". Der Umgang mit seiner Galerie der Triumphe und Trophäen hat auch ihn melancholisch werden lassen. Er empfindet den in ihr eingeschlossenen Tod als Schuld und hat nur noch einen Wunsch: "Als Märtyrer zu sterben."
Als Märtyrer der Republik Sahara, einer Republik im Exil: einer Gemeinschaft von Flüchtlingen mit einem Etat aus Almosen; "etwa 165000 Menschen" (Mohammed): Frauen, Kinder und Alte. Diese vom Krieg zusammengefügte Gesellschaft haust mitten in der Wüste, in vier ausgedehnten Zeltlagern, die nach "besetzten Orten" jenseits der Grenze benannt sind: El-Ajun, Smara Dachla und Aoussad. Sie haust auf algerischem Staatsgebiet, südwestlich des alten Karawanenstützpunktes Tinduf, den niemand ohne Genehmigung betreten darf: ein Leben unter den Augen und von der Gnade Algeriens.
Als die marokkanische Luftwaffe im Frühjahr 1976 die Zelte der vor den Invasoren geflohenen Sahrawis mit Phosphor und Napalm bombardiert hatte - allein bei Umm Dreiga kamen 20000 Flüchtlinge um -, borgte Algerien der utopischen Republik eine mehrere hundert Quadratkilometer große Enklave zur autonomen Verwaltung.
In ihrem geliehenen Land verwandelten die Sahrawis das Nichts in wohlorganisierten Alltag. Die Frauen ergriffen, von der Not gedrängt, die Macht - solange ihre Männer Krieg führen. Sie arbeiten, in steter Sorge um die Mudschahidin, die nur alle vier Monate heimkehren, und um ihre Kinder, "denn sie sollen keine Krieger werden".
Krankenhäuser und Schulen entstanden, Brunnen wurden gegraben, Gärten angelegt, in denen ein wenig Gemüse für Kranke und Kinder angebaut wird: Karotten, Zwiebeln, Rüben, Tomaten und Kartoffeln.
Doch ohne Spenden wären sie alle verhungert, ohne die Hilfe aus der ganzen Welt. Lebensmittel, Kleidung, Hausrat, Medikamente sind gute Gaben armer wie reicher Länder. Als die schwarzen Nomadenzelte zerschlissen waren, wurden sie durch Leinwandzelte aus den USA ersetzt.
Weder Geld noch Geschäfte gibt es in den Lagern; und auch kein Gefängnis. Der Sahrawische Rote Halbmond sammelt, registriert und verteilt die Wohltaten: Dosenkäse aus der Schweiz, Butteröl aus Belgien, spanische Sardinen, aus den USA Biskuits und Fruchtsaft aus Algerien, Tabak aus Ägypten, Tee und Aschenbecher aus China, Jacken und Hosen aus der Bundesrepublik.
Die Frauen mühen sich ab, "aus unnormalen Umständen in ein normales Dasein zu finden", sagt Kalthum Mohammed Mbarak vor ihrem Zelt im Lager Smara. Ein eiskalter Wind hat am Himmel graubraune Wolken zusammengeweht.
Kalthum ist 30, schwanger, zu ihren Füßen purzeln ihre drei kleinen Söhne über den Sand. Sie ist die Frau eines Mudschahid. "Es ist Krieg", sagt sie, "wir leben heute anders als früher, das ist eben unser Schicksal."
"Wir haben den Krieg nicht gewollt. Er fordert zu viele Opfer, zu viel Blut, zu viel Leid. Aber er ist der einzige Weg, der zu unserer Unabhängigkeit führt": Auch Mohammed El-Amin Ahmed, der Ministerpräsident der Republik Sahara, Mitbegründer der Polisario, ist in das anonyme Olivgrün der Mudschahidin gekleidet. Ein hagerer Mann von 38 Jahren, geboren zwischen El-Ajun und Bu-Kraa, um seinen Kopf ist der Litham geschlungen, der Schleier der Sahrawis.
"Wir haben viele Tote zu beklagen", sagt er, "aber ausgerottet hat uns Hassan noch lange nicht." Er nennt Hassans Feldzug gegen sein Volk den "Versuch eines Genozids". Den vergeblichen Versuch: "Denn wir haben noch nicht einmal ein Prozent unserer Menschen verloren."
General Bennanis Verdächtigung, die DARS sei ein Stellvertreterstaat, in die Irre geführt von algerischen Legionären, hat El-Amin schon so oft zurückgewiesen, daß sie ihn nicht mehr erregt. "Wir sind keine Söldner. Wir kämpfen ohne Aussicht auf Reichtümer."
"Gewiß", sagt El-Amin, "unsere Freunde unterstützen uns. An erster Stelle Algerien. Doch Waffen und Munition holen wir uns von den marokkanischen Truppen."
300 Kilometer weiter westlich brüten Abdallah, Ahmed und ihre Mudschahidin einen neuen Anschlag auf die Mauer aus. Irgendwann zwischen Morgengrauen und Mittag werden sie losschlagen. "Keine Mauer", sagt El-Amin, "wird die Marokkaner jemals vor uns schützen. Eines Tages werden wir Hassan verjagen, und wenn er die ganze Wüste mit Stacheldraht einzäunt."
[Grafiktext]
WESTSAHARA ehemals Spanisch Sahara bereits asphaltierte Strassen für 1986 geplante Asphaltierung von Polisario "befreite" Gebiete Transportband für Phosphat Stützpunkt Ben Amyara Flüchtlingslager der Polisario Kartenausschnitt
[GrafiktextEnde]
In Have Buyema bei Polisario-Lagern nahe Tinduf.
Von Peter Schille

DER SPIEGEL 14/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Das ganze Vaterland oder der Tod“

  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp
  • Historische Bestmarke: Marathon in unter zwei Stunden