03.11.1986

„An Ihren Händen klebt Blut“

US-General Robert E. Huyser über seinen Versuch, die Machtergreifung Chomeinis zu verhindern (IV) *
Donnerstag, 1. Februar 1979
Schon um 6 Uhr morgens waren auf den Straßen die ersten Meschenaufläufe zu sehen. Im Hauptquartier hatte man die Sicherheitsmaßnahmen erheblich verschärft. Wir wurden gründlich überprüft - es war das einzige Mal, daß ich meinen Ausweis zücken mußte. Zwei Panzer waren aufgefahren, Ministerpräsident Bachtiar hatte Alarmstufe "rot" genehmigt.
General Gharabaghi war einigermaßen erstaunt, mich zu sehen. Warum ich noch nicht weg sei, wollte er wissen. Ich erklärte ihm, Präsident Carter fürchte, daß meine Abreise zu Mißverständnissen hätte führen können. Die Militärs waren jedenfalls froh, mich noch in ihrer Mitte zu sehen.
Zweifellos fürchteten sie, sowie Chomeini einen Fuß auf iranischen Boden setze, sei der Schah so gut wie tot. Aber darum brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Mein Problem war: wie sich die Massen, Chomeini selbst und das Militär verhalten würden.
Wenn Chomeini wie angekündigt die Regierung Bachtiar für illegal erklären und seine eigene Regierung in die Amtsräume schicken würde, wäre der Teufel los und Blutvergießen unvermeidlich. Ich mußte also ein Pokergesicht aufsetzen, wenn ich der starke Mann bleiben wollte, an dessen Schulter sich alle ausweinen konnten.
Teheran war jetzt schwarz von Menschen: deshalb beschlossen wir, Hubschrauber zur Erfassung der Lage aufsteigen zu lassen. Gegen 8.30 Uhr waren zwischen 750000 und einer Million Menschen auf den Straßen, aber es gab keine Anzeichen irgendwelcher Unruhen.
Das "Tehran Journal" schrieb: "Willkommen in der Heimat" und: "Millionen begrüßen Imam Chomeini". Das Blatt berichtete, die Ankunft des Ajatollah werde live vom Rundfunk und Fernsehen übertragen. Mir war das nur recht, weil wir die Vorgänge am Bildschirm besser verfolgen konnten.
Die Fernsehteams standen auf dem Flughafen bereit, so daß wir sicher sein konnten, die Ankunft Chomeinis mitzuerleben. Rund 1500 Menschen waren auf das Flugfeld vorgelassen worden.
Endlich sahen wir, wie die Maschine zur Landung ansetzte, ausrollte und stehenblieb. Die Tür öffnete sich. Zunächst stiegen die Leibwächter des Ajatollah aus, eine verwegen aussehende Mannschaft. Wir hatten erfahren, daß Chomeini dreißig oder vierzig sorgfältig ausgebildete Libyer zu diesem Zweck beschäftigte. Jedenfalls sahen sie aus, als würden sie mühelos mit einer größeren Schlägerei fertig.
Es entstand eine längere Pause, und schließlich zeigte sich _(Auf dem Friedhof Behescht-e Sarah, wo ) _(Chomeini seine erste Rede nach der ) _(Rückkehr hielt. )
der Ajatollah in der Flugzeugtür. Er schritt die Gangway hinunter, stets auf Abstand hinter seinen Leibwächtern, und wurde zu seinem Wagen geleitet. Soldaten begleiteten ihn auf der Fahrt.
Chomeinis erste Ansprache war kurz, aber alles andere als freundlich. Ohne Umschweife erklärte er die amtierende Regierung für illegal und kündigte an, er werde sie durch eine wahrhaft islamische Regierung ersetzen. Dann fuhr er wie geplant weiter zum Friedhof und hielt dort seine große Rede. Hier wurde er weit ausführlicher, brachte aber kaum etwas Neues. Wieder verdammte er die Regierung und sagte, er werde sie innerhalb von zwei Tagen ablösen.
Damit war die Live-Übertragung beendet, weitere Berichte kamen nur noch spärlich. Wir bekamen jedoch Informationen von unseren Beobachterposten in der Luft.
Nun war es vorbei mit der Zurückhaltung. Noch während Chomeini sprach, schoben sich die Massen auf ihn zu. Dadurch drängten sie sich noch mehr zusammen, und er geriet in Gefahr, erdrückt zu werden. Seine Begleiter forderten einen Hubschrauber an, um ihn herauszuholen und in sein Quartier zu bringen.
General Rabii schickte einen Helikopter mit besonders erfahrener Besatzung. Er hatte keine Schwierigkeiten zu landen, es war auch nicht schwierig, den Ajatollah an Bord zu nehmen. Aber es machte Mühe, die Menschen wegzuscheuchen, damit die Maschine wieder abheben konnte. Einige standen auf den Kufen, andere klammerten sich an die Streben. Mit unendlicher Vorsicht schaffte die Besatzung doch noch den Abflug. Acht oder zehn Menschen wurden langsam mit angehoben, konnten aber noch abspringen.
Der Hubschrauber nahm zunächst Kurs auf Chomeinis vorgesehenes Quartier, aber dann dirigierte der Ajatollah ihn zu einem Teheraner Krankenhaus um. Die Besatzung teilte uns das sofort über Funk mit, aber als wir die Nachricht erhielten, hatte der Helikopter das Krankenhaus schon fast erreicht.
Dann erfuhren wir, er sei beim Krankenhaus gelandet, ein Wagen sei herangekommen, und der Ajatollah sei mit seinem Helfer eingestiegen und weggefahren. Das war offenbar von langer Hand vorbereitet: ein Meisterstück der Planung, denn außer dem Fahrer in seinem Wagen war kein Mensch zu sehen.
Die Gruppe der Militärs geriet fast in Panik, weil keiner wußte, wie es weitergehen würde. Wir zogen Erkundigungen ein, um festzustellen, ob Chomeini bei alten Freunden untergekommen war - vergebens. Der Fuchs war entkommen.
Freitag, 2. Februar 1979
Botschafter Sullivan zeigte sich sehr besorgt über die Aggressionen, die meine Anwesenheit im Iran hervorrief, und über die feindseligen Äußerungen, die ihm von allen Seiten zugetragen wurden. Er meinte, es werde jetzt nicht bei Sprechchören, Plakaten und Graffiti bleiben, viele Regimegegner seien vielmehr entschlossen, mich aus dem Land zu jagen. Solange ich nicht freiwillig ginge, bedrohten sie auch andere Amerikaner im Iran.
Sullivan fand es nur fair, mir offen zu sagen, daß er das State Department bereits um meine Abberufung gebeten habe - ich solle das nicht persönlich nehmen.
Es war nun auch gar nicht mehr so einfach, unsere Landsleute aus Teheran zum Flughafen Mehrabad zu bringen. Wir gingen so vor, daß wir sie in einem Außenbezirk in Busse steckten und dann mit ihnen möglichst um die dichtbesiedelten Stadtteile herum zum Flughafen fuhren.
Trotzdem wurden sie immer wieder beschimpft, ein Bus wurde mit Steinen beworfen, ein anderer angehalten und geentert. Dabei kam zwar niemand zu Schaden, aber es war insgesamt eine ungemütliche Situation.
Ich fuhr zum Hauptquartier. Während ich in meinem Büro wartete, erzählte mir der Verbindungsoffizier, daß Ministerpräsident Bachtiar die Militärs zu einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats gerufen hatte. Ich konnte nur hoffen, daß er endlich die Streitkräfte einsetzen und das Heft in die Hand nehmen würde. Es blieb nicht mehr viel Zeit zum Handeln.
Um zu erfahren, wie es um Zustand und Moral der Streitkräfte stand, rief ich reihum die Hauptquartiere der einzelnen Waffengattungen an. Jede der Kommandozentralen meldete "nichts Neues", und das hieß, daß Chomeinis Appelle so gut wie ungehört verhallten. Im Gegenteil, die Soldaten schienen wachsamer und kampfbereiter als vorher zu sein.
Nachdem feststand, daß - zum ersten Mal seit dem 6. Januar - keine Sitzung _(Bei der Geiselnahme durch ) _(Chomeini-Truppen am 14. Februar 1979. )
der Gruppe stattfinden würde, fuhr ich in die Botschaft zurück. Dort erzählte der Botschafter mir, er habe dem State Department ausdrücklich geschildert, welche Irritation meine Anwesenheit im Iran verursachte.
In der Nacht, ich war kaum eingeschlafen, wurde ich denn auch prompt über die Gegensprechanlage geweckt: Ich sollte einen Anruf aus Washington entgegennehmen. Ich stand auf und ging wieder hinüber in die Kanzlei.
Am Apparat war General Jones, der Vorsitzende des Führungsstabs der US-Streitkräfte. Er schlug sich mit der Entscheidung herum, ob ich im Iran bleiben sollte oder nicht. Botschafter Sullivans Bericht war beim State Department eingegangen, und nun wollten sie eine Stellungnahme von mir. Ich sagte ihm, ich könne nichts gegen Sullivans Darstellung vorbringen.
Ob denn die Armee die Macht übernehmen könne, wenn ich nicht mehr im Lande sei, wollte General Jones wissen. Ich antwortete, niemand könne das genau sagen, aber ich sei sicher, daß die Streitkräfte gegenwärtig dazu imstande seien und es auch tun würden, wenn Ministerpräsident Bachtiar ihnen den Befehl gebe.
Doch ich verschwieg nicht, daß der Botschafter gegenteiliger Ansicht war. Er meine, daß die Streitkräfte nicht genügend Standfestigkeit besäßen und daß der Befehl zur Machtübernahme zu einer Massendesertion führen würde. Ohnehin sei er ja dafür, sich mit Chomeini zu arrangieren, während ich glaubte, wir sollten Bachtiar stärker unterstützen.
Die entscheidende Frage, die von Washington beantwortet werden mußte, lautete also: "Was wollt ihr eigentlich?" Es führte kein Weg drumherum - wer Chomeini in Amt und Würden sehen wollte, mußte mich aus dem Land schaffen.
Dann schnitt General Jones die schwierige Frage an, wer den Ansprechpartner für die Militärs spielen könnte, wenn ich wirklich ginge. Ich antwortete, daß die Gruppe genauso wie ich großes Vertrauen zu General Gast, dem Chef der US-Militärberater in Teheran, hätte.
Ich wies aber darauf hin, daß sie starke Vorbehalte gegen Botschafter Sullivan hätten. Nach ihrer Meinung war er schuld am Weggang des Schahs. Doch wenn General Gast über einen ebenso guten Draht nach Washington verfüge wie ich, würden die iranischen Militärs sicherlich auf seinen Rat hören.
Samstag, 3. Februar 1979
Nach einer Meldung von Associated Press hatte Chomeini sich am Vortag aus seinem Quartier herausgewagt. Vor einem kleinen Kreis hatte er verkündet, seine nächste Aufgabe sei es, die seit 28 Tagen amtierende Regierung unter Bachtiar durch eine Islamische Republik zu ersetzen.
Die Gruppe äußerte sich auf unserer Gruppenbesprechung hocherfreut über eine Erklärung, die Bachtiar am Tag zuvor abgegeben hatte. Auf die Frage, was er täte, wenn Chomeini seine eigene Regierung proklamiere, hatte er geantwortet, er werde sie ignorieren.
Ich versuchte herauszubekommen, was die Gruppe von der Entwicklung in den beiden politischen Lagern hielt. Den Ajatollah verdammten sie einmütig als einen Demagogen. Sie meinten, seine Islamische Republik werde zu einem Desaster führen.
Und wie stellten sie sich die Zukunft vor, falls unsere Seite die Oberhand behielt?
Darauf General Gharabaghi: Sie glaubten, der Iran sei am besten bedient mit einer sozialdemokratischen Regierung nach schwedischem, norwegischem oder dänischem Muster, unter einem König, der sich mit dem Fahrrad auf der Straße zeige.
Wir kamen auf die Pläne für den Fall eines Eingreifens des Militärs zurück, und wieder drängte ich die Gruppe, entschlossener vorzugehen. Zwar stand jetzt wieder mehr Treibstoff zur Verfügung, aber die Lebensmittel wurden knapp, weil der Zoll sie an den Grenzübergängen und in den Häfen zurückhielt. Inzwischen warteten tausend Lastwagen an der türkischen Grenze und etwa sechzig Schiffe auf Abfertigung.
Ich bestand darauf, auch alle anderen öffentlichen Einrichtungen strenger zu überwachen, weil ich wußte, daß Chomeini darauf aus war, alle staatliche Gewalt an sich zu ziehen.
Die Meldungen über den Zustand der Streitkräfte waren auch an diesem Tag durchweg beruhigend:
Am stärksten schien die Kaiserliche Garde, auch auf die Marine war alles in allem Verlaß. General Rabii hatte seine Luftwaffe sehr gründlich überprüft und glaubte, 75 bis 80 Prozent der Leute würden zur Stange halten. General Badrai schätzte die Zuverlässigkeit des Heeres, besonders der Infanterie, auf 70 bis 80 Prozent. Allenfalls bei der von den Sowjets ausgebildeten Artillerie könnte es Probleme geben.
Es war jetzt an der Zeit, ihnen zu sagen, daß meine Tage - oder gar Stunden - bei ihnen gezählt seien. Ich müßte einen schnell erreichbaren, startbereiten Hubschrauber zur Verfügung haben, der mich sofort zum Flughafen Mehrabad
bringen könnte. Ich wüßte noch nicht, ob ich in den nächsten 6, 24 oder 60 Stunden abfliegen müsse, aber daß ich gehen würde, sei sicher.
General Rabii versprach mir, einen Hubschrauber bereitzustellen. Ich einigte mich mit ihm auf einen Code: Plan A hieß, daß ich sofort abfliegen müsse; Plan B, daß ich an dem betreffenden Tag noch bleiben würde. Wenn ich ihn anrief, brauchte ich nur Plan A oder Plan B zu sagen.
Die Generale hätten es lieber gesehen, wenn ich dageblieben wäre. Ich versicherte ihnen, ich wäre von mir aus auch lieber geblieben, aber die Entscheidung liege nicht bei mir, sondern bei unserem Präsidenten.
Ich erinnerte sie ziemlich schonungslos daran, daß alles, was sie bisher unternommen hätten, doch nur auf meinen unablässigen Druck hin zustande gekommen sei. Die Regierung könne so sehr in die Klemme geraten, daß man auch mit ihrem Scheitern rechnen müsse. In diesem Fall müßten die Streitkräfte rasch und energisch eingreifen und das Land unter ihre Kontrolle bringen.
Wenn diese Situation eintrete, sagte ich ihnen in aller Offenheit, werde General Gharabaghi wohl nicht die Willenskraft und den nötigen Mumm aufbringen.
Betretenes Schweigen. Ich ließ sie noch eine Weile mit ihren todernsten Gesichtern dasitzen. Dann sagte ich, bevor ich das Land verließe, müsse ich genau wissen, was sie zu tun gedächten, wenn die Regierung stürze.
Wieder sagte keiner ein Wort, sie starrten mich nur an.
Schließlich brach ich das Schweigen. "Dies ist ein Spiel um alles oder nichts, und der Einsatz ist Ihr Land", sagte ich in der Hoffnung, daß General Gharabaghi wenigstens darauf reagieren würde. Tief im Innern wünschte ich mir, er möge aufbrausen und mir widersprechen.
Aber nichts passierte. Er saß nur stumm da, und sein Schweigen bestätigte mir, daß ich recht hatte. Also stand ich auf und sagte: "Gut, ich habe den Eindruck, daß es die Mühe nicht lohnt, weil keiner von Ihnen sich der Realität stellen will."
Jetzt standen sie alle auf, und General Rabii, der sich seit Jahren meinen Bruder nannte, platzte damit heraus: "Mein Bruder, wenn das, was Sie befürchten, eintritt, werde ich das Kommando übernehmen und alles tun, um unser Land vor dem Untergang zu bewahren."
Angesichts der Umstände wollte ich darauf nicht näher eingehen. Ich bezweifelte nicht, daß General Rabii es ernst meinte, und wir tauschten einen Händedruck.
Ich hatte alles vorgebracht, was mir wichtig erschien, und da es Zeit für mich wurde, meinen Bericht nach Washington durchzugeben, machte ich Anstalten, mich zu verabschieden. Eine seltsame Stimmung kam auf - keine Gefühlsausbrüche, aber die Hände wurden länger und fester gedrückt.
Es gab einige Umarmungen, ein Schulterklopfen oder einen Schlag auf den Rücken. Zu meiner Überraschung und Erleichterung fand sogar General Gharabaghi herzliche und aufrichtige Abschiedsworte. Der Mann ist mir noch heute ein Rätsel.
Schweren Herzens und voller Ungewißheit verließ ich die Gruppe. Zur vereinbarten Zeit rief ich in Washington an. Am anderen Ende der Verbindung hatten sich General Jones, Verteidigungsminister Brown, Außenminister Vance und Sicherheitsberater Brzezinski eingefunden.
Verteidigungsminister Brown fragte geradeheraus, ob ich selbst meine, daß ich gehen sollte. Ich antwortete ihm, ich sei immer noch nicht bereit, diese Entscheidung selbst zu fällen. Persönlich glaubte ich, nicht weggehen zu dürfen, aber wenn es sein müsse, könne die Übergabe an General Gast auch sofort geschehen. Ich wisse, daß die iranischen Militärs mit ihm zusammenarbeiten würden.
Es kam dann noch eine ganze Salve von Fragen, auch mit Außenminister Vance wechselte ich ein paar Worte. Schließlich bat man mich, am Apparat zu bleiben und die Verbindung aufrechtzuerhalten, weil sie drüben darüber beraten wollten, ob ich bleiben oder gehen sollte. Es dauerte nur ein paar Minuten, aber mir kam es wie eine Ewigkeit vor.
Endlich meldete sich Verteidigungsminister Brown erneut und sagte, man habe sich dafür entschieden, daß ich noch am selben oder am folgenden Tag - ganz nach meinem Belieben - abfliegen solle. Es dürfe nur nicht so aussehen, als ob ich die Flucht ergriffe.
Brown gab mir Anweisung, mit der in Mehrabad bereitgestellten C-130 nach Incirlik in der Türkei zu fliegen und dort in die C-135 nach Stuttgart umzusteigen. Dort könne ich kurz Station machen, aber ich müsse dann sofort nach Washington kommen, weil der Präsident mich am Montag bereits in den ersten Dienststunden zu sehen wünsche.
Damit endete das Gespräch, und ich teilte dem Botschafter die Entscheidung mit. Ich rief General Rabii an und sagte ihm, wir würden nach Plan A verfahren.
Ich ging noch einmal in die Residenz hinüber, packte meine Sachen und verabschiedete mich von den Botschaftsangehörigen. Die Abenddämmerung setzte ein, und es fiel ein leichter Sprühregen,
als wir zum Hauptquartier der Streitkräfte abfuhren.
Meine Leibwächter bestanden darauf, daß drei Mann mich im Hubschrauber begleiteten, bis ich sicher die C-130 erreicht hatte. Einer würde sogar bis Stuttgart mitkommen. Als wir im Hauptquartier eintrafen, standen Hubschrauber und Besatzung schon bereit. Wir verstauten mein Gepäck, und ich verabschiedete mich von den zurückbleibenden Leibwächtern und General Gast. Ich kletterte in den Helikopter, der mich in die feuchte Abendluft entführte. In 500 Fuß Höhe nahmen wir Kurs auf den Flughafen Mehrabad.
Es war schon fast dunkel, als wir dort eintrafen. Auf dem Hubschrauberlandeplatz begrüßten mich der kommandierende General des Stützpunktes und ein weiterer iranischer Offizier. Zusammen gingen wir an abgestellten Flugzeugen vorbei zu meiner C-130. Als ich eingestiegen war, fragte jemand, ob wir denn überhaupt starten sollten, es sei schließlich im Iran nach Einbruch der Dunkelheit Flugverbot verhängt.
Nicht daß ich ein unnötiges Risiko eingehen wollte; ich wußte vielmehr, daß der Luftwaffenchef Rabii über mein Vorhaben informiert war und daß er sich auf seine Leute verlassen konnte. Von Abfangjägern hätten wir nur aufgehalten werden können, wenn eine Oppositionsgruppe innerhalb der Luftwaffe mir ans Leben wollte. Auch einen Raketenangriff hielt ich für unwahrscheinlich.
Der Besatzung mußten wir in unserem Aufzug einigermaßen verdächtig vorkommen. Ich hatte Zivilkleidung an, und durch die kugelsichere Weste wirkte mein Oberkörper ziemlich massig. Mein Leibwächter war unrasiert und hatte sein Haar weit über die Länge des militärischen Einheitsschnitts hinaus wachsen lassen, um unter den Einheimischen nicht aufzufallen. Er war gut bewaffnet und trug ebenfalls eine kugelsichere Weste.
Die Triebwerke sprangen an, die Maschine rollte in Startposition, schoß hoch und nahm Kurs Nordwest in Richtung auf die türkische Grenze.
Die Crew starrte aufmerksam in die dunkle Nacht, um mögliche Gefahren auszumachen. Es wurde wenig über das Bordnetz gesprochen und jedes unnötige Funksignal vermieden. Als wir die türkische Grenze überflogen, ließ die Spannung schlagartig nach. Den Rest der Strecke zum Luftstützpunkt Incirlik legten wir unter normaler Flugüberwachung zurück.
Der Pilot setzte die Maschine glatt auf und rollte sie auf Anweisung des Kontrollturms direkt neben die C-135, die mich nach Stuttgart brachte.
Sonntag, 4. Februar 1979
Vor dem Weiterflug nach Washington konnte ich noch einige Stunden bei meiner
Familie in Stuttgart verbringen. Am Nachmittag rief ich unsere Botschaft in Teheran an. General Gast hatte sich mit der Fünfergruppe getroffen und berichtete, daß sie noch immer voll hinter Bachtiar stünde. Am Abend flog ich nach Washington ab. Während des Flugs machte ich mich an die Überarbeitung der Notizen für die Unterredung mit Präsident Carter.
Montag, 5. Februar 1979
Frühmorgens meldete ich mich im Pentagon zurück und fuhr dann ins Weiße Haus. Brzezinski begleitete mich zum Oval Office. Als wir eintraten, erhob sich der Präsident von seinem Schreibtisch und kam mir entgegen. Ich salutierte und sagte: "General Huyser wie befohlen zur Berichterstattung, Sir." Der Präsident begrüßte mich sehr herzlich, entließ Brzezinski und wies mir einen Platz auf dem Sofa vor dem Kamin an: "Lassen Sie uns ein wenig plaudern." In den folgenden dreißig oder vierzig Minuten sprachen wir ausführlich über die Lage im Iran.
Plötzlich blickte mich der Präsident an und fragte: "Was soll ich nach Ihrer Meinung mit Botschafter Sullivan machen? Soll ich ihn ablösen und nach Hause holen?"
Ich sagte nein. Schließlich sei er ein fähiger und energischer Mann. "Aber Sie sollten ihm einige Weisungen geben."
Sullivan habe die gleichen Weisungen wie ich erhalten; warum habe er sie also nicht befolgt?
"Mr. President, vielleicht haben Sie mich nicht verstanden. Ich habe gesagt, Sie sollten ihm seine Weisungen geben."
Ich war sicher, daß die Weisungen, die ich bekommen hatte, exakt die waren, die der Präsident erteilt hatte. Aber bei denen, die an Sullivan gegangen waren, hatte ich meine Zweifel. Ich wußte zufällig, daß er oftmals nur mit den unteren Chargen im State Department gesprochen hatte, und daher war nicht auszuschließen, daß diese Leute bei der Weitergabe der Direktiven des Präsidenten ihren eigenen Senf dazugegeben hatten. Jedenfalls erfuhr ich zum ersten Mal aus berufenem Munde, daß Botschafter Sullivan in Washington nicht allzu beliebt war.
Dienstag, 6. Februar 1979
Ich traf um 6.30 Uhr im Pentagon ein, sah die eingegangenen Nachrichten durch und war dann dabei, als General Gast aus Teheran seinen Tagesbericht erstattete. In der Stadt, so erzählte er, war es einigermaßen ruhig. Jeden Tag wurden weitere Straßen freigegeben, und der Autoverkehr nahm zu.
Chomeini hatte inzwischen Basargan zu seinem "Ministerpräsidenten" ernannt. Bachtiar hatte erklärt, er habe nichts dagegen, wenn Chomeini ein
Schattenkabinett bilde, solange es nicht die Arbeit der rechtmäßigen Regierung störe.
Dann teilte General Gast uns eine alarmierende Nachricht mit. Die Regierung hatte den Austritt des Iran aus dem Cento-Pakt angekündigt. Falls dies die Neutralität des Iran zwischen den USA und der Sowjet-Union bedeutete, würde es schwierig werden, Bachtiar weiterhin militärisch zu unterstützen. Zumindest der Kongreß würde sich fragen, ob das noch sinnvoll wäre.
Von Generalleutnant Bakschedschar, einem der führenden Generalstäbler, hatte General Gast außerdem erfahren, daß nach Chomeinis Ansicht Bachtiar ein guter Mann war, der in die Politik und nicht ins Gefängnis gehöre. Doch wenn Bachtiar Ministerpräsident bleiben wolle, so der Gewährsmann, müsse er seine hohe Generalität hinauswerfen - ausgenommen Gharabaghi.
Ich vernahm dies mit großem Interesse, weil ich immer Zweifel an General Gharabaghi gehabt hatte. Daß Chomeini ihn dem Vernehmen nach als maßgeblichen Militärführer übernehmen wollte, erfüllte mich mit einiger Sorge.
Mittwoch, 7. Februar 1979
Wieder zurück in Stuttgart. Am frühen Morgen bereitete mein Stab mir im Hauptquartier einen großartigen Empfang, so als ob ich als Sieger aus einer großen Schlacht heimgekehrt wäre. Das mit der Schlacht sahen meine Leute schon richtig, aber von Sieg konnte wohl kaum die Rede sein.
Ich rief General Al Haig an und berichtete ihm, was sich inzwischen ereignet hatte. Er war entsetzt über den Mangel an Koordination in Washington. Auch er frage sich, warum Botschafter Sullivan damals nicht die gleichen Instruktionen bekommen habe wie ich. Wie schon in früheren Gesprächen erging er sich in starken Worten über die Ungeschicklichkeit, mit der die Regierung versuchte, mit der ganzen Angelegenheit fertig zu werden.
Donnerstag, 8. Februar 1979
Aus Washington erhielt ich einen Bericht über die letzten Telephongespräche mit General Gast. Es ging daraus hervor, daß die Fünfergruppe stundenlang konferiert hatte, ohne auch Gast Gelegenheit zu einer Äußerung zu geben. Anschließend waren die Militärs direkt zu Bachtiar gegangen.
Die allgemeine Lage im Iran verschlechterte sich jetzt zusehends. Die Wirtschaft stand schon fast still. Von Recht und Ordnung war kaum noch etwas zu spüren - kein Mensch hielt sich mehr an die Gesetze. Dunkle Elemente drangen aus dem Süden der Hauptstadt in die nördlichen Bezirke vor, plünderten und stahlen. Bachtiar machte wahr, was er angekündigt hatte: ohne Arbeit kein Geld; und jetzt protestierten die streikenden Arbeiter.
Freitag, 9. Februar 1979
Im Bericht von General Gast wurden neue Ausschreitungen gemeldet. Auf den Straßen wuchsen die Müllberge. General Gharabaghi und die anderen Militärs beobachteten diese Entwicklung mit Empörung, konnten sich aber nicht entschließen, etwas zu unternehmen.
Einer unserer Diplomaten hat vor der Presse erklärt, die Achse Basargan/Chomeini gewinne rasch an Macht, und die Regierung Bachtiar werde immer schwächer. Die Militärs reagierten immer sehr empfindlich auf solche Äußerungen. Sie sahen darin ein Zeichen, daß unsere Regierung im Begriff war, zur anderen Seite überzulaufen.
Doch das Schlimmste stand noch bevor. Abends gegen 20.30 Uhr Teheraner Zeit brach der Aufruhr bei den Streitkräften los. Das Fernsehen hatte die Aufzeichnung von der Ankunft Chomeinis im Iran erneut gesendet. Das hatte die Chomeini-Anhänger aufgeputscht und Gefühlsausbrüche auf beiden Seiten provoziert.
Auf dem Luftwaffenstützpunkt Duschan Tape, der General Rabii als Hauptquartier diente, demonstrierten Luftwaffenangehörige für Chomeini. Die Kaiserliche Garde versuchte sie daran zu hindern. Zunächst gab es nur Schlägereien; dann wurde geschossen. Offenbar wurden diese Unruhen von außerhalb gesteuert.
Samstag, 10. Februar 1979
Am nächsten Morgen um 8 Uhr lebten die Kämpfe wieder auf. Eine Gruppe, die dem Vernehmen nach aus Soldaten der Kaiserlichen Luftwaffe bestand, brach in die Waffenkammer ein und entwendete einige tausend Gewehre sowie beträchtliche Mengen Munition. Später breiteten die Schießereien sich auf andere Stadtteile aus, auf den Straßen wurden Haufen von Autoreifen in Brand gesetzt.
Sonntag, 11. Februar 1979
Bereits im Morgengrauen wurde überall in der Stadt unablässig geschossen: _(Am 5. Februar 1979 im Weißen Haus. )
Dies war der Tag der Abrechnung. Wieder wurde der Luftwaffenstützpunkt Duschan Tape angegriffen, und diesmal mit solcher Wucht, daß General Rabii kapitulieren mußte.
Der Oberbefehlshaber des Heeres, General Badrai, wurde vor seinem Hauptquartier ermordet. Nach einigen Berichten hatten ihn seine eigenen Soldaten umgebracht. Das Hauptquartier des Hohen Generalstabs, in dem auch die US-Militärberater untergebracht waren, wurde mit einem Kugelhagel eingedeckt. Die Fenster in den Räumen von General Gast waren zerschossen, er mußte mit seinem Stab in den Befehlsstand tief unter dem Gebäude umziehen.
Noch am selben Tag stürzte die Regierung Bachtiar. Die Streitkräfte lösten sich völlig auf. Mit Ausnahme von General Gharabaghi wurden alle führenden Militärs in Haft genommen. Bewaffnete Agenten der Opposition nahmen General Rabii fest und steckten ihn ins Gefängnis. Admiral Habiballahi wurde ebenfalls verhaftet, aber bald darauf wieder freigelassen. Auch General Toufanian, General Chosrodad, General Nadschi und viele andere kamen hinter Schloß und Riegel.
An diesem Tag war General Al Haig nach Stuttgart gekommen. Wir saßen zusammen in meinem Büro, als mir gemeldet wurde, daß Charles Duncan, der Stellvertretende Verteidigungsminister, mich sprechen wollte.
Zu Beginn des Telephongesprächs teilte ich Washington mit, daß General Haig zuhöre. General Jones sagte, daß auf der anderen Seite außer ihm noch Duncan und Brzezinski anwesend wären.
Duncan übernahm die Gesprächsführung. Er fragte, ob ich über die Verhältnisse in Teheran auf dem laufenden sei, und dann kam ein Hammer: Duncan wollte wissen, ob ich bereit sei, nach Teheran zurückzukehren, um eine militärische Machtübernahme zu leiten.
Ich erinnerte ihn an meine wiederholte Feststellung, daß die gesamte Struktur der iranischen Streitkräfte zusammenbrechen werde, wenn die obersten Offiziere zurückträten. Jetzt aber sei es viel schlimmer: Sie säßen im Gefängnis. Deshalb sei es nicht mehr möglich, die seinerzeit unter meiner Leitung ausgearbeiteten Pläne zu verwirklichen.
Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf. Warum hatte man mir diese Frage nicht gestellt, als ich noch in Teheran war? Da waren die Streitkräfte noch intakt und gehorchten den Befehlen ihrer Generale. Die Kaiserliche Garde besaß genug Macht, um den Übergang zur Militärherrschaft zu meistern. Mit Bachtiar stand sogar ein ziviler Politiker als Chef der neuen Regierung zur Verfügung.
Würden die USA jetzt einen neuen geeigneten Politiker finden? Welche Rolle sollte er übernehmen? Doch dann die Ernüchterung: Natürlich sprach Duncan von einem Machtwechsel nach amerikanischen Vorstellungen. Das hieß, ich sollte einen hohen iranischen Offizier dazu überreden, die Initiative zu ergreifen.
Ich ließ einen Versuchsballon steigen und stellte rigorose Bedingungen. Nur wenn sie erfüllt würden, sei ich bereit, nach Teheran zurückzukehren:
Zunächst einmal bestand ich auf unbegrenzten Geldmitteln. Dann wollte ich mir persönlich zehn oder zwölf amerikanische Generale für diese Aufgabe aussuchen, dazu etwa 10000 Mann der besten amerikanischen Einheiten. Ich wußte ja nicht, mit wieviel zuverlässigen iranischen Soldaten ich rechnen konnte. Schließlich benötigte ich die uneingeschränkte nationale Unterstützung, moralische Hilfe allein wäre nicht ausreichend, und ich konnte mich auch nicht auf eine reine Beraterrolle beschränken.
Es entstand eine ziemlich lange Pause, und schließlich gab ich die Antwort selbst. Ich sagte meinen Gesprächspartnern, sie seien wohl nicht in der Lage, auf so einen Vorschlag einzugehen, und das amerikanische Volk würde auch nicht damit einverstanden sein. Also laute die Entscheidung: nicht durchführbar.
Brzezinski erkundigte sich nach der militärischen Lage im Südiran, und General Jones fragte General Haig, ob er noch etwas anzumerken habe. Er sagte nein, und damit war das Gespräch beendet.
General Rabii wurde zusammen mit drei anderen vor Gericht gestellt. Im Einheitsverfahren der Islamischen Revolution - Prozeßbeginn um Mitternacht, Erschießung gewöhnlich bei Sonnenaufgang - wurden alle vier für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Doch vor Tagesanbruch intervenierte Basargan persönlich und erwirkte einen Hinrichtungsaufschub für General Rabii.
Rabii blieb bis April im Gefängnis, wurde erneut vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und bei Tagesanbruch erschossen. Chomeini persönlich soll die Hinrichtung angeordnet haben.
General Toufanian konnte aus dem Gefängnis entkommen und nach mehreren Monaten den Iran verlassen. Er tauchte erst in Deutschland auf und ging dann in die Vereinigten Staaten.
Admiral Habiballahi blieb bis zum Sommer im Iran, dann flüchtete er über die türkische Grenze und ging ebenfalls in die USA.
General Gharabaghi wurde nicht einmal verhaftet. Wie ihm das gelungen ist, bleibt unklar. Mehrere Quellen berichteten, er habe in den Standgerichten mitgewirkt, die seine Offizierskameraden verurteilten. Er selbst hat das jedoch bestritten und behauptet, er habe sich mehrere Monate lang verstecken müssen.
Ende _(Alle deutschen Rechte bei Rowohlt Verlag ) _(GmbH, Reinbek, 1986. Der ungekürzte Text ) _(erscheint im November unter dem Titel ) _("Putschen Sie, Herr General!" (352 ) _(Seiten; 28 Mark) im Rowohlt Verlag. ) _(Aus der englischsprachigen Teheraner ) _(Zeitung "Kayhan International" vom 17. ) _(Februar 1979. )
Auf dem Friedhof Behescht-e Sarah, wo Chomeini seine erste Rede nach der Rückkehr hielt. Bei der Geiselnahme durch Chomeini-Truppen am 14. Februar 1979. Am 5. Februar 1979 im Weißen Haus. Aus der englischsprachigen Teheraner Zeitung "Kayhan International" vom 17. Februar 1979.
Von Robert E. Huyser

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