13.10.1986

„Du bist doch eine ganz tolle Frau ...“

Gerhard Mauz über Gert Postel alias Dr. Dr. Clemens Bartholdy *
Einmal bricht die junge Frau, die als Zeugin aussagt, in Tränen aus. In zwei Wellen ist sie (von 1981 an und dann wieder ab 1984) vom Angeklagten per Telephon attackiert und zusätzlich mit raffinierten und rabiaten Aktionen (von einer erfundenen Heiratsanzeige bis zu erfundenen Beförderungen) gequält worden.
Der Angeklagte hat durch seinen Verteidiger danach kundgetan, ihm sei nicht bewußt gewesen, was er der jungen Frau antat. Doch dann will man auch eine direkte Antwort von ihm. Man möchte von ihm selbst erfahren, wie der von ihm zugefügte Schmerz, wie diese Tränen auf ihn gewirkt haben.
Und so sagt der Angeklagte, daß er sich "wirklich nicht im Traume" hätte denken können, "das zu erreichen". Die junge Frau habe schließlich seine "Härte" provoziert durch ihr Verhalten: "Nur weil sie sich so groß vor mir aufgebläht hat..." Er habe nicht für möglich gehalten, "daß hinter diesem großen Auftreten sich so etwas verbirgt". Ihn wundert, daß da noch ein anderer Mensch ist, "zarter und sensibler".
Der Angeklagte ist stolz. Daß er das erreicht hat! Eigentlich muß man ihm dankbar sein, die junge Frau vor allem. Hätte sie sich ohne seine Aktivitäten, genauer: ohne seine Therapie, in Tränen ausbrechend endlich zu ihrer Zartheit und Sensibilität bekannt?
Doch das große Auftreten und das Sichaufblähen der jungen Frau bestanden darin, daß sie sich nicht per Telephon anmachen ließ; daß sie nicht durch einen miesen Macho-Trick (Komplimente gemischt mit kritischen Anmerkungen, die das Selbstgefühl irritieren) zur Verabredung mit einem anonymen Anrufer, dem Angeklagten, zu bewegen war ("zu Wein, zu Tee, zu Kaffee").
Die junge Frau, die Widerstand leistete, ist heute 30 Jahre alt und Staatsanwältin in Bremen, eine zierliche zurückhaltende Frau, die für sich sein kann, die sich nicht anbiedert und nicht anbietet, die nicht nach Belieben zur Verfügung steht. Sie ist ein Mensch mit einer Identität, der seine Identität zu wahren sucht. Sie hat eine gesunde Abneigung dagegen, sich zu etwas drängen oder gar nötigen zu lassen.
Der Mann, der sie verfolgte, war Gert Uwe Postel. Von ihm ist nunmehr endgültig Abschied zu nehmen - jedenfalls von jenem Gert Postel, der einige Jahre den Eindruck erweckt hat, er sei ein Eulenspiegel, der die Narrheit der Welt enthüllt und vorführt.
Von September 1982 bis April 1983 ist Gert Postel auf dem Höhepunkt seiner Karriere stellvertretender Amtsarzt in Flensburg gewesen. Als Dr. Dr. Clemens Bartholdy überrollte er ohne irgendein ordentliches Zeugnis alle Hindernisse. Zu Raimund Kusserow vom "Stern" hat Gert Postel einmal gesagt: "Die Psychiatrie ist ein Dreck. Ich wollte Leute, die da nicht hingehören, rausholen." Soziale Phantasie, Engagement für Entrechtete? Es wär'' so schön gewesen. "Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy", Anfang 1986 mit dem Untertitel "Ein falscher Amtsarzt packt aus" erschienen, _(Im Dezember 1984 in Flensburg. )
machen einen Gert Postel sichtbar, der die Verrücktheit der Welt nur auf seine Weise auszunutzen versteht und der ihr keineswegs Abbruch tut. Da macht einer Kasse, genauso wie andere Kasse machen. Jetzt, im Prozeß in Bremen hat Gert Postel angedeutet, er sei gar nicht der Verfasser des Buches. Es gibt eben nie etwas, was ihm vorzuwerfen wäre.
Die Latte der Delikte, um die es an drei Tagen in Bremen ging, war lang. Sie reichte von Urkundenfälschung über Entziehung vom Wehrdienst bis zu Diebstahl. Dahin mit allen Delikten, so mächtig sie auch daherkommen - nur eines zählt: das Delikt der Körperverletzung, die Gert Postel der Staatsanwältin zufügte. Sie erlitt nach einer seiner Attacken einen Nervenzusammenbruch.
Zu Beginn seines (oder wessen auch immer) Buches erstattet Gert Postel Dank, einer Zahnärztin beispielsweise. "An ihr" habe er sehr viel gelernt (denn sie gab ihm Einblick "in tiefe psychopathologische Persönlichkeitsstrukturen"). Gelernt hat Gert Postel aber auch durch seine Beziehung zu der Staatsanwältin, "die mich seit Jahren verfolgt, weil ich mich mal, vor langer Zeit, über sie öffentlich lustig gemacht habe".
Die vom Angeklagten nicht bestrittene Aussage der Staatsanwältin schuf Klarheit. Sie begann Ende 1980 bei der Staatsanwaltschaft Bremen. Zwei Kolleginnen fragten sie bald, ob sie auch schon "diese komischen Anrufe" bekommen habe. In denen würden einem Verabredungen angetragen, Einladungen zu dem und jenem. Doch sie wurde zunächst nicht angerufen. Dazu kam es erst im Juni 1981. Der Anrufer mußte sich innerhalb der Justiz auskennen, denn sie war umgezogen und die Nummer ihres neuen Büros noch nicht einmal der Zentrale bekannt.
Der Anrufer gratulierte ihr zur guten Note ihrer Doktorarbeit. Er duzte sie. Er wurde "penetrant", als sie darauf bestand, seinen Namen zu erfahren. Zwei Wochen war Ruhe. Dann, zum Herbst hin, häuften sich die Anrufe bei Kolleginnen und auch bei ihr. "Du bist doch eine ganz tolle Frau", hieß es. Als sie versuchte, ihm seine Anrufe auszureden wurde, er hörbar "sauer". Und als sie ihm gar eine psychiatrische Behandlung empfahl, wurde ihr mitgeteilt, sie sei eine widerliche, arrogante Person, und so sähen sie auch ihre Kolleginnen.
Eine Kollegin erzählte, der Anrufer habe ihr Einzelheiten aus einer Sitzung berichtet, die er nur von einem der beteiligten Juristen haben könne. Der Anrufer setzte fort. "Du arbeitest zuviel", sagte er nach einem Tag, an dem die Staatsanwältin das Büro sehr spät verlassen hatte. Er beobachtete sie also, und sie begann unruhig zu werden.
Nun wurde die Staatsanwältin auch unter ihrer Privatnummer angerufen. "Du bist ja eben aus Bremerhaven zurückgekommen. Wie war dein Wochenende?
Das Gefühl der Bedrohung wuchs angesichts dieser Überwachung. Jetzt erst beschließt die Staatsanwältin, den Anrufer ausfindig zu machen. Gerüchte gibt es in Fülle. Eine Kollegin soll sich einmal mit dem Anrufer getroffen haben. Er sei "ein sehr netter Typ", von dem sie sich das nicht vorstellen könne. Der passe sogar gelegentlich auf ihren Sohn auf. Die Staatsanwältin hat den sehr netten Typen einmal mit dem Sohn der Kollegin in der Stadt gesehen.
Dann ruft ein Frank Mühling bei ihr an, gibt sich als Freund ihres damaligen Freundes aus. Ihr wird klar, daß sie es wieder mit dem anonymen Anrufer zu tun hat. Ihr Freund habe sich beklagt, "daß sie eigentlich die Hosen anhabe". Er kenne sich als Kunstpädagoge in psychologischen Dingen aus, er wolle gerne einmal mit ihr darüber sprechen.
Die Staatsanwältin geht darauf ein. Sie verabredet sich mit dem Anrufer, er soll zu einer Sitzung kommen, die sie am nächsten Tag hat. Am nächsten Tag sitzt vor dem Saal - der junge Mann, den sie mit dem Sohn der Kollegin gesehen hat. In der Sitzung spricht der Richter den jungen Mann an, der antwortet, sie erkennt die Stimme des Anrufers. Das Spiel sei aus, sagt sie, als er sich das nächste Mal telephonisch bei ihr meldet.
Sie wird formal, weist ihn darauf hin, daß seine Anrufe Körperverletzung seien. Der Anrufer widerspricht. Sie sei wirklich eine freche, arrogante Frau. Beim nächsten Anruf bei ihr bleibt es am anderen Ende der Leitung still. So wird sie fortan immer angerufen. Sie berät sich mit ihren Kolleginnen. Die raten, sie solle sich nicht gleich an den Dienststellenleiter wenden, sondern mit der Kollegin reden, mit der mit dem Sohn, die ist Richterin auf Probe inzwischen.
Zwei Gespräche zwischen der Staatsanwältin und der Richterin: Die Staatsanwältin weist auf die dienstlichen Schwierigkeiten hin, die für die Richterin entstehen können. Sie erwähnt die ausgeplauderte Sitzung. Sie bittet sie, auf den jungen Mann, von dem sie nun weiß, daß er Gert Postel heißt, einzuwirken. Danach setzen sich die anonymen Anrufe, ohne daß sich der Anrufer meldet, fort. Erst eine Geheimnummer beendet den Spuk.
Der setzt im Mai 1984 wieder ein. Gert Postel ist damals in Flensburg schon entlarvt, sein Prozeß wird vorbereitet. Aus dem Spuk ist jetzt jedoch ein böser Traum geworden. Dem Senator wird brieflich ihre Beförderung zur Generalstaatsanwältin voll Hohn empfohlen. Sie wird in einer Zeitungsmeldung als Beauftragte für Fledermäuse bekanntgegeben. An einer boshaften, in Justizkreisen verschickten Anzeige ihrer angeblichen Heirat bricht die Staatsanwältin zusammen. Doch das ist noch nicht das Ende. Ihre Nummer wird als Anlaufstelle für Umweltbeschwerden bekanntgegeben, und endlich wird die Staatsanwältin sogar zur Generalstaatsanwältin befördert,
und - was alles kann man nur wie in die Presse bringen?! - das druckt dann auch noch die "Neue Juristische Wochenschrift".
Ende 1984 regt Gert Postels Verteidiger, der Bremer Rechtsanwalt Heinrich Hannover, bei der Staatsanwaltschaft Bremen die Einstellung des Strafverfahrens gegen seinen Mandanten in Sachen der Staatsanwältin an. Mit den Mitteln des Strafrechts sei eine Besserung kaum herbeizuführen.
Die Staatsanwältin kann über ihre Anzeige nicht mehr entscheiden. Die Behörde will die Sache fortführen, die ja nur eine von vielen ist. Auch ist eine Entschuldigung, die der Rechtsanwalt namens seines Mandanten geschickt hat, nicht gerade ein überwältigendes Papier. Ende Dezember 1984 wird Gert Postel in Flensburg glimpflich zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt, das er zur Bewährung ausgesetzt bekommt. Doch auch in der Bewährung dauern die telephonischen Störungen 1985 an. Erst eine Fangschaltung macht diesmal ein Ende.
Gert Postel bringt in Bremen erbittert vor, die Staatsanwältin habe in sein Leben eingegriffen. Die Richterin habe nach den Gesprächen mit der Staatsanwältin die Beziehung zu ihm aufgelöst. Ach, dafür gab es so viele Gründe ... Und in Bremen kennt man sie. Sie werden nur nicht ausgesprochen. Genauso wie der Name der Richterin nicht genannt wird.
Verteidiger Hannover, der "große Heinrich", hat sich dadurch, daß Gert Postel ihn in seinem Buch einen "genialen Strafverteidiger" nennt (was fast noch schlimmer ist als Starverteidiger), nicht hindern lassen, nach Wahrnehmung des Mandats in Flensburg auch in Bremen zu verteidigen. Die Stelle bei Goethe muß anders lauten, als man sie im Kopf hat, nämlich: "Heinrich, das wundert mir!" Verteidiger Hannover fragte auch, ob die Staatsanwältin nicht doch Ekel vor Fledermäusen empfinde, und deshalb betroffen reagierte.
Es werden zwei Sachverständige gehört, auch der Hamburger Psychologe Dr. Herbert Maisch, 58, den einige Zeitungen zum Professor befördern und zum Psychiater degradieren. Der Sachverständige Maisch gibt ein Bild von der Entwicklung Gert Postels, den er ja auch schon seit Flensburg kennt, wie es überzeugender nicht sein kann (und dabei psychologisiert er nicht, er erzählt). Er schildert ein Einzelkind, dessen Eltern eine nur nach außen intakte Ehe führen. Für den Vater soll die Familie eine Burg sein, für die Mutter ist sie eine Fessel. Sie ist exzentrisch, sie hat ein Entlastungsarrangement mit einem wohlhabenden hohen Beamten. Ihr Mann akzeptiert das. Er stellt seine Frau auf ein Podest, er bewundert sie. Er hat ja in ihr eine Partnerin, die ein Regierungsdirektor begehrt (und darüber, daß der sie nicht nur begehrt, macht er sich etwas vor). Die Mutter hat kurz nach dem Tod des hohen Beamten Selbstmord begangen.
Der Vater lebt heute nicht mehr in Bremen, sein Sohn haßt ihn. Der Vater hat durchgesetzt, daß Gert Postel zur Post ging. Postel bei der Post... Für die ehrgeizige Mutter war er danach ein Versager. Aber genug damit - Gert Postel, dessen Entwicklung durch unvereinbare Menschen und Erziehungshaltungen geprägt wurde, befindet sich - wieder einmal - in Therapie.
Er ist ein Kindskopf, ein zutiefst verletztes und gekränktes Kind, doch er ist inzwischen 28 Jahre alt. Die Staatsanwältin hat zunächst gemeint, daß er krank sei. Heute fragt sie sich, ob er nicht möglicherweise "schlicht und ergreifend bösartig ist". So sieht die Welt die verletzten und gekränkten Kinder irgendwann. Und liest man, was sogar Peggy Parnass in ihrem im Konkret Verlag erschienenen Buch "Kleine radikale Minderheit" über Gert Postel schreibt ("Mr. Warrens Gewerbe"), ihren Aufruf an die Frauen, gegen Männer wie Gert Postel zusammenzustehen, dann wird deutlich, wieviel er schon angerichtet hat. In Bremen lernte man nur eines seiner Opfer kennen. Es gibt noch viele, ganz andere Opfer, Frauen, die meinten, er brauche sie.
Staatsanwalt Hans-Georg von Bock und Polach, 44, beantragt eine Addition von Strafen, die noch einmal zur Bewährung ausgesetzt werden sollen. Die Position des Umgangs mit der Staatsanwältin macht drei Monate aus. Gert Postel habe gestanden, man habe ihm zugesagt, ihm ein letztes Mal Bewährung zu geben. Verteidiger Hannover erinnert daran daß jeder schon einmal ein Kind erlebt hat, daß die Erwachsenen zum Zorn reizt. Die Strafjustiz sei gerade in diesem Fall die Fortsetzung einer falschen Pädagogik mit falschen Mitteln. Man hätte alles, was hier verhandelt wurde, einstellen sollen, aber Bremen habe nun einmal auch seinen Postel-Prozeß gewollt. Die Attacken auf die Staatsanwältin hat der Verteidiger während der Verhandlung mehrfach "Schabernack" genannt.
Der Richter am Amtsgericht Wolfgang Rathke, 45, verkündet einmal zwei Jahre und einmal drei Monate, damit sich''s zur Bewährung aussetzen läßt. Er ist sich bewußt, daß den Bürgern dieses Urteil schwer eingehen wird. Doch mit dem Einsperren würde man diesem Angeklagten nicht gerecht werden. Das stimmt - nur wird der Vollzug der Freiheitsstrafe so vielen auferlegt, deren Not er auch nur vergrößert, daß man sich fragt, warum ausgerechnet Gert Postel wieder einmal eine so besondere Lösung zuteil wird (eine Lösung, die ihn noch weiter von der Wirklichkeit entfernen kann).
Schicken wir die Delinquenten in Zukunft nach Bremen, wie die Stadtmusikanten. Hoffen wir, daß auch sie dort noch einmal Verständnis und Aussetzung zur Bewährung finden.
Im Dezember 1984 in Flensburg.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 42/1986
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