30.06.1986

„Die Autorität sitzt im Himmel“

SPIEGEL-Interview mit Fu Tieshan, dem katholischen Bischof von Peking *
SPIEGEL: Bischof Fu, der Papst hat Polen besucht und wird möglicherweise nach Kuba pilgern. Er war auf Haiti, den Philippinen und bereiste Afrika. Die ganze Welt will Johannes Paul II. sehen. Nur bei Chinas patriotischer Kirche ist der Heilige Vater nicht willkommen. Warum wollen Sie ihn nicht in der Volksrepublik empfangen?
FU: Er hat die souveränen Rechte der chinesischen Katholiken nie respektiert. Wir sind eine eigenständige und souveräne Kirche. Außerdem benennt der Vatikan immer noch über seine Vertretung auf Taiwan Bischöfe für das Festland. Das können wir nicht hinnehmen.
SPIEGEL: Die Anerkennung Taiwans ist eine politische Frage: Warum interessieren Sie sich als Mann der Kirche dafür?
FU. Ich bin Bischof, aber auch Chinese. Mit der Aufrechterhaltung der Beziehung _(Mit Redakteuren Helmut Sorge und Stefan ) _(Simons in seinem Amtssitz in Peking. )
zu Taiwan hat der Vatikan ein politisches Hindernis geschaffen.
SPIEGEL: Sitzt die höchste Autorität für Chinas Katholiken im Vatikan oder im Gebäude des Zentralkomitees im Zhongnanhai-Park?
FU: Die höchste Autorität sitzt im Himmel. Der heilige Paulus hat gesagt: " ... wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib."
SPIEGEL: Erkennen Sie denn den Papst zumindest als Vertreter Gottes auf Erden an, oder ist er für Sie ein Konterrevolutionär?
FU: Die Geschichte zeigt: Nicht der Papst hat die Politiker unter Kontrolle gehabt, sondern zuweilen wurde er selbst von politischen Mächten beherrscht. Auch heute versucht der Vatikan, sich über die katholische Kirche in die inneren Belange Chinas einzumischen.
SPIEGEL: Im vergangenen Jahr hat die weltweit bekannte Missionarin Mutter Teresa China besucht. Werten Sie diese Visite als Einmischung?
FU: Mutter Teresa ist eine rechtschaffene Frau. Hier in China wollte sie, wie in Indien, ein Kloster aufmachen. Mit dem Vatikan hat der Besuch dieser Trägerin des Friedensnobelpreises nichts zu tun.
SPIEGEL: Hongkongs Bischof Wu und Manilas Kardinal Sin waren ebenfalls beide in Peking. Sie allerdings sind Sendboten des Papstes.
FU: Es ging bei dem Besuch nur um bilaterale Fragen. Beziehungen zum Vatikan - in welcher Form auch immer - wurden nicht besprochen.
SPIEGEL: Papst Johannes Paul II. hat wie Sie, Herr Bischof, in einem Land gelebt, wo Kirche und KP koexistieren. Sind da nicht Parallelen?
FU: Wie Sie wissen, haben wir chinesischen Katholiken den polnischen Katholiken gegenüber immer freundschaftliche Gefühle gehegt.
SPIEGEL: Was hat ein Vertreter des staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten gemeint, als er jüngst behauptete, daß der "Vatikan unter dem Vorwand der Annäherung Aktivitäten betreibt mit dem Ziel, die demokratische Diktatur und das sozialistische System unseres Landes zu stürzen"? Haben Sie etwa Angst vor dem Heiligen Vater in Rom?
FU: In Schanghai sind einige Jesuiten wegen subversiver Aktivitäten verurteilt worden. Jene, die religiöse Ämter bekleiden, sollten sich nicht auf solche Aktivitäten einlassen. Damit haben sie das Gesetz gebrochen, und ich kann es als Bischof nicht gutheißen, wenn Priester Gesetze unseres Landes brechen. Ich bete für sie und hoffe, daß sie ihre Fehler bekennen und daß sie mit Nachsicht behandelt werden.
SPIEGEL: Verglichen mit der Milliardenbevölkerung Chinas sind die 3,3 Millionen Katholiken nur eine winzige Minderheit. Diejenigen, denen man subversive Tätigkeit vorwirft, sind höchstens eine Handvoll. Kann dieses Häuflein Chinas Regierung stürzen?
FU: Ihr Ziel ist es jedenfalls.
SPIEGEL: Und wie soll das vor sich gehen?
FU: Dazu darf ich nichts sagen. Die Beweise dafür werden wohl eines Tages an die Öffentlichkeit kommen.
SPIEGEL: Kennen Sie die Beweise?
FU: Ich weiß, daß die Geschichte einen politischen Hintergrund hat. Und ich weiß auch, daß diese Verschwörung letztlich vom Vatikan gelenkt wird.
SPIEGEL: Ist es nicht vielmehr so, daß die Geistlichen nicht wegen subversiver Aktivitäten, sondern wegen ihrer Loyalität zum Vatikan hinter Gittern sitzen, sich also nicht der patriotischen Kirche unterwerfen wollen?
FU: So genau weiß ich das nicht. Aber in Schanghai sollen die Priester Zirkulare zur Wirtschaftsreform heimlich ins Ausland geschafft haben.
SPIEGEL: Steht denn darauf Zuchthaus?
FU: Vor der Veröffentlichung sind solche Papiere geheim.
SPIEGEL: Bedeutet die Inhaftierung von Priestern nicht in Wirklichkeit, daß in der Praxis die Ziele des atheistischen Kommunismus mit den christlichen Idealen des katholischen Glaubens nicht zu vereinbaren sind?
FU: Kommunisten sind Atheisten. Zwischen uns existieren also Unterschiede. Aber wir können für lange Zeit koexistieren nach dem Prinzip: in Anerkennung der Unterschiede nach Gemeinsamkeiten suchen.
SPIEGEL: Besuchen Parteimitglieder Ihre Messe?
FU: Soviel ich weiß, gibt es eine interne Anweisung, die Parteimitgliedern die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen verbietet ...
SPIEGEL: ... und Sie haben noch keinem KP-Kader die Beichte abgenommen?
FU: Nein, ich noch nicht.
SPIEGEL: Aber die Verfassung garantiert die Ausübung der religiösen Freiheit.
FU: Die Entwicklung zeigt es ja: In ganz China gibt es schon wieder 3,3 Millionen Katholiken, in der Diözese Peking zählen wir 30000 Gläubige, ein gutes Dutzend Priester und über zwanzig Nonnen. Drei Kirchen sind wieder geöffnet, weitere werden hinzukommen.
SPIEGEL: Bedeutet die neue Politik der Kommunisten, daß sich die Kirche dem Staat unterworfen hat, oder hat die KP ihren Kurs geändert?
FU: Die Politik der Kulturrevolution und der Viererbande war nicht die Politik der KP. Denn vor der Kulturrevolution, selbst in der Zeit des antijapanischen Befreiungskampfes und während des Bürgerkrieges, hat die KP die katholische Kirche respektiert. Seit der Niederschlagung der Viererbande 1976 hat die Partei die religiöse Freiheit wiederhergestellt. Wir haben die Lehren aus der Vergangenheit gezogen und verfolgen jetzt einen souveränen Kurs. Wenn wir in China den katholischen Glauben verbreiten wollen, müssen wir ihn unseren nationalen Gegebenheiten anpassen, wie Sie in Ihren westlichen Ländern das auch tun.
SPIEGEL: Und doch hält die chinesische Kirche für die Liturgie an einer ausländischen und überholten Sprache fest: nämlich am Latein.
FU: Vor sechs Jahren haben wir erst begonnen, unsere Kirchen wiederherzustellen. Und noch immer bemühen wir uns um mehr Gebetshäuser. Die Bibel aus dem Lateinischen zu übersetzen, das braucht seine Zeit.
SPIEGEL: Das sieht beinahe so aus, als hätten Sie für die Kirche einen Fünf-Jahres-Plan aufgestellt.
FU: Nein, Planvorhaben haben wir natürlich nicht, aber die Kirche soll wachsen, je mehr Gläubige, desto besser. Vor allem junge Intellektuelle kommen zu uns.
SPIEGEL: Das muß die Partei aber doch beunruhigen?
FU: In meinen Augen ist das keine Gefahr. Wir Katholiken leben und arbeiten nach dem Evangelium und dienen dem Volk. Unser Land aber ist ein sozialistisches, und ganz gleich, ob wir Protestanten, Moslems oder Buddhisten sind, wir müssen gemeinsam mit unseren Landsleuten am Aufbau eines blühenden und mächtigen China mitarbeiten. Jesus hat nicht gesagt, daß sich die Kirche nur mit der Epoche der Sklaverei, des Feudalismus, des Kapitalismus oder des Sozialismus vereinbaren läßt.
SPIEGEL: In Ihrer Zeitschrift "Der chinesische Katholik" tönt es ja auch sehr sozialistisch: "Predigt das Evangelium und propagiert die "geistige Zivilisation''. Die Herzen der Menschen werden warm, wenn sie die Politik der Partei verbreiten. Laßt uns die Hände reichen für den Aufbau der ''Vier Modernisierungen''." Dient die katholische Kirche der Kommunistischen Partei?
FU: Wir sind Katholiken, zugleich aber auch Chinesen. Die Kirche in der Bundesrepublik Deutschland engagiert sich in sozialen Angelegenheiten. Nichts anderes tun wir.
SPIEGEL: Vom Vatikan wollen Sie unabhängig sein, zum eigenen Staat sind Sie es nicht: Priester sind Abgeordnete des Volkskongresses, Sie selbst, Herr Bischof, sind gerade in den Ständigen Ausschuß der politischen Konsultativ-Konferenz gewählt worden.
FU: Natürlich haben wir unseren Mitbürgern und unserem Staat gegenüber eine soziale Verantwortung. Bei den Beratungen des Fünf-Jahres-Plans beispielsweise haben wir Vorschläge eingebracht. Das ist das Recht eines jeden Chinesen, es ist das Recht der Kirche und liegt auch in ihrem Interesse.
SPIEGEL: Wenn der Vatikan Sie nun morgen nach Rom einladen würde, wo müßten Sie die Reisegenehmigung einholen?
FU: Ihr westlichen Journalisten geht immer von konstruierten Hypothesen aus. Wir ziehen es vor, von Tatsachen auszugehen: Bislang habe ich eine solche Einladung nicht erhalten.
SPIEGEL: Und welche Regierungsstelle hat Sie 1979 zum Bischof ernannt?
FU: Keine. Gewählt worden bin ich von der demokratischen Versammlung der katholischen Priester und Gläubigen. Die Regierung hat mir lediglich Glückwünsche übermittelt.
SPIEGEL: Vor oder nach der Wahl?
FU: Natürlich nachher.
SPIEGEL: Bevor Sie Bischof von Peking wurden, haben Sie während der Kulturrevolution mehrere Jahre im Arbeitslager zugebracht. Damals galt der katholische Glaube als "reaktionäre Religion"; der revolutionäre Fanatismus der Roten Garden richtete sich zuerst gegen die katholische Kirche. Gotteshäuser wurden geplündert, Priester und Nonnen verfolgt. Woher nehmen Sie eigentlich Ihren Optimismus, daß sich die katholische Kirche Chinas in Zukunft ungestört entfalten kann?
FU: Gläubige sind immer optimistisch. Ich war es auch während der Kulturrevolution, als ich als Bauer Obstbäume gepflanzt habe. Ich glaube, daß durch Gottes Fügung alles vorbestimmt ist. Der heilige Paulus hat gesagt: "Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen."
Mit Redakteuren Helmut Sorge und Stefan Simons in seinem Amtssitz in Peking.
Von H. Sorge und St. Simons

DER SPIEGEL 27/1986
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DER SPIEGEL 27/1986
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