13.10.1986

BILDUNGPädagogische Inseln

Neuer Streit über eine alte Reform: Eine „entschiedene Kampagne“ gegen die Gesamtschule haben Konservative, rechtzeitig zum Bundestagswahlkampf, angekündigt. *
Eine ganze Generation von Pädagogen und Bildungspolitikern hatte sich über dem Thema zerstritten. "Gesamtschule war in den siebziger Jahren ein Reizwort sondergleichen - Inbegriff der Neuerung für Sozialdemokraten. Ausgeburt der klassenkämpferischen Gleichmacherei für Christdemokraten.
Aber spätestens 1982, als sich die westdeutschen Kultusminister über die gegenseitige Anerkennung der Gesamtschulabschlüsse einigten, dünnte die Kontroverse merklich aus. Bildungsreform reduzierte sich in Zeiten schwacher Kassen ohnedies auf das, was die Finanzminister zahlen mochten.
Jetzt aber, im Vorfeld der Bundestagswahlen, flammt der Streit wieder auf. Der Vorsitzende des CDU-Bundeskulturausschusses, Schleswig-Holsteins Kultusminister Peter Bendixen, warnt vor der "Zerstörung des gegliederten Schulwesens". Sein rheinland-pfälzischer Amtskollege Georg Gölter sieht wieder "Truppen" der "ungeduldigen Veränderer" am Werk - und die "Gefahr", daß die Republik "zunehmend in zwei Bildungslandschaften zerfällt".
Während die Unionspolitiker einen "aggressiven Gesamtschulkurs" ( Bonns Bildungs-Staatssekretär Anton Pfeifer) der Sozialdemokraten beklagen, sehen die Sozis sich von einem "neuen Feldzug" (Hamburgs Schul-Staatsrat Hermann Granzow) der Unionschristen überzogen. "Mit einem emotionalen ''Schulkrieg''", mutmaßt die "Süddeutsche Zeitung", solle vor allem die "Reputation des SPD-Kanzlerkandidaten Rau ruiniert werden".
Denn Anstoß nehmen die Unionspolitiker an einer Entwicklung, die vor allem in Nordrhein-Westfalen, wo Johannes Rau zu Hause ist, und im Saarland, wo der SPD-Linke Oskar Lafontaine regiert, vorangetrieben wird: *___In Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Gesamtschulen ____aufgrund starker Elternnachfrage innerhalb von sechs ____Jahren von 32 auf heute 82 gewach sen und hat ____mancherorts erbit terte Auseinandersetzungen über den ____geeigneten Schulstandort ausge löst. *___Im Saarland hat Kultusminister Die ther Breitenbach zum ____neuen Schul jahr auf einen Schlag sechs Gesamt schulen ____eingerichtet (bisher zwei) und diese zugleich radikal ____neu orga nisiert - als "Gesamtschule der zwei ten ____Generation".
Den Kritikern im konservativen Lager sind beide Entwicklungen gleichermaßen suspekt. Die neue SPD-Strategie, Gesamtschulen nicht mehr wie früher von oben zu verordnen, sondern nur noch überall dort einzurichten, wo eine ausreichende Anzahl von "Eltern diese Schulen für ihre Kinder wollen", wie Düsseldorfs Kultusminister Hans Schwier sagt, brachte der sozialdemokratischen Lieblingsidee vielerorts Zustimmung in der Bevölkerung ein.
In Hamburg zum Beispiel, das 1979 den _(unten: in der Gesamtschule im saar ) _(ländischen Gersheim, mit Schulleiter ) _(Jürgen Beuster. ) _(Oben: im nordrhein-west fälischen ) _(Dormagen; )
Elternwillen gesetzlich verankerte und die Zahl der Gesamtschulen um 13 auf 22 erhöhte, entfielen zum neuen Schuljahr 21,6 Prozent aller Schüler-Anmeldungen für die 5. Klasse auf Gesamtschulen - soviel wie nie zuvor. Und trotz rückläufiger Schülerzahlen erweist sich das Gesamtschulnetz der Hansestadt, sagt Staatsrat Granzow, derzeit "als nicht dicht genug".
Auch in Nordrhein-Westfalen hat die rasche Zunahme von Gesamtschulen, die auf eine vorzeitige Festlegung der Bildungslaufbahnen verzichten und alle Schüler bis zur Klasse zehn zusammenhalten, nicht mit der Nachfrage Schritt halten können. Über 3000 Anmeldungen blieben unberücksichtigt.
In ländlichen Regionen ist das Interesse erstaunlich. Dort, wo Pillenknick und Stadtflucht die Schülerzahlen drastisch reduzieren und die Schulen am Ort in ihrer Existenz gefährden, erkennen Eltern wie Kommunalpolitiker gleichermaßen, daß oftmals allein die Gesamtschule noch ein "differenziertes Bildungsangebot im ländlichen Bereich sicherstellen kann" (Breitenbach).
Im saarländischen Gersheim nahe der französischen Grenze etwa gab es schon lange nur noch Haupt- und Realschule, der Weg zum Abitur führte über den Schulbus in den Nachbarort. Als die rückläufigen Schülerzahlen endgültig den ordentlichen Betrieb der Gersheimer Dorfschulen gefährdeten, entschied sich der Stadtrat, in dem die SPD über nur acht von 27 Sitzen verfügt, für die Gesamtschule - ohne Gegenstimme bei wenigen Enthaltungen.
Kein Wunder, daß Björn Engholm, einst Bildungsminister der sozialliberalen Koalition in Bonn und jetzt SPD-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein, für den Fall eines Regierungswechsels im Norden nicht auf das Verordnen von Gesamtschulen, sondern auf das Interesse der Eltern setzt. Es gebe "genügend Kommunen" zwischen Gischt und Geest, in denen der "Wille betroffener Eltern schon jetzt erkennbar" sei.
Eben die hat wohl auch sein Kontrahent Bendixen im Blick, wenn er eine "entschiedene Kampagne der CDU" gegen die "Gesamtschuloffensive" ankündigt. Zupaß kommt den Christdemokraten dabei, daß kaum eine Gesamtschule neu gebaut werden kann, solange es knapp ist in den öffentlichen Kassen. Wird eine Gesamtschule eingerichtet, bedeutet das "immer", wie Düsseldorfs Schwier zugibt, "daß dafür andere Schulen in dieser neuen Schule aufgehen" müssen.
Das wiederum mobilisiert jene, die um den Bestand des dreigliedrigen Schulsystems fürchten. Realschulen und Gymnasien werde so "der Nachwuchs systematisch beschnitten", kommentierte etwa das CSU-Organ "Bayernkurier".
Die Auseinandersetzung zeitigt bisweilen Absonderlichkeiten. Im niederrheinischen Dormagen beispielsweise suchten kürzlich die örtliche CDU und konservative Eltern bis zuletzt die Einrichtung des ersten Gesamtschuljahrganges zu verhindern. Weil die vorgeschriebene Anmeldungszahl von 112 Schülern nur mit Hilfe von 22 Kindern aus Nachbargemeinden erreicht worden war, sah das Oberverwaltungsgericht Münster keine Verpflichtung zur Eröffnung der Gesamtschule in der Stadt.
Gleichwohl wies Kultusminister Schwier die Kommune formell an, die Gesamtschule einzurichten, um "dem Elternwillen Geltung zu verschaffen" und, gemäß Schulverwaltungsgesetz einem "Bedürfnis" abzuhelfen. Die CDU ging darauf abermals vor Gericht.
Erst nachdem drei Zentrums-Abgeordnete, die zunächst mit der SPD für, dann mit der CDU gegen die Gesamtschule waren, erneut umfielen und dem "zutiefst ungerechten und unchristlichen Zustand ein Ende" bereiteten (SPIEGEL 39/1986), konnte die Gesamtschule mit dem Unterricht beginnen.
Doch "Dormagen ist überall", schreibt die "Welt". In Hessen streiten CDU und "Elternverein" vor dem Staatsgerichtshof gegen die "flächendeckende" Einführung der Förderstufe, die im nächsten Schuljahr abgeschlossen sein soll. Die gesamtschulähnliche Schulstufe verzichtet in den Klassen fünf und sechs auf vorzeitige Auslese und ist nach Meinung ihrer Gegner nur "der erste Schritt, das traditionelle Schulwesen zu amputieren".
Im Saarland klagt eine Aktionsgemeinschaft "Rettet die Schulen" vor dem Verfassungsgerichtshof auf Zulassung eines Volksbegehrens gegen die integrierte Gesamtschule. Parallel dazu betreiben CDU und FDP eine Verfassungsklage gegen die Landesregierung, weil sie das neue Schulrecht samt gesetzlicher Verankerung der Gesamtschule mit der Landesverfassung für "unvereinbar und nichtig" halten.
Zum Beleg verweisen sie auf den Wortlaut der Verfassung aus dem Jahre 1947, der nur die herkömmlichen Schulen kenne und beim Namen nenne, nicht aber die Gesamtschule. Tatsächlich werden in Artikel 27 neben anderen "Gemeinsamen Schulen" auch Hauptschule. Realschule und Gymnasium angeführt. in denen "auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte unterrichtet und erzogen" werde - was freilich keinen Ausschließlichkeitsanspruch bedeutet.
Gerade die Aktivitäten der SPD-Regierung im Saarland bringen die Gesamtschulgegner auf. Denn Kultusminister Breitenbach hat nicht nur die Zahl der Schulen verdreifacht, sondern auch ihre Qualität verändert.
Breitenbach zog Konsequenzen aus den Fehlern der ersten überdimensionierten und bis ins letzte ausdifferenzierten Gesamtschulen der siebziger Jahre und verordnete der "zweiten Generation" ein neues Konzept: das "Team-Kleingruppen-Modell" (TKM).
Das Pädagogen-Chinesisch umschreibt eine Lehr und Lernmethode, wie sie
schon seit einigen Jahren in einigen "pädagogischen Inseln" (Breitenbach), etwa den Gesamtschulen Köln-Holweide oder Göttingen-Geismar, praktiziert wird. Die Schüler einer Klasse arbeiten dabei in mehreren, leistungsheterogen zusammengesetzten Kleingruppen zusammen und werden möglichst lange von ein und demselben Lehrer-Team unterrichtet (SPIEGEL 18/1980).
Mit Geschick und Überzeugungskraft gelang es dem Psychologie-Professor Breitenbach, Eltern wie Lehrer vom Sinn des neuen Konzepts zu überzeugen. Busweise karrte er sie zusammen mit Kommunalpolitikern nach Holweide (Fahrpreis 25 Mark, Mittagessen inklusive), damit sie sich von den Vorteilen der Methode überzeugen konnten. Ergebnis: 52 Prozent der Saar-Bevölkerung erklärten sich nach einer Repräsentativ-Umfrage bereit, ihre Kinder in eine Gesamtschule zu schicken, wenn es sie nur geben würde.
Die acht Schulen an der Saar hatten enormen Zulauf. Rund 60 Prozent der Grundschülerjahrgänge in Gersheim und Wadgassen wurden beispielsweise für Klasse fünf der Gesamtschule angemeldet. Die bereits seit 1971 arbeitende Gesamtschule Dillingen hatte nach der Neuordnung ein "Anmeldeplus" von 50 Prozent. "Gesamtschule als Klischee reißt niemand mehr hinterm Ofen vor", glaubt Breitenbach in den letzten Wochen erkannt zu haben, "man muß konkret sagen, wie das aussehen soll."
So gut aber die Gesamtschule, zumindest die pädagogisch wohldurchdachte, bei den Eltern und Lehrern im Lande ankommt - ein Problem wird sie in der gegenwärtigen bildungspolitischen Konstellation nicht los: Sie sieht sich einer permanenten, ihr höchst abträglichen Konkurrenz durch Gymnasien ausgesetzt, einem langfristig "teilweise ruinösen Wettbewerb" wie der Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann es nennt.
Die Gesamtschule will nach ihrem Anspruch alle Kinder gleichermaßen fordern, gerade auch die leistungsschwächeren, müßte aber, um Konservative zu befriedigen, zugleich die Leistungen erbringen wie das Gymnasium mit seiner vergleichsweise leistungsstärkeren Schülerschaft. Gesamtschule soll obendrein "innovativ" sein, sagt Tillmann, also "neue Unterrichtsinhalte in die Schule bringen", aber die alten ebenso gut vermitteln wie die anderen.
Wenn dann das Gymnasium die guten und sehr guten Schüler absauge, könnte die Gesamtschule, das ist die zentrale Furcht ihrer pädagogischen Verfechter, zu einer 25-Prozent-Schule verkümmern. Das wäre dann für die Gesamtschule "das Abseits", fürchtet Tillmann, "in dem das Reformkonzept dem gegliederten Schulwesen nicht mehr weiter gefährlich werden kann".
unten: in der Gesamtschule im saar ländischen Gersheim, mit Schulleiter Jürgen Beuster. Oben: im nordrhein-west fälischen Dormagen;

DER SPIEGEL 42/1986
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