25.08.1986

PRESSESchicksal in Hamburg

Der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr startet ins Zeitungsgeschäft. Letzte Woche kaufte er die früher SPD-eigene „Hamburger Morgenpost“. *
"Der Stadt Hamburg", verkündete das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr am Freitag letzter Woche, solle "eine liberale Stimme erhalten bleiben. Der Konzern, so war die Nachricht zu lesen, hatte am Montag zuvor die "Hamburger Morgenpost gekauft, das zweite Hamburger Boulevardblatt neben Springers "Bild"-Zeitung.
Der Fall ist über Hamburg hinaus von Bedeutung. Denn der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr ("Stern", "Brigitte", "Capital") steigt auf diese Weise in das Geschäft mit Tageszeitungen ein. Verlagskenner sehen darin nur den ersten Schritt zum Aufbau eines neuen Unternehmenszweiges. Anders als bei den Zeitschriften hat Gruner + Jahr (G+J) vorerst bei einer Expansion in den Zeitungsmarkt kaum Schwierigkeiten mit dem Bundeskartellamt zu erwarten.
Der G+J-Vorstandsvorsitzende Gerd Schulte-Hillen spielte den Besitzwechsel zwar auf Kreisklasse-Niveau herunter: "Wir werden uns voll auf den Hamburger Lokalmarkt konzentrieren.' Doch die "Welt' des konkurrierenden Springer-Verlags fand Gerüchte über G+J-Verhandlungen um die "Hamburger Morgenpost" schon vor zwei Jahren "atemberaubend".
Die angelblich mit rund 16 Millionen Mark verschuldete und - mit einer Hamburg-Auflage von rund 120O0O - vergleichsweise winzige "Morgenpost" hat nun den größten deutschen Medienkonzern im Rücken:
Die Gütersloher Bertelsmann AG. Mehrheitseigner bei G+J, macht mit weltweit 7,5 Milliarden Mark dreimal soviel Umsatz wie der Pressekonzern Springer.
Mit der konzerneigenen Potenz will G+J neu investieren. Die in Hamburg umlaufende Kaufsumme samt Schuldenübernahme, die Rede ist von 20 Millionen Mark, nennt Schulte-Hillen "Unsinn" Doch die Gesamtinvestition, einschließlich Kaufpreis und Blattsanierung, könne "bei ungünstiger Entwicklung auf 50 Millionen Mark hinauslaufen.
Gewiß werden die neuen Besitzer alle Hände voll zu tun haben, das einst SPDeigene Blatt, mit dem es zwei Jahrzehnte nur bergab ging, erst einmal im Kernverbreitungsgebiet zu stabilisieren. Denn die Springer-Blätter "Bild", "Hamburger Abendblatt" und "Welt" sind in Hamburg mit zusammen rund 825000 Auflage marktbeherrschend; davon erreicht "Bild" allein weit über die Hälfte. Schulte-Hillen: "Die 'Morgenpost' ist eine Lokalzeitung mit starker Bindung an Hamburg. Hier entscheidet sich ihr Schicksal."
Wenn die Entscheidung, und zwar in Schulte-Hillens Sinn, gefallen ist, könnte ein ehrgeizigeres Ziel anvisiert werden. Von der einst stärkeren norddeutschen Flächenauflage der heruntergewirtschafteten Zeitung, die von der SPD 1980 an den Schweizer Geschäftsmann Eduard Greif verkauft wurde, blieb bis heute ein kleiner, aber beständiger Rest in der Region erhalten.
Und auch ein neuer Partner, der G+J beim fehlenden Know-how mit Tageszeitungen aushelfen will, hat bisher vor lokalen Grenzen nie haltgemacht: Hans Dichand, 65, Teilhaber und Herausgeber des führenden Österreichischen Boulevardblatts "Neue Kronen-Zeitung", wird zehn Prozent an der "Hamburger Morgenpost" übernehmen.
Mehr noch als an der eher sozialdemokratisch gefärbten Wiener "Kronen-Zeitung" orientiert sich Schulte-Hillen an der liberalen Münchner "Abendzeitung". Das macht die Brisanz für den konservativen Springer-Verlag deutlich Die "Abendzeitung" hat in München eine höhere Auflage als "Bild".
Die "Hamburger Morgenpost" konnte sich wohl überhaupt nur noch halten weil sie nicht aus dem Hause Springer kommt. Ein Rest links-orientierter Leser zog das ausgepowerte Blatt als - wenn auch blasse - Alternative der Springer-Lokalausgaben "Bild", "Welt" und "Hamburger Abendblatt" vor.
Zur flotten Einnahmequelle für die annoncenschwache "Morgenpost" entwickelte sich eine Art gedrucktes Eros-Center. Tag für Tag bieten in üppigen Anzeigenplantagen sogenannte Models ihre "talentierten" und "aufregenden" Dienste an - "Stiefellady" und "Busenwunder", "attr. Fernostschönheiten" und ein "Deutscher Vulkan". Schulte-Hillen will die Sex-Plantage, von "Morgenpost" - Mitarbeitern "Nuttenkasse" genannt, "sukzessive reduzieren".
Seine Absicht, die Zeitung zu liften, etwa zu einem politisch weltoffenen und kulturell profilierten Massenblatt, macht zugleich das "große Risiko" (Schulte-Hillen) des Vorhabens deutlich. Denn wie eine Redaktion das Konzept einer harten Boulevardzeitung gnadenlos erfolgreich durchexerziert, führte "Bild" gerade wieder am Beispiel der Isolde Oechsle-Misfeld vor, der verhafteten Anwältin des toten St.-Pauli-Mörders Werner Pinzner. Mit Balkenzeilen machte das Blatt (Gesamtauflage: fünf Millionen) seinem Publikum tagelang die "sexuelle Traum-Frau in Hamburger Gefängnissen" schmackhaft, die, "nackt mit Kindes-Entführer im Bett" erwischt, als Strafverteidigerin mit "diesen langen Beinen", "diesem sinnlichen Mund" für "die 'Knackis' eine Sex-Bombe" gewesen sei.
Ein anonymer Häftling wurde so zitiert: "Wir haben sogar beim Duschen, beim Einseifen über sie geredet, ganz eindeutig."
G+J will nun ein Gegengewicht zu "Bild" schaffen, mit dem Konzept "einer unabhängigen, im besten Sinne des Wortes liberalen Zeitung, deren Kapital ihre Glaubwürdigkeit ist" (Schulte-Hillen). Bislang fehlten der "Hamburger Morgenpost" dazu das finanzielle und redaktionelle Vermögen.
Dem bisherigen Inhaber Greif wurde aus Belegschaftskreisen vorgeworfen, er sauge durch interne Verträge Millionen aus der "Morgenpost" in die Schweiz ab.
Doch die jährliche Titelpacht für den Zeitungstitel "Hamburger Morgenpost", für den er das Eigentumsrecht tatsächlich nach Basel transferiert hatte, stand mangels finanzieller Masse wohl nur als Forderung auf dem Papier.
Unterm Strich, bilanziert Greif, habe er mit der "Morgenpost", die es ohne ihn nicht mehr gäbe, "Geld verloren". Daß seine Hausbank, die gewerkschaftseigene BfG, bis zuletzt stillhielt, heißt es in Hamburger Verlagskreisen, habe mit seinen immer wieder auflebenden G+J-Verhandlungen zu tun gehabt.
Den Verkauf nennt Greif eine "glückliche Fügung".

DER SPIEGEL 35/1986
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