15.09.1986

Erziehung vor Verdun

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über Ludwig Harig und seinen Vater-Roman „Ordnung ist das ganze Leben“ „Wieviel kann der Mensch ertragen? Muß man vergessen, wenn man überleben will?“ In einer Familien-Saga, in einem deutschen Panorama folgt Ludwig Harig, der saarländische Jean Paul, den Spuren seines Vaters, den ein Krieg geprägt hat: „Vor Verdun, wo sein Leben vergraben liegt, muß ich nach ihm suchen.“ *
Auch er war ein unbekannter Gefreiter und Meldegänger des Ersten Weltkriegs, überlebte die Hölle von Verdun, das Trommelfeuer und die Grabenkämpfe, die Feuerwalzen, Fleischhackereien, Gaswolken, wurde schwer verwundet, aber das A.H.-Erlebnis hatte er nicht:
Der Gefreite Ludwig Harig, Jahrgang 1896, beschloß nicht, Politiker zu werden. Er kehrte heim nach Sulzbach im Saarland, griff wieder, er war Maler und Anstreicher, zu Pinsel und Farbtopf, gründete eine Familie und starb, hochbetagt und immer noch unbekannt, im Jahre 1980.
Nun hat ihm sein Sohn ein literarisches Denkmal gesetzt. Ludwig Harig, 59, der sprachgewaltige Jean Paul von Sulzbach, Sänger der "Saarländischen Freude", schrieb die Saga eines exemplarischen kleinen Mannes, seiner Familie, seiner Zeit. Titel des Opus magnum: "Ordnung ist das ganze Leben". _(Ludwig Harig: "Ordnung ist das ganze ) _(Leben. Roman meines Vaters". Carl Hanser ) _(Verlag; 504 Seiten; 39,80 Mark. )
Es ist ein weises, weitgespanntes, kunstvoll komponiertes Buch, eine deutsche Enzyklopädie, in der Schnurriges und Schreckliches, Idylle und Abgrund dicht beieinander hausen. Aber vor allem ist es eine spannende, anrührende Fährtensuche, ein Spähtrupp-Unternehmen in jenes Halbdunkel, aus dem deutsche Charaktere kommen.
Wer war Ludwig Harig, der Vater? Der Sohn schreibt: "Große Worte mochte er nicht, sie genierten ihn." Und: "Nie habe ich ihn einen Menschen anfassen ein Tier streicheln sehen." Nur ein "Funktionieren nach Maschinenart überzeugte ihn", er liebte die Ordnung der Mechanik: "Marschmusik, Gleichschritt, Spalierobst, das Fernsehballett".
Dabei war er ein liebevoller Vater, ein Mensch mit trockenem Witz und ausgeprägter Wißbegierde, unanfällig für die braune Ideologie und das christliche Heil; nur sein Innerstes gab er nicht preis. Was hat Ludwig Harig, den Vater, so geprägt, so gepanzert, so organisiert?
Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, hatte der Sohn den 80jährigen gebeten, "aufzuschreiben, was ihn in seinem Leben am tiefsten bewegt habe". Der Vater kaufte sich "ein dickes Heft mit steifem Deckel", schrieb drei Wochen lang darin. Harig: "Es erzählte nur vom Krieg."
Aber es zeigte ihn nicht "mit dem Karabiner, dem Flammenwerfer", sondern ganz unmartialisch. Harig: "Dieses Leben in Waffen hatte er so tief in seiner Erinnerung versteckt, daß er es nicht mehr hervorholen konnte." Also: "Vor Verdun, wo sein Leben vergraben liegt, muß ich nach ihm suchen."
Acht Jahre lang hat Harig recherchiert und geschrieben, Dokumente und Photos gesammelt, Zettelkästen angelegt, Kriegs-Archäologie betrieben, Vaters Lebensspuren verfolgt. "Es war", sagt Harig, "eine Suche nach mir selbst."
Denn die "inneren Ordnungsprinzipien" des Vaters entdeckte Harig auch in sich - er hatte sie, zu Beginn seines Schriftstellerlebens, nach Aufgabe des Lehrerberufs, in konstruktivistischen Texten "sublimiert". Bis dann "Schluß war mit den Fisimatenten" und er seine "Power als Erzähler" losließ.
"Ich erzähle das Leben meines Vaters", sagt Harig, "ich erkläre es nicht." Er will keine "Analysemuster" geben, nicht nach "Schuld und Sühne eines Repräsentanten seiner Generation" fragen. "Vater hat es in ganz Deutschland gegeben", sagt Harig, er habe
ihn zu einer "sagenhaften Figur" gemacht.
Tatsächlich reiht sich Harigs Vater-Suche, als Spätling, in die Phalanx der Bücher ein, die von einem bis dahin unerhörten Grauen berichten, aus dem auch Überlebende als wandelnde Tote hervorgingen: die Materialschlacht, das "Stahlbad" des Ersten Weltkrieges, insbesondere Verdun.
Vom 21. Februar 1916 bis zum 20. August 1917 hatten in dieser "Schlacht aller Schlachten" auf wenigen Quadratkilometern eine halbe Million Deutsche und eine halbe Million Franzosen den Tod gefunden; der Hurra-Patriotismus des Kriegsbeginns schlug in der "Menschenmühle" und "Blutpumpe" in Nihilismus um. "Es ist der höllischste Massenmord", notierte ein Zeitgenosse, "seit wir Geschichte schreiben."
"Wer hier gewesen ist", schrieb ein anderer, "dem ist etwas zerbrochen." Andere freilich, wie der "Stahlgewitter"-Leutnant Ernst Jünger, postulierten das "Kriegserlebnis" als nationale Reinigung: Es erziehe zu "männlicher Gemeinschaft und stellt Werte, die halb vergessen waren, wieder an den rechten Platz".
Von der "stählernen Romantik" Jüngers, von der "Auslese sozialer Natur" hat der Musketier im Schrapnellhagel sicher nicht geschwärmt; auch Thomas Manns schreckliche Worte, im Kriegsjahr 1918, mußten ihm Hekuba sein: Krieg sei eine "unsterbliche Einrichtung", er wecke ein "tiefes Verlangen nach dem Furchtbaren".
Fritz von Unruhs "Opfergang" (1916), Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" (1928), Arnold Zweigs "Erziehung vor Verdun" (1935 in Holland), die Klassiker des Grauens, zeigten das wahre Gesicht: Verstörte, zerstörte Menschen verließen die Schädelstätte, unfähig, über den erlebten Wahnsinn zu reden.
"Traumatische Neurose" heißt die Fach-Diagnose - Harigs Vater schien sie auf typische Weise zu verkörpern. "Nicht das Entsetzen selbst, doch ein eigentümliches Angespanntsein ist ihm sein Leben lang geblieben." Immer war er auf der Hut, behielt sich in der Hand, "nie ist er in der Silvesternacht ans Fenster getreten, wenn Feuerwerkskörper krachten". Nie ging er ohne Hut ins Freie.
Nur ein einziges Mal öffnet der Vater in seinem Heft einen Spaltweit die Stahltür vor seinen Erinnerungen: "Zugegeben, daß auch Angst, die durch Selbsterhaltungstrieb und Pflichtgefühl überwunden werden muß, in gewissen Fällen eine Rolle spielte." In gewissen Fällen?
Als Meldegänger gehörte der Gefreite Harig zu dem Himmelfahrtskommando mit der höchsten Verlustrate - ein Regiment vor Verdun verlor in drei Stunden 21 Melder; wann immer die Artillerie die Telephonkabel zerschossen hatte, mußten die Männer durchs Feuer. Was gebiert derlei Gehorsam?
In einem breiten, sarkastischen Historien-Panorama zitiert Harig die Gefühle und Fakten, den Bombast und die Brutalität herbei, die Hämmer, mit der die Verdun-Generation zurechtgebogen wurde: die Großväter, die auf wackligen Beinen immer noch die Erstürmung der Spicherer Höhen (1870/71) nachspielen, der Kaiser in schimmernder Wehr mit markigen Worten:
"Seid stets eingedenk", sagte der Kaiser, "daß ihr die Waffen erhalten habt zum Schutz von Krone und Altar." Harig: "Und Vater war hineingeboren mitten in diese gottgegebene Allianz." Harigs Vater: "Da kann einer sagen, was er will, der Kaiser war immer tipptopp angezogen."
Die Suche nach Vaters Leben endet vor Verdun. Im Frühjahr 1979 fährt Harig mit seinem Vater und dessen ehemaligem Kompanieführer zur Walstatt, zum Fort Douaumont, dem "Sargdeckel" im Landser-Jargon, zum Chaume-Wald, wo Vater im Graben lag, zur Ornes-Schlucht, wo Vater durch Schrapnells schwer verwundet wurde.
Die beiden alten Herren, beide über 80, hatten sich seit den Kriegstagen nicht mehr gesehen. "Es verging nur ein Augenblick", schreibt Harig, "dann lagen sich die beiden Männer in den Armen: Ich hatte nie in meinem Leben zuvor Vater jemanden küssen gesehen."
Die Rückkehr aufs Schlachtfeld, in die Vergangenheit, ist das stärkste, herzbewegendste Kapitel in Harigs Buch. Erich Thiele, Vaters Kompanieführer, hat seine alte Grabenkarte mitgebracht, seine Front-Tagebücher, seine Verdun-Gedichte; sein Augenlicht ist getrübt, er gibt Hinweise und fragt: "Was sehen Sie?"
Zum erstenmal erblicken sie ihr Golgatha von oben, von der Panzerkuppel des Fort Douaumont. Unten im Chaume-Wald, in der Ornes-Schlucht, dringt Harig auf Thieles Geheiß und nach den Angaben seiner Grabenkarte in das überwucherte, immer noch von Trichtern durchwühlte Gelände ein: "Gehen Sie 325 Schritte geradeaus, dann stoßen Sie an die vordere Stellung."
Thiele zieht ein Photo hervor, es trägt die Notiz: "Im Chaume-Wald. Blick feindwärts aus der Zwischenstellung." Da war Vaters Panzer durchstoßen. Harig: "Vater schaute darauf, eine Gänsehaut überzog seinen Unterarm, er rührte sich nicht, biß die Zähne aufeinander, wenn er gestochen worden wäre, es wäre kein Tropfen Blut geflossen."
"Wieviel kann der Mensch ertragen?" fragt Harig: "Muß man vergessen, wenn man überleben will?" Die beiden alten Herren deckt mittlerweile der kühle Rasen; in Vaters Nachlaß, erzählt Harig, fanden sich nur Briefe von Thiele, keine anderen.
Vaters Walstatt, der Chaume-Wald, die Ornes-Schlucht, ist für Harig immer noch ein Ort düsterer Geheimnisse. Mit Thieles Grabenkarte streift er gelegentlich durch die überwucherten, dornigen Trichterfelder, von oben droht der "Sargdeckel", das Fort Douaumont. Einmal fand er einen deutschen Stahlhelm, einen zerschmetterten.
Ludwig Harig: "Ordnung ist das ganze Leben. Roman meines Vaters". Carl Hanser Verlag; 504 Seiten; 39,80 Mark.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 38/1986
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