13.10.1986

SUDANWie Taubstumme

Bürgerkrieg zwischen christlichem Süden und islamischem Norden-Afrikas größter Flächenstaat ist in Gefahr auseinanderzubrechen. *
Gemächlich tuckerte der alte Dampfer Stromaufwärts. Um treibenden Schlingpflanzen in der Flußmitte auszuweichen, hielt der Kapitän dichter aufs Ufer zu. Plötzlich krachten Schüsse. Aus dem Dickicht nahmen unsichtbare Schützen den mit Reissäcken und Trockenfleisch beladenen Raddampfer unter Feuer.
Der Nil-Frachter drehte um und legte wenige Stunden später wieder in Kosti an, 280 Kilometer südlich der Sudan-Hauptstadt Khartum. Der Versuch, nach Juba durchzubrechen, der von Rebellen belagerten Stadt im nichtarabischen Süden des Landes, war mißglückt.
Die Landverbindungen sind schon länger unterbrochen. Nicht einmal gepanzerte Armee-Konvois wagen sich noch ins Gefahrengebiet. Die Aufständischen können die Trasse der geplanten ersten Allwetterstraße zwischen dem Norden und dem äußersten Süden nach Belieben unterbrechen.
Mit der Zerstörung der Eisenbahnbrücke von Barbanussa war vorher schon die lebenswichtige Bahnverbindung nach Wau gekappt worden, der zweitgrößten Stadt des von christlichen und animistischen Schwarzen bewohnten Südens.
Als die Rebellen im August eine Zivilmaschine der Sudan Airways auf dem Flug nach der Garnisonsstadt Malakal mit einer Sam-7-Rakete abschossen und damit auch den Flugverkehr lahmlegten, waren die Provinzen Äquatoria, Bahr el-Ghasal und Oberer Nil fast ein Drittel des Staatsgebiets, vollends abgeschnitten.
Der Sudan, Afrikas größter Flächenstaat, ist in Gefahr, auseinanderzubrechen. Bürgerkrieg, Wirtschaftschaos und ein Millionenheer von Hungerflüchtlingen lähmen die Regierung von Sadik el-Mahdi, dem ersten aus freien Wahlen hervorgegangenen Ministerpräsidenten seit 18 Jahren. Die Rebellen, militärisch nicht zu schlagen, stellen politische Forderungen, auf die sich die Zentralregierung kaum einlassen kann.
Unter dem Gegensatz zwischen dem islamischen Norden (13 Millionen Menschen) und dem christlich-animistischen Süden (7 Millionen) hat der Sudan seit seiner Unabhängigkeit 1956 gelitten. Für die Südsudanesen, die keine Araber sind, ist der Islam die Religion der verhaßten ehemaligen Sklavenhändler aus dem Norden. Immer wieder versuchten sie, ihre afrikanische Identität mit Waffengewalt zu verteidigen.
Den Abzug der britischen Kolonialherren empfanden sie als Bedrohung:
Denn nun hatte der arabische Norden die Möglichkeit, der anderen Landeshälfte seine islamische Lebensform aufzuzwingen.
Schon 1963 begann die später von Israel, Äthiopien und Zaire ausgerüstete Separatisten-Armee, sich gegen die Zentralregierung aufzulehnen. Als die islamischen Machthaber alle christlichen Missionare des Landes verwiesen, verschärfte sich der Konflikt zu einem blutigen Unabhängigkeitskrieg.
Zwar brachte 1972 ein in Addis Abeba ausgehandeltes Abkommen zwischen den Aufständischen und dem Sudan-Diktator Dschaafar Numeiri eine Atempause: Der Süden erhielt weitgehende Autonomie, ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung.
Doch nach einem mehrjährigen Burgfrieden setzte die "schleichende Arabisierung" (so der christliche südsudanesische Harvard-Professor Francis Deng) wieder ein. Mit staatlichen Geldern wurden Moscheen in Dörfern gebaut, in denen es außer zugereisten moslemischen Händlern keine Anhänger des Propheten gab. An der neuen Universität von Juba, die eigens für die Bevölkerung des Südens gegründet worden war, studierten bald mehr Nordsudanesen als Einheimische. Die Studenten aus dem Süden wichen nach Nairobi und Addis Abeba aus.
Die Regierung in Khartum beanspruchte die gerade erst entdeckten Ölvorkommen des Südens ebenso für sich wie die reichen Kupferlager der Südregion. Als dann vor drei Jahren im gesamten Staatsgebiet des Sudan die Scharia, die islamische Rechtsprechung mit Alkoholverbot, Keuschheitsgeboten und barbarischen Strafen eingeführt wurde,
fürchteten die lebensfrohen Südsudanesen, die nie vergessenen Zeiten der Greueltaten islamischer Sklavenjäger kämen wieder, die im vorigen Jahrhundert den Südsudan zu ihrem bevorzugten Revier gemacht hatten. Der bewaffnete Aufstand brach los.
Zwei Wochen nach der Ankunft der ersten Scharia-Richter in Juba fielen die ersten Schüsse. Ganze Einheiten der Armee und der Polizei liefen auseinander. Zu Tausenden desertierten christlich getaufte Soldaten und gingen in den Busch.
Die Zentralregierung antwortete mit der Kündigung wesentlicher Bestimmungen des Autonomieabkommens, ernannte einen zum Islam konvertierten Christen zum Militärgouverneur und zerstückelte den Südsudan in mehrere Verwaltungseinheiten.
Ende 1983 brach der Bürgerkrieg voll aus. John Garang, Oberst der Sudan-Armee, organisierte eine schlagkräftige Guerilla-Truppe, die "Sudanesische Volksbefreiungsarmee" (SPLA). Der 43jährige Offizier hatte bald 20000 Mann unter seinem Kommando.
Die militärischen Aktionen der Freischärler waren so erfolgreich, daß die Regierung inzwischen nicht einmal mehr in der Lage ist, alle eingeschlossenen Armee-Stützpunkte mit Lebensmitteln zu versorgen.
Die strategisch wichtigen Garnisonen von Wau, Malakal und Juba können ohne Nachschub nur noch wenige Wochen aushalten. Da wegen der Kämpfe nur ein Bruchteil der Ernte eingefahren werden konnte, droht vor allem in den Städten eine Hungerkatastrophe.
Besonders hart betroffen sind die zwei Millionen Hungerflüchtlinge, die sich in den letzten Jahren aus den nördlicher gelegenen Dürregebieten in den fruchtbaren Süden retteten und in Auffanglagern leben. Denn das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und die zahlreichen im Südsudan tätigen Hilfsorganisationen haben ihre Versorgungsflüge wegen der Kriegswirren eingestellt.
Auch die "Operation Regenbogen", eine geplante Luftbrücke, konnte bis Ende letzter Woche nicht anlaufen: Medikamente und 15,6 Tonnen Lebensmittel lagen in der Hauptstadt fest, weil die SPLA mit dem Abschuß der Transportmaschinen drohte.
Ministerpräsident Sadik el-Mahdi ist ein Nachfahre jenes legendären Mahdi, der vor über hundert Jahren die angloägyptischen Kolonialherren aus dem Lande vertrieben und ein radikales islamisches Schreckensregiment errichtet hatte. Er weiß, daß er die Aufständischen militärisch nicht besiegen kann. Daher ließ er sich trotz der Proteste islamischer Ultras auf Verhandlungen mit Garang ein.
Doch die Begegnung Ende Juli in Addis Abeba war ein "Dialog von Taubstummen", so der Rebellensender "Freier Sudan" hinterher. Denn der Regierungschef war nicht in der Lage die beiden Hauptforderungen Garangs zu akzeptieren: Abschaffung der Scharia und Umwandlung des Sudan in vier autonome Teilstaaten.
Nicht nur der Süden, so verlangen die Rebellen, sondern auch die vernachlässigten west- und zentralsudanesischen Provinzen sollen eine weitgehende Eigenständigkeit zugebilligt bekommen.
Schon kämpfen in den Reihen der Rebellen auch moslemische Westsudanesen mit. Arabischsprachige nordsudanesische Kommunisten, etwa in der mächtigen Eisenbahnergewerkschaft, liberale Politiker in der Hauptstadt, die von der Scharia angewidert sind, vor allem aber die halbe Million Südsudanesen, die in der Hauptstadt wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, gelten als Garangs heimliche Anhänger im arabischen Norden.
Die Regierung, die nach einer Kreditsperre durch den Internationalen Währungsfonds auch noch gegen eine katastrophale Wirtschafts- und Finanznot anzukämpfen hat, sucht derweil Hilfe bei einem fragwürdigen Verbündeten: Libyens Gaddafi.
Der irrlichternde Oberst durfte im Sudan Revolutionskomitees nach libyschem Muster bilden. Dafür liefert er Öl und stellte Waffenlieferungen an die südsudanesischen Guerilla-Kämpfer ein.
Doch Garang kommt wohl auch ohne libysche Unterstützung aus. Schwarzafrikanische Nachbarn, die mit dem Kampf ihrer schwarzen Brüder gegen die arabische Vorherschaft sympathisieren, leisten diskrete Hilfe, allen voran Uganda-Staatschef Museveni, der mit Garang an der gleichen Universität in USA studiert hat, dazu Kenia und Zaire.
Der sudanesische Informationsminister Mohammed Taufik sieht trotz des
drohenden Zerfalls der staatlichen Einheit keinen Grund, mit den "Straßenräubern" ein Arrangement zu treffen. Der Staatssender in Omdurman erklärte, die Regierung werde "kein Abkommen" mit den Rebellen respektieren
Und Hassan el-Turabi, Führer der rechtsextremen Moslembruderschaft sprach unverblümt aus, was der diplomatische Premier Mahdi - selber keineswegs ein religiöser Eiferer - mit Rücksicht auf das Ausland nicht sagen will: "Ein Staat, der den Islam einmal zu seiner Grundlage gemacht hat, ist nicht mehr in der Lage, dieses Prinzip jemals wieder fallenzulassen."
[Grafiktext]
ZENTRAL AFRIKANI SCHE REPUBLIK
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DER SPIEGEL 42/1986
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